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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Anton denkt nach
Eingestellt am 15. 10. 2002 03:55


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Dorian
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Anton denkt nach

Mitte der Neunziger Jahre war ich arbeitslos und war mir eigentlich nicht ganz im Klaren dar├╝ber, was ich mit meinem weiteren Leben anfangen sollte.
Per Zufall lernte ich in meinem damaligen Stammlokal einen Mann kennen, der von sich behauptete einen Grafikerbetrieb zu f├╝hren. Nennen wir den Mann der Anonymit├Ąt halber Anton G.
Anton war gro├č und beleibt, mit Halbglatze, einem gewaltigen Schnauzer und reichlich unangenehmem Gebaren. Er war einer der Menschen, die einem das Gef├╝hl geben, dass man mit ihnen vern├╝nftig reden konnte, die aber gleichzeitig das Gespr├Ąch dominierten. Er lie├č mich praktisch nie zu Wort kommen, was mir im Grunde genommen aber ganz recht war. Ich bin eher ein stiller Typ.
Anton neigte auch dazu, ├╝berm├Ą├čig dem Alkohol zuzusprechen, und er war ein Angeber, aber eins musste man ihm lassen: wenn er n├╝chtern war, dann war er ein verdammt guter Grafiker.
Er bot mir an mich einzustellen, vorerst allerdings noch auf einer Art Schnupperbasis, denn damals hatte ich noch keinen F├╝hrerschein und Anton war der Meinung, dass ich ein solchen unbedingt mein Eigen nennen m├╝sse, wenn ich f├╝r ihn arbeiten wollte. Froh, einen vielversprechenden Arbeitsplatz gefunden zu haben, schlug ich ein – es war etwa elf Uhr morgens in seiner Werkstatt und ich war nicht ganz n├╝chtern, was daran lag, dass ich die Nacht mit Anton durchzecht hatte.

