Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, mĂŒssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5561
Themen:   95461
Momentan online:
226 Gäste und 8 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Horror und Psycho
Arcimboldos Fluch
Eingestellt am 11. 11. 2012 12:30


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Rejtely
AutorenanwÀrter
Registriert: Sep 2011

Werke: 3
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rejtely eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Eines Vormittags zieht Frank aus der MĂŒlltonne eine Pizza, an der nichts fehlt und die gut riecht. Sie steckt sogar noch in der PapphĂŒlle der Pizzeria, aus der sie kommt. Deren Name steht in großen Lettern auf der Schachtel: „ARCIMBOLDO“, und darunter, etwas kleiner, die Jahreszahl 1593.

Frank verschwendet nur wenig Gedanken daran, wer wohl eine ganze Pizza samt Schachtel wegwirft. Den Namen „Arcimboldo“ glaubt er schon einmal gehört zu haben, es fĂ€llt ihm aber nicht mehr ein, wer das gewesen sein soll. Und kein Wunder, denn Frank hat Hunger, so riesig, dass die Sparflamme seiner GedĂ€chtnisleistung beinahe völlig erlischt. Bevor er von der Pizza abbeißt, schaut er sie jedoch an.

Am Rand entlang sind zwölf schwarze Oliven gleichmĂ€ĂŸig verteilt, vier davon mit dĂŒnnen Tomatenscheiben unterlegt.

Aus der Mitte heraus laufen zwei rote Paprikastreifen zu den Oliven hin, der eine etwas lÀnger und schmaler, der andere kurz und dick. Wie eine Uhr sieht sie aus, diese Pizza.

Frank wird etwas unruhig, mehrmals bewegt er die Pizza zu seinem Mund und lĂ€sst die Arme unentschlossen wieder sinken, bevor er endlich davon abbeißt. Gleich darauf wird er vom untrĂŒglichen GefĂŒhl ĂŒberfallen, dass mit dieser Pizza irgendetwas nicht stimmt. Misstrauisch verlangsamt er sein hastiges Kauen und versucht, sich auf ihren Geschmack zu konzentrieren. So seltsam und fremd ist er, unmöglich, ihn zu definieren. Schlecht schmeckt die Pizza nicht, nein, das ist es nicht, sie schmeckt sogar hervorragend, aber sie ist auf eine furchterregende Art köstlich, so ĂŒbermĂ€ĂŸig, wie es Speisen nicht eigen ist, wie etwas, das so kostbar und unersetzlich ist, dass es niemals gegessen werden darf. Frank glaubt, diesen ĂŒbernatĂŒrlichen Genuss nicht mit seinen Geschmacksrezeptoren wahrzunehmen. Auch nicht mit seinen Riechzellen. Er spĂŒrt ihn durch seinen ganzen Körper rasen und entschwinden, mit einem ihm bisher unbekannten Sinnesorgan, das er gar nicht haben kann. Schnell verschluckt er das abgebissene PizzastĂŒck in der Hoffnung, dass er sich dadurch von diesem schaurigen GefĂŒhl befreien wĂŒrde. Auf einmal hat er keinen Appetit mehr. Trotzdem nimmt er die Pizza mit, denn zu essen hat er sonst nichts.

Zu Hause lĂ€sst er die Schachtel auf dem KĂŒchentisch liegen. Es wird bald Mittag und Frank ĂŒberlegt unwillig, ob er nicht doch weiter von der Pizza essen sollte. Zum GlĂŒck fĂ€llt ihm aber ein, dass mittags an diesem Wochentag eine karitative Organisation auf dem GelĂ€nde hinter dem Großmarkt Lebensmittel an BedĂŒrftige verteilt. Dort wird er etwas AnstĂ€ndiges zu essen bekommen. Er zieht schnell seine schmutzige Jacke wieder an und eilt da hin.

Als der Hungrige am großen Parkplatz ankommt, sieht er nur einen ehrenamtlichen Helfer, der leere Kisten in den Transporter mit dem Logo der karitativen Organisation einrĂ€umt.

