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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Arkadien
Eingestellt am 07. 02. 2009 10:25


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Felicitas Stein
Hobbydichter
Registriert: Feb 2009

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Mein Arkadien

Ich habe den Ort gefunden, nach dem sich meine Seele ein ganzes Erwachsenenleben lang gesehnt hat, ohne es zu wissen: mein Arkadien, hoch im Norden. Wie konnte ich leben, ohne von diesem Ort gewusst zu haben? Gar nicht! Erst seit ich dort gewesen bin, wei√ü ich wieder, was das ist: Leben. Mein Mann und ich, wir mussten beide zur√ľck in jene Zeit, als wir noch wuss¬≠ten, was Leben ist. Zur√ľck zu unserem gemeinsamen Anfang, zur√ľck in unsere Kindheit. Zur√ľck auch zu dem Zeitpunkt, als wir einander als Seelenverwandte erkannt hatten. Seit wir dies von neuem erkannt ha¬≠ben, tauchen wir so oft wie m√∂glich in dieses Leben ein, um danach gest√§rkt und belebt unser hek¬≠ti¬≠sches, in Zeiteinheiten unterteiltes Erwachsenendasein wieder aufnehmen zu k√∂n¬≠nen.
Vielleicht werde ich diesen Ort nie mehr sehen, nie mehr so erleben wie einst. Sehr weit entfernt liegt er nicht, aber unerreichbar... Es hat keine Bedeutung: Arkadien liegt seitdem in unseren Her­zen.
Um wenigstens f√ľr kurze Zeit vor dem Alltagsstress zu fliehen, reisten wir beide f√ľr eine Woche nach Stockholm. Ein zu Hause er¬≠stelltes, prall gef√ľlltes Programm sollte uns helfen die wenigen Tage, die wir uns zwischen all den Terminen freischaufeln konnten, m√∂glichst gut zu nutzen. Allzu viel Verlockendes erschwerte die Auswahl der Sehensw√ľrdigkeiten in und um Stockolm herum, denn jede Wahl bedeutete zugleich Verzicht auf etwas anderes.
Kaum in dieser wundersch√∂nen Stadt angekommen, erfasste uns eine kribbelnde Ungeduld. Obwohl wir schon mehr als vierundzwanzig Stunden auf den Beinen waren, h√§tten wir am liebsten gleich mit einer Besichtigung angefangen. Verschiedene Umst√§nde lie√üen dies jedoch nicht zu. √Ąrgerlich √ľber die Zeitverschwendung mussten wir zun√§chst unser abseits gelegenes Hotel aufsuchen. Dort angekommen, wollten wir in unserem Zimmer nur ein wenig die Beine hochlegen, fielen stattdessen je¬≠doch, ersch√∂pft wie wir waren, in einen tiefen Schlaf. Erst in der Abendd√§mmerung schreckten wir pl√∂tzlich hoch, tranken eilig einen star¬≠ken Kaffee und zwangen uns zum Busbahnhof zu gehen, um wenigstens den Abend noch f√ľr eine Besichtigung nutzen zu k√∂nnen. Auf dem schnellsten Weg fuhren wir nach Gamla Stan, der pittoresken Altstadt Stockholms. Der Abend war f√ľr den Besuch be¬≠sonders geeignet, denn unz√§hlige kleine Bars, gem√ľtliche und ru¬≠stikale oder elegante Restaurants luden zum Verweilen ein. Trotz der M√§rzk√§lte standen die G√§ste dicht an dicht vor den vielen Lo¬≠kalen, um auf die Schnelle eine Zigarette zu rauchen. In den beleb¬≠ten schmalen G√§sschen reihten sich kleine L√§den mit originellen Auslagen aneinander. Gerne h√§tten wir die bunte Vielfalt ein we¬≠nig n√§her betrachtet, doch die Zeit dr√§ngte. Wir wollten noch in eines der sch√∂nen Lokale, um ein wenig auszuruhen und eine Kleinigkeit zu essen, bevor wir mit der letz¬≠ten Bahn zur√ľck zum Hotel mussten. Eine Auswahl unter den vielen reizvollen