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Leselupe.de > Humor und Satire
Arbeitswelt
Eingestellt am 04. 04. 2007 14:34


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Maulbeere
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2007

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Ein himmlischer Job

Ihre goldenen Federhalter glĂ€nzten unter ihm in der Sonne. Es war ein so strahlendes Funkeln, ein Aufblitzen kleiner, leuchtender Punkte, wie er es schon lange nicht mehr gesehen hatte. „Heute muss ein besonderer Tag sein“, dachte er. Vom Mittelpunkt des Saales, wo er auf einer erhöhten Plattform stand, konnte er den ganzen Raum ĂŒberblicken, von der ersten Reihe, direkt zu seinen FĂŒĂŸen, bis zur letzten, und Heinz, der oberste Aufseher von Schreibsaal 934564986548665476 betrachtete seinen Verantwortungsbereich aufmerksam. Wie jeden Morgen wandelte er langsam ĂŒber die Plattform, drehte dabei in einem großen Kreis seine Runde, bis er alles gesehen hatte, was es zu sehen gab, mit leicht kritisch gerunzelter Stirn, aber das wollte nichts heißen, denn im Großen und Ganzen war er außerordentlich zufrieden und genoss die Verantwortung seiner Stellung mit einem gewissen Wohlbehagen. Er liebte diesen Platz; deutlich erhoben ĂŒber der Masse der Schreiber fĂŒhlte er geradezu das gleichmĂ€ĂŸige Wogen und Rauschen der Luft, wenn tausende von HĂ€nden sich in rhythmischen Bewegungen ĂŒber das schimmernde Pergament beugten und wie sanft plĂ€tschernde Wellen ĂŒber einen silbernen Ozean glitten. „Es ist das Wirken der Zeit“, dachte er nachdenklich, „diese feinen, kaum sichtbaren FĂ€den des Lebens, die wir ineinander wirken, bis sich Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu einem unentwirrbaren Seil verflechten, das Geschichte heißt und das Schicksal ganzer Völker bedeutet.“

Versonnen gab er sich seinen Überlegungen hin. Er liebte dieses Eintauchen in tiefe Gedanken und fĂŒhlte gleichzeitig die freudige Erregung, teilzuhaben an einem Werk der Vollkommenheit, das seine Vorstellung ĂŒberstieg und das er mehr ahnte als wirklich verstand.

„Jedes dieser BĂŒcher umfasst ein Menschenleben, jede Seite ein Detail, von der Zeugung bis zum Tod, beschreibt es seine kleinsten Nuancen. Und fĂŒgt sich mit anderen BĂŒchern von anderen Menschen zu einer Symphonie erhabener Schönheit und tiefer Harmonie, aber auch schrecklichster MissklĂ€nge und Dissonanzen. Und greift vollkommen ineinander. Jede Begegnung zweier Menschen, jedes Wort und jeder Blick wird mindestens in deren beiden BĂŒchern festgehalten und noch vermerkt im Leben vielfĂ€ltiger Beobachter, gleichgĂŒltiger Passanten und nacherzĂ€hlt in sich verzweigenden Berichten.

Ein glockenĂ€hnliches GerĂ€usch riss ihn aus seinen Gedanken. Ganz am Ende des Saales hatte sich die große TĂŒr geöffnet, ein feines Klicken, das er ĂŒberhört haben musste, und sich wieder geschlossen, mit jenem volltönenden Gong, der jede Faser seines Ich in Schwingung versetzte. Unwillig nahm er wahr, dass mehrere tausend Augenpaare ihre silberne Arbeit verließen, suchend herumfuhren und ihr erhabenes Wirken ins Stocken geriet. Sein Unwillen wurde noch grĂ¶ĂŸer, als er erkannte, wer sich ihm nĂ€herte. „Muss jetzt ausgerechnet dieser rothaarige Flegel hier hereinplatzen“, murmelte er verdrossen, und wischte sich unwillkĂŒrlich den noch kaum fĂŒhlbaren Schweiß von der Stirn. „Der war doch schon als Schreiber eine Niete und jetzt ist er Bote der GeschĂ€ftsleitung. Erdreistet sich meine Arbeit zu stören.“ UnwillkĂŒrlich richtete er sich ein wenig auf und nahm jenen leicht selbstgerechten Gesichtsausdruck an, mit dem er hoffte, jede Kritik an seiner Arbeit im Keim zu ersticken.

