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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Atmung
Eingestellt am 03. 08. 2001 17:45


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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Atmung


Einatmen.
Ausatmen.

Einatmen.
Ausatmen.

Einatmen.
Ausatmen.

Wenn man im Wasser liegt, der K├Ârper frei in der tr├Ągen Schwebe h├Ąngt, dann versto├čen Zeit und Raum gegen ihre Regeln und bemogeln sich gegenseitig.

Ausatmen.
Einatmen.

Ein Wal schwimmt im Brustkorb und schwingt die breite Schwanzflosse, dudumm, dudumm, gegen die Rippengitterst├Ąbe. In den Ohreng├Ąngen knacken leise die Balken, halten aber Stand.

Ausatmen.
Einatmen.

Der Chlorgeruch kriecht durch die wassernahen Nasenluken und verunsichert den Geist, der eine Flut erwartet, die nicht kommt. Wie ein lebendes, pulsierendes Wesen ├╝berwacht der Atem die innere Lungenk├╝ste. Luft ist in den Tanks. Alles ist gut. Sonne gleitet hinter dem Inselgesicht hervor und l├Ąchelt in den Himmel.

Ausatmen.
Einatmen.

Alles ist gut, weil alles wichtige unwichtig geworden ist. Die Position stimmt. Der Navigator hat gute Arbeit geleistet und ruht sich in der Koje aus. Mein Leibesschiff liegt direkt ├╝ber den lange versunkenen Fliesen. Meinen Blicken verborgen wei├č ich sie tief im R├╝cken.

Ausatmen.
Einatmen.

In der H├Âhe durchfugt der Kachelhimmel den Blick wie eine Luftbildaufnahme des New Yorker Stra├čennetzes. Alles ist in Ordung. Alles in Entfernung. Alles in rechten Winkeln. Gerade und nicht krumm. Das Leben wuselt dort unten in der H├Âhe. Hier oben in der Tiefe ist meiner Lungenluft rein und unbek├╝mmert.
Zeit und Raum sind Betr├╝ger. Sie gaukelten mir die Wirklichkeit vor.
Ausatmen.
Einatmen.

Unten ist oben. Und oben ist unten. Ich allein bin die leichte Mitte, niemandem zugeh├Ârig. Wie konnte ich so lange leben, ohne diese Schwerelosigkeit.

Ausatmen.
Einatmen.

Die Welt hat an Gewicht verloren. Hat mein Gewicht verloren. Ich bin ihr in R├╝ckenlage entschwommen, in diesen umgest├╝lpten Ozeanhimmel, und liege nun zwischen den Schichten der Gestade, den K├Ârper zum Gro├čteil im w├Ąssrigen Wolkenbett verpackt, das Gesicht in die weltliche Kachelatmosph├Ąre gedr├╝ckt.

Ausatmen.
Einatmen.

Und wenn ich nun nicht mehr m├Âchte, so atme ich ein letztes Mal aus. Lasse mich in die H├Âhe sinken. In die Ruhe. Den versunkenen Fliesen entgegen. Und der Wal in meinem Brustkorb wird seine Flossen strecken, aufh├Âren zu schlagen. Und der Atem wird sich zur├╝ckziehen von seinem Posten, Feierabend machen. - Wenn ich nun nicht mehr m├Âchte. Ich mu├č nur ausatmen ...

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josipeters
Guest
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Atmung

Ich hoffe schon, dass du noch atmen m├Âchtest!
Stelle mir vor, du liegst in der Badewanne und probierst diverse Atmung aus. Nimm einen kr├Ąftigen Lungenzug, aber besser ├╝ber Wasser!

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flammarion
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hm,

eine sehr plastische badegeschichte. aber warum so d├╝ster am ende? da haste nun - wovon ich seit jahren tr├Ąume - die ganze badeanstalt f├╝r dich alleine und willst dich . . . ach nee, du willst ja gar nicht ertrinken, sondern dich nach oben sinken lassen. oh, ein wunder! staunend guckt
__________________
Old Icke

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Markus Veith
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2000

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Irgendwie wei├č ich noch nicht so recht, ob eure Beitr├Ąge Kritiken oder Bemerkungen sind. Das kommt f├╝r mich nicht so recht raus, was ja nicht weiter schlimm ist, so lange ich das Gef├╝hl habe, die Geschichte wurde verstanden. Und dies habe ich zumindest bei dir, flammarion.
Ich finde den Text eigentlich gar nicht d├╝ster, wollte ihn zumindest nicht so schreiben. Es ist eher dieses Leckt-mich-alle-Arsch-es-k├Ânnte-jetzt-wer-wei├č-was-passieren-ich-w├╝rde-trotzdem-liegenbleiben-Gl├╝cksgef├╝hl, das ich haben wollte.

Mit literarischen Gr├╝├čen
Markus Veith

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flammarion
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ach,

markus, ich bin ja so neidisch! ich w├╝rde, wenn ich k├Ânnte, den hinterhof fluten, um mich diesem wunderbaren gef├╝hl hingeben zu k├Ânnen - mir geht es gut, und wenn ihr noch so d├Ąmlich guckt! mach mal so weiter. ganz lieb gr├╝├čt
__________________
Old Icke

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Ralph Ronneberger
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Hallo Markus,

Du alter Langstreckler, sp├Ątestens jetzt hast Du bewiesen, da├č Du auch die kurze Distanz brilliant zu absolvieren verstehst. Ich w├╝├čte nicht, an welcher Stelle man mit einer Kritik einhaken k├Ânnte. Na sch├Ân - eine richtige Geschichte ist es nicht. Aber es werden Eindr├╝cke oder Empfindungen sowie deren Wirkung auf das eigene Ich in verdammt eindrucksvoller Weise geschildert - oder vielmehr vermittelt. So mancher von uns wird bei ├Ąhnlicher Gelegenheit auch ├Ąhnlich empfunden, aber nat├╝rlich vers├Ąumt haben, sich dessen ganz bewu├čt zu werden oder es gar aufzuschreiben. Ist es deshalb so leicht nachvollziehbar?
Und - ich k├Ânnte mir vorstellen, in einer Lesung zu sitzen, zu lauschen und unter Umst├Ąnden am Schlu├č tats├Ąchlich f├╝r einen Moment das Atmen zu vergessen. Ich finde, dieser Text eignet sich eher zum H├Âren, als zum reinen Lesen.

Gru├č Ralph
__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

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