alten Bars und Restaurants zu treffen fiel uns schwer. Im Reisef√ľhrer hatten wir markiert, welche Delikatessen und landestypischen Gerichte Schwedens K√ľche zu bieten hatte. Wir wollten so gern von all den Spe¬≠zialit√§ten wie Elchgulasch, K√∂ttbullar, Hering in den unterschiedlichsten Variationen usw. kosten. Die Vielfalt der angebotenen Speisen, aber auch deren aberwitzige Preise, zwangen uns jedoch zur Bescheidenheit. Daf√ľr kehrten wir f√ľr eine Weile in einem Lokal mit einem herrlich hergerichteten Kellergew√∂lbe aus dem sech¬≠zehnten Jahrhundert ein, das mit seinen brennenden Fackeln an den W√§nden, dem funkelnden Ker¬≠zenlicht auf groben Holz¬≠tischen, dem nacktem Steinboden und den alten Waffen und Helmen ein ganz besonders Ambiente hatte. Dort genossen wir eine leichte Abendmahlzeit aus landestypischen Vorspeisen und tranken das traditionelle, alkoholarme Bier, das sogenannte ‚ÄěLeicht√∂l‚Äú. Die Ruhe war k√∂stlich und machte uns tr√§ge, so dass es uns schwer fiel, uns aufzuraffen, um Stockholms imposanten K√∂nigspalast zu bewundern. Wundersch√∂n anzusehen war das von Scheinwerfen be¬≠strahlte pr√§chtige Bauwerk, an dessen Eing√§ngen die k√∂niglichen Soldaten mit B√§renfellm√ľtzen Wache hielten. Schnell schoss ich noch ein paar Fotos, bevor wir zur U-Bahn eilten. Mein letzter Gedanke, ehe ich in einen bleiernen Schlaf fiel, war: Wie herrlich war doch der Abend gewesen, aber was wollten wir morgen...
Um 6.00 Uhr riss uns der Wecker aus dem Tiefschlaf. Gestern hatten wir das Programm f√ľr den heutigen Tag nicht mehr planen k√∂nnen, so dass wir diese Stunde vor dem Fr√ľhst√ľck dringend be¬≠n√∂tigten. Nun galt es √Ėffnungszeiten von Museen, Fahrverbindungen von Bus und Bahn aufein¬≠ander abzustimmen, entsprechende Kleidung herauszusuchen und den Rucksack passend zu unseren heutigen Vorhaben zu packen. Nach einem schnellen Fr√ľhst√ľck konnten wir so ohne Zeitverlust auf Entdeckungsreise gehen. Aufgrund der g√ľnstigen Verkehrsverbindungen stiegen wir ganz ohne Wartezeit in ein schneewei√ües, luxuri√∂s ausgestattes Ausflugsboot, um an der ‚ÄěK√∂niglichen Kanal- Tour‚Äú teilzunehmen.Wir glitten bei strahlendem, kalten Licht und klarem Himmel √ľber das dunkel¬≠blaue ruhige Wasser und lie√üen uns von der einzigartigen Kulisse Stockholms beeindrucken. Die sch√∂n anzuschauenden B√ľrgerh√§user im Renaissancestil bezauberten uns in ihrer Pracht, und wir lauschten √ľber Kopfh√∂rer gespannt den Erl√§uterungen. Schon bald lie√üen wir die dicht bebaute Ku¬≠lisse Stockholms hinter uns und fuhren an gro√üz√ľgigen Grundst√ľcken vorbei, auf denen schmucke Holzh√§uschen in allen Farben zu sehen waren. Vieles erinnerte mich an die bezaubernden Bilder aus den geliebten Astrid-Lindgren-Filmen, und ich war √ľberrascht, all das wiederzusehen, was ich f√ľr eine k√ľnstliche Filmkulisse gehalten hatte. Ganz allerliebst waren die blauen, gelben, vor allem aber dunkelroten H√ľttchen anzuschauen, die hier und dort am Wasser oder auf kleinen H√ľgeln ge¬≠baut waren, als habe eine liebevolle Hand sie dorthin gezaubert,
Die Flut an Informationen √ľber die Geschichte, Kultur, Bauweise und Sehensw√ľrdigkeiten Stock¬≠holms konnte mein √ľberladenes Gehirn schlie√ülich nicht mehr fassen. Ich w√ľrde dies zu Hause nacharbeiten m√ľssen.
