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Leselupe.de > Kurzprosa
Asphaltperlen
Eingestellt am 30. 07. 2006 19:56


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ENachtigall
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Asphaltperlen


Nie gehörte ich zu dem Typ Mann, der Gefallen findet an Sex mit fremden Frauen. Es liegt wohl jenseits meiner Natur. Nicht, dass ich mir nicht gern schöne Unbekannte ansähe; in meiner Fantasie kann ich sogar einige Verwegenheiten mit ihnen anstellen. Im leibhaftigen Gegenüber jedoch brauche ich den Tick Vertrautheit, der den körperlichen Besonderheiten Flair verleiht. Frauen ohne ein gewisses Etwas begehre ich nicht. "Nur Schönheiten" langweilen mich. Aber damals war ich von fehlenden Zärtlichkeiten dünnhäutig geworden wie Japanpapier…Es fühlte sich an, als wüchsen mir Sandrosen unter der Haut …

Ich war mir selbst fremd in jenem Sommer, mit einer Euphorie und der Unternehmungslust von jungen Muskeln. Unentwegt plapperte ich Unsinn. Es war mein erster Urlaub, seit ich wieder nüchtern denken konnte; nach einer zähen Zeit der Selbstzerstörung und dem Erwachen daraus in Ruinen.

Die Landschaft dieses Teils der Insel hieß „Tal des großen Königs“ und ich war der kleine Bruder; reich und ohne Pflicht und Sorge. Den geschundenen Körper begrub ich in Sandburgen, seine Schwere ließ ich im Atlantikwasser treiben. Ein spartanisches Zimmer, ein paar schnelle Freunde und mir wohl gesonnene Menschen: die ideale Dosis Paradies. London war völlig im Nebel versunken.

Dann gab es diese Strandfeuerparty. Jemand war grĂĽn weiĂź rot gekleidet. Ein Zeichen von Italomanie? Ein Wink mit der Nationalfahnenstange? Ich bemerkte sie als ich dem Phantomgeschmack von Caprese nachspionierte, der seinerzeit die Sommerferien bei Oma Nonna mit Ochsenherzen -Tomaten und BĂĽffelmozzarella so richtig schmackhaft gemacht hatte.

Jenem feingliedrigen, unspektakulären Geschöpf in roten Strandsandalen zum weißen Mini wuchs aus ärmellos grünem T-Shirt der lange Hals wie eine Teleskopstange und richtete den heufarbenen Schopf beständig neu aus. Ein paar mal traf ihr Sandstrahlblick mein Auge. Der Stich ging grätenfein in die Kehle, bohrte sich in den Solarplexus und entfernte präzise die Plaque der verfluchten Jahre. Ich glühte durch und durch. Hitze frei.
Anscheinend kannte sie einige aus dem wahllos zusammen geworfenen Haufen von Individualtouristen. Ihr ausuferndes Lachen schwappte leicht über die Gesprächsfetzen in meine Richtung. Doc, der Professor und Heinz kannten sie ebenso wenig wie ich, hatten sie aber auch sofort geortet. Wir waren zuvor durch die Berge gestreift und ein paar Tage mit Fischern auf Fang gewesen. Währenddessen musste sie angekommen sein. In dem überschaubaren Ort blieb keiner unbemerkt.

Ein schüchterner Engländer spielte
* Listening Wind auf der Gitarre. Die in unmittelbarer Nähe saßen, summten leise den Refrain mit – wie in Erwartung des wehenden Zuhörers, gebannt vom Zucken der Strandfeuerflammen unter dem störrischen Septembermond. In voller Blöße hing er riesig und tief über dem Horizont der kleinen Bucht, wo im Morgendämmer gewöhnlich glupschäugige Rochen auftauchten.

The wind in my heart The wind in my heart The dust in my head The dust in my head
The wind in my heart The wind in my heart Come to Drive them away Drive them away.

Zitronensaft tranken wir. Ein limonadiges Getränk, das ich im kleinen Gemischtwarenladen bei den Bananenplantagen entdeckt hatte. Sie sagte, es schmeckte ihr. Neben uns unterhielten sich Sannyasins über Chiromantik.

„Glaubst Du, dass die Zukunft in den Handlinien zu lesen ist?“ Ich sah sie flüchtig fragend an.

„Ist mir egal. Jedenfalls will ich von meiner Zukunft nichts wissen; wenn ich mich auf etwas freue, hält es nicht, was ich mir davon verspreche. Befürchte ich Schlimmes, wird es katastrophal. Gegen diese Logik im Leben komme ich nicht an – schon gar nicht mit Esoterik. Da bleibe ich lieber bei meiner verrückten Gegenwart.“

„Wieso verrückt?“

„So scheint sie mir eben: liebenswert verrückt.“

Vorsichtig hob ich die zierliche kalte Hand auf, beugte mich darüber, und beäugte sie, als hätte ich eine seltene Muschel gefunden. Ich drehte sie leicht in verschiedene Richtungen, die Gelenkigkeit war erstaunlich, und - meine Handhabende rückte ein wenig näher. Auch sie beugte sich darüber. Unsere Haare berührten sich. Eine zeitlang betrachteten wir wortlos die Ebene ihrer Fläche. Sie leuchtete pfirsichfarben im Zwielicht von Feuer und Mond, inmitten nachtdunkler Weite.

„Die einzelnen Linien haben Namen. Stell dir vor, es wären Ströme auf deiner Landkarte. Ich kann gar nicht Handlesen. Ich kenne nur die Namen der Flüsse.
Sieh mal hier,
der Geduldstrom. Er mündet in den Feuermonde. Und der Gran Alma wölbt sich schützend darüber.“

Ich war mit meinen spontanen Eingebungen seltsam zufrieden.

„Das hört sich gut an“, sagte sie schlicht, und entzog mir die Hand. Wie eine Katze streckte sie sich behaglich im Sand aus und bettete ihren unendlichen Nacken auf meinem Oberschenkel. Meine Linke steckte sich in das Vlies ihrer Haare und spielte mit den Strähnen. Wir schwiegen den Mond ein gutes Stück weiter den Himmel hinauf.




Das Stop-and-go war inzwischen einem zähen Fließen der Freitag nachmittäglichen Blechlawine gewichen und bei genügendem Abstand zum Wagen vor mir - denn in wesentlichen Dingen war ich durch und durch vorsichtig - wagte ich einen Blick in den Rückspiegel. Mein als Geschäftsmann verkleideter Geschichtenerzähler lag schlafend in den hinteren Sitzpolstern. Der willenlose Körper, ganz der Schwerkraft hingegeben, erinnerte mich an die Testbilder aus der Pionierzeit des Fernsehens: pure ungeformte Energie. Unschuldig und freigesprochen. Irgendwie fühlte ich mich geadelt; mit der Verantwortung und dem unweigerlich gewährten Vertrauen, diesen Schlaf zu bewachen. Ich erinnerte mich an das letzte Bild seiner Erzählung - die finale Einstellung der Kamera vor dem ENDE, das sich nur dadurch als solches manifestiert hatte, dass er im Zustand angenehmer Entspannung seiner Müdigkeit erlegen war.

Sicher werden auch die beiden am Strand - einer dem anderen noch fremd – sich beim Schlafen betrachtet haben, später, nach der Liebe. Vielleicht noch in derselben Nacht, dort am Strand, oder etwas abseits, wo so leicht keiner vorbeikäme am frühen Morgen, außer den Rochen. Oder beim Erwachen, nachdem ein Sprechen im Schlaf (in seiner italienischen Muttersprache) sie geweckt hätte; in der Verwirrtheit des Moments, dem noch nicht Erkennen, wo sie sich gerade befand.

Flughafen Düsseldorf Departures. Fast hätte ich die falsche der fünf Fahrspuren erwischt. Er wollte doch nach London fliegen. Mit British Airways vermutlich. Ich fuhr vorsichtig rechts ran. Terminal. Schaltete den Motor aus. Zog die Handbremse an. Schaltete den Taxameter auf Halt. Entriegelte den Kofferraum, drehte mich um. Wie Klappdeckel an der Taschenuhr sprangen seine Lider auf. Einen momentlang genoss ich die Orientierungslosigkeit in seinem Blick bevor ich lachen musste.

„Wir sind da.“

„Habe ich Ihnen eine Geschichte erzählt, bevor ich eingeschlafen bin?“

„Ja.”

„Sandrosenmond?”

“Schon möglich.”

Ich nannte ihm den Preis und schrieb eine Quittung ĂĽber 80 Euro. Reichte sie nach hinten, steckte das Geld ein und stieg aus. Ă–ffnete den Kofferraum. Seine Tasche nahm er selbst.

„Was ist aus ihr geworden?“ fragte ich geradeheraus mit leicht schief gelegtem Kopf.

„Meine perfekte Liebe,“ sagte er und küsste mich flüchtig auf ´s Haar. „Was immer das heißen mag.“

Die automatische Türöffnung nahm ihn auf ins Namenlos des Menschengewimmels.

Während der Rückfahrt hörte ich die komplette *Remain In Light/1980 der Talking Heads. Der Nachtfahrer musste sie liegen gelassen haben.


© Elke Nachtigall
30.07.2006


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Wer Spuren sucht, wird Wege finden.

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