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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Antigenesis
Eingestellt am 22. 12. 2003 23:09


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Gonzo Gonzales
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Mar 2003

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Antigenesis

von Markus Pließnig







Mit kĂŒnstlicher Intelligenz versehen jagen fĂŒnf der "PharisĂ€er" - so werden diese selbstagierenden FluggerĂ€te des Vatikan genannt - wie tollwĂŒtige Bluthunde ĂŒber den wolkenverhangenen Nachthimmel. Auf der schwarzen MetalloberflĂ€che ihrer Außenhaut spiegelt sich etwas das haargenau wie eine Zitrone aussieht. Schnell wird es grĂ¶ĂŸer.
Vom TurbinenlÀrm aufgeschreckt ahnt Jesus - der inzwischen mit gesenktem Kopf in der Zitronenzeltecke kauert und die Knie zum Schutz anwinkelt - nicht, welches HöllengerÀt mobilisiert wurde, um ihn und seine Botschaft wieder zum Teufel zu jagen. Denn in die Schaltkreise der PharisÀer wurde eine unmissverstÀndliche Botschaft impliziert. Jesus finden, Jesus zerstören, keine Eigeninteressen!
Das mit dem Eigeninteresse hat einen komischen Hintergrund, - fĂŒr die Auftraggeber freilich nicht - aber diese "PharisĂ€er" neigen dazu, eben aufgrund ihrer Intelligenz, gewisse Toleranzgrenzen was die Selbstaufopferung betrifft nicht zu ĂŒberschreiten. Im Klartext bedeutet das nichts anderes als:" Sie sind feige! " Das aber wiederum macht sie fĂŒr Jesus in der jetzigen Situation noch um einiges gefĂ€hrlicher. Feige Individuen neigen nĂ€mlich auch und ganz besonders dazu, sich gegenĂŒber Opfern ? was anderes ist Jesus ja nicht - Ă€ußerst brutal zu verhalten?
Als hÀtte er das geahnt, hat Jesus inzwischen zu heulen begonnen. Ein wahrer Sturzbach aus TrÀnen und Rotz hat seinen Bart völlig aufgeweicht, mit Sabber vermengte Kotze seinen Leinenumhang. Ein erbarmenswerter Anblick!
>> Diesmal nicht Golgatha, diesmal nicht Golgatha? <<
Immer wieder murmelt Jesus diese Worte. Ab und zu ist ein leises SchlĂŒrfen zu hören, die Turbinen jedoch sind verstummt. Jesus bemerkt das nicht. Zu sehr ist er damit beschĂ€ftigt, sich bei seinem Vater Gehör zu verschaffen.
>> Vater, bitte? <<
>> WofĂŒr das alles? <<
>> Hat das denn alles einen Sinn!?! <<
>> So antworte doch! <<
Keine Antwort. Jesus hebt den Kopf und beginnt damit panisch loszubrĂŒllen. Die Pupillen weiten sich, die löchrigen HĂ€nde zittern.
>> Was ist nur mit dir los, ich habe Angst hier unten, die sind doch alle krank!!! <<
Und wieder. Keine Antwort. Beherzt fasst Jesus den Entschluss die Flucht in die umliegenden WĂ€lder anzutreten. In diesem Augenblick bemerkt er auch das Fehlen der TurbinengerĂ€usche. Durch diese Wahrnehmung doppelt geblendet, steckt er seinen dornenbestĂŒckten Kopf durch das Reißverschlusssystem der Zeltplane. Weit kommt er nicht. Einige Dornen seiner Krone verheddern sich mit den Zacken des Verschlusses. Bevor noch Ärger aufkommen kann, sieht er sich jetzt ganz anderen Problemen gegenĂŒber. Sein Blick fĂ€llt auf die "PharisĂ€er". Bedrohlich wirken sie, diese Höllenhunde der modernen KriegsfĂŒhrung, wie sie vor ihm in der Wiese ruhen. Bedrohlich und tödlich.
