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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Atto oder wie Christoph in mein Leben trat
Eingestellt am 03. 09. 2008 15:57


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Reika Taruttis
Hobbydichter
Registriert: Sep 2008

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Vor etwas mehr als einem Jahr machte ich mich auf den Weg zu meinem neuen Nebenjob. Mit schwei├čnassen H├Ąnden setzte ich mich hinters Steuer und z├╝ndete den Motor. Den Weg zum Ziel, er war relativ simpel, hatte ich mir vorher genau eingepr├Ągt und an Zeit mangelte es ebenfalls nicht. Wir hatten uns vorher sowohl per Mail, als auch per Telefon verst├Ąndigt. Ein paar Grundinformationen hatte ich also schon. Ein bisschen mulmig war mir trotzdem zumute. Sollte ich doch auf einen behinderten Jungen aufpassen. Ich war mir auch sicher, seine Mutter hatte mir schon gesagt um welche Behinderung es sich handelt, aber der Name daf├╝r war mir wieder entfallen. Ich kannte aber einige der Symptome dazu. Ver├Ąnderung der Gliedma├čen, autistische (Bedarfs)-Z├╝ge, Wutausbr├╝che in Begleitung von Schreikr├Ąmpfen, Ern├Ąhrungsst├Ârung, starker Reflux (R├╝ckfluss des Mageninhaltes in die Speiser├Âhre), vermindertes Schmerzempfinden, vermindertes / kein Einsch├Ątzungsverm├Âgen von Gefahren, h├Ąufige Migr├Ąneattacken, Verst├Ąndigung durch Geb├Ąrden und er l├Ąsst sich ungern ber├╝hren.
Klar hatte ich w├Ąhrend meiner Ausbildung im Kindergarten mit behinderten Kindern gearbeitet. In unserer Gruppe hatten wir Kinder mit dem Downsyndrom, Autismus, motorischen Behinderungen, Behinderung in der Sprachentwicklung, Hyperaktivit├Ąt (ADS + ADHS). Aber ich war selten.. Nun ja, wie soll ich sagen? Das beste Wort w├Ąre wohl: allein.
Das war es, was mir Angst machte und das war der Grund, weshalb ich lange dar├╝ber nachgedacht habe, ob oder ob ich nicht diesen "Job" annehmen sollte. Ich hatte keine Ber├╝hrungs├Ąngste oder dergleichen, nein. Es war lediglich die Angst davor, allein mit dem Jungen zu sein und eventuell, in einem wichtigen Moment, nicht das Richtige zu tun. Nicht die richtige Entscheidung zu treffen. Also nahm ich mir vor, das erste Treffen abzuwarten und danach zu entscheiden. Tja, das hatte ich mir so gedacht.
Nun stand ich nerv├Âs unten vor dem Garagentor, klingelte und wartete, bis ich das erl├Âsende Summen vom T├╝r├Âffner h├Ârte. Ich ging die Einfahrt hinauf zum Haus und sah eine bereits weit ge├Âffnete Haust├╝r. Hinter der T├╝r ein braunhaariger, kleiner Kopf, der neugierig und mit gro├čen Augen um die Ecke lugte und dann noch zwei kleine schmale H├Ąndchen, die in einem unregelm├Ą├čigen Rhythmus ineinander klatschten. Ein L├Ącheln konnte ich mir jetzt schon nicht mehr verkneifen und h├Ątte ich nicht in diesem Moment meine Entscheidung getroffen, so h├Ątte ich es im n├Ąchsten getan. An der Haust├╝r angekommen wanderte eines der H├Ąndchen schnurstracks in meine rechte und danach in meine linke Jackentasche, um dann auch schon (seine Mutter hatte mich bereits vorgewarnt) siegessicher meinen Autoschl├╝ssel hervor zu ziehen. Stumm, mit leicht ge├Âffnetem Mund, zur Seite geneigtem Kopf und mit gl├Ąnzenden Augen starrte er nun lange auf das Symbol der Automarke, indem er sie sich direkt vor die Nase hielt, und dr├╝ckte mir danach den Schl├╝ssel mit einem kurzen Seufzer namens "Atto" wieder in die Hand und verschwand im Haus.
Das war nun also der erste und entscheidende Begegnungsmoment mit Christoph gewesen. "Atto" bedeutet lediglich Auto. Seine gro├če Leidenschaft. Neben seiner Tante und nun auch noch st├Ąndig, im Turboantrieb laufenden Scheibenwischern (auch an sonnigen 26 Grad Tagen, unglaublich wie schnell Wischerbl├Ątter sich abnutzen k├Ânnen), so ziemlich das Gr├Â├čte f├╝r ihn. Ich glaube, ich habe vorher noch nie so viele Schl├╝ssel und Autozeitschriften auf einem Haufen gesehen.
Das Treffen lief sehr entspannt ab. Seine Mutter zeigte mir einen kurzen, aufschlussreichen Dokumentarfilm zum "Cornelia-de-Lange-Syndrom" (CdLS) und ich wurde gr├╝ndlich unter die Lupe genommen, indem ein kleines Gesicht dem meinen so nahe kam, dass ich bef├╝rchtete ich w├╝rde anfangen zu schielen. Ich erz├Ąhlte ein wenig von mir und mir wurden einige Fragen zu Christoph beantwortet. Nat├╝rlich lernte ich auch gleich die zwei wichtigsten Geb├Ąrden kennen: "Atto" und "Tata" (Auto und Tante). Nein, eigentlich waren es drei Geb├Ąrden. Die dritte war f├╝r das Wickeln zust├Ąndig, denn vor dem Rausgehen (Auto gucken selbstverst├Ąndlich), musste das noch erledigt werden. Auch das sollte dann sp├Ąter eine von meinen Aufgaben werden.
