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Leselupe.de > Kurzprosa
Ansichtssache
Eingestellt am 03. 05. 2004 20:40


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freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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Jeden Morgen sehe ich sie.

Ihr hellblauer Anorak leuchtet mir schon von Weitem entgegen, wenn ich auf die S-Bahn zur Arbeit warte. Sie gehört zu den unerschrockenen Radfahrern, die sich bei jedem Wetter auf den Drahtesel schwingen und mit einem Gleichmut gegen Wind und Regen radeln, von dem ich nicht weiß, ob ich ihn bewundern oder belĂ€cheln soll.

Im letzten Sommer bemerkte ich sie zum ersten Mal.

Der Himmel hing tief ĂŒber der Wiese und erste Tropfen fielen platschend auf den Asphalt vor meinen FĂŒĂŸen. Da kam sie angeradelt, den Kopf zwischen die Schultern geduckt. Sie schloss ihr Rad am FahrradstĂ€nder an und eilte mit großen Schritten zum Bahnsteig.

Ihr regennasses Gesicht lĂ€chelte mich an. Ich grinste zurĂŒck.

Sie ist keine schöne Frau, dachte ich.

Damals.

Schon bald begann ich, morgens auf sie zu warten. Wenn sie einmal nicht kam, vermisste ich sie. Ich beobachtete sie. Sie bewegt ihren langen, viel zu hageren Körper vorsichtig und ihre Gesten haben eine unerwartete Anmut. Feines dunkelblondes Haar umrahmt ein blasses Gesicht und fÀllt bis auf die Schultern herab. Das Kinn ist ein wenig zu spitz und gibt dem Gesichtsausdruck einen entschlossenen Zug. Die blauen Augen unter schweren Lidern sind von blonden Wimpern umrahmt.

Ich mag keine blonden Wimpern.

Sie trĂ€gt kein Make-Up und selbst im Sommer ist sie nie braun. Menschen mit so heller Haut sind gewöhnlich ĂŒbersĂ€ht von Sommersprossen. Aber an ihr habe ich keine entdeckt. Ihre Haut ist so glatt, dass ich oft den Wunsch nieder kĂ€mpfen muss, zu ĂŒberprĂŒfen, was meine Augen mir versprechen.

Aber am meisten fasziniert mich ihr Mund. Unter der schlanken, leicht gebogenen Nase sieht er aus wie gemalt. Ober- und Unterlippe wölben sich voll und sinnlich und enden in zwei schelmisch herauf gezogenen Mundwinkeln. Wenn sie lĂ€chelt, hat sie zwei hinreißende GrĂŒbchen. Der kleine Leberfleck neben ihrer Unterlippe berĂŒhrt mich seltsam. Er macht diesen schönen Mund weniger vollkommen.

Wenn wir in der Bahn sitzen, achte ich immer darauf, dass ich ihr gegenĂŒber sitze. Ich will sie betrachten.

Einmal klingelte wĂ€hrend der Fahrt ihr Handy. In ihren Anblick versunken, hörte ich nicht, was sie sprach, sondern lauschte nur der dunklen melodischen Stimme und starrte wie gebannt auf ihre Lippen. Sie bewegten sich, als wĂŒrden sie etwas liebevoll umschließen, um dann hingebungsvoll einen Namen zu seufzen.

Mir wird noch immer flau im Magen, wenn ich daran denke.

Ich will sie kĂŒssen.

Manchmal liest sie ein Buch. Ihre großen HĂ€nde berĂŒhren es fast andĂ€chtig und sehr sanft. Zuweilen blickt sie auf, und es scheint, als kehrte sie nur mĂŒhsam wieder zurĂŒck in diesen Tag und diese Bahn.

Wenn sie bemerkt, dass ich sie ansehe, lĂ€chelt sie und irgendwie habe ich das GefĂŒhl, sie weiß, was in mir geschieht. Es ist wie ein stillschweigendes EinverstĂ€ndnis zwischen uns und ich lĂ€chele zurĂŒck.

Sie ist wunderschön.



(Mit einem danke an b. Ich habe viel gelernt!)



__________________
Freifrau von Löwe

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IKT
Guest
Registriert: Not Yet

Erst "Sie ist keine schöne Frau, dachte ich.", dann
"Sie ist wunderschön." Auch die Geschichte, liebe Freifrau, ist wunderschön. Sie ist voller ZÀrtlichkeit, spricht vom einander verstehen und zeigt, wie der erste Eindruck tÀuschen kann, bzw. das Schönheit a) im Auge des Betrachters liegt, b)manchmal erst auf den zweiten Blick entdeckt wird.
Ach liebe Freifrau von Löwe, eigentlich kann man hierzu noch soviel sagen. Aber das soll reichen.
LG IKT

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freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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hab vielen dank IKT fĂŒrs lesen sowie auch fĂŒrs kommentieren. es war eine meiner ersten lerngeschichten - soll heißen, ich habe bewusst etwas anders gemacht, als vorher.
daher freut es mich besonders, dass diese geschichte so hoch bewertet wird, bestÀtigt es mir doch, dass ich mich auf dem richtigen weg befinde, sowie auch du mir, mit deinem kommentar.
du hast recht, es ließe sich vieles sagen.
ich sage hier nur:
danke.

__________________
Freifrau von Löwe

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Karl Kessler
Guest
Registriert: Not Yet

Durch die sparsame Verwendung von Worten, die kurzen SĂ€tze, den Verzicht auf FĂŒllwörter und auf eingeflochtene Interpretation kann der (sehr sensibele) Inhalt voll fĂŒr sich sprechen.
Hier zeigt sich wahre Meisterschaft.

Gruß
Karl

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freifrau von löwe
Routinierter Autor
Registriert: Mar 2004

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danke karl

fĂŒr die ermunternden worte, auch wenn ich mich dadurch wahrer meisterschaft ebenso weit entfernt fĂŒhle, wie zuvor. ;-) es war ein ĂŒbungsstĂŒck, bei dem ich viel hilfe bekam.
__________________
Freifrau von Löwe

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Karl Kessler
Guest
Registriert: Not Yet

Vielleicht gelingt ein Werk ja gerade dann besonders gut, wenn es als "ÜbungsstĂŒck" frei von Erfolgsdruck ist !
Wenn ĂŒberhaupt, ist diese Bezeichnung Ă€hnlich ĂŒberzogen wie die "Meisterschaft" in entgegengesetzter Richtung.

Mit einfacheren Worten klingt es dann so: Das Werk ist gut!

Falls du dies als Meilenstein ansiehst, sage ich: Du bist auf dem richtigen Weg.

Gruß,
Karl

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Cirias
HĂ€ufig gelesener Autor
Registriert: May 2004

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Hallo freifrau,
eine wunderbare Geschichte der Reise eines Menschen zu einem anderen, von den kleinen Wundern des Alltags.
Was mich irritiert: Bis Damals schreibst du in Vergangenheitsform, dann in PrĂ€sens, aber nach dem Damals wieder kurz in Vergangenheitsform, was nicht passt, finde ich. Zumindest mĂŒsste da dann ein Absatz hin, weil ja ein anderer Zeitabschnitt beginnt.
Aber das nur als kleine Anmerkung zu einer Prosaminiatur, die sprachlich und erzÀhlerisch zu begeistern vermag,
LG, Cirias

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