„Bekommt man heute keine Lebensmittel hier?“, fragt Frank ihn beunruhigt.
„Doch, es war eine Menge da, aber es kamen sehr viele Menschen und alles ging in einer halben Stunde weg. Sie sind leider zu spĂ€t gekommen, seien Sie am besten bei der nĂ€chsten Ausgabe bereits kurz vor 12 hier“, antwortet ihm der Mann mitleidig.
„Aber es ist erst zwölf!“, protestiert Frank.

Der gĂŒtige Herr schaut auf seine Uhr: „Es ist kurz nach 13 Uhr. Sie mĂŒssen sich mit der Zeit vertan haben. Es tut mir sehr Leid. Haben Sie nichts mehr zu essen?“

Frank nickt. Der Helfer geht zur Fahrerkabine und holt einen kleinen Rucksack. „Ich habe es nicht geschafft, meine Brotzeit aufzuessen, weil es so viel zu tun gab. Hier ist noch ein halbes belegtes Brötchen, nehmen Sie es.“

Frank bedankt sich und verschwindet schnell, denn er schĂ€mt sich, weil er gelogen hat. Eigentlich hat er noch eine fast ganze Pizza in seiner Wohnung. Verwirrt und ĂŒbel gelaunt trottet er wieder nach Hause. Als er die TĂŒr aufsperrt, sieht er, dass die Wanduhr inzwischen Viertel vor zwei zeigt. Offensichtlich hat er sich tatsĂ€chlich mit der Uhrzeit getĂ€uscht, anders kann es gar nicht gewesen sein.

Seine Stimmung hellt sich ein wenig auf, als er sich an seine bevorstehende Verabredung erinnert. Endlich hat der Arbeitslose eine Frau kennen gelernt, die bereit war, sich mit ihm zu treffen. Die meisten wollen so einen Loser wie ihn nicht. Leider hat er kein Geld, um sie zum Essen auszufĂŒhren, wie es sich gehört, nicht mal einen Kaffee kann er ihr spendieren. Deshalb wird er sie am Nachmittag im Stadtpark treffen und mit ihr am Fluss spazieren gehen. Dort ist es im FrĂŒhling besonders schön. Hoffentlich wird sie sich nicht langweilen. Frank nimmt eine Dusche. Sein Magen knurrt. Die halbe Semmel war wohl zu wenig. Zögernd blickt er zum KĂŒchentisch. Beharrlich und sich ihrer AllmĂ€chtigkeit bewusst beobachtet ihn die unheimliche Pizza mit ihren vielen Olivenaugen. Ihm wird unwohl bei dem Gedanken, wieder davon zu essen, aber er kann sich doch nicht mit solchen verrĂ€terischen KörpergerĂ€uschen bei seinem lang ersehnten Rendezvous blamieren. Tapfer beißt er noch einmal in den Pizzarand. Und wieder ĂŒberkommt ihn das gleiche merkwĂŒrdige GefĂŒhl. AngsterfĂŒllt klappt er den Schachteldeckel wieder zu und nimmt seine Jacke vom TĂŒrhaken herunter, sieht dann aber wie schmutzig sie ist und hĂ€ngt sie sogleich wieder auf.

Ohne Mahlzeit und warme Kleidung geht Frank zum Treffen. Der FrĂŒhlingstag ist noch etwas kĂŒhl und nachdem er eine ganze Weile am verabredeten Ort im Park herum gestanden ist, beginnt er zu frieren. Er trĂ€gt keine Uhr und kann nicht nachsehen, meint aber, dass er bestimmt schon seit einer halben Stunde auf seine Herzensdame wartet. Der Versetzte holt aus seiner Jeanstasche den zerknĂŒllten Zettel mit ihrer Nummer. Wie soll er sie aber anrufen, sein Handy ist in der Jackentasche und die Jacke hat er daheim gelassen. Und selbst wenn er es dabei gehabt hĂ€tte, hĂ€tte er nur nachsehen können, ob sie sich gemeldet hat. Selbst hĂ€tte er damit nicht telefonieren können, denn sein Guthaben war schon lĂ€ngst aufgebraucht. Der enttĂ€uschte Mann bittet die Passanten, ihm zu erlauben, seine neue Freundin von ihren Handys anzurufen.

