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Leselupe.de > Kurzprosa
Asphaltwüste
Eingestellt am 04. 09. 2007 03:15


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wasserl
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2007

Werke: 2
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Es ist ein recht übliches, verbreitetes Orange, dass vom Asphalt geschluckt und von den weißen Streifen dazwischen müde reflektiert wird. Auf der gegenüberliegenden Seite der Straße steht ein Haus; in dem Reklameschild spiegelt es sich am stärksten. Der Ton geht dann fast in Rötliche, aber auch diese Farbe findet sich im Licht aller Laternen dieses Typs. Es ist, und das macht ihn immer wieder betroffen, eine ganz und gar gewöhnliche Lichtquelle, die an jedem Fußgängerüberweg des Landes steht oder stehen könnte. Das Design entstammt den unkreativsten Episoden der Achtziger Jahre; der Fuß ist aus einem kaum kaschierten, blanken Stahlrohr. Das Rohr ist der einzig runde Aspekt dieser Installationen. Alles andere an den Leuchtanlagen, wie es im Straßenbau wohl heißt, ist eckig und nicht einmal symmetrisch. Er hat sich schon oft darüber informiert, doch mit der Recherche wurde ihm nur klarer, dass da wirklich nichts Besonderes an der Laterne ist; sie wurde 1981 aufgestellt, als man den Fußgängerüberweg baute. Das Leuchtmittel, eine Gasröhre eines taiwanesischen Betriebs, hält im Schnitt 40.000 Stunden lang, und findet in über 10.000 Laternen baugleichen Typs Verwendung.
Die Laterne in der Nähe des Hauses, das er früher bewohnte, ist die einzige, die er häufig besucht. Ein Foto von ihr hängt sogar an seinem Kühlschrank, er sieht jeden Morgen darauf.
In anderen Städten fielen ihm die Anlagen gleichen Typs meist gar nicht auf. Manchmal ging er in einer unbekannten Stadt spazieren, spät am Abend, wie es seine Gewohnheit ist, und blieb nicht einmal stehen, wenn er an einem der orangefarbenen Flecken vorbeikam. Das erstaunte ihn von Zeit zu Zeit; dass er, der doch Zeit mit diesem Modell verbracht hatte, keinen Zusammenhang herstellte zwischen dieser einen Laterne und allen anderen, die doch gleich waren.
Er hatte die Nachforschungen irgendwann einmal aufgegeben; ihm war klar geworden, dass seine Frage von Anfang an falsch gestellt war. Er hatte herausfinden wollen, was so besonders an dieser einen Anlage war, was sie unterschied; dabei hatte er die Antwort schon immer gekannt und vielleicht nur eine rationale Zuflucht gesucht, die ihm niemand geben konnte. Es war nichts anders an dieser Laterne; sie war nur eine von Tausenden des Typs Xeril LeAn 122b. Anders war nur seine Beziehung zu ihr, und es war offensichtlich, woran das lag, absolut offensichtlich und trivial.

Er hatte sie hier zuletzt gesehen.

Das war nicht nur sachlich falsch, sondern auch gelogen, denn eigentlich wusste er in aller Konsequenz, dass es nicht stimmte. Er hatte sie später auch an anderen Orten noch einmal gesehen, an unzähligen vor dem Ende sogar. Das jedoch gab er nur selten zu: Hier hatte er sie zuletzt gesehen, nirgendwo anders.
Doch wie er den Begriff der Wahrheit auch drehte, für ihn blieb es eine Lüge. Er bemühte sich nur oberflächlich, diesen offenkundigen Widerspruch durch eine Rekonstruktion der Vergangenheit zu kitten; nach außen hin hielt er das Bild aufrecht, aber im Inneren schien ihm das nur ein Schneckenhaus mit dünnen Wänden, die jederzeit reißen konnten. Es gab keine zwei Versionen der Vergangenheit, sondern nur eine und den beschämenden Versuch, sie zu erpressen; So lief er nie Gefahr, in Schizophrenie oder Wahnsinn zu enden, ganz im Gegenteil. Das Leben mit und durch diesen Widerstreit schärfte vielmehr seinen Blick für das, was wirklich gewesen war, uns so konnte er, zumindest in milden Nächten, noch den stimmlose Kuss auf seinen Lippen fühlen, wenn er den orangeroten Fleck passierte. Dann hat er oft auch eine Kamera dabei und fotografierte die Laterne. Im Sucher sah er dann eine kerzengerade, weißliche Fackel über der Laterne, die stumm flackerte. Natürlich war das eine unbeabsichtigte Fehlfunktion des CCD-Moduls, die man nicht einmal festhalten konnte; auf den tatsächlichen Aufnahmen war sie nicht mehr zu entdecken.
Aus diesem Grund stand er minutenlang da und starrte auf die kleine Kamera, bevor er abdrückte. Ganz verschiedene Dinge gingen ihm dabei durch den Kopf. Oft fragte er sich zum Beispiel, wann sie die Laternen wohl austauschen würden. Es war klar, dass sie nicht ewig hier stehen würden; die Ampeln waren schon lange modernisiert worden, und es konnte nicht mehr lange dauern, bis den Stadtvätern auch diese alte Laterne ins Auge fallen würde. Man würde sie herausreißen und an ihre Stelle eine vermutlich nicht minder hässliche, neue aufstellen. Er war nicht sicher, ob er das begrüßen oder ablehnen würde: natürlich konnte er zumindest sich selbst gegenüber nicht leugnen, dass ihm dieser Kuss immer noch nachhing. Das war eine der letzte zärtlichen Momente seines bisherigen Lebens gewesen und würde es vermutlich auch bleiben, so dass er sich diese Affektiertheit auch nach den vielen Jahren vergeben konnte.
Andererseits konnte er nicht sagen, dass er diese Momente unter der Laterne genoß. Er fühlte sich dabei eher wie ein Verbrecher, der sich, Jahre, Jahrzehnte nach seiner Tat zum Ursprung des Verbrechens hingezogen fühlt und wieder und wieder die Spuren der Tat zusammensetzte zu diesem Moment unter der Laterne; nicht etwa, um noch einmal den Rausch der Tat nachzufühlen, sondern nur um das Unbegreifliche daran zu verstehen.
Er war natürlich kein Verbrecher; zumindest in dieser Hinsicht nicht. Nicht mehr als jeder andere Mensch, auch das war ihm klar. Das Urverbrechen war nun mal die Wahl, das Wählen einer Richtung, und in diesem Zusammenhang waren die meisten Menschen schuldig. Dennoch, es fühlte sich unangenehm an, diesen Ort so oft zu besuchen, und so wusste er nicht, was er von seiner faktischen Zerstörung halten sollte; natürlich gab es da diesen Augenblick, wo er sich klar an das Ereignis erinnern konnte, oder besser an die Ereignisse, denn es waren mehrere gewesen: Sie hatten sich dort oft getroffen.
Wenn es zurück an diesen Punkt gelangte, dann war es so, als wäre die Jahre dazwischen nie vergangen, als würde er gleich ihre Stimme hören. Doch dieser Eindruck blieb, und das war ebenso offensichtlich wie unvermeidlich, nur einen Herzschlag lang. Wurde es ihm bewusst, so war der Moment schon vergangen, und übrig blieben nur noch die Verweise, Köder wie die Laterne einer war. Und dann erkannte er jedes Mal aufs Neue, dass er nur eine Täuschung gefunden hatte, mehr nicht. Was er suchte, dass war nicht nur an einem anderen Ort, es war einfach verschwunden, vollends zerstört, vielleicht sogar niemals da gewesen. Die Laterne und ihr Licht ließen nur Erinnerungen anklingen wie die Tasten eines Klaviers, das lange nicht mehr gestimmt worden war, und hinter ihren schrägen Disharmonien verbarg sich nur die asphaltgraue Wüste des Gewesenen.

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Orangekagebo
Guest
Registriert: Not Yet

Ein merkwürdiger Text, Wasserl. Sicher gut geschrieben mit seinen philosophischen Ansätzen.
Ein Frotteur, der die Laterne liebt und sie mit Assoziationen des Lebens verbindet. Eine Metapher für Erinnerungen und Liebe in der Vergangenheit und dennoch nicht besonders aussagekräftig. Was will er uns sagen, Dein überbordender Protagonist?
Eine Hommage, das Ganze, wofür?

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wasserl
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Aug 2007

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Hallo!
Hmm, ich denke nicht, dass ich eine tiefere Aussage wollte bzw. eine 'Moral' o.ä.
Ich habe nur versucht, ein oder zwei sehr flüchtige Gedanken oder Empfindungen einzufangen. Der Hauptpunkt für mich war diese Widersprüchlichkeit zwischen der scheinbaren Rationalität und dem, was darunterliegt; Der philosophische Kram ist dadurch bedingt, nicht umgekehrt. Mag sein, dass mir das nicht gelungen ist...

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