Eines Tages, es war etwa vier Monate sp├Ąter, hatte ich verschlafen und wankte gegen acht Uhr morgens aus dem Haus. Um acht h├Ątte ich in der Werkstatt sein m├╝ssen, aber da Anton meist etwas sp├Ąter kam und ich keinen Schl├╝ssel hatte, machte ich mir keine allzu gro├čen Sorgen, vor allem, wenn man bedachte, dass ich nur einen kurzen Fu├čmarsch von etwa zehn Minuten vor mir hatte.
Ich hatte etwa zwei Schritte in die entsprechende Richtung gelenkt, als ich von Ferne Antons Chrysler Voyager die Stra├če herunterschlingern sah. Er bremste sich neben mir ein, stie├č die Beifahrert├╝r auf und sagte: „Steig ein, wir fahren nachdenken.“
Inzwischen kannte ich Anton gut genug, um zu wissen, was diese kryptischen Worte bedeuteten. Er meinte, dass wir uns in das Cafe-Restaurant, das zu dem Motel an der Autobahnauffahrt geh├Ârte, begeben w├╝rden, um dort die Einzelheiten meiner Festanstellung und der Sache mit dem F├╝hrerschein zu besprechen. Anton war betrunken und er hatte wohl seit dem Vortag noch keine Minute geschlafen, deswegen war mir unbehaglich zumute, als ich zu ihm in den Van kletterte, aber was blieb mir anderes ├╝brig?
Wie erwartet fuhren wir in das Cafe-Restaurant und machten es uns an der Bar bequem. Anton bestellte Bier, w├Ąhrend ich mich mit Cola und einem Schinken-K├Ąse-Toast zufrieden gab. Ich wusste, was auf mich zukam und zog es vor, den Dingen die da kommen mochten mit gut gef├╝lltem Magen entgegenzutreten.
Nat├╝rlich redeten wir nicht ├╝ber meine Festanstellung, statt dessen schwadronierte Anton ├╝ber seine Zeit bei „Drahdiwaberl“, ├╝ber Admiral Tegethoff, die leidige Sache mit der Holzfr├Ąse und seiner linken Hand, seine Erlebnisse als Reserveoffizier beim Bundesheer und die Tatsache, dass Gerti, seine Frau, auf dem Klavier einen ganz anst├Ąndigen Boogie hinbekam.
Gegen zehn Uhr drei├čig hatte er mich zum ersten Bier gen├Âtigt und begonnen auch den einzigen anderen Gast an der Bar und den Kellner vollzuquatschen. Die beiden kannten ihn schon und reagierten daher nicht ├╝berm├Ą├čig genervt; der Gast schien au├čerdem zu einer ├Ąhnlichen Kategorie von Mensch zu geh├Âren, wie Anton, weswegen sie die meiste Zeit aneinander vorbeiredeten, was sie aber nicht zu st├Âren schien.
„Wie komme ich hier nur wieder raus?“, fragte ich mich, w├Ąhrend mir gr├Â├čtenteils sinnlose Wortfetzen um die Ohren flogen und ich mich durch mein Bier m├╝hte. Ich wusste, dass das alles zu nichts mehr f├╝hren w├╝rde, und da Anton gesagt hatte, dass heute kein Finger mehr ger├╝hrt w├╝rde, beschloss ich, m├Âglichst bald einen Weg zu finden, wie ich nach Hause kam.
In dieser Hinsicht vertraute ich auf Gerti. Sie vereinte zwar Ungeschicklichkeit, H├Ąsslichkeit und Dummheit von nie gekannten Ausma├čen in so etwas ├Ąhnlichem wie einem K├Ârper, aber sie wusste, wo sie ihren Mann meist auftreiben konnte, wenn er f├╝r einen Normalsterblichen nicht auffindbar war. Ich hegte also die Hoffnung, dass Gerti bald hier auftauchen w├╝rde, denn sie wusste, wie sie Anton zu nehmen hatte und dann w├Ąre diese Sitzung bald beendet.
Sie lie├č sich jedoch Zeit. Zeit w├Ąhrend der Anton jedes Mal ein Bier f├╝r mich bestellte, wenn ich auf der Toilette war.
Gegen zw├Âlf Uhr drei├čig hatte ich also vier gro├če Biere intus und die Schnauze gestrichen voll. Anton war gerade auf dem Klo und ich stellte mich geistig darauf ein, ihm zu sagen, dass ich jetzt gehen w├╝rde, wenn er zur├╝ckkam.
Doch er kam nicht.
Nach etwa zwanzig Minuten beschloss ich, nach dem Rechten zu sehen und ging die Treppe zur Toilette nicht ohne leichte Schwierigkeiten hinunter. Eine der beiden Kabinen war besetzt und ich schloss messerscharf, dass Anton hier wohl auf dem Thron sa├č, sozusagen residierte.
„Toni?“, rief ich.
Keine Antwort.
„Toni?“, rief ich noch einmal, diesmal etwas lauter und klopfte an die T├╝r.
Wieder nichts.
Die n├Ąchsten zehn Minuten verbrachte ich damit, gegen die T├╝r zuerst zu klopfen, dann zu h├Ąmmern, dann zu treten und schlie├člich zu h├Ąmmern und zu treten, w├Ąhrend ich mir die Seele aus dem Leib schrie. Ich erntete nichts weiter als ein leises Murmeln und ein gelegentliches Schnarchen. Schlie├člich gab ich auf.
Ich stolperte die Treppe hinauf und ├╝berlegte meine n├Ąchsten Schritte. An der Bar fragte ich den Kellner nach einem Telefon und er verwies mich zu einer T├╝r, die in die Halle des angrenzenden Motels f├╝hrte, wo ich zwei Telefonzellen fand. Allerdings waren diese Telefone zwei ganz normale Apparate, die von der Rezeption aus aktiviert werden mussten, wo sich zur Zeit aber gerade niemand aufhielt.