„Verpiss dich!“ oder „Kauf dir selber ein Handy, du Penner!“ bekommt er zu hören. Endlich hat ein etwa gleichaltriger Mann Mitleid und leiht ihm kurz sein Mobiltelefon.

„Wie dreist bist du eigentlich?!?“ brĂŒllt die Stimme auf der anderen Seite. „Du glaubst doch nicht wirklich, dass ich ĂŒber eine Stunde auf dich warte, du Idiot!“
„Wieso ĂŒber eine Stunde, ich war doch pĂŒnktlich und warte schon die ganze Zeit auf dich
“ rechtfertigt sich Frank.
„Ich lasse mich doch nicht fĂŒr dumm verkaufen!“, zetert die verĂ€rgerte Frau.
Frank blickt daraufhin auf das Handydisplay, dort steht 18:34 Uhr. „Ich verstehe das nicht“, murmelt er, „ich war ganz bestimmt um fĂŒnf Uhr da, wie abgemacht.“
Sie schweigt dann eine Weile und scheint sich zu beruhigen, danach sagt sie aber: „Mit einem Typen, der nicht mal die Uhrzeit lesen kann, brauche ich mich ĂŒberhaupt nicht zu treffen“ und legt auf.

Als Frank am nĂ€chsten Morgen aufwacht, redet er sich ein, dass es nur ein besserer Tag werden könne und er den Spuk vom Vortag am besten vergessen sollte. Was ihm Mut macht, ist das VorstellungsgesprĂ€ch, das er heute um 15 Uhr hat. Die Aussicht auf einen Job und darauf, wieder Geld zu verdienen, beruhigt ihn. Dann wird er sicher auch leichter neue Frauen kennen lernen und auf die von gestern pfeifen können. Bevor er zum Vorstellungstermin aufbricht, stopft er noch ein Paar PizzastĂŒcke in den Mund, obwohl es ihm widerstrebt, denn er will nicht völlig ausgehungert dort erscheinen.

Der potenzielle Arbeitgeber empfÀngt ihn aber mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck und bedauert, er könne einen Bewerber, der bereits zum VorstellungsgesprÀch eine Stunde zu spÀt komme, in seiner Firma nicht gebrauchen.

Frank rennt verzweifelt nach Hause, stĂŒrmt in die KĂŒche und reißt den Deckel der Pizzaschachtel auf. Sie ist wirklich eine Uhr und muss etwas mit seinem UnglĂŒck zu tun haben, jedes Mal, nachdem er von ihr isst, passiert ihm ein Missgeschick, bei dem die Zeit verrĂŒckt spielt. Drei Oliven von ihr fehlen, stellt er fest, nur wo ist bei dieser von seinen Bissen deformierten Pizzauhr oben und unten? Wo beginnt ihr Zifferblatt? Wild geworden kreist er um den KĂŒchentisch und jagt nach seinen eigenen entgleisenden Gedanken, bis er die richtige Position findet, aus der es erschreckend deutlich wird: der fatalen Pizzauhr fehlen jene Oliven, die stellvertretend fĂŒr die Zahlen 3, 5 und 12 gestanden hatten. Um drei hatte er heute sein VorstellungsgesprĂ€ch und wollte gestern um zwölf zur Lebensmittelausgabe und um fĂŒnf zu seiner Verabredung. Waren jetzt die Stunden, die er gegessen hatte, etwa aus seinem Tag verschwunden? Zum GlĂŒck hatte er sonst nur StĂŒcke zwischen den noch vorhandenen Oliven abgebissen.

Wenige Wochen spĂ€ter findet Frank einen Job bei einem Logistikunternehmen. Er muss Pakete nach Postleitzahlen sortieren und sie in die entsprechenden Container laden. Es ist eine Knochenarbeit, aber er ist froh, ĂŒberhaupt eine Stelle gefunden zu haben. Zwar hat sich sein Leben dadurch finanziell verbessert, doch seitdem sein Tag nicht mehr aus 24 Stunden besteht, sondern nur aus 18, bekommt er zunehmend Schwierigkeiten.

