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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Apathische Mutter
Eingestellt am 29. 09. 2001 16:47


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Jasmin
Autorenanw├Ąrter
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Ich sehe meine Mutter immer apathisch vor mir. Nicht, dass diese Apathie Form irgendeiner Krankheit w├Ąre, nein, es ist etwas anderes. Meine Mutter erscheint mir immer geistesabwesend, mit Gedanken woanders, in etwas Mysteri├Âses vertieft, wie ein K├╝nstler, der seinen Ideen verhaftet ist. Meine Mutter ist S├Ąngerin, aber ist es das? Tr├Ąumt sie Melodien, steht sie auf der B├╝hne, denkt sie in Arien? Oder schottet sie sich einfach ab aus Selbstschutz? Ihre glanzlosen, dunklen Augen scheinen immer zu tr├Ąumen, ihr Blick ist meistens stumpf und nach innen gerichtet. Oft summt sie ein ied vor sich hin. Am liebsten hat sie die Kindertotenlieder von Mahler.
Meine Mutter hat nie Zeit f├╝r mich. Sie hatte nie Zeit. Es gab immer etwas anderes zwischen uns. Die Singerei, ihre Stimme, Proben, Gastspiele, Reisen, Pianisten, Dirigenten, mein Vater, meine Geschwister. Und ich? Ich musste reif sein f├╝r mein Alter, streng mit mir selbst, auf mich selbst aufpassen, auf meine Geschwister aufpassen, auf meine Mutter, Ehekrach verh├╝ten, mit mir Hausaufgaben machen, bei der Nachbarin essen. Meine Belange ohne Belang. Kein muttergekochtes Essen je. Keine Erinnerung daran, oder doch einmal, Kartoffelbrei, selbstgemachter, nicht so aus der T├╝te Flocken mit Wasser und Milch anr├╝hren, sondern richtige Kartoffeln mit der Gabel und Milch und Butter zu Mus gebreit und mit Petersilie dekoriert. Und dann hab ich alles erbrochen auf die Fensterbank, damals, als ich Masern hatte. Das gute, einmalige, handgemachte Essen meiner Mutter lag s├Ąuerlich riechend auf dem hellen Marmor der Fensterbank.

Heimweh, Nostalgie, Sehnsucht. Immer Sehnsucht nach meiner Mutter, immer Heimweh nach Griechenland. Das war meine Kindheit. Ein Ziehen und Zerren aus meinem Bauch an der unsichtbaren Nabelschnur zwischen meiner Mutter und mir. Und tapfer musste ich sein. Immer tapfer. Keine Gef├╝hle zeigen. Keine Hilfe erwarten. Einzelk├Ąmpfer im Kindergarten und in der Grundschule. Und danach.

Jetzt bin ich gro├č und erwachsen. So scheint es. Immer weiter geht der Kampf ohne Hilfe zu erbitten, ohne Hilfe zu erwarten von ihr, die nichts versteht. Nicht verstehen kann oder will, weil sie zu sehr mit sich selbst besch├Ąftigt ist, H├Ąuser baut, immer neue H├Ąuser. Das letzte im Kolonialstil. Ganz in Rosa mit Fensterl├Ąden aus Glas und Porzellantreppchen. Und G├Ąrten legt sie an. Jeden Sommer einen neuen Garten. Der letzte Garten ist ein kleiner Bonsaigarten geworden aus lauter winzigen Bonsaib├Ąumchen, irre teuer und in der Mitte ein kleiner Mini-Zoo mit Zwergaffen und h├Ąsslichen Pekinesen, die von albanischen Zoow├Ąrtern mit Lachs und Kaviar gef├╝ttert werden. Aber auch die Albaner werden gut durchgef├╝ttert. Jeden Tag kommt der Wagen vom Pizza-Delivery-Service Napolitana mit ├╝berdimensionalen Riesenpizzas mit viel Schinken und extra viel K├Ąse.
Und dann pendelt meine Mutter mit der Easyjet hin und her zwischen Nord und S├╝d und mein Vater holt sie in Hamburg mit sieben rosa Lachsrosen und viel Schleierkraut vom Flughafen ab und dann gibt es bei ihm in der K├╝che Lachstoast vom Aldi und S├Âhnlein Brillant.
Und in Athen holt sie ihre Schwester Plethi ab mit gelben Nelken vom Markt und zu Hause gibt es Linsensuppe mit wenig ├ľl und Salz, weil Fett ungesund ist und dick macht. Und Salz auch. Das predigt meine Mutter seit Jahren und dann isst sie salzige Oliven und fette Avocados und lacht dabei.

