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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Aschermittwoch
Eingestellt am 11. 03. 2010 15:26


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enfantterrible
Festzeitungsschreiber
Registriert: Mar 2010

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Aschermittwoch

Weihnachten war seltsam. Ich hatte meine Wohnung dekoriert, ├╝ber und ├╝ber, und der K├╝hlschrank war voll mit allem, was die Feinkosttheke von Kaufhof hergegeben hatte. Im Kerzenlicht sa├čen wir uns gegen├╝ber, er und ich, und wir schwiegen uns an. Wir sa├čen auf unseren Sesseln als w├Ąren wir mitten in einer Pr├╝fung und nicht in meinem Wohnzimmer. Ich stand auf und legte eine Weihnachts-CD ein, nur um sie sofort wieder auszumachen. Zu sehr hallte Stille Nacht in der Stille zwischen uns wieder. Am Ende des Abends gingen wir miteinander ins Bett. Schlie├člich wollten wir ein Kind zeugen.
Zwischen Weihnachten und Neujahr wurde es nicht wirklich besser zwischen ihm und mir. Wir h├╝llten uns beide in Einsilbigkeit und schliefen einmal t├Ąglich miteinander.
Silvester drohte zum Problem zu werden. Normalerweise ging ich zu Silvester ins Theater, aber das ging mit ihm noch nicht, obwohl er t├Ąglich Stunden ├╝ber den Deutsch-Lehrb├╝chern sa├č, die ich ihm gekauft hatte. Also blieben wir zu Hause und stie├čen um Mitternacht mit Orangensaft an; er weil er Moslem war und ich weil ich hoffte schwanger zu sein. Vom Schlafzimmerfenster aus sahen wir uns das Feuerwerk an. Ich hatte nicht damit gerechnet, dass er mich um Mitternacht k├╝ssen w├╝rde, und er hatte es auch nicht getan. Wenn es geklappt hatte, w├╝rde das Kind Mitte September geboren werden.
Am Neujahrstag sa├č er wieder ├╝ber seinen B├╝chern, und ich sa├č mit meinem Laptop am K├╝chentisch. Es galt, Neujahrsgr├╝├če an Fatoumata zu verfassen. Ich wusste nicht, was ich ihr schreiben sollte.
Ich lernte Fatoumata auf Arbeit kennen. Sie war Krankenschwester, auf Fortbildung in Deutschland und f├╝r den Praxisteil meiner Station zugeteilt. Fatoumata war Senegalesin und sie war ein seltsamer Mensch. Sie trug Jeans, sie war geschminkt und sie h├Ârte Hip-Hop, aber sie war der Meinung, dass eine Frau ohne Mann und Kinder keine richtige Frau war. Als sie h├Ârte, dass ich mit Ende 20 noch nicht mal verlobt war, war sie ehrlich entsetzt. Und so beschloss sie zu handeln. An ihrem letzten Arbeitstag sagte sie, dass sie meine Handynummer einer ganz bestimmten Person geben w├╝rde, wenn ich denn einen schwarzen Mann akzeptieren k├Ânnte. Ich zuckte mit den Schultern.
Eine Woche sp├Ąter piepste mein Handy, es war kurz vor Mitternacht. ÔÇ×Bonjour, je suis Francois.ÔÇť Mehr stand nicht in der angekommenen SMS. Auf einmal war mir die ganze Sache furchtbar peinlich, und so antwortete ich nicht. Ein paar Tage sp├Ąter bekam ich eine E-Mail. Er habe in Frankreich studiert, teilte er mit, und er sehe im Senegal keine Perspektive f├╝r sich. Also suche er eine Frau in Europa, die er heiraten k├Ânne, um eine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen. Im Austausch biete er mir Kameradschaft und Respekt, auch wenn es sich nicht um eine Liebesheirat handeln w├╝rde. Ich schrieb ihm zur├╝ck, dass ich ein Kind wollte, und er antwortete, dass ihm das nur recht sei, da uns so niemand eine Scheinehe unterstellen k├Ânne.