Wenn er bei der Arbeit in die mittlere Schicht eingeteilt wird, die um 11 Uhr vormittags beginnt, schafft er es nicht, seine Aufgaben zu erledigen, egal wie er sich auch abmĂŒht. Dauernd muss er den WutausbrĂŒchen seines Vorgesetzten ausweichen: „Wo warst du so lange, ich habe dich ĂŒberall gesucht! Siehe nur, so viele Pakete, das Förderband ist verstopft!“. Von Tag zu Tag wird seine Lage immer kritischer und Frank muss zu Recht um seinen Job fĂŒrchten.

Er ist auch chronisch unausgeschlafen. Zwar verbringt er wie ĂŒblich scheinbar acht Stunden im Bett, tatsĂ€chlich sind es aber nur fĂŒnf, die der Zeitberaubte jede Nacht schlafen kann. Die fehlenden Stunden kann er aufgrund seines verkĂŒrzten Tages nicht mehr nachholen. Der harte Job tut noch ein Übriges dazu und Frank wird immer kraftloser.

Außerdem muss er die ganze Zeit höllisch aufpassen, dass er sich in den kritischen Stunden an einem sicheren Ort aufhĂ€lt. Dass er zum Beispiel nicht Punkt 15 Uhr eine stark befahrene Straße ĂŒberquert.

Belastend ist es auch, dass er noch mehr von seiner ohnehin knapp gewordenen Zeit verliert, wenn er zu den fĂŒr ihn nicht mehr existierenden Stunden mit dem Bus oder mit der U-Bahn unterwegs ist. Dann kommt er ganz woanders an, oft sehr weit von der Haltestelle entfernt, an der er eigentlich aussteigen wollte und muss die Strecke wieder zurĂŒck fahren. Einmal musste er sogar mehrere Stunden im Tunnel nach der Endstation der U-Bahn ausharren, bis sein Zug wieder herausgefahren wurde. Und als wĂ€re sein Leiden nicht schon groß genug gewesen, schimpfte ihn der U-Bahn-Fahrer noch, als er ihn im Fahrzeug entdeckte.

Überdies ist er gezwungen, seine Pizza akribisch zu bewachen, die immer noch erschreckend frisch aussieht und duftet, als wĂ€re sie gerade gebacken. Immer wieder zĂ€hlt er die ĂŒbrig gebliebenen Oliven ab und will gar nicht daran denken, was wohl passieren wĂŒrde, wenn noch mehr davon oder gar alle abgebissen wĂŒrden. NatĂŒrlich machte er den Versuch, neu gekaufte Oliven auf die Pizza zu legen, da wo er noch Platz dafĂŒr auf ihrer OberflĂ€che fand, nur nutzte das leider nichts – im Gegensatz zu den bereits vorhandenen Oliven, verschimmelten und verdarben die neuen nach einigen Tagen, ohne einen Zeitwiedergewinn zu bewirken.

Eines Morgens vergisst Frank in seiner ÜbermĂŒdung die WohnungstĂŒr abzuschließen. Als er nach Hause kommt, entdeckt er in der KĂŒche seinen Nachbarn, der die offene TĂŒr wohl bemerkt hat und nach dem Rechten sehen wollte. Dieser schaut gerade neugierig in den Pizzakarton hinein, der immer gut sichtbar in der KĂŒche steht und ist im Begriff, seinen Inhalt zu probieren. „Nein!“, kreischt Frank, stĂŒrmt durchs Zimmer und reißt ihm die Pizzaschachtel aus der Hand. Sein Gast schafft es nicht, davon zu kosten, aber einige Oliven kullern bei dem Gefecht auf den KĂŒchenboden. Entsetzt sammelt Frank diese ein und bringt sie mit zitternden Fingern wieder an ihre ursprĂŒnglichen PlĂ€tze. Der verdutzte Nachbar bekommt nur Schluchzer und wirres Zeug zu hören und zieht es vor, sich zu verabschieden.

Frank kriecht verĂ€ngstigt in sein Bett. Was ist jetzt, wenn es nicht funktioniert, die Oliven einfach wieder auf den Pizzarand zu legen, nachdem sie einmal heruntergefallen sind? Was wird passieren, wenn er ihre PlĂ€tze vertauscht hat? Der Elende wĂ€lzt sich die ganze Nacht hin und her, zum Spielball einer Horde böswilliger AlptrĂ€ume geworden, die ihn zwischen den einzelnen Runden des Schreckens immer wieder wachrĂŒtteln. Am Ende der unruhigen Nacht bleibt es unklar, ob ihm nun noch weitere Stunden fehlen oder sonst sich etwas in seinem zerfressenen Tag- und Nachtrhythmus verschlechtert hat, denn er weiß nicht genau, wie lange er geschlafen und wie lange nur wach gelegen hat.

