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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Antibiotika
Eingestellt am 14. 02. 2018 16:22


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Utz Bahm
Festzeitungsschreiber
Registriert: Nov 2017

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Antibiotika


Meinem Geschmack nach waren ihre HĂŒften etwas schmal. Trotzdem passten sie zu dem schlanken, nicht dĂŒnnen Körper. Einen flachen Bauch, schmale Taille, schöne, gerade, lange und krĂ€ftige Beine. Ihre BrĂŒste konnte ich nicht betrachten, denn sie hatte ihre krĂ€ftigen Arme vor der Brust verschrĂ€nkt, als sie noch nass aus dem Bad mir entgegen kam. Ihre aufrechte, man könnte sagen provokative Haltung, hoben die geraden und breiten Schultern hervor. Aus den nassen, an den Kopf geklebten Haaren tropfte das Wasser auf ihren Körper. Also die berĂŒhmten 90-60-90 waren da nicht vorhanden und ich schĂ€tzte sie so um ein Meter siebzig. Ihre glatte, hellbraune, feuchte Haut glĂ€nzte in dem schwachen Licht, das in einem der Zimmer brannte. Es war ein schwĂŒler Abend, die Stunde der StechmĂŒcken war schon vorĂŒber, jedoch ohne Brise die etwas Erfrischung bringen könnte. Ich hatte mich nach der Dusche im Dunkeln auf den Treppenabsatz der offenen KĂŒchentĂŒr gesetzt, rauchte eine Zigarette und hatte zwei Drinks neben mir stehen. Aus dem nahen Urwald hörte man das Zirpen der Zikaden und Quaken der kleinen grĂŒnen Frösche. Langsam bildete sich der erste Bodennebel und auch die Hitze des Tages nahm langsam ab. Rita setzte sich neben mich auf die hölzerne Stufe, lehnte sich mit dem RĂŒcken an die Einfassung und schlang ihre nassen Arme um ihre angewinkelten Knie. Ich bot Ihr eine angezĂŒndete Zigarette an und reichte ihr das mitgebrachte Glas mit dem Schuss Whisky auf drei EiswĂŒrfel gegossen. Beide saßen wir schweigend neben einander und betrachteten wie der Nebel langsam anstieg und etwas KĂŒhle vermittelte.
„Eigentlich solltest Du nicht hier so ohne etwas in der KĂŒhle sitzen mit deiner HalsentzĂŒndung und rauchen“, meinte sie nach einer Weile.
„Hast ja recht, nur mit der halben Schachtel Antibiotika habe ich da schon vorgesorgt. Außerdem ist der Whisky ja auch so eine Art Schutz“.
„Hm“, antwortete sie lĂ€chelnd. „Übrigens, deine HĂŒtte ist wirklich angenehm. Sie gefĂ€llt mir“.
Das GesprÀch plÀtscherte so vor sich hin ohne spezifische Themen, mit langen schweigsamen Unterbrechungen. Jeder hing mehr seinen Gedanken nach.