Ich konnte mir nun also ein grobes Bild von ihm machen. Christoph, 14 Jahre alt, k├Ârperlich und geistig behindert mit dem Syndrom namens Cornelia-de-Lange-Syndrom. So nahm ich also den "Job" an und ich muss sagen: Ich freute mich drauf. Aber: Ich war seeehr unsicher. Ich kannte den Jungen nicht und er kannte mich nicht. Ich war neu f├╝r ihn, platzte geradezu in sein routiniertes Leben hinein. Da er, wie bereits erw├Ąhnt, auch autistische Z├╝ge hat, ist es schlie├člich wichtig f├╝r ihn, dass alles einen einigerma├čen geregelten Ablauf hat. M├Âglichst genau so, wie er es kennt. Es gibt auch den "Bedarfsautismus", denn er hat zwar eine Behinderung, aber dumm ist der Kleine nicht. Es dauerte nicht besonders lang, bis ich dahinter kam. Inzwischen hatte er sich wahrscheinlich schon drei Mal ins F├Ąustchen gelacht. Denn nat├╝rlich hat es auch Vorz├╝ge sich ein oder zwei Dinge seiner Behinderung zu Nutzen zu machen, wenn man gerade nicht in der Laune ist, das zu tun, was die Erwachsenen von einem verlangen. Wahrscheinlich bin ich aber auch "nur" in die beste Phase seines (und das seiner Mutter) Lebens hineingestolpert. Die Pubert├Ąt.
Nun, ich wusste also nicht, wie er auf mich reagiert. W├╝rde er auf mich h├Âren? K├Ânnte ich mich durchsetzen? Erkenne ich es, wenn es ihm nicht gut geht? Kann ich mir merken welches Medikament er wann bekommt? Was ist, wenn er sich unter meiner Aufsicht verletzt? Wie weit gehe ich? Wann bin ich strenger? Wann bin ich nachsichtig? Kann ich mit den Symptomen umgehen? Bin ich geduldig genug? Ja, auch die Frage: Bin ich stark genug, ihn in mein Herz zu lassen? Denn das w├╝rde fr├╝her oder sp├Ąter passieren. Eigentlich wohnt er da bereits, seitdem das erste Mal die Haust├╝r ge├Âffnet wurde, und er mir neugierig entgegen blickte. Hatte sich einfach eingenistet.
Anfangs war ich sehr zur├╝ckhaltend, mehr in der Beobachterrolle. Nat├╝rlich hatte ich Christoph noch nicht direkt alleine. Wir machten mit seiner Mutter und ihrer Freundin Ausfl├╝ge. Mal in den Wald, mal zu Pferd. Nach und nach zog seine Mutter sich dann aus dem Geschehen hinaus und schon bald konnte sie das tun, wof├╝r ich eigentlich da war: Sich Zeit f├╝r sich nehmen. Ausger├╝stet mit Handy, Telefonnummern und Schl├╝ssel ging es jetzt also los. Erfolglos versuchte ich Christoph zu Spazierg├Ąngen zu ├╝berreden. Es war das beste Wetter. Doch Christophs Lieblingsplatz war und ist das Schlafzimmer. Hier kann er zur Ruhe kommen. Nat├╝rlich habe ich es auch schon geschafft ihn nach drau├čen zu locken. Meistens muss irgendetwas dabei sein. Ein Einkaufstrolley, ein Tretroller, ein selbst gebasteltes Vermessungsger├Ąt (lediglich ein langer Stock mit Laufrad am Ende) oder etwas dergleichen. Irgendetwas zum Fahren, Ziehen oder Schieben und es ist machbar. Ich habe auch meinen Spa├č damit, denn es ist herrlich die Blicke der Menschen zu studieren, wenn sie nachdenklich, neugierig, manchmal sogar penetrant auf das Kind starren, welches munter ein "Vermessungsger├Ąt" vor sich herschiebt. Schaffe ich es nicht Christoph vor die T├╝r zu bekommen (Auto fahren geht nat├╝rlich immer, schadet aber meinem Geldbeutel und der Kilometeranzeige ziemlich und au├čerdem ist das nicht "Spazierengehen"), so besch├Ąftigen wir uns einfach drinnen. Anfangs habe ich ihm ├╝berlassen was wir machen sollten, um zu gucken, mit was er sich sonst so besch├Ąftigt. Doch nach und nach nahm auch ich mal das Ruder in die Hand. Irgendetwas l├Ąsst sich immer finden und am Besten etwas, um seine ├╝bersch├╝ssige Energie loszuwerden.
Inzwischen darf ich ihm sogar ├╝ber den Kopf streicheln, seine Hand nehmen (aber nur kurz), ich darf in seinen Ruhephasen neben ihm liegen, w├Ąhrend er sich intensiv mit meinen Haaren besch├Ąftigt (autsch). Er h├Ârt auf mich (meistens). Ich erkenne oft schon fr├╝h die Anzeichen, wenn es ihm nicht gut geht. Mit den Geb├Ąrden hapert es manchmal noch, aber die wichtigsten habe ich gelernt. Seine Windel kann ich bereits in einem Tempo wechseln, mit dem er sich auch arrangieren kann. Oft sehe ich schon an seinem Gesichtsausdruck, ob ihm etwas nicht recht ist. Das ist wichtig, denn au├čer ein paar Worten, spricht er nicht und auch die Bedeutung dieser Worte kann man als Au├čenstehender oft nur erahnen. Vor einiger Zeit war ich ihm dann tats├Ąchlich nahe genug, um mit ihm ein wenig toben zu k├Ânnen und es war einfach ein fantastisches Gef├╝hl Christoph zum Lachen zu bringen. Ich denke wir zwei sind inzwischen ganz gut aufeinander eingespielt und ich bin froh, dass ich mich letztes Jahr f├╝r diesen Job entschieden habe. Nur so konnte ein wundervoller Mensch namens Christoph in mein Leben treten und mit ihm nat├╝rlich die Personen aus seinem n├Ąheren Umfeld. Manchmal ist es also ganz gut sich seinen ├ängsten zu stellen, ├╝ber seinen eigenen Schatten zu springen. Verlieren kann man sicher nichts dabei.