Im Laufe des Vormittages wĂ€chst Franks Panik ins Unermessliche. UnfĂ€hig die Ungewissheit weiter zu ertragen, packt er die Pizzaschachtel und rennt damit aus der Wohnung. In die MĂŒlltonne wird er das Teufelswerk wieder versenken, aus der er es herausgeholt hat. Ja, genau das wird er tun, geschehe, was wolle! Er ist nicht mehr in der Lage, sie Tag und Nacht zu bewachen, so kann er nicht weiter leben. Noch ist es nicht zwölf, mit dem Bus schafft er es bestimmt, noch rechtzeitig zu jener MĂŒlltonne im Schlachthofviertel zu gelangen. Er will diesen UnglĂŒcksfund keine Minute lĂ€nger bei sich behalten.

Doch der Bus hat VerspĂ€tung. Es ist ein Julitag, die Sonnenstrahlen können Frank aber nicht aufwĂ€rmen – zitternd sitzt er an der Haltestelle mit dem Pizzakarton auf dem Schoss und drĂŒckt verzweifelt seine Kanten zusammen. Nachdem auch der nĂ€chste Bus nicht nach Fahrplan kommt, ertönt durch den Lautsprecher eine Durchsage, die Frank leider nicht verstehen kann, weil gerade in diesem Moment ein großer Lastwagen vorbei braust. WĂŒtend schaut er dem lauten Fahrzeug nach, doch als dieses sich entfernt und die Sicht auf eine LitfaßsĂ€ule auf der gegenĂŒberliegenden Kreuzungsecke freigibt, stockt ihm der Atem. „ARCIMBOLDO“ liest er auf dem Plakat dort!

Frank springt und rennt bei roter Ampel ĂŒber die Straße. „Eine Ausstellung im Italienischen Kulturzentrum zum 410. Todestag von Arcimboldo“ verkĂŒndet der WerbetrĂ€ger. Der Verzweifelte blickt zu den auf der Pizzaverpackung aufgedruckten Ziffern hinunter und schluckt – sie bilden das Todesjahr des Malers. Neben dem Text ist auch eine Reproduktion des KĂŒnstlers abgebildet, die Frank sehr merkwĂŒrdig erscheint. Von der Haltestelle aus hat er geglaubt, ein Menschengesicht darin zu sehen, aus nĂ€chster NĂ€he ist es aber nur eine Ansammlung von dicht neben- und ĂŒbereinander geordneten Lebensmitteln. Arcimboldos GemĂ€lde sind offensichtlich verrĂ€tselt. Er muss unbedingt zu dieser Ausstellung, vielleicht findet er dort die Lösung, wie man das Unheil stoppen kann.

Hektisch sucht er das Plakat nach der Anschrift des Italienischen Kulturzentrums ab. Ganz unten steht sie. Dieses Mal hat er ausnahmsweise GlĂŒck – es ist ganz in der NĂ€he, nur ein paar Straßen weiter. Die Pizzaschachtel fest umklammernd rennt der Verlorene abermals los.

„Sie dĂŒrfen mit der Pizza nicht in die Ausstellung“, bedauert die Dame an der Kasse. „Essen sie diese erst mal in Ruhe auf, dann lasse ich sie herein.“
„Nein!“, entgegnet der Besucher mit entsetzter Stimme.
„Sie können auch unsere SchließfĂ€cher benutzen. Sie sind im Raum dort links vom Ausgang.“

