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Au revoir Wolodja
Eingestellt am 04. 07. 2005 14:25


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vicell
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Au revoir, Wolodja

Es war Ende September, ein regnerischer Tag, als die kleine Marie geboren wurde. Ihr kr√§ftiges Schreien kurz nach der Geburt mischte sich mit dem L√§rm auf der Station und √ľbert√∂nte das leise Keuchen der jungen Frau, die sich mit schweissnassen Haaren und klammen H√§nden an die d√ľnne Bettdecke klammerte und fest entschlossen den Kopf zu Seite drehte, als die Hebamme ihr das Neugeborene in die Arme legen wollte. Marie schrie noch lauter, und die Hebamme unterdr√ľckte einen Seufzer. ‚ÄěHaben Sie einen Namen f√ľr Ihre Tochter?‚Äú wollte sie wissen. Die junge Frau antwortete nicht. Bringt es weg. Ich will es nicht.
Das Schreien des Kindes wurde leiser.
Ihr Kopf war zur Seite gesunken, und die fiebrigen Augen starrten ins Nichts, als sie den sich entfernenden Schritten der Hebamme lauschte.

An diesem Abend trank Marcel eine ganze Flasche Rotwein alleine aus. Seit Helenas Fortgang vor gut zwei Monaten hatte er es sich zur Angewohnheit gemacht, abends vor dem Schlafengehen Wein zu trinken. Den Bekannten und Freunden hatte er so lange versichert, es w√ľrde ihm gutgehen, und ja, er k√∂nne nachts wieder ruhig schlafen, bis sie ihn schlie√ülich nicht mehr fragten. Und er war dankbar, dass er nun endlich in Ruhe die Gedanken an Helena und das ungeborenes Kind verdr√§ngen konnte. Einen Vorteil hatte es: sie w√ľrde nie erfahren, warum er zum Beispiel gestern so traurig gewesen war. Oder diese wunderbare Abend davor, als er bei Anna und Robert abends gegessen hatte. Ausgesprochen fr√∂hlich, sogar ansteckend lustig war es gewesen, weil er sich die ganze Zeit eingebildet hatte, sie w√§re ungl√ľcklich. Ohne ihn.
‚ÄěVerr√ľckt ist das, nicht wahr?‚Äú sagte er mit klangloser Stimme vor sich hin und lachte dabei, so laut er konnte.
Auf diese Weise wurde Marcel mit seinem Leben und seiner Trauer fertig und es war gut so, wie er glaubte.

Doch dann kamen die Erinnerung an ihre letzte gemeinsame Nacht, immer und immer wieder.
‚ÄěIch will, dass meine Tochter Marie heisst, und Wolodja, wenn es ein Junge wird...‚Äú hatte er damals schlaftrunken gefl√ľstert und sie hatte nichts darauf geantwortet.
Er schlief weiter, den Arm auf ihrer nackten H√ľfte und der Wind wehte sanft √ľber die reglose Gestalt, die mit offenen Augen in das Dunkel starrte und den ruhigen Atemz√ľgen Marcels lauschte. Woher sollte er wissen, welche Geschichte dieser Name hatte? Da in dem Moment, als er mit schl√§friger Stimme den Namen ‚ÄěWolodja‚Äú aussprach, in ihr die alten Gespenster der Erinnerungen wieder auftauchten und sie f√ľr den Rest der Nacht nicht mehr schlafen liessen.
Aber sie hatte ihm nie etwas von ihrer Vergangenheit erzählt. Warum noch einmal die alte, traurige und komplizierte Geschichte aufwärmen, die doch nur sie etwas anging.
Zu deutlich konnte sich Helena an den gro√üen breitschultrigen und nach Leder und Schwei√ü riechenden Soldaten erinnern, an die roten Vorh√§nge im halbdunklen Zimmer, die leise wehten, als sich der fremde Mann in ihr bewegte und dabei unverst√§ndliche Worte keuchte. Nur ein einziges konnte sie verstehen und es hatte sich ihr in unerbittlicher Sch√§rfe eingepr√§gt: ‚ÄěWolodja‚Äú.
Immer wieder dieses Wort, dieser fremde Name, Wolodja.
Warum will Marcel auf einmal, dass mein Sohn diesen Namen t√§gt, fragte sich Helena verzweifelt und fand keine Antwort. Wie konnte sie diese Nacht jeh vergessen? Ihre H√§nde ertasteten den gew√∂lbten Bauch und, ohne es verhindern zu k√∂nnen, musste sie an diese anderen H√§nde denken, die sie mit hartem ge√ľbtem Griff festhielten und den unertr√§glichen Schmerz vergr√∂√üerten, als das Unausprechliche geschah. Marcel w√ľrde es nie verstehen.
Er w√ľrde der Vater des Kindes sein, so dachte Helena noch in dieser Nacht.