__________________
Schreiben ist leicht. Man mu├č nur die falschen W├Ârter weglassen. (Zitat / Mark Twain)

Version vom 03. 09. 2008 15:57

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ENachtigall
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Hallo Reika,

ich hoffe, du bist einverstanden, dass ich deinen Text aus der Schreibwerkstatt in das Literarische Tagebuch geholt habe, wo ich ihn gut aufgehoben finde.

Er ist nicht nur f├╝r P├Ądagogen und Betroffene interessant geschrieben und spannend zu lesen. Seine gute Allgemeinverst├Ąndlichkeit und anschauliche Darstellung, vor allem aber die inhaltliche Balance zwischen rationalen und intuitiven Entscheidungsmomenten verleihen ihm ein breites Sympathiespektrum; ein Text, den ich sehr lesenswert finde.

Bei einer ├ťberarbeitung solltest du noch die ├╝bersch├╝ssigen Schr├Ągstriche entfernen. Au├čerdem haben wir keine Themeneinteilung. Der Titel des Werkes steht im Textfeld ganz oben und dirkt ├╝ber dem Text noch einmal.

Nat├╝rlich m├Âchte ich dich au├čerdem herzlich begr├╝├čen!

Gr├╝├če von Elke

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Reika Taruttis
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Registriert: Sep 2008

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Hallo Elke!

Vielen Dank f├╝r die Begr├╝├čung und auch f├╝r die Beurteilung!
Klar bin ich damit einverstanden, dass der Text verschoben
wurde. Die Schr├Ągstriche habe ich entfernt. Zumindest glaube
ich keine mehr gesehen zu haben.

Also danke noch mal!
Viele Gr├╝├če
Reika
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