Der Bote durchschwebte den Saal mit jener unvergleichlichen Anmut, die den Boten der GeschÀftsleitung eigen war, und die, wie er grimmig bemerkte, kein bisschen zu den flammendrot wehenden Haaren und der leicht schlampigen Erscheinung dieser konkreten Manifestation des höchsten Willens passte.

Mit zusammengepressten Lippen wartete er, bis der Bote direkt vor seinen FĂŒĂŸen landete. „NatĂŒrlich provoziert er mich“, dachte er wĂŒtend. „Landet direkt auf meiner Plattform als wolle er mich umrempeln.“ Diese Plattform, die normale Schreiber niemals zu betreten wagten, und die er selten, um nicht zu sagen niemals verließ, war das allseits sichtbare Zeichen seiner WĂŒrde und so unauflöslich mit seiner Persönlichkeit verknĂŒpft, dass der respektlose Überfall dieses rothaarigen Tölpels geradezu einem körperlichen Angriff gleichkam. „Was gibt’s“, fragte er knapp.

Mit einer langsamen LĂ€ssigkeit, die in völligem Gegensatz zu der rauschhaften Geschwindigkeit seines Fluges zu stehen schien, und die jedem wirklich Verantwortung Tragenden die Zornesröte ins Gesicht treiben musste, kramte Rochus einen unscheinbaren, zerknitterten Zettel aus den wehenden Falten seines Gewandes und ĂŒberreichte ihn mit spitzen Fingern. „Steht alles drauf“, erklĂ€rte er grinsend und umging damit die angemessene Anrede und BegrĂŒĂŸung.

Heinz ergriff den dargebotenen Zettel mit einem unwillkĂŒrlichen Kopfnicken, das fast einer kleinen Verbeugung gleichkam und seinen ohnehin schon entfachten Ärger weiter entflammte. Mit einem gebieterischen Ruck drehte er sich demonstrativ zur Seite, als bedĂŒrfe die Botschaft dieses Zettels der besonderen Geheimhaltung und mĂŒsse vor den unwĂŒrdigen Augen des Boten unbedingt verborgen bleiben, faltete die nicht einmal notdĂŒrftig versiegelte Nachricht auseinander und ĂŒberflog die knappe Anweisung. Erst als sich ihr Inhalt, an seinem Zorn vorbei, einen Weg in sein Bewusstsein gebahnt hatte, verspĂŒrte er das dazu passende flaue GefĂŒhl im Magen, eine dumpfe Übelkeit, die langsam als WĂŒrgereiz in ihm hochstieg und gleichzeitig wie zĂ€her Schleim in seinen Beinen versackte und seine Knochen zu schwabbelndem Pudding zersetzte. Er stĂŒrzte seinem Sessel entgegen, um einem wĂŒrdelosen Zusammensinken auf dem Fußboden zuvorzukommen und las, diesmal mit der ihr zukommenden Aufmerksamkeit, erneut die Anordnung der GeschĂ€ftsleitung. „Franziska Behrens und Michael Kern haben sich ineinander verhakt, bitte umgehend nacharbeiten.“ Mit leicht zitternden HĂ€nden, aber gestĂ€rkt durch die Polster in seinem RĂŒcken ließ er den Gedanken in seinem Kopf Gestalt annehmen. Eine Wolke von Verwicklungen und Komplikationen stieg in ihm auf, eine nicht enden wollende Kaskade aus Korrekturen, Umschreibungen und Inkonsistenzen, die aus der kleinen Anweisung in seiner Hand heraufzogen und wie eine Lawine immer weitere Leben erfassen wĂŒrden, von kleinsten Nuancen, bis zu vollstĂ€ndig neuen LebensentwĂŒrfen. „Sind Kinder geplant“, flĂŒsterte er matt.