Aber am nächsten Morgen verließ sie ihn.
Ein letztes Mal schaute sie in sein schlafendes Gesicht und k√ľ√üte seine Mundwinkel, die sich sanft bewegten, als sie sich √ľber ihn beugte.
‚ÄěIrgendwann wirst du es verstehen.‚Äú

Diese f√ľnf Worte auf einem St√ľck karierten Papier waren der Grund daf√ľr, dass Marcels Welt nicht mehr dieselbe war und er nachts nicht mehr schlafen konnte.
‚ÄúWas werde ich irgendwann verstehen? Was?‚Äú fragte er m√ľde die Wand, die ihn teilnahmslos anstarrte.
Seine Finger ber√ľhrten den Mund und liebkosten ihn, so, als w√§ren es Helenas warme Lippen, die er immer noch schmecken konnte. Er achtete nicht auf die Tr√§nen, die ihm das Gesicht herabrannen, als er seine Einsamkeit laut hinaus schrie, seinen Alltag und die Flucht in den Alkohol verfluchte. Wo war Helena? Wo war sein Kind?
Er ballte die Hände zu Fäusten und trat langsam an das Fenster. Es war ein warmer Abend, der eine herbstmilde Nacht versprach.
Marcel starrte hinaus in den Abend und beobachtete die Fu√üg√§nger, die mit langsamen oder schnellen Schritten vorbeiliefen. Er sah einer jungen Frau hinterher, die mit langen Schritten vorbeieilte, und fragte sich fl√ľchtig, ob sie sich jemals in ihrem zuk√ľnftigen Leben dieses bestimmten Augenblickes so erinnern w√ľrde, wie er es jetzt gerade tat. Aber auch dieser Moment ging vorbei, und auf einmal merkte Marcel, dass der Raum dunkel geworden war.
Das leise Knarren der T√ľr liess ihn j√§h herumfahren und erstarren. Fassungslos sah er Helena auf sich zukommen, das Gesicht vor Kummer verzerrt.
‚ÄěUnser Sohn hat bei der Geburt fast f√ľnf Pfund gewogen. Er hatte schwarze Haare und r√∂tliche Haut. Und die H√§nde hatte er zu F√§usten geballt, so wie du es immer tust, wenn du schl√§fst.‚Äú Ihre Stimme klang br√ľchig, und Marcel blickte sie an, unf√§hig, etwas zu sagen. Sie setzte sich m√ľde an den kleinen Tisch und legte den Kopf in die Arme. ‚ÄěVerzeih mir.‚Äú
Langsam n√§herte sich Marcel dem Tisch und betrachtete Helena, die er im Dunkeln kaum richtig erkennen konnte. Dennoch drehte er den Lichtschalter nicht an. Er setzte sich leise, wie um sie nicht zu st√∂ren, und wagte kaum zu atmen, aus Angst, sie w√ľrde wieder verschwinden und nichts weiter als einen karierten Zettel zur√ľcklassen wie beim letzten Mal.
‚ÄěVerzeih mir.‚Äú Helenas schmale Gestalt wurde vom Mondlicht bedeckt, der das kleine Zimmer √ľberflutete und zwei blasse Gesichter zeigte, die sich an einem kleinen Tisch gegen√ľber sa√üen und einander nicht in die Augen sehen wollten.
Marcel starrte auf Helenas Hände, die bewegungslos auf dem Tisch lagen und auf die Muster, die das Mondlicht zeichnete. Also ist das Kind, der Junge, gestorben. Einfach so, dachte er langsam und schaltete alle Empfindungen ab.

War er √ľberhaupt der Vater?