Noch im selben Moment, der RĂŒckzugsversuch. Noch immer ist es der Reißverschluss der Jesus an einem Weiterkommen hindert. Völlig verlassen fĂŒhlt er sich jetzt, richtiggehend einsam. Und das schlimmste: " Die Schmerzen, die ihn nun erwarten wĂŒrden." So beschließt er, nun doch noch zum Buddhismus zu konvertieren. Erfahrungen mit dem Wiedergeborenwerden hat er ja schon.
>> Ich entsage dir Gott, Vater, ich entsage dir! <<
Mit nunmehr hasserfĂŒllten Augen streckt er Gott den erhobenen Mittelfinger entgegen. >> Ich entsage dir! <<
Das Ganze scheint Eindruck zu schinden. Die PharisÀer machen auch weiterhin keinen Mucks. Anstatt Jesus zu eliminieren, wandern ihre trÀgen Teleskopaugen in Richtung Himmel. Auch Jesus sieht sich genötigt nach oben zu schauen.
Er sieht wie sich der Himmel zu teilen beginnt. Ein greller Lichtstrahl tritt aus dem entstanden Spalt und taucht die Zitrone in majestĂ€tischen Glanz. Posaunen und Trompeten erschallen und in Scharen strömen Reih um Reih nackte Engel aus dem glĂ€nzenden Wolkenmeer hervor. Alle halten sich große goldene Schilde vor ihre Genetalien.
>> Antigenesis, Antigenesis!! <<, tönt es aus ihren MĂŒndern.
Jesus schaudert, er weiß was das zu bedeuten hat. Sein Versagen. Auch er, Jesus, Gottes Sohn, der Gesalbte, der Messias, hat den Glauben verloren.
Plötzlich bricht der Boden. Ein feines Netzwerk aus kleinen und grĂ¶ĂŸeren Rissen breitet sich sehr schnell aus. Brodelnde Lava tritt aus den unzĂ€hligen Rissen, hebt Steine von ihrem Platz und integriert sie in ihr zĂ€hflĂŒssiges GefĂŒge. Die Luft ist von latentem Schwefelgeruch erfĂŒllt. Unter einem gewaltigen Erdstoß tut sich die Erde auf. Nur wenige Meter von Jesus entfernt. Ein langgezogener gĂ€hnender Spalt. Der Abgrund zur Hölle. Die Heerscharen der Hölle stehen bereit um den himmlischen Scharen die endgĂŒltige Niederlage beizubringen.
Die "PharisĂ€er", in weiser Voraussicht schon das Selbstzerstörungsprogramm autorisiert und gestartet, wirken im Vergleich dazu wie zahme schottische Hochlandrinder. Jesus sieht sich nun Skelettrössern und fĂŒrchterlichen "Fratzenreitern" gegenĂŒber.
Die ersten Reihen dieser kontrastierenden Streitmacht sind gerade dabei aufeinander "loszudreschen" als es ihm nun endlich gelingt sich zu befreien. Er möchte eigentlich davonlaufen, hÀlt aber kurz inne als er ganz oben im hintersten Winkel des Himmels seinen Vater stehen sieht. HÀmisch grinst er zu ihm herunter, so als wolle er sagen: "Sohn, jetzt siehst du was du davon hast!"
Jetzt blickt Jesus in den, in allen Rottönen fluoriszierenden Höllenschlund. Ganz tief unten steht der Teufel. In seiner Begleitung: zwölf gefallene Engelinnen. Er trÀgt einen seidenen Umhang, seine goldenen Hörner spiegeln sich in Jesus Augen. Mit mÀchtiger Stimme bannt er Jesus Aufmerksamkeit.
>> Mein Brot wolltest du nicht, mein Wasser auch nicht, warum? <<
>> Habe ich dir nicht stets nur Gutes gewollt, in der WĂŒste damals die schrecklich langen vierzig Tage, vor "viertausendundvierzehn" Jahren bei den Atlantern, der GoldschlĂŒssel zur bleiernen Maske?<<
>> Was ist nur los mit dir, das du nicht erkennst, was mit deinem Vater los ist! <<
>> Hier unten wird der Humanismus hochgehalten, Schweinebraten, Engelinnen, alles was das Herz begehrt! <<
>> Sei nicht schon wieder so dumm, meine Hilfe abzulehnen! <<
