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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Arno Geigers beeindruckender neuer Roman
Eingestellt am 17. 01. 2018 08:19


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Arno Geiger, Unter der Drachenwand, Hanser 2018, ISBN 978-3-446-25812-9

In seinem neuen Roman erzĂ€hlt der österreichische Schriftsteller Arno Geiger von Menschen, die im Jahr 1944 in einem kleinen Ort namens Mondsee bei Salzburg zu FĂŒĂŸen der Drachenwand versuchen, in einer Atempause des Zweiten Weltkrieges zu sich selbst zu kommen.

Hauptperson ist der ich-erzÀhlende kriegsversehrte Soldat Veit Kolbe. An der Ostfront schwer verletzt worden, reist er auf Anraten eines Hauptmannes im Lazarett nach Mondsee aufs Land, wo ein Onkel von ihm, der dort als Postenkommandant Dienst tut, ihm eine Unterkunft verschafft. Kolbes Vermieterin ist eine bösartige Frau, die ihm wÀhrend seines gesamten Aufenthaltes das Leben schwer macht. Richtig gefÀhrlich werden kann ihm allerdings der Mann der Vermieterin, ein fanatischer Nazi, der bei seinen Heimaturlauben alle mit Durchhalteparolen quÀlt.

Veit Kolbe, so wĂŒrde man es heute nennen, leidet unter einer posttraumatischen Belastungsstörung, hat immer wieder Panikattacken und kann ohne das Medikament Pervitin nicht sein. Er hat auf dem Weg der Wehrmacht nach Osten alles gesehen, „was niemand sehen will“. Massenerschießungen von Juden, die wahllose Zerstörung von Dörfern und die Liquidierung unzĂ€hliger Zivilisten haben sich in sein GedĂ€chtnis eingebrannt und er wird die inneren Bilder einfach nicht los.

So wie sein literarischer Schöpfer selbst es einmal von sich sagte, versucht auch Veit Kolbe mit Schreiben diese Leerstellen des Grauens zu fĂŒllen und zu bannen. Er hofft, dass sein Genesungsurlaub so lange dauern wird, bis der Krieg hoffentlich bald zu Ende ist, und tut auch einiges selbst dazu, um ihn immer wieder zu verlĂ€ngern. Dennoch schwebt die drohende RĂŒckkehr an die dann wohl sicher fĂŒr ihn tödliche Front wie ein Damoklesschwert ĂŒber ihm und bedroht die zarten PflĂ€nzchen von Liebe, die mit der in der Wohnung neben ihm zusammen mit ihrem Baby wohnende Margot aus Darmstadt keimen.

Langsam lĂ€sst Arno Geiger ihre Beziehung sich entwickeln. Ähnlich behutsam fĂŒhrt er sukzessive weitere Personen in seinen dichten Roman ein. Da sind die MĂ€dchen im Lager Schwarzindien, die dort aus verschiedenen StĂ€dten des Reichs gebracht wurden. Insbesondere das Schicksal des MĂ€dchens Nanni Schaller bewegt ihn und seinen ErzĂ€hler, denn als es spurlos verschwindet, sind nicht nur die Bewohner Mondsees erschĂŒttert, sondern auch der Cousin des MĂ€dchens, dessen zahllose unbeantwortete Briefe von der Front an seine Freundin Geiger dokumentiert. Er wechselt auch immer wieder nach Darmstadt, der Heimat von Margot und lĂ€sst deren Mutter, die ihr Überleben in einer von Bomben gĂ€nzlich zerstörten Stadt zu organisieren sucht, zu Wort kommen.

Und da ist der „Brasilianer“, ein aus Brasilien zurĂŒckgekehrter Auswanderer und Bruder der garstigen und fanatischen Vermieterin. Veit Kolbe und Margit freunden sich mit dem regimekritischen Reformbiologen an, und fĂŒhren, als er wegen einer abfĂ€lligen Bemerkung ĂŒber das Regime fĂŒr sechs Monate in Haft kommt, sein GewĂ€chshaus weiter.

Doch der wichtigste ErzĂ€hler neben Veit Kolbe ist wohl der jĂŒdische Zahntechniker Oskar Meyer. Er ist mit seiner Familie nach langem Zögern von Wien aus nach Budapest geflohen, wo er als Zwangsarbeiter zufĂ€llig auf Veit Kolbe trifft. Sonst allerdings gibt es keine Verbindung zwischen Oskar Meyer und dem Geschehen am Mondsee.

Selten habe ich die inneren Nöte einer jĂŒdischen Familie, die versucht sich vor der tödlichen Gefahr der Nazis zu retten, so eindringlich und unter die Haut gehend beschrieben gelesen, wie in den Schilderungen von Arno Geiger.

Nachdenklich und eindrĂŒcklich erzĂ€hlt Arno Geiger in einer sensiblen Sprache vom Krieg und von Menschen, die die Hoffnung nicht aufgeben, dass es auch nach dem Ende des Krieges eine Zukunft fĂŒr sie geben kann. Wenn er in einer Nachbemerkung zu seinem Roman das Leben bzw. Sterben dieser fiktiven Figuren nach dem Krieg dokumentiert, verleiht er ihnen eine Form der RealitĂ€t, die weit ĂŒber die Fiktion hinausgeht und weit mehr ausdrĂŒcken möchte als ein herkömmliches versöhnliches Ende. Es ist Hoffnung auf Zukunft trotz allem gerade zu Ende gegangenen Schreckens.


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