Gl√ľcklicherweise endete dieser herrliche Bootsausflug p√ľnktlich, so dass wir gen√ľgend Zeit hatten den Rest des Tages dem gr√∂√üten Freilichtmusseum der Welt, Skansen, zu widmen. Dort sind √ľber hundert Bauern- und Herrenh√§user Schwedens im Original zu betrachten. Zusammen mit den Tier¬≠gehe¬≠gen, die alle in Schweden vorkommenden Tierarten beherbergten, konnten wir uns einen √úber¬≠blick √ľber das Land en miniture verschaffen. Lediglich die Menschenmassen verdarben den Ort, der ohne die vielen Karussels, Verzehrstuben, Spielpl√§tze und Verkaufsst√§nde so wundervoll h√§tte sein k√∂nnen. Auch an diesem Abend sanken wir mit bleischweren F√ľ√üen ins Bett - dazu mit leerem Ma¬≠gen: Zeit f√ľr einen Restaurantbesuch hatten wir nicht gehabt, und uns an den endlosen War¬≠te¬≠schlan¬≠gen der Schnellrestaurants anzustellen kam wegen der Abfahrtszeit unserer U-Bahn nicht in Frage.
So vergingen die Tage wie im Flug. Wissensdurstig besuchten wir wenigstens die wichtigsten Mu¬≠seen wie das kulturgeschichtliche Nationalmuseum, in dem wir Interessantes aus dem Alltagsleben, den Traditionen und Br√§uchen der schwedischen Bev√∂lkerung vom Mittelalter bis zur Gegenwart erfuhren, das historische Museeum, welches uns einen √úberblick von der Steinzeit bis zu den Wi¬≠kingern bot, und nat√ľrlich das Nationalmuseum, um uns einen groben √úberblick √ľber die nordische Kunst zu verschaffen. Auch das im Barockstil erbaute Schloss Drottningholm, das Schloss, in dem die k√∂nigliche Familie residiert, faszinierte uns. Wunderbar anzusehen war die dem franz√∂sischen Versaille nachempfunde Schlossanlage, beeindruckt waren wir auch von den drei kunstvoll ange¬≠legten Parks im englischen, franz√∂sischen und Rokokostil, dem eleganten Chinesischen Pavillon und dem einzigartigem Schlosstheater aus dem achtzehnten Jahrhundert.
Wieviel mehr h√§tten wir all dies genie√üen k√∂nnen, wenn die Zeit nicht so schnell verflogen w√§re. Unser Hotel war zu abgelegen, und die letzte Verkehrverbindung dorthin zwang uns sp√§testens um 21.00 Uhr die U-Bahn zu nehmen. Im Hotel angekommen sanken wir, trotz der fr√ľhen Uhrzeit, fast unvermittelt in den Schlaf, randvoll mit Eindr√ľcken und k√∂rperlich ersch√∂pft vom Laufen auf den As¬≠phaltstra√üen der Stadt und den Parkettb√∂den der Museen. Die gr√∂√üte Wohltat des Tages war das Abstreifen der Schuhe im Hotelzimmer, um endlich aufs Bett zu sinken und dem m√ľden K√∂rper Ruhe zu g√∂nnen.
