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Leselupe.de > Ungereimtes
Arbeiter-Blues
Eingestellt am 26. 08. 2003 22:54


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uweboe
???
Registriert: Aug 2003

Werke: 8
Kommentare: 21
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Anmerkung: Angeregt durch 'Zeder' und 'GabiSils' habe ich das nachfolgende Stückchen Prosalyrik - ohne es großartig verbiegen zu wollen - in eine bühnentaugliche Form gebracht. Es ist in der Rubrik "Verschiedenes/Schauspiel" zu finden.


Arbeiter-Blues die „ach-was-weiß-ich-wievielte“


„Kommt, wir stürmen die Bastille;
wir machen sie gleich,
dem Erdboden
und uns.

Rammt ihnen die Lanzen
in ihre dicken Ärsche,
so daß die Spitzen
zu ihren Ohren
wieder rausschaun’

Kommt, wir stürmen ...“

„Moment, moment!“

„Bitte, wie ... ?“

„Weshalb ‚Bastille’?
Wir leben im
einundzwanzigsten Jahrhundert.
Und dann noch diese
vulgären Ausdrücke,
in einem ‚Gedicht’!“

„Wir sind das einfache Volk,
wir haben ein Recht
darauf
Vulgäres zu benutzen,
darauf
die Bastille zu stürmen,
auch wenn es ‚die Bastille’
ehrlich gesagt
nicht ist!“

„Nun,
im Übertragenen,
ich verstehe,
als Sinnbild;
sagen wir,
um die Kontinuität
der Geschichte
zu wahren.“

„Ja, mein Herr, so wird’s denn sein ...
Kommt, wir stürmen ...“

„Moment, moment!
Eure Wut
in Ehren,
aber ihr sitzt hier
und schreit
und
ihr habt nicht einmal die Lanzen,
von denen ihr sprecht
in euren Händen?“

„Mein Herr,
wir haben keine Lanzen,
nicht mal im Keller
unsrer Häuser,
wir drohen ... nur.“

„Ha, ich lache, harhar!“

„Entschuldigen sie bitte.
Rammt ihnen die Lanzen
in ihre dicken Ärsche ...“

„Moment, moment!
Ich sagte,
ich lache.
Ich meinte
damit,
daß man sie alle
nicht ernst nehmen wird.
Wie wollen sie
etwas ändern,
durch Plärren hohler Phrasen ...“

„’Phrasen dreschen’, kenn ich nur ...“

„Na, wenn sie wenigstens
dreschen würden!“

„Kommt, wir ...
Sie meinen, wir sollten
tatsächlich
handgreiflich werden?“

„Ehrlich gesagt
würde man sie
mittels Wasserwerfer
zur Ruhe zwingen;
doch Lanzen ...
und dazu vielleicht
mit echten Spitzen
und in allen Händen?“

(Im Hintergrund:
Kommen und Gehen.
Das Volk hält nun Lanzen
in seinen Händen.)

„Kommt, wir stürmen die Bastille;
wir machen sie gleich,
dem Erdboden
und uns.

Rammt ihnen die Lanzen
in ihre dicken Ärsche,
so daß die Spitzen
zu ihren Ohren
wieder rausschaun’

Kommt, wir stürmen ...“

„Moment, moment!“

„Was ist denn jetzt schon wieder?“

„Es ist jetzt glaubwürdiger,
denke ich.
Sie werden vielleicht
morgen
oder am Sonntag
in einigen Zeitungen
dieses Landes
erwähnt werden.“

„Aber?“

„Nun, dies alles sind nur
Sinnbilder.
‚Die Bastille’,
‚die Lanzen’,
‚das Schreien’;
sie werden aber
nicht viel
erreichen;
man wird sie kaum
ernst nehmen.“

„Aber wir haben jetzt doch
die Lanzen!“

(Das Volk erhebt die Lanzen
und schreit: „Lanzen!“)

„Die hohen Personen
des Staates
aber wissen,
daß ihr,
das Volk,
eigentlich machtlos seid.“

„Ja, wie?“

(Der Herr greift zur Seite
und packt
einen
höheren Regierungsbeamten
bei der Gurgel
und
spießt ihn
auf eine Lanze.)