Seit Helenas Fortgang hatte er sich die Frage gestellt. War dies der Grund f√ľr ihr unerkl√§rliches Verschwinden? Er hob den Kopf und sah nachdenklich aus dem Fenster.
Helena sah diese Bewegung und zuckte innerlich zusammen.
Er will mich nicht mehr, dachte sie hoffnungslos. Jetzt wei√ü er es also. Sie st√∂hnte leise auf und schloss die Augen, um nicht mehr die unbarmherzigen Helligkeit des Mondlichtes ertragen zu m√ľssen.
Ach, meine kleine s√ľ√üe Marie, du starkes tapferes Wesen, du wolltest so gerne leben, weigertest dich zu sterben, dachte sie, und das Dr√∂hnen in ihrem Kopf wurde st√§rker und st√§rker.
Wie kann ich Marcel jemals die Wahrheit sagen?
Dass du so gerne leben wolltest? Ich dich aber nicht leben lassen konnte? Was h√§ttest du f√ľr ein Leben in dieser Welt gehabt? Deine weichen kleinen H√§nde zu F√§usten geballt und deine Augen weit ge√∂ffnet, so wolltest du um deine Zukunft k√§mpfen, du warst bereit f√ľr dieses Leben, aber ich liess dich nicht.
Wie werde ich dich in Erinnerung behalten, meine Tochter?
Ihre Augen brannten und sie sehnte sich pl√∂tzlich nach Marcel, seinen weichen Lippen und dem glatten dunklen Haar, welches sie so gern auf ihrer Brust sp√ľrte, wenn er in ihren Armen schlief.
Wie gern h√§tte ich dich in meinen Armen gehalten, kleine s√ľ√üe Marie ‚Ķ
Sie hob langsam den Kopf und schaute zu Marcel.
‚ÄěIch habe unseren Sohn Wolodja genannt.‚Äú h√∂rte sie sich sagen und sah, wie er mit unsicheren Bewegungen den Stuhl zurechtr√ľckte.
Jetzt begegnete er ihrem Blick und erschrak √ľber die Leere in ihren Augen. Er war sich so verzweifelt sicher, dass seine Liebe zu ihr das Einzige war, wovon er sich nach wie vor noch √ľberraschen lassen wollte. Und sie liebte ihn doch auch! Sonst w√§re sie doch nicht zur√ľckgekommen, oder? Seine H√§nde tasteten √ľber den Tisch und umfassten ihre Finger, die kalt waren wie der Tod. Er dr√ľckte ihre H√§nde und sp√ľrte, wie langsam Leben in Helena zur√ľckkam.
‚ÄěAu revoir, Wolodja‚Äú , fl√ľsterte er leise und sah, wie ihr Tr√§nen √ľber das Gesicht liefen. Da wu√üte er, dass ihre Flucht ein Ende gefunden hatte.
Und endlich konnten beide √ľber die Dinge weinen, die sie voneinander wussten und all der Sachen wegen, die sie noch in Zukunft voneinander erfahren w√ľrden.

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coxew
???
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hallo,

zwei kleine sachen sind mir aufgefallen:

Oder diese wunderbare Abend davor, als er bei Anna und Robert (abends, einmal reicht) gegessen hatte.

Warum noch einmal die alte, traurige ("und komplizierte" - w√ľrd ich weglassen) Geschichte aufw√§rmen, die doch nur sie etwas anging.

insgesamt - wer diese helena eigentlich? ist sie nun bei der geburt gestorben, dann kann marcel nicht später gemeinsam mit ihr weinen.

vg,
karin

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herb
???
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quote:
Urspr√ľnglich ver√∂ffentlicht von coxew


insgesamt - wer diese helena eigentlich? ist sie nun bei der geburt gestorben, dann kann marcel nicht später gemeinsam mit ihr weinen.



ja, ich finde auch, diese Geschichte hat wunderbare poetische Sätze, wie man sie von Vicell kennt, aber bleibt in allem doch zu rätselhaft, vielleicht, weil du dich auf eine KG beschränken wolltest.
Helena ist bei der Geburt gestorben, sie wurde einst von einem russischen Soldaten vergewaltigt, der Wolodja hieß.
Marcel w√ľnschte sich f√ľr einen Jungen seltsamerweise diesen Namen, das wird hier schon √ľbersinnlich.
Marie heißt aber das lebende Baby.
Helena erscheint Marcel im Traum, die Geschichte mit der Vergewaltigung ist endlich bewältigt.