Traurig und ersch√∂pft stellten wir am vorletzten Abend fest, dass das Ende unserer Reise zum Grei¬≠fen nah war.Wir hatten kaum bemerkt, wie schnell die Tage verflogen waren. Nun blieb uns nur noch ein einziger Programmpunkt: die einzigartigen Natur Schwedens zu erkunden. Drei Stunden Internetrecherche in unserem komfortablen Hotel ergaben lediglich, dass keines der drei von uns in Erw√§gung gezogenen Naturreservate in der K√ľrze der Zeit zu erreichen war. Mitternachts gaben wir endlich auf und widmeten uns unseren Reisef√ľhrern, um die wenigen Informationen √ľber die Tau¬≠sende von Sch√§reninseln in Stockholms Umgebung zusammenzutragen. Unserem Reisef√ľhrer nach gab es einen st√§ndigen F√§hrverkehr zu den Inseln. Doch in der Eile hatten wir einen grundle¬≠genden Aspekt nicht beachtet: Die Saison ist in Schweden nur auf wenige Wochen im Jahr be¬≠grenzt, und dies bedeutete, wie uns morgens der freundliche Portier an der Rezeption mitteilte, dass lediglich drei Inseln im M√§rz angefahren wurden.
Auf der Fahrt in die Innenstadt mussten wir uns entschei¬≠den. Vaxholm, eine recht belebte Insel, kam f√ľr eine Wanderung nicht in Frage, da dort Ge¬≠sch√§fte und H√§user dominierten. Dann war da eine ganz entlegene und unbewohnte Insel, deren Reiz in einer gro√üen Artenvielfalt von Wild¬≠g√§nsen und Enten in v√∂llig unber√ľhrter Natur liegen sollte. Diese Insel favorisierte mein Mann. Mir dagegen war etwas flau bei dem Gedanken, so weit entfernt von jeglicher Zivilisation zu sein. Deshalb las ich ihm aus meinem Reisef√ľhrer etwas √ľber die Vorz√ľge einer viel n√§her gelege¬≠nen wundersch√∂nen gr√ľnen Sch√§reninsel vor, die laut Beschreibung √ľber herrliche Str√§nde, glattpo¬≠lierte Felsen und viel Natur verf√ľgte. Auch dort, so hie√ü es, g√§be es eine Vielzahl an seltenen Tieren und Pflanzen.
Ein wenig schuldbewusst unterschlug ich ihm die winzige Anmerkung, dass dort ein Boots- und Fahrradverleih sowie ein Restaurant zu finden seien. Doch genau diese Anmerkung war f√ľr mich die entscheidende: Wir k√∂nnten die herrliche Natur genie√üen, indem wir eine ausgedehnte Wande¬≠rung unternahmen, und uns danach, sozusagen zur Belohnung und Kr√∂nung unserer Reise, ein f√ľrstliches Me¬≠nu in dem sicher eleganten Restaurant g√∂nnen. Das Bild im Reisef√ľhrer lie√ü jeden¬≠falls durchaus da¬≠rauf schlie√üen. Auch auf meinen geliebten Kaffee brauchte ich dort nicht zu ver¬≠zichten. Bei dem Bootsverleih w√ľrde es sicher ein kleines Caf√® oder einen Kiosk geben. Meinen Mann √ľberzeugte ich mit dem Argument, dass wir auf der n√§her gelegenen Insel sehr viel mehr Zeit zur Erkundung der Natur h√§tten als auf einer abgelegenen Vogelinsel. Die Fahrzeit dorthin betr√ľge mehr als f√ľnf Stunden, w√§hrend die gr√ľne Badeinsel in der H√§lfte der Zeit zu erreichen war. Damit war die Entscheidung gefallen.