UnverzĂŒglich folgt Frank der Anweisung und sucht den beschriebenen Raum auf. Dort hĂ€lt sich in diesem Moment sonst niemand auf, das ist gut, denkt der erschöpfte Mann, und in einem KĂ€stchen eingesperrt ist seine Pizza sicher, wenn das Zeitloch sich öffnet. Er muss nur ganz schnell eine passende MĂŒnze fĂŒr das Schließfach finden, denn es ist gleich soweit. Hastig stellt er die Pizzaschachtel auf den Boden ab, um sein Geldbeutel zu durchsuchen. Er will die MĂŒnze in den Schlitz am TĂŒrchen einstecken, in der Hektik rutscht sie ihm aber zwischen den Fingern und rollt auf den Boden. Frank kniet sich neben die Pizza hin und greift nach dem GeldstĂŒck, doch bevor er es erreichen kann, wird die zwölfte Stunde des Tages vollendet und seine Bewegung abgeschnitten. Als er sie wieder zu Ende ausfĂŒhren kann, greift seine Hand ins Leere – keine MĂŒnze und keine Pizza liegen mehr auf dem Boden. Verloren schaut er sich um, aber er kann nichts finden.

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6342
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Das ist keine Science Fiction. Soll ich es zur Fantasy oder in die Horror-Abteilung schieben?



Nette Story, aber irgendwie kommt sie mir recht unterkĂŒhlt daher, sehr infobetont. Stimmung kommt kaum auf. Der Spannungsbogen kommt dadurch auch nicht so gut zur Geltung (abgesehen davon, dass er ein paar unnötige Plateauphasen hat, wo steigerungslos das Gleiche gesagt wird).




__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Rejtely
AutorenanwÀrter
Registriert: Sep 2011

Werke: 3
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rejtely eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo und danke fĂŒr die Kommentare.

Nach deinem Ermessen kannst du die Geschichte verschieben, aber zu "Fantasy" oder "Horror" gehört sie auch nicht wirklich, finde ich.

Bearbeiten/Löschen    


jon
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Lektor
Registriert: Nov 2000

Werke: 147
Kommentare: 6342
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um jon eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Ich habe sie mal bei "Horror & Psycho" abgelegt. Einfach so Stunden zu verlieren, empfinde ich als reinsten Psycho-Horror. Und auch das offene Ende ist typisch fĂŒr dieses Genre.


Ich habe ĂŒbrigens noch eine gravierende LĂŒcke in Plot und Spannungsbogen gefunden: Die Feststellung, dass nicht nur an dem Tag, als er von der Pizza abbiss, Stunden fehlten, sondern sie fĂŒrderhin IMMER fehlen. Und wie er merkt, dass auch nachts die Stunden fehlen.

Die UnterkĂŒhlung entsteht ĂŒbrigens auch dadurch, dass du zwar die ersten Szenen (wie bemerkt er es?) szenisch erzĂ€hlst, den Hauptteil Story (was hat das fĂŒr Auswirkungen?) aber eher berichtest (info-betont). Vielleicht sollte man einen typischen Mittlere-Schicht-Tag erzĂ€hlen und diesen in der Nachbar-Sequenz gipfeln lassen. Das wĂŒrde den teilweisen Info-Charakter des Textes stĂ€rker zurĂŒckdrĂ€ngen.


Einige Details:

AbsÀtze immer mit oder immer ohne Leerzeile.

Ein bisschen manieristisch kommt der Text schon daher: viele (z. T. ĂŒberflĂŒssige oder gar unverstĂ€ndliche) Adjektive, lieber umstĂ€ndlich-farbige SĂ€tze als markante. Das mag zum „Fluchgeber“ passen, trĂ€gt aber zum unterkĂŒhlt-verkĂŒnstelten Klang bei.

quote:

 und darunter, etwas kleiner, die Jahreszahl 1593.
Ok, Frank ist zu hungrig zum Denken, aber eher noch als "den Namen kennst du doch?" sollte ihm die Frage einfallen "Jahr 1593? So alt ist doch keine Pizzaria - was soll das also heißen?" Lösung fĂŒr die Story: Nenn es nicht Jahreszahl, dann stolpert man nicht sofort darĂŒber.

quote:
Und kein Wunder, denn Frank hat Hunger, so riesig, dass die Sparflamme seiner GedÀchtnisleistung beinahe völlig erlischt.
Beispiel fĂŒr das Gezierte: Es klingt hĂŒbsch, ist aber nicht einen Deut aussagekrĂ€ftiger als „Er ist zu hungrig, um nach einer Antwort zu suchen."

