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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Armes, schönes Mädchen
Eingestellt am 18. 12. 2005 16:45


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sohalt
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Die Männerwelt hat mich wieder einmal schwer enttäuscht. Gestern war ich mit einem professionellen Model fort – einem waschechten MODEL!, bitte (wenn auch außer Dienst im Moment) – aber glaubt ihr etwa, irgendeiner dieser Helden hätte sich erbarmt und mir das Mädel abgenommen?

Klar, die Kellner und Barkeeper waren schon schlagartig auffällig bemüht, aber auch zu beruflich beschäftigt, um das Fräulein dauerhafter in Beschlag zu nehmen – also abgesehen von ihrer plötzlichen Spendierfreudigkeit, gepaart mit einem gewissen Bedürfnis, sich höflich zu zeigen, was sich in Gratisgetränken auch für mich niederschlug, zur Model-aD. -Beschäftigungstherapie nicht wirklich zu gebrauchen. Folglich blieb es wieder mal an mir hängen, die Dame zu unterhalten. Was für ein Glück, dass meine Begleitung die Konversation auch ganz allein bestreiten konnte. Mit gelegentlichen Einwürfen à la "Mich hat in einem New Yorker Club schon mal der Usher angebraten!" oder "Letzten Sommer wollte mich der Sohn eines Schahs heiraten" lassen sich unangenehme Gesprächspausen leicht füllen und dem Gesprächspartner wird gleichzeitig maximale Bequemlichkeit geboten, weil keine Entgegnungen die über "Wow! Echt?" hinausgehen, erforderlich sind. Das ist recht praktisch, denn ich verlege meine Sinnkrisen ja ganz gern mal aufs Wochenende hinter diverse Tresen, brüte dort dumpf vor mich hin und werde dann mit Zunahme von Stunde und Alkoholkonsum für meine Verhältnisse unverhältnismäßig ungesprächig (der klassische Grübel-Trinker halt) , aber "Wow! Echt?" bring ich selbst dann grad noch zusammen (und zwar ohne auch nur den geringsten Anflug von Ironie, jawoll!).

Überhaupt, muss ich gestehen, entwickle ich gelegentlich eine verhängnisvolle Affinität zu Leute mit Alleinunterhalter-Ambitionen, denn hinter der manchmal geradezu penetranten Anhängerin hitziger Wortgefechte, als die mich meine Freunde kennen und ertragen, verbirgt sich im tiefsten Inneren eine passionierte "Wow! Echt?"-Sagerin.
(Manchmal habe ich das Gefühl, dass ich nicht recht viel mehr zu bieten habe als gepflegte Konversation. Und dann kann es sich schon sehr befreiend anfühlen, einmal nicht geistreich sein zu müssen.)

Trotzdem: Was soll ich mit einem Super-Modell? Zumal die Dame gewissen Ehrgeiz darin gesetzt zu haben schien, in möglichst kurzer Zeit meine sämtlichen Vorurteile zu bestätigen. Ja, Modells sind also tatsächlich in überdurchschnittlichen Ausmaß gemessen am Rest der Gesamtbevölkerung oberflächlich, drogensüchtig und permanent auf der Jagd nach einer soliden Altersvorsorge in Form heiratswilliger Millionäre, mit denen sie aber auch ohne Heiratsabsicht jederzeit ins Bett gehen, sofern was dabei rausschaut. (Vor allem die Rumäninnen! Die Rumäninnen schlafen mit jedem.) Sie ist natürlich nicht so. Deshalb ist sie ja auch dieses Jahr ausgestiegen. Deshalb und weil sie keine Lust hatte, sich in diesem Business kaputt zu machen. Zur Illustrierung der Berechtigung dieser Befürchtung, hier der Modell-Speiseplan: Ein Stück Obst zum Frühstück, ein Milchkaffee zu Mittag, und am Abend ein Salat. Hm, lecker. Und wenn man sich unerhörterweise erdreistet, das auf Flugreisen mitunter gereichte Stückchen Schokolade zu essen und zwar zu allem Übel auch noch in der ernsthaften Absicht, es tatsächlich bis zum bitteren Ende ordnungsgemäß zu verdauen, darf man sich von den werten Kollegen als fett beschimpfen lassen.

Sie ist tatsächlich nicht so. Sonst hätte ich es ja keine 5 Minuten mit ihr ausgehalten. Wir kennen uns aus einer Vorlesung zu Shakespeares Tragödien.

Allein, so gänzlich hat die Gute sich der offenbar system-immanenten Oberflächlichkeit der Mode-Welt wohl auch wieder nicht entziehen können. Ihr Freund zum Beispiel. Der ist natürlich super sportlich und super zielstrebig, studiert irgendwas ungemein praktisch Verwertbares ungemein erfolgreich, schenkt ihr zum Geburtstag einen Fernseher, hat aber leider wenig Zeit für sie, weil er in seiner spärlichen Freizeit ständig von seiner Studentenverbindung beansprucht wird. Noch lieber wäre er allerdings bei einer schlagenden, das ist noch besser für die Karriere. Nach zwei, drei Bier kommt dann auch raus, dass es mit dem Vertrauen in dieser Beziehung nicht allzu weit her sein dürfte, denn ihre größte Befürchtung betrifft ja nicht die Burschenschaft, sondern die Ost-Europa-Pläne des Herren Freund. Da zieht es ihn nämlich aus karrieretechnischen Gründen hin und wir wissen schließlich bereits, die Rumäninnen,…. Noch kann sie ja locker mit denen mithalten, aber später?