F√ľr wen gibt es nun eine Zukunft, f√ľr Marie und Marcel als Vater?

lieben Gruß

herb, der sich den Kopf kratzt
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Kästner

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vicell
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hallo ihr Lieben,

jetzt bin ich allerdings ein wenig verwundert...ist der Plot wirklich so mißverständlich ...?

Eigentlich geht es in der Geschichte um eine Liebesbeziehung zwischen Marcel und Helena und das Motiv des Kindesmordes. Zeitrahmen bleibt im Hintergrund, das erschließt sich aus einigen Wörtern wie Soldat etc.
Helena ist in der Vergangenheit vergewaltigt worden und ist schwanger, sie verschweigt diese Tatsache Marcel, der sich bis dahin als Vater sieht.
Sie bringt ein M√§dchen zur Welt und bringt das Neugeborene um. Sie hat mit der Welt abgeschlossen und sieht keine Zukunft f√ľr sich und das neugeborene M√§dchen. Dennoch kehrt zu Marcel zur√ľck und erz√§hlt ihm, sie h√§tte einen Jungen namens Wolodja geboren (den Namen, den Marcel sich w√ľnscht f√ľr seinen Sohn und dieser Name ruft in ihr die schmerzhafte Erinnerung an die Vergewaltigung wach, der Ausl√∂ser f√ľr ihre Flucht).
Die Zukunft beider bleibt ungewiss. Ob sie die ganze Geschichte Marcel jemals erz√§hlen wird, ist der Phantasie des Lesers √ľberlassen.

Nat√ľrlich ist im ersten Absatz, wo die Geburt der Marie beschrieben wird, nicht vom Tod der Mutter die Rede - sie ist mit ihren Kr√§ften physisch und psysisch am Ende, aber wenn sie gestorben w√§re, h√§tte die Geschichte, die ich erz√§hlen will, ja keinen Sinn.

Allerdings, wenn ich diesen Teil noch mal durchlese, liegt die Vermutung aufgrund einiger Formulierungen nahe, dass Helena auch gestorben sein könnte, ich werde ncoh mal ein wenig daran basteln.

Urspr√ľnglich war diese Story als Beitrag f√ľr ein Literaturprojekt vom ai zum Thema "Frauen und Gewalt" gedacht, jedoch hatte ich mal wieder den Einsendeschluss verpennt...
Also hatte ich sie auf einigen Lesungen in den letzten Monaten vorgestellt, wo das Thema Vergewaltigung und Kindesmord z.T. heiss diskutiert wurde, jedoch kam bislang nie die Frage, ob Helena gestorben wäre (obwohl ich herbs Schlußfolgerungen auch faszinierend finde).

R√§tselhaft ist die Geschichte auch angelegt, denn es ist kein leichtes Thema, und mir waren hier beide Personen wichtig, Marcel und Helena, daher der Wechsel der Erz√§hlebenen, um die Frage, ob ihre Beziehung nach alldem noch einen Zukunft hat, besser darstellen zu k√∂nnen - auch wollte ich vermeiden, als Autorin einen zu moralischen bzw. verurteilenden Standpunkt einzunehmen, dazu ist die Thematik viel zu heikel, und man w√ľrde Gefahr laufen, zu schnell zu verallgemeinern.

Ich werde die Geschichte jetzt noch mal genau durchgehen und einige Passagen klarer gestalten - ich hoffe, mein Anliegen wird dann deutlicher.

Danke f√ľr die Kommentare!

Liebe Gr√ľ√üe,
vic

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Zefira
???
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Liebe vic,

falls es Dich tröstet: Ich habe zu keinem Zeitpunkt angenommen, Helena sei tot (wenn ich auch nach nochmaligem Lesen verstehe, wie man zu diesem Schluss kommen könnte, aber ich habe ihn jedenfalls nicht gezogen).