F√ľrs Fr√ľhst√ľck hatten wir leider keine Zeit. Noch in der Dunkelheit eilten wir in rustikaler Wander¬≠ausr√ľstung zur U-Bahnstation, um ins Stockholmer Zentrum zu gelangen. In Eile hatte ich einige √Ąpfel, eine gro√üe Flasche Wasser, ausreichend schwedische Kronen, Fotoapparat und Handy in den Rucksack gepackt. Eine Tasse Kaffee an Bord des Schiffes musste gen√ľgen. Mein Mann kaufte sich unterwegs an einem Kiosk ein gro√ües belegtes K√§se-Schinken Baguette sowie eine Rosinenschne¬≠cke und lie√ü es sich schmecken. Ich wollte mir meinen Appetit lieber f√ľr das Mahl in dem Insel¬≠re¬≠s¬≠taurant aufbewahren. Obwohl schon etliche Leute am Ticketschalter standen, ergatterten wir die letzten beiden Pl√§tze am Oberdeck. Hoffentlich stiegen wenigstens einige der vielen Mitrei¬≠sen¬≠den an anderen Anlegestellen aus! Menschen hatten wir in den letzten Tagen wahrlich genug gese¬≠hen. Wir nutzen die Fahrt auf dem gro√üen Schiff, um uns endlich einmal in Ruhe zu unterhalten. Beide waren wir uns einig, dass Schweden wundersch√∂n war und wir gerne hier einmal Urlaub mit den Kindern machen w√ľrden, wenn es f√ľr uns Sonnenhungrigedoch nur nicht so kalt im Norden w√§re. Sowohl die Natur als auch die freundlichen, gelassenen Menschen gefielen uns au√üerordent¬≠lich. Nie habe ich eine sauberere und vor allem ruhigere Gro√üstadt als Stockholm gesehen.
Dem verf√ľhrerischer Duft nach Frischgebackenem auf dem Schiff erlag ich eine Stunde vor unserer Ankunft auf der Insel, und ich verschlang gierig ein halbes, ganz frisches Baguette. Es schmeckte k√∂stlich. Mit dem vollen Magen stellte sich schnell auch die Reue ein, doch tr√∂stete ich mich da¬≠mit, dass sich auf unserer ausgedehnten Wanderung an der frischen Luft sicher wieder ein gesunder Ap¬≠petit einstellen w√ľrde. Nach eineinhalb Stunden Fahrt waren wir noch die einzigen Menschen auf dem Oberdeck. Die meisten waren an der belebten Insel Vaxholm und anderen Anlegestellen Stock¬≠holms ausgestiegen. Was f√ľr ein Gl√ľck!
Nach einer weiteren Stunde schallte aus dem Lautsprecher: ‚ÄěAussteigen, letzter Halt!‚Äú Eilig stiegen wir die Treppe hinab. Wir hatten gar keine Anlegestelle gesehen! Entsetzt sah ich mich um. Wir waren die einzig verbliebenen Reisenden an Bord und standen nun vor einem winzigen, aus weni¬≠gen Brettern bestehenden Anleger. Dies konnte nur ein Irrtum sein! Im Reisef√ľhrer stand, dass diese Insel in der Saison von ann√§hernd zweitausend Tagesbesuchern aufgesucht werde. H√∂flich, aber bestimmt wurden wir aufgefordert auszusteigen. Verzweifelt rief ich dem F√§hrmann noch hinterher: ‚ÄěR√ľckfahrt um 18.00 Uhr?‚Äú Der Mann nickte, und dann lie√ü uns das Schiff auf der Insel zur√ľck.

Zwei kleine Blechbriefk√§sten standen am Rand des Bretterstegs. Auf einem stand: ‚ÄěRestaurant‚Äú. Eine Woge der Erleichterung √ľberkam mich. Also doch kein Irrtum, die Insel war bewohnt!