Wieder verstrichen etwa zehn Minuten, bis jemand daherkam. Eine nicht unh├╝bsche junge Frau, die mich befremdet ansah, als ich sie darum bat, das Telefon benutzen zu d├╝rfen. Aber sie gew├Ąhrte mir meine Bitte, mit dem dezenten Hinweis, dass ich hernach nat├╝rlich eine Geb├╝hr zu bezahlen h├Ątte. Ich zuckte die Schultern und wankte zum Telefon.
Zuerst rief ich im B├╝ro an, dass an die Wohnung der beiden G. angeschlossen war. Gerti war die offizielle Inhaberin der Firma, weswegen ich damit rechnete, sie dort anzutreffen, aber ich hatte kein Gl├╝ck. Dann versuchte ich es in der Werkstatt, aber auch dort hob niemand ab. Keiner von uns hatte ein Handy, daher entschied ich mich es sp├Ąter noch mal zu versuchen. Einer Eingebung folgend rief ich meine Freundin an, erkl├Ąrte ihr die Situation und sagte ihr, dass ich sie liebte und mein Chef ein Arschloch sei. Sie war von der Sache nicht sehr angetan und legte mir nahe zu k├╝ndigen, was etwa eine halbe Stunde dauerte. Ich versprach sie noch mal anzurufen, wenn ich zu Hause war und legte auf.
Ich ging zur├╝ck zur Bar, trank mein Bier aus und bestellte noch ein Cola und einen Schinken-K├Ąse-Toast. Entweder Gerti oder Anton w├╝rden zahlen und ich sah keinen Grund, weshalb ich die Sache zu billig machen sollte, wenn ich mir diese dem├╝tigende Schei├če schon gefallen lassen musste.
W├Ąhrend der n├Ąchsten Stunde oder so, so genau wei├č ich das nicht mehr, ich hatte aus offensichtlichen Gr├╝nden noch zwei weitere Biere geschl├╝rft (jedenfalls schienen mir diese Gr├╝nde damals offensichtlich), versuchte ich mehrere Male sowohl im B├╝ro, wie auch in der Werkstatt anzurufen, als auch Anton von der Toilette zu holen, alles ohne Erfolg. Anton schnarchte nur etwas lauter.
Als ich gegen vierzehn Uhr drei├čig von meinem soeben gescheiterten letzten Versuch Gerti zu erreichen in das Restaurant zur├╝ckkam, kochte ich vor Wut.
Was sollte ich tun?
Anton einfach sitzen lassen und zu Fu├č nach Hause gehen?
Der Kellner w├╝rde mich wahrscheinlich umbringen, oder wegen Zechprellerei anzeigen, oder beides, ich dachte n├Ąmlich nicht daran, selbst zu bezahlen. Ich war doch nicht verr├╝ckt. Au├čerdem wohnte ich am anderen Ende der Stadt und hierher verirrte man sich eigentlich nur, wenn man ein Auto hatte, daher gab es keine ad├Ąquaten ├Âffentlichen Verkehrsmittel.
Ein Taxi?
Zu teuer. Anton hatte wieder einmal „vergessen“ mich zu bezahlen.
Niedergeschlagen setzte ich mich wieder auf meinen Platz an der Bar, st├╝tzte den Kopf in die H├Ąnde und spielte mit dem Gedanken an ein weiteres Bier.
„Gibt’s hier jemanden der G. hei├čt?“, fragte der Kellner, der inzwischen ans restauranteigene Telefon gegangen war, in den Raum.
„Ja, hier“, rief ich und sprang so schnell von meinem Hocker, dass ich beinahe aufs Maul gefallen w├Ąre. Ich lief zu ihm r├╝ber und nahm ihm dankbar den H├Ârer ab.
„Hallo?“
„Ja, ich bins.“ Von langen H├Âflichkeitsfloskeln hielt Gerti nichts. „Wo seid ihr denn?“
„Im Motel. Aber der Toni ist auf dem Klo eingeschlafen und ich krieg ihn nicht mehr wach.“
Eisiges Schweigen folgte diesem Hinweis.
„Mnja“, antwortete Gerti schlie├člich sauer. „Ich bin gleich da.“
Und legte auf.
Etwa zehn Minuten sp├Ąter kam sie mit dem Taxi angerauscht und st├╝rmte herein.
„Wo ist er?“, fragte sie.
Ich deutete etwas hilflos auf die Treppe.
„Aufm Klo.“
„Hat er schon gezahlt?“
„Nein.“
Gerti kramte in ihrer Handtasche und bezahlte die Rechnung, dann dr├╝ckte sie mir hundert Schilling in die Hand und zeigte auf das Taxi, das drau├čen auf dem Parkplatz wartete.
„Du kannst das Taxi nehmen“, sagte sie, „Ich fahre mit dem Auto.“
Wie ein Racheengel st├╝rmte sie die Treppe hinunter.
Von morbider Neugier getrieben, beschloss ich noch ein bisschen zu bleiben und mir das Ende der Geschichte anzusehen. Es ist erschreckend, was f├╝r Abgr├╝nde man manchmal in sich selber vorfindet.
Nichtsdestotrotz schlich ich zum Anfang der Treppe und sp├Ąhte vorsichtig hinunter.
Ich wei├č bis heute nicht, wie sie es gemacht hat, aber keine zwei Minuten sp├Ąter standen Gerti und Anton am Fu├č der Treppe und sie versuchte ihn die Treppe hinaufzubugsieren. Es hatte keinen L├Ąrm gegeben, kein Geschrei oder Gepolter, nichts.
Trotz dieser verbl├╝ffenden Wendung der Dinge und meinem etwas umnebelten Verstand, wusste ich, was gut f├╝r mich war und machte mich aus dem Staub.