Unverst√§ndlich ist mir aber, warum sich Marcel als Namen f√ľr seinen Sohn ausgerechnet diesen ungew√∂hnlichen Namen "Wolodja" w√ľnscht, den auch dieser Soldat ausgesprochen hat - sei es sein eigener Name oder der eines anderen (?) - das ist ein merkw√ľrdiges Zusammentreffen. Ich f√§nde es leichter nachzuvollziehen, wenn Helena sich etwa d√§chte: "Wolodja, das klingt russisch, und russische Worte mag ich nicht, weil ... " - ohne jetzt auf diesen speziellen Namen abzuheben.

Kleine Stilkritik: Du hast an mehreren Stellen ineinander geschachtelte Nebensätze stehen gelassen, z.B.

quote:
... √ľbert√∂nte das leise Keuchen der jungen Frau, die sich mit schweissnassen Haaren und klammen H√§nden an die d√ľnne Bettdecke klammerte und fest entschlossen den Kopf zu Seite drehte, als die Hebamme ihr das Neugeborene in die Arme legen wollte.
quote:
... vom Mondlicht bedeckt, der das kleine Zimmer √ľberflutete und zwei blasse Gesichter zeigte, die sich an einem kleinen Tisch gegen√ľber sa√üen und einander nicht in die Augen sehen wollten.
Solche Satzgef√ľge w√ľrde ich aufbrechen - aber das ist nur meine pers√∂nliche Meinung; wenn Du solche S√§tze ohne Schwierigkeiten vorlesen kannst, will ich Dir nicht reinreden.

Deine Geschichte ist sehr bewegend, besonders gef√§llt mir, wie die beiden am Ende ohne eigentliches Gespr√§ch, nur durch K√∂rpersprache doch noch zu einer Verst√§ndigung kommen, die Hoffnung f√ľr die Zukunft verhei√üt.

Einen lieben Gruß
Zefira
__________________
schmollfisch

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flammarion
Foren-Redakteur
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Korrekturvorschläge:

Veröffentlicht von vicell am 04. 07. 2005 14:25
Au revoir, Wolodja

Es war Ende September, ein regnerischer Tag, als die kleine Marie geboren wurde. Ihr kr√§ftiges Schreien kurz nach der Geburt mischte sich mit dem L√§rm auf der Station und √ľbert√∂nte das leise Keuchen der jungen Frau, die sich mit (schwei√ünassen) Haaren und klammen H√§nden an die d√ľnne Bettdecke klammerte und fest entschlossen den Kopf zu (zur) Seite drehte, als die Hebamme ihr das Neugeborene in die Arme legen wollte. Marie schrie noch lauter, und die Hebamme unterdr√ľckte einen Seufzer. ‚ÄěHaben Sie einen Namen f√ľr Ihre Tochter?‚Äú(Komma) wollte sie wissen. Doch die junge Frau h√∂rte sie nicht mehr. Ihr Kopf war zur Seite gesunken, und die fiebrigen Augen starrten ins Nichts.

An diesem Abend trank Marcel eine ganze Flasche Rotwein alleine aus. Seit Helenas Fortgang vor gut zwei Monaten hatte er es sich zur Angewohnheit gemacht, abends vor dem Schlafengehen Wein zu trinken. Den Bekannten und Freunden hatte er so lange versichert, es w√ľrde ihm gut(getrennt)gehen, und ja, er k√∂nne nachts wieder ruhig schlafen, bis sie ihn schlie√ülich nicht mehr fragten. Und er war dankbar, dass er nun endlich in Ruhe die Gedanken an Helena und das ungeborenes (ungeborene) Kind verdr√§ngen konnte. Einen Vorteil hatte es: sie w√ľrde nie erfahren, warum er zum Beispiel gestern so traurig gewesen war. Oder diese (dieser) wunderbare Abend davor, als er bei Anna und Robert abends gegessen hatte. Ausgesprochen fr√∂hlich, sogar ansteckend lustig war es gewesen, weil er sich die ganze Zeit eingebildet hatte, sie w√§re ungl√ľcklich. Ohne ihn.
‚ÄěVerr√ľckt ist das, nicht wahr?‚Äú(Komma) sagte er mit klangloser Stimme vor sich hin und lachte dabei, so laut er konnte.
Auf diese Weise wurde Marcel mit seinem Leben und seiner Trauer fertig und es war gut so, wie er glaubte.