„So, etwa! Sie müssen
beweisen,
daß es ihnen ernst ist!“

(Im Hintergrund:
Kommen und Gehen.
Das Volk hält nun Lanzen
mit jeweils
aufgespießten,
höheren Regierungsbeamten
in seinen Händen.
Die
höheren Regierungsbeamten
schreien: „Aua, das tut sehr weh
und überhaupt
werden wir hierfür nicht bezahlt!“)

(„Schnauze!“, sagt das Volk.)

„Meinen Sie nicht,
mein Herr,
daß das Ärger gibt?“

„Nun, wenn sie
so Großartiges,
wie den
Sturm auf die Bastille
beschwören,
dann sollten sie
mit gewissen Unannehmlichkeiten
schon rechnen.“

„Ah?“

„Dort hinten sehe ich
die Wasserwerfer schon nahen.“

„Was sollen wir tun?“

(Das Volk singt:
„Was sollen wir trinken,
sieben Tage lang trinken ...“)

„Aufrüsten!“

„Aufrüsten?“

„Ja, s’ist aus
dem Jargon der Politik.
Wenn jene
dort hinten
mit Wasserwerfern
nahen
so zieht sie
auf eure Seite
oder
habt die besseren Waffen.“

„Ja, aber da kommt man
doch nur
mit Kanonen gegen an!“

„Kanonen,
zum Beispiel Kanonen.“

„Meinen sie das wirklich?“

„Es ist mir so
in den Kopf gekommen.“

(Im Hintergrund:
Kommen und Gehen.
Das Volk sitzt nun
auf Kanonen.)

„Ergebt euch, Wasserwerfer!“

(Mittlerweile
entspricht das Szenario
fast schon
der Geschichte,
die einmal war:
Aus den Gebäuden
der höheren und höchsten
Regierungsbeamten
schauen
verdutzte Gesichter
von hohen und höheren
Regierungsbeamten
aus den
Fenstern.
Wasserwerferführer
schauen
verdutzt
auf Kanoniers
und wollen doch nur
Wasser werfen,
im Namen des Volkes.
Das Volk selbst
hält
teils Lanzen,
sitzt
teils auf Kanonen
und schreit
die alten Sprüche.
Die Wasserwerfer
ziehen ab,
da sie für die
Gegenüberstellung
mit Kanonen
nicht bezahlt werden.)

„Freut euch
nicht zu früh!“

„Aber sie ziehen doch ab?“

„Nein, sie ziehen sich nur
zurück.
sie
werden mit stärkeren Waffen
zurückkehren.“

„Zurück, zurück ...
Ja und wir?“

„Mittlerweile sollten
sie etwas gelernt haben!“

(Im Hintergrund:
Kommen und Gehen.
Das Volk hält nun
Atomsprengköpfe
in seinen Händen.)

„Kommt, wir stürmen die Bastille;
wir machen sie gleich,
dem Erdboden
und uns.

Rammt ihnen die Atomsprengköpfe
in ihre dicken Ärsche,
so daß die Spitzen
zu ihren Ohren
wieder rausschaun’

Kommt, wir stürmen ...“

„Moment, moment!“

„Kommen die
Wasserwerfer
schon wieder?“

„Nein, nein.
Es scheint,
sie setzen auf
Abfangraketen.“

„Abfangraketen?“

„Ja, wenn
das Volk
einen
Atomsprengkopf
zündet
und zuvor
hoffentlich
auch abschießt,
so werden
die Abfanggeschütze
wiederum
jene Raketen,
die Sprengköpfe
mit Ziel
auf die Regierungsgebäude
haben,
abfangen.“

„Genial!“

„Na, na.
Respekt vor dem Gegner
sollte zwar sein,
nur,
sie werden sich schon
etwas
einfallen lassen müssen,
um ihre Ziele
durchzusetzen.“

(Das Volk schreit:
„Schaltet das
Global Positioning System
aus!“)

„Das GPS ausschalten,
ja,
das ist die Idee!“

(Das Volk schaltet
das GPS aus,
schießt
Atomsprengköpfe ab
und zündet sie
auch irgendwie.
Die ehemaligen
Wasserwerfer
versuchen
die Raketen zu fangen,
es gelingt ihnen
aber
nicht so recht
und so fliegen
alle Regierungsgebäude
in die Luft
und
die Erde auch.)

„Gratulation, das war
sehr glaubwürdig!“

„Ja, das hat auch
sehr viel
Spaß
gemacht.
Wir gehen jetzt zufriedener
nach Hause.
Auf Wiedersehen.“

„Auf Wiedersehen.
Ähm, moment bitte!“

„Ja?“

„Man wird ihnen vielleicht
sinnloses Handeln
vorwerfen,
unerlaubte Teilnahme
in Gedichten
oder
sonstiges ...
aber es war konsequent;
Sartre hätt’s gefallen.
Der war übrigens auch
Franzose,
wie
ihre Bastille.
Also, dann!
Schöne Zeit.“


(Link zur bühnentauglichen Variation)

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Diesen Text...

mag ich ausserordentlich gerne sehr !!!
Ganz nach meinem Geschmack, und sehr kreativ in Inhalt und Ausführung. Alle Achtung, und mehr davon...

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Otto Lenk
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Und das Volk schreit: "Klasse"......

Mein Kompliment Gruß Otto

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Monfou Nouveau
???
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Hallo uweboe,

ein gelungener, sympathischer "Blues". Sehr reflektiert, eventuell - das kann ich beim ersten Lesen nicht endgültig beurteilen - ein wenig lang, ich meine, man könnte zumindest einmal prüfen, ob sich da etwas straffen ließe, ohne dass das Gedicht darunter leidet.

Was mir gefällt, dass es hier auch einmal "politische Gedichte" gibt. Es wäre früher oder später an die Moderation der Vorschlag heranzutragen, ob man nicht eine Rubrik politische Gedichte eröffnet, sie wäre jedenfalls berechtigt, natürlich müssten sich dafür in der LL erstmal überhaupt Autoren finden, denn im Allgemeinen wird die Idylle lieber besungen als die Revolution.

Viele Grüße

__________________
Monfou

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uweboe
???
Registriert: Aug 2003

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Lieber Waldemar, Otto und Monfou,

ich rechnete ehrlich gesagt mit Pistolenschüssen aus dem Hinterhalt oder doch wenigstens der konsequenten Ignorierung meines Beitrages bis daß er Blauschimmel ansetzen würde!
Aus diesem Grund saß ich auch die letzten 18,4 Stunden im Tresor eines Freundes, der leider - aus Sicherheitsgründen - keinen Internetanschluß zulässt (nicht der Freund, sondern der Tresor).
Erst beim notgedrungenen Gang zur Toilette stach mir jenes "You have mail" - bei offener Klotür kann ich auf den Rechner blicken - so sehnsuchtsvoll in die Augen, daß ich es dann doch wieder einmal nicht sein lassen konnte die fernen Elektrobotschaften zu "verschlingen" ...

... und dann war's von Euch! Herzlichen Dank, ich kann nun wieder ein normales Leben außerhalb dicker Eisenwände leben!

... und überhaupt gibt es so viele spannende Beiträge in der LL, so daß ich bei größter Lebensbedrohung derzeit wohl nicht auf das Internet verzichten möchte!

Herzliche Grüße, Uwe

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GabiSils
???
Registriert: Mar 2002

Werke: 1
Kommentare: 1405
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Hallo Uwe,

toll! Monfou nennt es einen Blues, und in der Tat schreit es geradezu nach Vertonung, wäre ein Text für z.B. TonSteineScherben, wenn es die noch gäbe. Sehr eindringlich und groovt dabei - Applaus!

Edit: Uffza! Da hatte ich vor lauter Überschwang den Titel ganz übersehen, also ist der Blues gar nicht Monfous Verdienst

Gabi

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