Eine grobe Holztafel zeigte den Umriss der Insel sowie einen Hauptpfad mit zwei oder drei Neben¬≠pfaden. Der Hauptpfad f√ľhrte quer √ľber die Inselmitte zur S√ľdseite, an der sich auch das Restaurant befinden sollte.Wanderrouten waren leider keine eingezeichnet. So gingen wir zun√§chst den mar¬≠kierten Hauptpfad entlang, um auf der S√ľdseite nach dem offiziellen Anleger und dem Restaurant zu su¬≠chen. Von dort konnten wir schlie√ülich genauso gut unsere Wanderung beginnen und endlich in die viel ger√ľhmte Natur Schwedens eintauchen. Obwohl wir mehr als f√ľnf Stunden Zeit zur Verf√ľgung hat¬≠ten, trieb ich zur Eile an. Nach kurzer Orientierung √ľber Wanderwege und Verk√∂stigung und nach einer guten Tasse Kaffee wollten wir unsere ausgedehnte Wanderung beginnen. Aus Erfah¬≠rung wusste ich, dass gegen Ende einer Wanderung die Zeit immer knapp wurde. Deshalb folgten wir z√ľgig dem Hauptpfad. Unz√§hlige kleine Blockh√§uschen s√§umten den Weg. Die meisten waren offen, sp√§rlich ausgestattet, aber blitzsauber und stabil. Keine einzige H√ľtte schien bewohnt zu sein. Dane¬≠ben fanden wir mehrere Grillpl√§tze, Freifl√§chen und gesicherte Stellen f√ľr gr√∂√üere Lagerfeuer. Es musste herrlich sein, hier einen Abenteuerurlaub mit Kindern zu verbringen. Freudig √ľberrascht stellten wir fest, dass kein M√ľll, rostige Getr√§nkedosen oder Plastikt√ľten die Natur verunstalteten. Au√üer den beschriebenen Anlagen gab es keine Eingriffe in die Natur, nicht einmal einen Kinder¬≠spielplatz. Wir waren verbl√ľfft, als wir schon nach weniger als einer halben Stunde am anderen En¬≠de der Insel ankamen. Weder von dem Boots- noch von dem Fahrradverleih war auch nur das Ge¬≠ringste zu entdecken. Beim Anblick des sch√∂nen Restaurants eilte ich voller Kaffedurst darauf zu und setzte mich an den einzigen Tisch auf der Terasse. Dort legte ich meine Sachen ab, kramte mei¬≠ne Zigaretten hervor und bat meinen Mann hineinzugehen, um Kaffee zu bestellen und schon ein¬≠mal einen Blick auf die Speisekarte zu werfen. Er ging zu der r√ľckw√§rtig gelegenen Fl√ľgelt√ľr, klopfte, r√ľttelte daran und sch√ľttelte schlie√ülich den Kopf. Pl√∂tzlich √ľberkam mich das Gef√ľhl, eine Gestrandete zu sein, weitab von jeglicher Zivilisation. Von irgendwoher drang ein H√§mmern und Klopfen an mein Ohr. Gott sei Dank: Menschen! Schnell lief ich in die Richtung, aus der die Ger√§u¬≠sche kamen. Tats√§chlich, wir entdeckten einen Mann im blauen Arbeitsanzug, der anscheinend Re¬≠novierungsarbeiten an Holzb√§nken und Tischen vornahm. Freundlich wie alle Schweden erwiderte er unseren Gru√ü. Wir erfuhren, dass die Insel nur in der Saison bewohnt sei und dass auch nur dann der Boot- und Fahrradverleih sowie das Restaurant ge√∂ffnet seien. Im gem√ľtlichem Wanderschritt w√§re das kleine Eiland in etwa einer Dreiviertelstunde bequem zu umrunden.
Das hie√ü f√ľr mich: Selbst wenn wir uns sehr viel Zeit lie√üen, mussten wir vier Stunden Wartezeit in Kauf nehmen, bevor wir nach Stockholm zur√ľckkehren konnten.Welch ein Hohn, zum Ende unse¬≠rer Reise gezwungen zu sein, die knapp bemessene Zeit mit Warten totschlagen zu m√ľssen! Wie gut, dass ich wenigstens ein Brot gegessen hatte. Kostbar erschienen mir nun auch die wenigen √Ąpfel und die Flasche Wasser.
Wir blickten entt√§uscht umher. Pl√∂tzlich hielten wir inne - nur wenige Meter entfernt am gras¬≠um¬≠s√§umten Ostseestrand entdeckten wir pr√§chtige Wildg√§nse. Auf leisen Sohlen n√§herten wir uns der kleinen Schar. Ganz langsam, um die seltenen V√∂gel nicht zu vertreiben, lie√üen wir uns auf einer verwitterten Holzbank nieder und beobachteten fasziniert die zum Greifen nahen Tiere. Sie zupften Gras, w√ľhlten mit ihren Schn√§beln im seichten Wasser, genossen ganz offensichtlich die w√§rmende Sonne und lie√üen sich von uns nicht st√∂ren. Begeistert schauten wir uns an. Auch wir genossen mit einem Mal den windstillen Tag, die Sonne und die Ruhe. L√§ngst vergessene Gef√ľhle kamen auf, Er¬≠innerungen an unsere Kindheit stellten sich ein, als wir, Zeit und Raum vergessend, einfach nur ins Beobachten versunken waren.