Jesus blickt verdutzt nach unten. Ja, der Spitzbart hatte recht. Was war so toll am Himmel? Gottes Ansehen? Ha! Nein, nicht wieder?
Einmal noch kurz nach oben geschaut und Jesus springt nach unten. Schwups ? er ist im Höllenschlund verschwunden.
Auch ein streitender Engel, der alles beobachtet hat, beschließt sich auf dieses Abenteuer einzulassen. Was hat er schon zu verlieren? Als Zeichen seines Widerstands, lĂ€sst er seinen goldenen Schild achtlos auf den Boden krachen.
Wozu denn streiten? FĂŒr Gott?
Nein, auch ihn kann Gott getrost am Arsch lecken. Immer nur fĂŒr ihn die Birne hinhalten. Nicht mal was "Gescheites" zu Essen gibt es da oben. Nur diesen veganen Fraß. Und das im Himmel, im Paradies! Aber Fleisch ist ja moralisch nicht vertretbar.
Nein, denkt sich der Engel, von weitem schon Schweinsbratengeruch wahrnehmend, nein, hĂ€tte er das gewusst wĂ€re er bestimmt nicht in den Himmel gekommen. Enthusiastisch lĂ€sst er sich den engen Spalt hinabstĂŒrzen.
Weitere Goldschilde fallen auf den Boden. In ganzen Gruppen beginnen die Engel ihre Waffen zu strecken und ĂŒberzulaufen.
Der Teufel reibt sich die rotgebrannten HĂ€nde und Jesus der nun zum ersten Mal Geschlechtsverkehr hat, kommt aus dem Frohlocken nicht heraus.
Ganz anders hingegen Gott. Mit weit geöffnetem Mund muss er hinnehmen, wie selbst Maria Magdalena damit beginnt in die Hölle hinabzusteigen. Erschrocken erkennt er einen Joint, dem sie mit sanftem Druck ihrer Lippen sein Geheimnis entlockt. Zufrieden lĂ€chelt sie, als sie den Rauch langsam in die Freiheit blĂ€st. Gott kann darĂŒber allerdings ĂŒberhaupt nicht mehr lachen. ErschĂŒttert befiehlt er denn wenigen Engeln die noch kĂ€mpfen den RĂŒckzug anzutreten. Der Kampf endet. Doch zurĂŒckziehen tut sich niemand. Keiner.
Nicht ein einziger. Niemand!
Hochrot angelaufen nimmt Gott zur Kenntnis, dass alle seine Engel entblĂ¶ĂŸt vor ihm stehen und ihm den "Stinkefinger" unter die Nase reiben.
Das ist endgĂŒltig zu viel fĂŒr ihn. So eine DemĂŒtigung ist ihm noch nie widerfahren. So etwas hat noch nie irgendwer gewagt. Außer sich vor Wut brĂŒllt er.
>> Mein Zorn soll euch treffen, euch die ihr da nicht mehr seid als WĂŒrmer in meinen Augen! <<
Fussbaldfeldgroße Hagelkörner beginnen sich vor erstaunter Menge zu materialisieren.
>> Und wie WĂŒrmer werde ich euch zerquetschen! <<
Ein lautes Pfeifen ist zu hören. Das erste Hagelkorn rast auf die Erde zu. Wolken beginnen sich zu teilen. Und dann. Der erste Knall.
Das war Maria.
Zack!
Der keuchende Jesus.
Zack!
Mephistopheles.
Zack! Zack! Zack!
Gottes Zorn hat alles Leben auf der Erde zum Erliegen gebracht.
Alle seine Engelsscharen samt den Höllenreitern und ihren knöchernen Pferden, die gesamte Menschheit, jeden Baum, jeden Strauch, jede Ameise, einfach alles hat er in seinem Wahn hinweggefegt.
Und immerzu hat er dabei; "Antigenesis, Antigenesis!", gebrĂŒllt.
Nun steht er alleine da, sein Sohn hat versagt, die Welt ist zerstört und er war daran schuld. Oder? Eigentlich?
Nein!
Eigentlich war Jesus schuld an der ganzen Misere. HÀtte der sich einfach abschlachten lassen sollen und die Menschheit hÀtte noch weitere 2007 Jahre Zeit gehabt.



__________________
jeder mensch wird als original geboren,
aber die meisten sterben als kopie

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