quote:
Offensichtlich hat er sich tatsÀchlich mit der Uhrzeit getÀuscht, anders kann es gar nicht gewesen sein.
Noch so ein Beispiel: Der zweite Teilsatz ist völlig ĂŒberflĂŒssig, inhaltlich sogar irrefĂŒhrend. Wenn Frank das denkt, heißt das, dass er zumindest ansatzweise zweifelt, sich einfach so nur "in der Zeit vertan" zu haben. Es fĂ€llt ihm nur keine andere ErklĂ€rung ein, so dass er wohl oder ĂŒbel die akzeptieren muss, die ihm nicht ganz richtig vorkommt. Nun kann das zwar so sein, nur: In der Story steht es so nicht drin. Es mĂŒsste aber drin stehen, denn "in der Zeit vertun" kann jedem mal passieren, warum Frank daran zweifelt, bedĂŒrfte einer ErklĂ€rung.

quote:
Endlich hat der Arbeitslose eine Frau kennen gelernt, die bereit war, sich mit ihm zu treffen.
bereit ist

quote:
Tapfer beißt er noch einmal in den Pizzarand.
Nicht sehr logisch. Ok, am MĂŒllcontainer hat er so einen Knast, dass er gleich (vom Rand her) abbeißt. Einmal zu Hause wird er die Pizza aber durchschneiden, denn von einem StĂŒck lĂ€sst sich leichter abbeißen, als wenn man die ganze Pizza jonglieren muss. Es ist fĂŒr die Story wichtig, dass er vom Rand her abbeißt – und das auch noch mal hier, mal da (!) –, du solltest deshalb eine gute ErklĂ€rung finden, warum er so merkwĂŒrdig vorgeht.

quote:
Und wieder ĂŒberkommt ihn das gleiche merkwĂŒrdige GefĂŒhl. AngsterfĂŒllt klappt er den Schachteldeckel wieder zu und nimmt seine Jacke vom TĂŒrhaken herunter, sieht dann aber wie schmutzig sie ist und hĂ€ngt sie sogleich wieder auf.
HĂ€ufung "wieder"
Komma nach "schmutzig sie ist"

quote:
und nachdem er eine ganze Weile am verabredeten Ort im Park herum gestanden ist,

herum gestanden hat

quote:
Wie soll er sie aber anrufen, sein Handy ist in der Jackentasche und die Jacke hat er daheim gelassen.
Das klingt so, als hĂ€tte er einfach nur vergessen, das Handy raus- und mitzunehmen. Zugleich klingt es aber so, als wĂŒrde es ihm nicht jetzt auffallen, sondern als sei es ihm schon seit einiger Zeit bewusst. Seit wann? Und warum nimmt er dann erst den Zettel raus?
Überhaupt klingt das alles ungeplant, so als wĂ€re es dem Autor erst beim Schreiben eingefallen. So in der Art "Warten. Anrufen 
 Nö, zu unspannend. Ah! Er kann nicht anrufen, weil er das Handy nicht mithat! Und ĂŒberhaupt: Er ist arm, ich kann da gleich mal zeigen, dass man dann selbst mit dem Telefonieren ein Problem hat." In Wirklichkeit bringt dieses Verquere fĂŒr die Story gar nichts, also lass ihn gleich anrufen.

quote:
Der enttÀuschte Mann bittet die Passanten, ihm zu erlauben, seine neue Freundin von ihren Handys anzurufen.
EnttÀuscht wovon? Dass das Handy "leer" ist? Dass er es vergessen hat?


quote:
„Mit einem Typen, der nicht mal die Uhrzeit lesen kann, brauche ich mich ĂŒberhaupt nicht zu treffen“

 sie braucht sich mit ĂŒberhaupt niemandem zu treffen. Wolltest du sagen, mit jemandem, der die Uhr nicht lesen kann, braucht man sich nicht zu einer bestimmten Uhrzeit zu verabreden?

quote:
Bevor er zum Vorstellungstermin aufbricht, stopft er noch ein Paar PizzastĂŒcke in den Mund, obwohl es ihm widerstrebt, denn er will nicht völlig ausgehungert dort erscheinen.
Jetzt hat er sie also in StĂŒcke geschnitten. Das passt nicht zu dem weiter hinten.
Nicht eindeutige Bezugnahme: Es widerstrebt ihm, weil er nicht ausgehungert dort erscheinen will?
besser: stopft er sich in den Mund


quote:
Bevor er zum Vorstellungstermin aufbricht, stopft er noch ein Paar PizzastĂŒcke in den Mund, obwohl es ihm widerstrebt, denn er will nicht völlig ausgehungert dort erscheinen.