Und jetzt ist meine Schwester dran und bekommt F├╝rsorge, wenn auch nur rudiment├Ąr, weil sie hat ein zuckers├╝├čes Wunder-Baby und Frauen mit Babies sind bessere Menschen. Frauen ohne Babies sind Menschen zweiter Klasse, denkt meine Mutter. Sie sagt das nicht, aber ich kann ihre Gedanken deutlich h├Âren. Ein eindringliches Fl├╝stern, wie ein Rascheln welker Bl├Ątter, wie eine Souffleuse unter der B├╝hne. Frauen ohne Babies sind Menschen zweiter Klasse Frauen ohne Babies sind Menschen zweiter Klasse Frauen ohne Babies sind Menschen zweiter Klasse...

Ich kann keine Babies bekommen, weil ich krank bin. Keiner versteht diese Krankheit. Ich habe die blaue Krankheit und nicht mal meine eigene Mutter kann das begreifen. Sie sch├╝ttelt immer nur den Kopf, verst├Ąndnislos, und dann schweigt sie mich eisig an und ich h├Âre ihre Gedanken, Frauen ohne Babies sind Menschen zweiter Klasse Frauen ohne Babies sind Menschen zweiter Klasse...

Mein Freund versteht auch nichts. Heute Mittag beim Essen sage ich vorsichtig, ich will ein Baby, damit sie mich endlich liebt, sie, meine Mutter, und da rastet mein Freund aus. Er l├Ąsst Gabel und Messer fallen und springt von seinem Stuhl auf und schl├Ągt auf mich ein mit F├Ąusten. Schon oft hat er mich geschlagen, aber das heute ist so krass. Er schl├Ągt meinen Kopf und mein Gesicht und boxt mich in den Magen und ich wei├č nicht mehr wohin, es tut alles so weh, mir ist schlecht und meine Tr├Ąnen ├╝berfluten mein Gesicht.

Ich fl├╝chte zu meiner Mutter. An die Fahrt im Auto kann ich mich nicht erinnern. Das Auto f├Ąhrt mich zu meiner Mutter. Kraftlos und schwach schleppe ich mich die Stufen hoch zu ihrer gro├čen Wohnk├╝che. Die T├╝r steht offen, eine Katze frisst ger├Ąuschvoll Krabbenreste aus einer zerknitterten Alu-Folie, wobei sie die Folie ├╝ber den Balkon zerrt.. Meine Mutter steht am Herd, ihr schwarzes, volles Haar ist frisch frisiert, sie geht jeden Donnerstag vor ihrem Marktbesuch zum Friseur in Makri. Sie hat einen stufig geschnittenen Pagenkopf, sehr jugendlich. Meine Mutter sieht j├╝nger aus als ich, denn sie leidet weniger am Leben. Dort steht sie an der Sp├╝le und w├Ąscht einen Kopf Salat. Sie tr├Ągt ein blumiges Kinderkleid aus Baumwolle, das vorne von oben bis unten durchgekn├Âpft ist und eine wei├če Sch├╝rze. An den F├╝├čen tr├Ągt sie rosafarbene Ballerinas. Ein Kochtopf klappert mit dem Deckel, etwas kocht zischend ├╝ber, es riecht nach gekochten Knochen f├╝r den Hund. Mama, sage ich leise. Ich f├╝hle mich immer schw├Ącher. Ach, da bist du ja, sagt sie und dreht sich nicht um. Mama, sage ich noch einmal, aber das Wasser, das mit gro├čem Druck auf die Salatbl├Ątter f├Ąllt, schluckt meine Stimme.

