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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Aramäische Weihnacht im Anderswo
Eingestellt am 12. 12. 2015 15:07


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dubidu
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Aramäische Weihnacht im Anderswo – Zwölf Monate später

Der Schleuser sagte, es seien nur drei Seemeilen bis Kos. Mama runzelte die Stirn. Mein Vater nickte und wir sprangen in eins der aufblasbaren Boote. Es war fünfundzwanzig Fuß lang. Viel zu kurz für vierzig Personen.

Als die Küste vor uns auftauchte, schöpften wir Hoffnung. Vorher schöpften wir Wasser, das unbarmherzig ins Boot eingedrungen war. Es half nichts. Wir sanken. Panik brach aus und mindestens zehn Personen gingen über Bord. Einige Pechvögel hatten Glück im Unglück: Sie waren mit Schwimmwesten bekleidet und trieben lautlos im Meer. Andere konnten schwimmen und versuchten, sich dem Boot zu nähern. Der Rest zappelte, schluckte Wasser und rief um Hilfe.

Ein Schreck durchfuhr mich und ich schaute nach links. Mein kleiner Bruder Bartolmai saß nicht mehr neben mir. Mein Vater stand auf und brüllte den Namen meines Bruders in die Dämmerung. Immer wieder, immer ängstlicher. Dann sprang er ins Wasser. Plötzlich tauchte Bartolmai auf, hustete und spuckte. „Da vorne ist er!“, krächzte meine Mutter. Inzwischen hatte Papa ihn auch gesehen. „Halt aus, ich komme!“ Papa war so nah und doch so fern. Als er ankam, wo mein Bruder kurz zuvor noch mit seinem Leben gerungen hatte, war Bartolmai verschwunden. Papa fluchte und weinte. Einen Moment später verstummte er. Kraftlos trieb er im Meer. „Ruhig, Papa, bleib ganz ruhig, Hilfe naht!“, rief ich ihm zu.

Ich hatte sie zuerst gesehen. Die Küstenwache, die aus dem Nichts aufgetaucht war, konnte zwanzig Personen retten, darunter Papa. Mein kleiner Bruder war einer von siebzehn Toten.

Das war vor einem halben Jahr, sechs Monate vor Christi Geburt.

Mein großer Bruder Denir ist gefallen. Die Brigade konnte nichts ausrichten. Die Pick-up-Teufel kamen näher und näher. Mein Vater verkaufte unser Hab und Gut. Wir packten unsere Siebensachen und machten uns auf den Weg ins Ungewisse. Auf der Flucht sagte mein Vater, er sei zornig, weil der Westen uns keine Schutzzone eingerichtet habe. Unsere Kirche ist die älteste der Welt. Wir sprechen die Sprache Jesu. Man hat uns vergessen.

Meine Familie ist geschrumpft. Ich habe beide Brüder verloren. Meine Tante hat die Entehrung nicht überlebt und ihr Mann ist am Gram zugrunde gegangen. Meinen Onkel George haben wir zurückgekauft. 50 000 Dollar wollten sie, bekommen haben sie 15 000. Für die Flucht hat mein Vater 10 000 Euro pro Kopf bezahlt. Mein Bruder und 10 000 Euro sind ertrunken.
In meiner Heimat gibt es das Christentum nicht mehr. Meine Heimat gibt es nicht mehr. Nach drei Monaten bin ich mit Mama und Papa in unserer neuen Heimat angekommen.

Das war vor drei Monaten, ein Vierteljahr vor der Christmette.

Wir sind in Deutschland, in einer Stadt namens Borken untergekommen. Hier leben viele von uns. Ein Onkel meines Vaters hat uns aufgenommen. Die Deutschen haben Angst vor uns, weil wir schwarze Haare haben. Nachdem sie herausgefunden haben, dass auch wir Christen sind, sind sie freundlicher. Mein Vater hat Angst, dass noch mehr Muslime nach Deutschland kommen. Früher haben wir friedlich mit ihnen zusammengelebt. Heute sei das nicht mehr möglich, sagt er.

Mein Cousin Oshana studiert in Bochum. Es sagt, an der Uni werde der radikale Islamismus unaufhaltsam stärker, doch die Behörden reagieren nicht darauf. Obwohl mein Cousin zur Übertreibung neigt, wundere ich mich über die Deutschen. Sie lassen alles gewähren, obwohl sie Angst haben. Vor allem vor dem Islam. Und doch tun sie nichts dagegen, obwohl sie es könnten.

Seit zwei Wochen gehe ich in die Schule. In eine Willkommensklasse, in der ich Deutsch als Fremdsprache lerne. Für die anderen Fächer besuche ich eine Regelklasse. Deutsche wollen nicht lernen. Sie sind laut und stören den Unterricht. Wir nennen sie Computerkinder. Sie spielen ständig mit ihren Handys und sitzen vor der Spielkonsole oder vor dem Computer. Draußen spielen sie nicht. Draußen spielt hier niemand.
Ich habe eine Freundin gefunden. Sie heißt Aischa und kommt auch aus Syrien. Meine Mutter sagte, ich solle mich von ihr fernhalten, mein Vater schwieg. Sie ist Muslima und ich mag sie sehr. Zum ersten Mal habe ich nicht auf meine Eltern gehört.

Dass ich dieses Jahr Weihnachten in der Fremde feiere, hätte ich letztes Jahr nicht gedacht. Unsere Gemeinde hat eine Kirche von den Protestanten erworben. Die Deutschen gehen nicht mehr in die Kirche.

Wenn der Krieg vorbei ist, kehren wir zurück, sagt Mama. Niemand glaubt mehr daran.

Trotz allem freue ich mich auf das Weihnachtsfest in unserer Kirche. Etwas von uns lebt auch in der Fremde weiter.

Darüber denke ich heute nach, dreizehn Tage vor unserem zweithöchsten Fest.


__________________
Die Tollkühnheit des Schreibers und sein spontanes Bedürfnis nach Wahrheit müssen allemal größer sein als dessen Furcht vor den Konsequenzen seiner Aussagen.
RAFAEL SELIGMANN

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Wipfel
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hi dubidu,

schwierig. Schwierig solch einen Text zu bewerten. Es riecht ganz stark nach Betroffenheitsprosa. Doch sie macht mich auch wirklich betroffen.

Was dir gelungen ist: durch die sachliche kühle Sprache der IchErzählerin ist es überhaupt möglich das Thema voranzubringen. Dadurch wird der Text jedoch mehr zum Bericht als zur Prosa. Und ständig frage ich mich, wie es möglich ist, in so kurzer Zeit, das perfekte Deutsch schreiben zu können. Da bräuchte es den Hinweis auf einen Übersetzer?

Grüße von wipfel

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