Der potenzielle Arbeitgeber empfÀngt ihn aber mit einem unzufriedenen Gesichtsausdruck

Typisches Aber-Problem: Weil Frank die Pizza gegessen hat, sollte der Mann ihn eigentlich mit zufriedenem Gesicht empfangen, was er aber nicht tut?


quote:
Frank rennt verzweifelt nach Hause, stĂŒrmt in die KĂŒche und reißt den Deckel der Pizzaschachtel auf. Sie ist wirklich eine Uhr und muss etwas mit seinem UnglĂŒck zu tun haben, jedes Mal, nachdem er von ihr isst, passiert ihm ein Missgeschick, bei dem die Zeit verrĂŒckt spielt.
Offenbar weiß Frank das sofort im Moment der Ablehnung, denn er rennt offenkundig deshalb nach Hause. Woher weiß es es? Ich sah im Text weder eine Art "Herleitung" noch einen Gedankenblitz.
nachdem er von ihr gegessen hat
Es ist kein Missgeschick, bei dem die Zeit verrĂŒckt spielt, sondern die Zeit spielt verrĂŒckt, was zu etwas fĂŒhrt, das wie ein Missgeschick aussieht. (Möglich: „Otto erlebte heute lauter Missgeschicke, bei denen etwas zu Bruch ging.“ Oder "Weil die Vase kaputt ging, passierte Otto das Missgeschick, sich an der Scherbe zu schneiden." In dem Fall: „Weil die Zeit verrĂŒckt spielte, erlitt er Dinge, die wie das Missgeschick ,in der Zeit vertan‘ aussahen.“

quote:
Überdies ist er gezwungen, seine Pizza akribisch zu bewachen, die immer noch erschreckend frisch aussieht und duftet, als wĂ€re sie gerade gebacken.
Warum ist er dazu gezwungen? Ab in die Ecke damit und fertig! Oder hat er stÀndig Leute/Tiere in der Wohnung, die das Teil anknabbern könnten?
gebacken worden


quote:
Der Verzweifelte blickt zu den auf der Pizzaverpackung aufgedruckten Ziffern hinunter und schluckt – sie bilden das Todesjahr des Malers. Neben dem Text ist auch eine Reproduktion des KĂŒnstlers abgebildet,
Eine Reproduktion des KĂŒnstlers?
Auf der Pizzaschachtel (die er gerade anschaut)? Warum stand das vorn nicht?

quote:
„Essen sie diese erst mal in Ruhe auf, dann lasse ich sie herein.“
Zweimal: Das Wort "Sie" (2. Person Einzahl) wird groß geschrieben.


quote:
und in einem KÀstchen eingesperrt ist seine Pizza sicher, wenn das Zeitloch sich öffnet.
Seit wann muss er die Pizza vor den Zeitloch schĂŒtzen (in der KĂŒche stand sie ungeschĂŒtzt rum) ? Und warum?

quote:
um sein Geldbeutel zu durchsuchen
seinen

quote:
Als er sie wieder zu Ende ausfĂŒhren kann,
Wie oft hat er diesen Bewegung denn schon zu Ende ausgefĂŒhrt, dass er es jetzt wieder kann?
__________________
Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalÀsst (Klaus Klages)

Bearbeiten/Löschen    


Rejtely
AutorenanwÀrter
Registriert: Sep 2011

Werke: 3
Kommentare: 4
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um Rejtely eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Vielen Dank fĂŒr die ausfĂŒhrliche Antwort und fĂŒr die hilfreichen Hinweise. Ich werde sicher viele davon beachten, sobald ich die Zeit finde, die Geschichte zu ĂŒberarbeiten.

Bearbeiten/Löschen    


ZurĂŒck zu:  Horror und Psycho Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung