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Leselupe.de > Experimentelle Lyrik
Arbeitslosenblues
Eingestellt am 11. 09. 2012 16:32


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Bernd
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Arbeitslosenblues

Ich ging vor nem Jahr ins Arbeitsamt
da war ein langer Gang
am Eingang standen zehn Wachen da
und warteten stundenlang.

Ich wollte sie fragen: „Wo geht’s hier lang“,
da stand ein großes Schild:
„Spreche nicht die Wachen an!“
Da lÀchelte ich mild.

Ich fuhr dann mit mit dem Fahrstuhl hoch
und kam ganz oben an
und doch blieb ich ganz unten
und meldete mich an.

      Und das war schlimm, und das war schlimm,
      und das war wirklich, wirklich, wirklich, wirklich schlimm
      weil man da keine Arbeit hat,
      da wĂ€chst ein großer Grimm.


Ich war schon mal im Arbeitsamt
vor zwanzig Jahren dort,
das neue ist noch schrecklicher,
es ist ein Höllenort.

Ich gab meine Bewerbung ab,
da sagte man zu mir:
„was wollen Sie hier heute,
warum sind sie schon hier?

Sie melden sich nicht arbeitslos!“
„Wieso, das kann nicht sein?“
„Weil Sie nur arbeitssuchend sind,
hier nach ihrem KĂŒndigungsschein!“

      Und das war schlimm, und das war schlimm,
      und das war wirklich, wirklich, wirklich, wirklich schlimm
      weil man da keine Arbeit hat,
      da wĂ€chst ein großer Grimm.


Da sagte die Dame am Empfang:
Drei Monate bevor
sie richtig arbeitslos dann sind,
kommen Sie wieder durch unser Tor.

Und sagen Sie wie alt sie sind:
Mit siebenundfĂŒnfzig wird das schwer,
nun fĂŒllen Sie hier die Formulare aus,
und geben Sie sie wieder her.

Ich fĂŒllte alles aus und dann
bekam ich ein Angebot,
ich konnte mich bewerben,
doch keine Arbeit droht.

      Und das war schlimm, und das war schlimm,
      und das war wirklich, wirklich, wirklich, wirklich schlimm
      weil man da keine Arbeit hat,
      da wĂ€chst ein großer Grimm.


Dann blickte die Dame in ihren Computer und sagte, kommen Sie wieder her,
denn ich bin hier nur die Vertretung, und helfen kann ich ihnen nicht,
doch ich weiß, es wird ganz ganz schwer.
Und da wollte ich wissen, wie es mit Ausbildung steht: „In ihrem Alter nein!“
Und sie gab mir noch ein Angebot und dann schickte sie mich wieder heim.
Ich schrieb jetzt Bewerbungen zu Hauf,
ich kam zum VorstellungsgesprÀch, es nahm dann seinen Lauf.
Im Marketing bin ich nicht gut, in Selbstdarstellung schwach,
„Ich Opfer, ich!“ - so fĂŒhle ich mich,
und die Ministerin lacht,
denn es sei alles wirklich wirklich gut.
Und so kam ich wieder hin und hatte eine neue Betreuerin,
sie wird im Dezember ebenfalls entlassen,
denn dann sind ihre zwei Jahre vorbei,
die sie befristet im Arbeitsamt schaffen darf.
Und es ist ein teuflisches System,
denn man wird ĂŒberall und immer wieder
als faul und Schmarotzer beschimpft.
„Die fleißigen, die 45 Jahre gearbeitet haben.“
Und das Studium wird nicht anerkannt.
Und die Weiterbildung wird nicht anerkannt.

Ich schreibe also Bewerbungen
und schicke sie dann ab,
und jede Absage ist ein Schlag,
mein Kopf ist fast schon ab.

      Und das ist schlimm, und das ist schlimm,
      und das ist wirklich, wirklich, wirklich, wirklich schlimm
      weil man da keine Arbeit hat,
      da wĂ€chst ein großer Grimm.


So stehe ich oft am Arbeitsamt
seit anderthalbem Jahr,
den Àlteren Leuten ginge es gut,
so höre ich immerdar.

Bis sechsundsechzig Jahren
vielleicht bis achzig gar,
so soll ich arbeiten dĂŒrfen,
doch das ist gar nicht wahr.

Nicht mal bis sechzig ist Arbeit da,
trotz Studium und Arbeitsglut,
verhöhnt und verspottet wird man,
die Minister fĂŒhlen sich gut.

      Und das ist schlimm, und das ist schlimm,
      und das ist wirklich, wirklich, wirklich, wirklich schlimm
      weil man da keine Arbeit hat,
      da wĂ€chst ein großer Grimm.


Und da hatte ich nun eine gute Idee und fragte, ob ich nicht in einem Kindergarten anfangen könne.
„DafĂŒr brauchen Sie eine Ausbildung von drei Jahren und dann sind Sie 61. Das ergibt keinen Sinn. Und wenn sie die Ausbildung nebenher machen, dauert es fĂŒnf Jahre.“ Das also wird nichts.

Und man findet nichts. Gar nichts. Niemand möchte einen. Wie Aussatz.
Ich lÀchle trotzdem und bin freundlich.

Es wissen ja viele, dass ich arbeitslos bin,
an RatschlÀgen kriege ich viel.
Ich höre fast schon weg, ich bin
noch lange nicht am Ziel.

Uns wird ein Possenspiel verpasst,
man teilt und man belĂŒgt,
man liest, das lÀge an Griechenland
weil man und dort betrĂŒgt.

      Und das ist schlimm, und das ist schlimm,
      und das ist wirklich, wirklich, wirklich, wirklich schlimm
      weil man da keine Arbeit hat,
      da wĂ€chst ein großer Grimm.


Mein Blues ist lÀngst noch nicht vorbei,
es ist ein altes Lied,
Zynismus verschleißt das Einerlei,
soweit das Auge sieht.

Man spielt die Leute gegeneinander aus,
Hartz eins, zwei, drei und vier,
die FDP spendet Applaus
Herrn Schröder und seiner Gier.

Man verteilt die Arbeit nicht,
es wÀre ja gut, vielleicht, aber alles ist auf KurzzeiteffektivitÀt ausgerichtet, und es geht ein Gespenst um in Europa, das Gespenst des Neoliberalismus.

      Und das ist schlimm, und das ist schlimm,
      und das ist wirklich, wirklich, wirklich, wirklich schlimm
      weil man da keine Arbeit hat,
      da wĂ€chst ein großer Grimm.

__________________
Copy-Left, samisdada, Dada Dresden

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serge gurkski
???
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Niemals vergessen, milde zu lÀcheln!

Das könnte das Allerwichtigste sein,
denn wenn du das nicht mehr kannst,
dann bist du geliefert.
__________________
Habe bonum animum. Plautus

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serge gurkski
???
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Genau thylda:

quote:
erst einmal des Stolzes beraubt
zu sein, tut umso viel mehr weh, als mal nix um Fressen zu haben.

lg
Serge
__________________
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