„Der Alte hat seine Zustimmung gegeben“, erwiderte der Bote knapp. „Die notwendigen Details erhalten sie auf dem ĂŒblichen Wege.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte er sich zum Gehen, hielt aber mitten in der Bewegung inne und ergĂ€nzte mit herablassender LiebenswĂŒrdigkeit. „Sie sind dafĂŒr verantwortlich, dass ihnen die Zeit nicht davonlĂ€uft. Die neue Entwicklung bahnt sich gerade an, fĂŒr die ersten Korrekturen verbleiben ihnen noch knappe 5 Minuten.

Heinz hĂ€tte spĂ€ter nicht mehr sagen können, ob der Bote sich ĂŒberhaupt von ihm verabschiedet hatte. Seine Gedanken kreisten wie MĂŒhlsteine. Zuerst musste die unmittelbare Gefahr abgewendet werden. „Wenn wir von der Zeit ĂŒberholt werden, entsteht ein Riss in der Wirklichkeit, der nur noch von der Task Force gekittet werden kann. Dann wimmelt es hier monatelang von arroganten Schnöseln, die das Unterste nach oben krempeln“ und die, wie ihm ganz nebenbei bewusst wurde, auch noch die letzte Leiche aus seinem Keller ziehen wĂŒrden. „Verdammter Mist“, murmelte er und fĂŒhlte im selben Augenblick seinen Schwindel geradezu explodieren. „Auch das noch.“ Er schĂŒttelte den Kopf. „Irgendwer will mich absĂ€gen“, flĂŒsterte er und musste dabei unwillkĂŒrlich an den rothaarigen Boten denken. „Da macht man jahrelang seinen Job, bĂŒgelt Ungereimtheiten aus, die andere einfach unter den Teppich kehren, und dann provoziert dieser Flegel mit seiner UnverschĂ€mtheit, und wahrscheinlich mit voller Absicht, auch noch einen absolut ĂŒberflĂŒssigen Verstoß gegen die siebte Grundregel. Dabei bin ich sowieso schon angezĂ€hlt. Klar, manchmal lĂ€sst die oberste GeschĂ€ftsleitung so einen Fluch durchgehen, aber wenn sie mich fertig machen wollen, hat dieser rote Teufel ihnen dafĂŒr den passenden Anlass geliefert.“

***


Es musste ihre Stimme sein. Michael ließ seinen Gedichtband sinken, in dem er nachdenklich geblĂ€ttert hatte und sah auf. Er hatte nicht genau zugehört, war mehr damit beschĂ€ftigt gewesen, selbst etwas Geeignetes zu finden, etwas, das vor allem frech und möglichst provozierend war und Raum fĂŒr Diskussionen gab, und sah auf. Franziska hieß die Neue, er erinnerte sich undeutlich, die das erste oder zweite Mal in das Lyrikseminar gekommen war, und die er kaum wahrgenommen hatte. Ein MĂ€dchen mit dunkelblonden Haaren und Brille, die bisher fast nichts gesagt hatte, jedenfalls nichts, was ihm aufgefallen wĂ€re, und die gerade angefangen hatte „Ebereschen“ vorzulesen.

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Pete
Guest
Registriert: Not Yet

Sehr schöne Kurzgeschichte. Ich bin nur ĂŒber den letzten Absatz gestolpert, habe den Wechsel des Protagonisten nicht sofort begriffen. Vielleicht wĂŒrde es helfen, einen grĂ¶ĂŸeren Absatz zu machen. Ich selbst mache auch gerne drei Sternchen:

***

so etwa.

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