Ich hatte Rita bei einen bekannten Ehepaar kennen gelernt. Es war Sonnabend am spĂ€ten Nachmittag und kam aus der gegenĂŒber liegenden Apotheke, in der ich die vom Arzt verschriebenen Antibiotika gegen meine HalsentzĂŒndung gekauft hatte. Jim und Jenny betrieben da ein kleines GeschĂ€ft mit Souvenirs, das hauptsĂ€chlich mit Handarbeiten der Indianer arbeitete. Jedes mal wenn ich in die Stadt kam, ging ich kurz bei ihnen vorbei um zu grĂŒĂŸen und eventuell was Lohnendes zu kaufen. Auch dieses mal. Wie meistens war Jenny alleinige GeschĂ€ftsfĂŒhrerin. Sie saß mit einer dunkelhaarigen jungen Frau an dem kleinen Teetisch beim Kaffee.
„Komm, setzte Dich zu uns,“ begrĂŒĂŸte mich Jenny. „Dies ist Rita“, stelle sie mir ihren Besuch mit einer einladenden Geste vor. Rita hatte schwarze, kurz geschnittene Haare, exotisch fĂŒr die hiesigen Gewohnheiten der langen, oft bis zu HĂŒfte reichenden Frisuren. Braune, leicht mandelförmige Augen. Einen dunklen Teint ihrer gleichmĂ€ĂŸigen GesichtszĂŒge mit etwas breiten und gehobenen Wangen, typisch bei Personen mit indianischen und kaukasischen EinflĂŒssen. Ohne außergewöhnlich schön zu sein, jedenfalls fĂŒr meinen Geschmack, waren ihre GesichtszĂŒge angenehm. Sie war mit gewöhnlichen blauen Jeans, einer hellen Bluse und leichten Sandalen bekleidet und ich schĂ€tzte sie so um die dreißig. Nach dem pflichtgemĂ€ĂŸen Wangenkuss fĂŒr und von beiden, setzte ich mich zu ihnen. Das folgende GesprĂ€ch ging hauptsĂ€chlich um banale Dinge und dem dazu gehörigem Tratsch ĂŒber lokale Begebenheiten.

„Rita ist Journalistin und kommt alle zwei Wochen in die Stadt, denn sie hat hier ein Radioprogramm“, erklĂ€rte mir Jenny auf meine entsprechende Frage, die ich irgend wann wĂ€hrend der Unterhaltung eingeflochten hatte. Ab und zu wurden wir durch den Besuch Neugieriger oder Bekannten Jennys unterbrochen. Bei dieser Gelegenheit erlĂ€uterte mir Rita mit ihrer dunklen angenehmen Stimme, um was fĂŒr ein Radioprogramm es sich handelte und wie das so vor sich ging. So vergingen die letzten Nachmittagsstunden. Zwar hatte Jenny auf Jim gewartet, nur es kam zum Ladenschluss ohne dass er erschien. Ich erbot mich Jenny nach Hause zu fahren. Rita wollte wissen, wo man gĂŒnstig zu Abend essen konnte, was sozusagen eine Aufforderung fĂŒr mich war, sie einzuladen. Mein Vorschlag war ein bekanntes Imbisslokal zu besuchen, das sich auf BrathĂ€hnchen spezialisiert hatte, mit Auswahl zwischen am elektrischen Spieß gegrillt oder im heißen Öl gebraten.
„Knusprig sind beide Möglichkeiten,“ ergĂ€nzte ich. Ich hatte ja keinen speziellen Kompromiss der jungen Dame gegenĂŒber um sie in ein Restaurant einladen zu mĂŒssen. Es wĂ€re ja wesentlich „schicker“ gewesen als eine populĂ€re BrathĂ€hnchenbude. Trotzdem willigte sie ein. Also lud ich beide ins Auto, brachte Jenny zunĂ€chst zu ihrer HĂŒtte, wo mittlerweile Jim schon beim Whisky saß, und fuhr dann mit Rita zurĂŒck in die Stadt um zu essen.