Nach einer Weile bedeutete mir mein Mann mit einem mir sehr vertrauten Blick und einer auf¬≠for¬≠dernden, leichten Bewegung des Kopfes, ihm zu einem kleinen, sich in Kurven windenden B√§chlein zu folgen. Pl√∂tzlich konnten wir uns wieder ganz ohne Worte, so wie fr√ľher, verst√§ndigen. In wortlosem Einverst√§ndnis schlich ich leise hinter ihm her, um gespannt ins Wasser zu blicken und darin vielleicht ei¬≠ne Forelle oder einen anderen Fisch zu entdecken. Man durfte beim Gehen nur kei¬≠ne Ersch√ľtterungen her¬≠vorrufen; diese w√ľrden alle Fische vertreiben. Das Wasser m√§anderte in sei¬≠nem Bett mal im schnellen, engen Fluss, mal in langsamen, ausgedehnten Schleifen; ideale Be¬≠din¬≠gungen f√ľr alle m√∂glichen Tiere. War nicht jetzt auch Paarungszeit von Molchen und Fr√∂schen? Am Ufer des B√§chleins wuchs schon das erste hellgr√ľne saftige Gras des Jahres. Es bildete einen wundersch√∂nen Kontrast zu dem dunklen Gr√ľn und satten Gelb der Sumpfdotterblume.Wie von selbst fanden wir zur√ľck zu der wortlosen Verst√§ndigung der Kinderzeit, die so viel mehr aus¬≠dr√ľck¬≠te als nur das Nachfolgen des anderen. Der Blick, die Geste, all das umfasste das Heranschleichen, das instinktive Aufsuchen der von Fischen und Fr√∂schen bevorzugten Wasserstellen, das genaue und geduldige Beobachten und Warten auf eines der uns von jeher faszinierenden Wassertiere. W√§hrend wir uns vorsichtig dem Gew√§sser n√§herten, sprangen dicke Fr√∂sche eher bel√§stigt als be¬≠√§ngstigt ins Wasser. Einen Schritt weiter folgten andere mit tr√§gen Spr√ľngen in den Bach. Mittels unserer wiedergefunden Sprache zeigten wir einander Goldrandk√§fer, Wasserl√§ufer, R√ľcken¬≠schwimmer und andere vertraute, aber seit Jahrzehnten vergessene Gesch√∂pfe, bestaunten gelbe Schwertli¬≠lien und winzige, dunkelrote Veilchen. Randvoll mit Gef√ľhlen und in freudiger Erwartung gingen wir langsam auf die glatten, wei√üen Felsen zu, setzten uns nebeneinander, zogen Jacken, Pullover, Schuhe und Str√ľmpfe aus, lie√üen die fast hei√üe Sonne unsere helle Haut bescheinen, nur den gleichg√ľltigen Blicken der M√∂wenkolonie gegen√ľber ausgesetzt, und schauten auf die Ostsee, die etliche Meter unter uns wogte. Dort im dunkelblauen, ruhigen Wasser zogen Schw√§ne majest√§¬≠tisch ih¬≠re Bahnen, und verschiedene Entenarten folgten den uralten Paarungsritualen zur Zeit des beginnen¬≠den Fr√ľhlings. Wir teilten unsere √Ąpfel, tranken hier und da ein Schluck Wasser, lauschten der Stille, lie√üen die W√§rme bis in unser Innerstes dringen und √∂ffneten unsere Herzen weit f√ľr die Ge¬≠r√§usche, Farben und Ger√ľche der unber√ľhrten Natur. F√ľhlten den leisen Wind und schauten in die sich langsam bewegenden Wolken. In unmittelbarer N√§he, auf einer kleinen gelben Blume, hatte ein Tagpfauenauge seine Fl√ľgel weit aufgespannt, um sich mit W√§rme zu f√ľllen. Die Natur, all die Pflanzen und Tiere, hatten uns so