Ich breche zusammen auf den Stufen. Alles tut weh. Mein K├Ârper f├Ąllt auseinander. Die K├╝che hat zwei Ebenen. Ich liege da gekr├╝mmt, den Kopf auf dem linken, ausgebreiteten Arm. Mein Mund ist pl├Âtzlich voll Blut. Ganz viel Blut f├╝llt meinen Mund, es sprudelt aus meinem Inneren, wie aus einer Quelle. Mein Kiefer f├╝hlt sich gebrochen an. Meine Sinne schwinden und kommen wieder wie bei einem Wackelkontakt. Ich bin so m├╝de. Was ist los, fragt meine Mutter, ohne nach mir zu schauen. Sie geht zum K├╝hlschrank und sucht lange darin herum, klappert mit Joghurt- und Senfgl├Ąsern, raschelt mit T├╝ten, macht das Gem├╝sefach auf und zu. Verdammt, wo ist die Sahne? Habe ich etwa die Sahne vergessen, ruft sie ver├Ąrgert.

Ich will meiner Mutter sagen, dass ich kaputt bin, zerbrochen, aber meine Stimme gehorcht nicht, bleibt im Hals stecken. Mein Mund, mein Unterkiefer, einige Schneidez├Ąhne und Backenz├Ąhne f├╝hlen sich zerst├Ârt an. Pl├Âtzlich schwimmen meine Z├Ąhne in meinem Blut, als h├Ątte ich kleine Steine im Mund. Viel warmes, salziges Blut. Mein Mund ist voll, ich kann nicht reden. Ich f├╝hle, dass ich gleich sterbe und versuche, meine Mutter auf mich aufmerksam zu machen. Sie registriert mich nicht. Langsam schwinden meine Sinne und ich d├Ąmmere weg.


__________________
Jasmin

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Ralph Ronneberger
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Hallo Jasmin,

fein, da├č Du wieder mal hier auftauchst. Und dann gleich mit einem solchen Paukenschlag. M├Âgen andere urteilen, wie sie wollen. Mein Eindruch: Krass - aber verdammt stark! (Hm - kra├č ist wahrscheinlich nicht das richtige Wort f├╝r das, was ich meine, aber im Moment f├Ąllt mir nichts wirklich Passendes ein)
Ich will nicht hoffen, da├č Du unter diese Geschichte mein unten stehendes Motto setzen k├Ânntest. Aber Du schreibst so pr├Ązise... findest Worte und S├Ątze, die nicht von au├čen, sondern von ganz weit drinnen zu kommen scheinen...
Wie dem auch sei. Die Geschichte hat mir n i c h t gefallen, sie durfte mir nicht gefallen. Ich gebe zu - sie hat mich ersch├╝ttert.
Mag sein, da├č die erste H├Ąlfte des Textes f├╝r manchen Leser etwas zu lang erscheint. Aber in der Geschichte steckt so ein h├Âllisches Tempo, da├č jeder (eventuell verhandene) ├╝berfl├╝ssige Schlenker (zumindest mir) einfach verborgen bleibt.
Obwohl die Dramatik des Augenblickes, wo deine junge Protagonistin bei ihrer Mutter die Hilfe sucht, die sie bis dahin nie bekam, die sie jetzt aber dringender denn je ben├Âtigt, kaum noch zu steigern ist, h├Ątte ich vorzuschlagen, den Satz: "Verdammt, wo ist die Sahne? Habe ich etwa die Sahne vergessen, ruft sie ver├Ąrgert."
ganz an das Ende zu stellen.

Liebe Gr├╝├če Ralph
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Jasmin
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Collage aus real Erlebtem, Alptraum und Phantasiekonstrukten

Hallo Ralph,

vielen Dank fuer deine Antwort!

"M├Âgen andere urteilen, wie sie wollen. Mein Eindruck: Krass - aber verdammt stark!"

Ralph, ich habe den Text bereits im Literaturcafe zur Diskussion gestellt: Hier klicken
und habe dort genau diese Reaktion bekommen. Krass, aber stark. Du liegst also nicht daneben, wenn ich das mal so ausdruecken darf.