Man kann sich vorstellen, dass ich nicht mehr lange in der Firma blieb. Etwa zwei Monate sp├Ąter war Anton mir genug Geld schuldig, dass ich den F├╝hrerschein auf seine Kosten machen konnte. Gl├╝cklicherweise bestand ich die Pr├╝fung gleich beim ersten Mal und ging danach nach Hause, um auf einen Anruf von Gerti oder Anton zu warten.
Dieser kam am Montag darauf von Gerti.
„Was is’ jetzt?“, fragte sie.
„Ihr habt gesagt, dass ihr mich anmeldet, wenn ich den F├╝hrerschein habe. Und darauf warte ich jetzt.“
„Wir denken dr├╝ber nach.“
W├╝rde ich an Gott glauben, w├╝rde ich ihm bis heute danken, dass die beiden sich nicht mehr bei mir meldeten. Manchmal sehe ich sie noch, ungl├╝cklicherweise in meinem neuen Stammlokal, aber sie scheinen mich nicht mehr zu erkennen, worauf ich auch keinen sonderlich gro├čen Wert lege.
├ťbrigens hat Anton die Fahrschule bezahlt, indem er f├╝r sie die Leuchtreklame in ihrem neuen Gesch├Ąftslokal gemacht hat. Ein gl├╝cklicher Umstand f├╝r ihn, denn bar h├Ątte er wahrscheinlich sowieso nicht zahlen k├Ânnen. Auf diese Weise hatten alle was davon.


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Tekky
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und jetzt hier, wo's hingeh├Ârt ;)

Hi Dorian,

die geschichte an sich finde ich lustig und auch deine formulierungen. allerdings sind viele sa├Ątze viel zu lang, da k├Ânnte man locker zwei oder drei draus machen. es w├Ąre dann leichter zu lesen.
dann gibt es da noch eine formulierung, die in meinen augen daneben gegangen ist: "Eine nicht unh├╝bsche junge Frau". Wozu die doppelte Verneinung? es ist zwar sch├Ân, beim lesen herausgefordert zu werden, aber da gibt es andere methoden

gruss
(und beim n├Ąchsten mal mit mehr zitaten und '/quote's)

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Wenn es Sinn hat, etwas zu machen, dann hat es auch Sinn, es schlecht zu machen.(Gilbert Keith Chesterton)

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