selbstverst√§ndlich als G√§ste aufgenommen, dass wir keine menschlichen Ger√§usche h√∂ren mochten, nicht einmal unsere eigenen Stimmen. Wir brauchten sie auch nicht. Als wir auf einer kleinen idyllischen Anh√∂he eine h√∂lzerne Bank in der N√§he des An¬≠le¬≠gers entdeckten, lie√üen wir uns dort nieder und blickten in die unendliche Weite. Wohin wir auch schauten, √ľberall lagen kleine, manchmal winzige Inseln im Meer, bev√∂lkert von allen m√∂glichen Arten von M√∂wen oder schwarzen Kormoranen, denen wir beim fasziniert beim Tauchen zuschau¬≠ten, immer wieder √ľberrascht davon, wo diese Tiere schlie√ülich wieder auftauchten. Nichts um uns her¬≠um schien von Menschenhand beeinflusst. Schweigend lehnten wir unsere K√∂pfe aneinander, teilten den letzten Apfel und brauchten einander nur in die Augen zu schauen, um sicher zu sein, dass wir nicht nur zum Gl√ľck unserer Kindheit, sondern zu uns selbst und vor allem der l√§ngst vergessenen Seelenver¬≠wandtschaft, um deretwillen wir schon fr√ľh ein Paar geworden waren, zu¬≠r√ľckgefunden hatten. √úberw√§ltigt von der endllich wieder wahrgenommenen N√§he zueinander, die schon so lange durch Alltagsroutine, Termine und allerlei als wichtig empfundene Dinge fast g√§nz¬≠lich zugesch√ľttet worden war, sahen wir uns in die Augen, und wir wussten: Wenn wir in morgen in unseren normalen Alltag zu¬≠r√ľckkehren w√ľrden, w√§ren wir nicht mehr dieselben wie vor dieser Rei¬≠se.
Ein pl√∂tzlicher, unangenehmer Ton lie√ü uns aufschrecken! Das Schiff! Wir rafften, so schnell es ir¬≠gend ging, unsere Sachen zusammen und rannten wie seit Kindertagen nicht mehr. Nur mit M√ľhe er¬≠reichten wir die F√§hre, fielen ersch√∂pft auf eine Polsterbank und sahen dann zu, wie sich unser Pa¬≠ra¬≠dies langsam, aber sicher entfernte.
Einige Minuten sp√§ter brachte ich hervor: ‚ÄěKaffee! Ich brauch\' dringend einen Kaffee!‚Äú Mit dem hei√üen Getr√§nk in der Hand entwickelte sich bald eine angeregte Unterhaltung.Wir konnten in Wor¬≠te fassen, was mit uns geschehen war, und waren dankbar, dass uns das Leben quasi wiederge¬≠schenkt worden war.
Wenn ich heute, Jahre sp√§ter, an Schweden denke, ist nur die Erinnerung an diese winzige Insel wirklich real. Unser Leben geht weiter wie immer. Das Alltagsallerlei ist erbarmungslos, g√∂nnt uns kaum Freiraum f√ľr das dr√§ngende Bed√ľrfnis, das seit damals wieder erwacht ist. Oft sind uns nur Augenblicke des Gl√ľcks und der N√§he m√∂glich, obwohl es dazu nichts weiter bedarf au√üer ein wenig Zeit. Und so nutzen wir jede L√ľcke zwischen den vielen Verpflichtungen und Terminen, um durch jede Pf√ľtze, jeden Vogel, jeden K√§fer und jedes B√§chlein in unser Arkadien einzutauchen und uns mitein¬≠ander und aneinander ein ums andere Mal zu freuen. Heute brauche ich nur nach innen zu schauen, um in dieses sagenumwobene, ja mythische Land einzutauchen.

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