"Ich will nicht hoffen, da├č Du unter diese Geschichte mein unten stehendes Motto setzen k├Ânntest. Aber Du schreibst so pr├Ązise... findest Worte und S├Ątze, die nicht von au├čen, sondern von ganz weit drinnen zu kommen scheinen..."


Nun ja, genau so habe ich das Ganze natuerlich nicht erlebt. Es ist vielmehr eine Collage aus real Erlebtem, Alptraum und Phantasiekonstrukten.

"...h├Ątte ich vorzuschlagen, den Satz: "Verdammt, wo ist die Sahne? Habe ich etwa die Sahne vergessen, ruft sie ver├Ąrgert."
ganz an das Ende zu stellen."



Das muss ich mir noch gut ueberlegen, aber intuitiv geht es mir gegen den Strich, denn fuer mich endet die Geschichte eben mit dem Tod der Ich-Erzaehlerin.

Liebe Gruesse

__________________
Jasmin

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Willi Corsten
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Liebe Jasmin,
auch ich freue mich riesig, dass du wieder Texte in die LL stellst.
Die Geschichte hat mich tief bewegt. So kann ich mich der Bewertung von Ralph nur anschlie├čen. Sein Vorschlag, die fehlende Sahne an den Schluss zu setzen, ist interessant, w├╝rde die Wirkung vielleicht sogar steigern. Du schreibst ja von der Mutter, und eben dieser Schlusssatz w├Ąre das I-T├╝pfelchen ihres Verhaltens.
Es ist nat├╝rlich deine Geschichte. Du allein bestimmst, wohin die Reise geht. Richtig gut geschrieben ist der Text in jedem Fall.
Es gr├╝├čt dich lieb
Willi

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Ralph Ronneberger
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Hallo Jasmin,

Du schreibst: "Das muss ich mir noch gut ueberlegen, aber intuitiv geht es mir gegen den Strich, denn fuer mich endet die Geschichte eben mit dem Tod der Ich-Erzaehlerin."

Ok, Jasmin. Wenn deine Protagonistin stirbt, dann bleib bei deiner Fassung. Ich hatte angenommen (gehofft), es handelt sich nur um eine barmherzige Ohnmacht. Die Tatsache, da├č die Geschichte im Pr├Ąsens geschrieben ist, hat mich in dieser Annahme best├Ąrkt.

Gru├č Ralph
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Jasmin
Autorenanw├Ąrter
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Lieber Willi,

vielen Dank fuer deine liebe Antwort!

Auch ich finde Ralphs Vorschlag interessant. Einerseits ist es natuerlich meine Geschichte, andererseits bin ich aber an Vorschlaegen und Ideen interessiert. Mein Einwand ist, dass ich die Geschichte mit dem Tod der Protagonistin enden lassen wollte. Eigentlich war das aber kein bewusster Entschluss, es ergab sich beim Schreiben. Erst als ich Ralph antwortete, "definierte" ich, dass die Ich-Erzaehlerin stirbt. Aber inzwischen bin ich mir nicht ganz sicher. Diese Szene kommt ja aus einem Alptraum. Ich wache an der Stelle auf, also weiss ich nicht sicher, ob es sich um einen Tod handelt. Vielleicht ist der Gedanke von Ralph besser, dass die Frau eben nur ohnmaechtig wird und nicht stirbt. Letzten Endes ist das Ende aber offen.

Liebe Gruesse
(auch an dich, Ralph)


Die Geschichte hat mich tief bewegt. So kann ich mich der Bewertung von Ralph nur anschlie├čen. Sein Vorschlag, die fehlende Sahne an den Schluss zu setzen, ist interessant, w├╝rde die Wirkung vielleicht sogar steigern. Du schreibst ja von der Mutter, und eben dieser Schlusssatz w├Ąre das I-T├╝pfelchen ihres Verhaltens.
Es ist nat├╝rlich deine Geschichte. Du allein bestimmst, wohin die Reise geht. Richtig gut geschrieben ist der Text in jedem Fall.
Es gr├╝├čt dich lieb

__________________
Jasmin

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