Wir bestellten uns jeder eine Portion gegrilltes HĂ€hnchen, eine Lage Pommefrits und Ketchup zum Eintunken. Eine Dose Bier vervollkommnete das MenĂŒ. Die Unterhaltung musste nun ich fĂŒhren, denn sie wollte von meiner TĂ€tigkeit hören, entweder aus Neugierde oder einfach als journalistische Angewohnheit. Trotz der einfachen Gastronomie schien sie sich wohl zu fĂŒhlen. Jedenfalls blieb es nicht bei nur einer Dose Bier und wir verbrachten wenigstens zwei Stunden schwitzend, rauchend und plaudernd auf den unbequemen hölzernen StĂŒhlen, ohne jedoch Persönliches anzusprechen.
„Ich muss morgen am Nachmittag zurĂŒck fliegen, habe also Zeit und Lust eine Nacht durch zu bummeln. Warum fahren wir nicht hier ein wenig durch die Gegend, denn außerhalb der Stadt ist es bestimmt etwas frischer.“ Ob das Argument nun das wirkliche war wollte ich nach den zwei Dosen Bier nicht untersuchen. Jedenfalls war sie eine angenehme Person und außerdem immer mehr attraktiver werdend. Also schlicht, eine nicht abzulehnende Gesellschaft.
„ Ich wohne so etwa fĂŒnfzehn Kilometer außerhalb der Stadt in einem Bungalow. Wenn Du willst können wir uns nach dort bequemen. Nur will ich Dir da gleich meine Kondition vorlegen. Bis wir da hinkommen wird es beinahe Mitternacht und außerdem vergiss nicht, ich habe eine stressige Woche hinter und eine Menge Antibiotika in mir. Also hin und zurĂŒck ist da nicht drin.“
„Schön, mir reicht es wenn Du mich Morgen zum Mittagessen wieder in die Stadt bringen kannst.“
„Gut, wird gemacht. Muss sowieso hin.“ Ich wurde nun wirklich neugierig auf was das hinaus fĂŒhrte. VorlĂ€ufig dachte ich nicht an Details sondern an den Weg zu meiner HĂŒtte am Rande des Urwaldes.

Ja, und nun saßen wir da, splitternackt im Dunkeln in der offenen KĂŒchentĂŒr und jeder fragte sich insgeheim wie das weiter gehen wĂŒrde. Mich erstaunte nur die NatĂŒrlichkeit und beinahe Eleganz mit der sie sich bewegte und begab. Es war augenscheinlich ein geplanter gemeinsamer Weg unter das Betttuch, erotisch - romantisch angehaucht und vor allem pragmatisch. Bisher hatten wir noch keinen körperlichen Kontakt. Selbst die Dusche besuchten wir einzeln. Es wurde dann doch spĂ€ter als Mitternacht, der erfrischende Nebel erreichte bald unsere Knie und Rita begann zu frösteln.
„Besser wir gehen nun schlafen,“ meinte sie, „denn es wird unangenehm“.
„O.K., geh schon vor. Ich will nur noch hier schließen und die GlĂ€ser abspĂŒlen“.
NatĂŒrlich kletterten wir in das Doppelbett unter die leichte Baumwolldecke. Der steigende Nebel hing wie ein weises Laken ĂŒber uns. Rita kuschelte sich an mich, ich befĂŒhlte ihre angenehm kĂŒhle Haut und erhielt den ersten langen Kuss auf meinem Mund. Nach einer Weile meinte sie scherzend: „Und, springt der Motor nicht an?“
„Also ich glaube, da ist was mit der ZĂŒndung nicht in Ordnung“, ging ich auf ihre Stichelei ein.
„Na, werde mal sehen was ich da machen kann.“ Und sie versuchte es dann mit Erfahrung. Aber es blieb beim Versuch und sie meinte dann: „Zu viele Antibiotika verderben den Spaß. Na, macht nichts, das nĂ€chste mal hoffe ich dann auf einen romantischeren und erfolgreicheren Besuch, ohne Medikamente gegen Halsweh.“
„Ja, diese Erfahrung zeigt, dass Antibiotika auch ein effektiver Schutz gegen MinderwertigkeitsgefĂŒhle sind“, erwiderte ich ihr, ehe wir dann, wieder beruhigt, einschlafen konnten.

Oskar reichte mir die Flasche Malbec herĂŒber um mein Glas neu zu fĂŒllen.
„Hör mal. Ist das ein wahres Erlebnis oder nur die Illusion eines alten Knacker?“
„Nun, das zu entrĂ€tseln ĂŒberlasse ich Dir.“ erwiderte ich und genoss das Bouquet des herben Rotweines.

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Utz Bahm

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