Anfang Dezember holte ich ihn schlie├člich vom Flughafen ab. Er war ein attraktiver Mann, und als er aus der Passkontrolle kam, war ich der festen Meinung, dass unsere Vernunftehe gl├╝cklich werden w├╝rde.
Ich schrieb also an Fatoumata, dass Francois flei├čig Deutsch lernen w├╝rde und hielt mich ansonsten bedeckt. Fatoumata antwortete mir am selben Abend. Francois finde mich ganz h├╝bsch, aber schwierig und verklemmt, das h├Ątte er jedenfalls in seiner letzten Mail geschrieben. Wie konnte er mich verklemmt finden, wenn er kaum ein Wort mit mir sprach? Idiot.
Am Dreik├Ânigstag fuhren wir zum Hauptbahnhof. In der Bahnhofspassage war die einzige Drogerie, die an einem Feiertag ge├Âffnet hatte, und eine Drogerie brauchte ich, denn meine Regel war ausgeblieben. Er hatte meine eventuelle Schwangerschaft ohne eine sichtbare Regung zur Kenntnis genommen und zog sich kommentarlos Mantel und Schuhe an, als ich ihn aufforderte, mit mir zum Bahnhof zu fahren. Er kam auch mit in die Drogerie, obwohl ich erwartet hatte, dass er drau├čen bleiben w├╝rde, weil es ihm peinlich sei. Wir bezahlten und verlie├čen die Drogerie wieder. Auf dem Bahnhofsvorplatz begegneten wir einer jungen Frau, einer Afrikanerin, die nicht ├Ąlter als 20 und wirklich h├╝bsch war. Ich h├Ârte Francois leise pfeifen und sah zu Boden.
Der Test war positiv. Er sagte, dass wir dann ab heute nicht mehr miteinander schlafen m├╝ssten. Ich protestierte: Sex in der Schwangerschaft sei ungef├Ąhrlich f├╝r das Kind. Er sch├╝ttelte nur den Kopf. Ich hatte erwartet, dass wir trotzdem weiterhin im gleichen Bett schlafen w├╝rden, aber er zog das Sofa vor.
Er kam mit mir zum Frauenarzt, und ich stellte ihn dort als meinen Verlobten vor. Auch dort sprach er kein Wort, nicht mit mir und nicht mit dem Arzt. Ich buchte ein Hotel in D├Ąnemark, f├╝r April, denn wir mussten heiraten, bevor sein 6-Monats-Visum auslief. Er sagte nichts.
Am Valentinstag platzte mir der Kragen. Keine Rosen, keine Pralinen, nichts. Das Geld dazu h├Ątte er gehabt: Ich gab ihm jede Woche ein mehr als gro├čz├╝giges Taschengeld.
Ich platze ins Bad, als er gerade dabei war, sich zu rasieren. Er mochte es nicht, wenn ich ihm dabei zusah.
-Wir werden in zwei Monaten heiraten. Ich bin mit deinem Kind schwanger. Du h├Ąttest wenigstens an eine Rose denken k├Ânnen.
Er antwortete nicht, und das machte mich erst recht w├╝tend.
-Einen Verlobungsring habe ich auch noch keinen.
Er gab einen Laut von sich, der kein Lachen aber auch noch kein Schnauben war.
-Du bekommst auch keinen. Jedenfalls nicht von mir. Ich gehe zur├╝ck in den Senegal.
Ich schwieg eine Weile um nichts Un├╝berlegtes zu sagen.
-Wann?
-Der Flug geht heute Abend um zehn. Morgen fr├╝h bin ich in Dakar.
Ich brachte ihn zum Flughafen. Am n├Ąchsten Tag, dem Rosenmontag, t├Ątigte ich einen Anruf, reservierte ein Hotelzimmer und buchte einen Flug. Am Dienstagabend flog ich nach Amsterdam. Am Aschermittwoch hatte ich eine Abtreibung.


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