So, nennt mich jetzt naiv, nennt mich hoffnungslos romantisch, aber bei aller zähneknirschender Anerkennung der Hypothese, dass der Mensch möglicherweise nicht zur lebenslänglichen Monogamie geschaffen ist – wenn ich permanent fürchten muss, dass mich mein Freund sofort sitzen lässt, sobald ihm was Knackigeres über den Weg läuft, dann fang ich mir das doch gar nicht erst an, aber wirklich nicht. Kurz: Ich werde den Verdacht nicht los, dass sich hier zwei gegenseitig als Statussymbol missbrauchen. Aber eh nur ein bisschen.

Allzu groß kann die Leidenschaft jedenfalls nicht sein, denn mehr noch als sie über ihren Freund klagt, schwärmt sie für ihren Tutor, der aber leider unerreichbar, da bereits vergeben ist. So ein unerreichbarer Mann, stell ich mir vor, stellt ja für eine schöne Frau durchaus eine gewissen Luxus dar, ob seines Seltenheitswertes. Allerdings schmachtet sie nicht ewiglich, nur gerade so lang, bis sie im Lokal den nächsten Adonis sichtet. Da heißt es dann die Köpfe zusammenstecken und tuscheln, aber ja nicht umdrehen! – sonst merkt er es ja, und das darf nicht sein, man ist ja schließlich schüchtern und ich fühle mich um mindestens 7 Jahre jünger, was ja
auch ganz nett sein kann, mitunter.

Die wahre Tragik liegt aber darin, dass sie ihren Freund nicht so einfach verlassen kann. Er ist nämlich "Freund" und Freund in Personalunion, und von ersterem ließe sich leicht Nachschub beschaffen aber von zweiterem hat sie nicht so viele. Freundinnen schon gar nicht. In Wahrheit, tatsächlich, wer hätte das gedacht, ist die Schönheit einsam. Ja, mit ein paar ihrer Modellkolleginnen, den nicht drogensüchtigen, nicht oberflächlichen statischen Ausreißern sozusagen, hat sie sich ganz gut verstanden, aber die sind über alle Welt verstreut, in Mailand, Paris und New York, was bringt das in kalten Winternächten? Und die anderen Mädchen ... nun ja, der Neid.

"Aber Frauen werden ja auch mit den Jahren souveräner und entwickeln genug Selbstwert, dass sie sich nicht gleich bedroht fühlen, bloß weil mal eine schöner ist", tröste ich.
Ist natürlich Schwachsinn. "Mit den Jahren souveräner" … aber klar. Und das Christkind bringt die Geschenke. Aber wenn ihr in diesem Moment in diese schwimmenden Bambi-Augen geblickt hättet, hättet ihr euch auch was Freundliches ausgedacht.

Ich selbst habe nun tatsächlich kein Problem mit schönen Frauen. Ich war immer schon mit ausgesprochen schönen Frauen befreundet, nicht weil ich mir das so aussuche, das ergibt sich einfach. Und ich muss zugeben, dass ich selten in meiner Rolle als UFF (= Ugly Fat Friend, wie in gewissen Männerkreisen das strategische Hindernis beim wochendendlichen Aufriss gerne bezeichnet wird) so wenig von Minderwertigkeitskomplexen geplagt wurde. Neben einem Super-Model gerät nämlich jede Normalsterbliche ganz schnell einmal zum UFF.

Nein, ich habe kein Problem mit schönen Frauen. Aber das hat bestimmt nix mit Souveränität zu tun. Eher mit Resignation.

Eine trostreiche Erkenntnis aber bleibt nach diesem Abend: Super-Modells haben auch nicht mehr Spaß als alle anderen. Zumindest nicht, wenn sie mit mir unterwegs sind.

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.A mesure qu'on a plus d'esprit, on trouve qu'il y a plus d'hommes originaux. Les gens du commun ne trouvent pas de différence entre les hommes. (Pascal)

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jon
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Unterhaltsam wie immer – am Anfang nervten mich aber die vielen langen Sätze. Gönn einer alten Frau doch ab und zu Gelegenheit, Luft zu holen…

Die Sache mit dem "Voruteile bestätigen" war ein bisschen unklar. Als du es ansprachst mit:

quote:
Zumal die Dame gewissen Ehrgeiz darin gesetzt zu haben schien, in möglichst kurzer Zeit meine sämtlichen Vorurteile zu bestätigen.

, hatte ich den Eindruck, sie verhält sich so, dass die Vorurteile bestätigt werden. Dann kommt mit

quote:
Sie ist natürlich nicht so.

der Hinweis, dass sie es nur erzählt hat, wie es „ist“. Und dann folgt durch die Schilderung aber, dass sie doch so ist. Zumindest was den Männer-Teil angeht – und DA stellte sich für mich die Frage, was von den oben formulierten Vorurteilen noch zutrifft.

Ich kann es nicht richtig erklären, aber ich vermute, dieses Gefühl kommt daher, weil die Vorurteile als "so ist es eben! nur sie ist anders " dastehen statt als "sie sagt, so ist es eben – nur sie ist anders, sagt sie". Oder: Beim Lesen trennt sich in meinem Hirn nicht genau, was die "offiziellen" Vorurteile sind, was die "Insider-Urteile" und was das tatsächlich Vorkommende ist.
Ich hoffe, du verstehst, was ich meine. Und: Vielleicht geht es ja nur mir so
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Es ist nicht wichtig, was man mitbringt, sondern was man dalässt (Klaus Klages)

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