Doch dann kamen die Erinnerung an ihre letzte gemeinsame Nacht, immer und immer wieder.
‚ÄěIch will, dass meine Tochter Marie heisst (hei√üt), und Wolodja, wenn es ein Junge wird...‚Äú(Komma) hatte er damals schlaftrunken gefl√ľstert und sie hatte nichts darauf geantwortet.
Er schlief weiter, den Arm auf ihrer nackten H√ľfte(Komma) und der Wind wehte sanft √ľber die reglose Gestalt, die mit offenen Augen in das Dunkel starrte und den ruhigen Atemz√ľgen Marcels lauschte. Woher sollte er wissen, welche Geschichte dieser Name hatte? Da in dem Moment, als er mit schl√§friger Stimme den Namen ‚ÄěWolodja‚Äú aussprach, in ihr die alten Gespenster der Erinnerungen wieder auftauchten und sie f√ľr den Rest der Nacht nicht mehr schlafen liessen (lie√üen).
Aber sie hatte ihm nie etwas von ihrer Vergangenheit erzählt. Warum noch einmal die alte, traurige und komplizierte Geschichte aufwärmen, die doch nur sie etwas anging.
Zu deutlich konnte sich Helena an den gro√üen breitschultrigen und nach Leder und Schwei√ü riechenden Soldaten erinnern, an die roten Vorh√§nge im halbdunklen Zimmer, die leise wehten, als sich der fremde Mann in ihr bewegte und dabei unverst√§ndliche Worte keuchte. Nur ein einziges konnte sie verstehen und es hatte sich ihr in unerbittlicher Sch√§rfe eingepr√§gt: ‚ÄěWolodja‚Äú.
Immer wieder dieses Wort, dieser fremde Name, Wolodja.
Warum will Marcel auf einmal, dass mein Sohn diesen Namen t√§gt (tr√§gt), fragte sich Helena verzweifelt und fand keine Antwort. Wie konnte sie diese Nacht jeh (je) vergessen? Ihre H√§nde ertasteten den gew√∂lbten Bauch und, ohne es verhindern zu k√∂nnen, musste sie an diese anderen H√§nde denken, die sie mit hartem(Komma) ge√ľbtem Griff festhielten und den unertr√§glichen Schmerz vergr√∂√üerten, als das Unausprechliche geschah. Marcel w√ľrde es nie verstehen.
Er w√ľrde der Vater des Kindes sein, so dachte Helena noch in dieser Nacht.

Aber am nächsten Morgen verließ sie ihn.
Ein letztes Mal schaute sie in sein schlafendes Gesicht und k√ľ√üte (k√ľsste) seine Mundwinkel, die sich sanft bewegten, als sie sich √ľber ihn beugte.
‚ÄěIrgendwann wirst du es verstehen.‚Äú

Diese f√ľnf Worte auf einem St√ľck karierten (kariertem) Papier waren der Grund daf√ľr, dass Marcels Welt nicht mehr dieselbe war und er nachts nicht mehr schlafen konnte.
‚ÄúWas werde ich irgendwann verstehen? Was?‚Äú(Komma) fragte er m√ľde die Wand, die ihn teilnahmslos anstarrte.
Seine Finger ber√ľhrten den Mund und liebkosten ihn, so, als w√§ren es Helenas warme Lippen, die er immer noch schmecken konnte. Er achtete nicht auf die Tr√§nen, die ihm das Gesicht herabrannen (hinab rannen), als er seine Einsamkeit laut hinaus schrie, seinen Alltag und die Flucht in den Alkohol verfluchte. Wo war Helena? Wo war sein Kind?
Er ballte die Hände zu Fäusten und trat langsam an das Fenster. Es war ein warmer Abend, der eine herbstmilde Nacht versprach.
Marcel starrte hinaus in den Abend und beobachtete die Fu√üg√§nger, die mit langsamen oder schnellen Schritten vorbeiliefen. Er sah einer jungen Frau hinterher, die mit langen Schritten vorbeieilte, und fragte sich fl√ľchtig, ob sie sich jemals in ihrem zuk√ľnftigen Leben dieses bestimmten Augenblickes so erinnern w√ľrde, wie er es jetzt gerade tat. Aber auch dieser Moment ging vorbei, und auf einmal merkte Marcel, dass der Raum dunkel geworden war.
Das leise Knarren der T√ľr liess (lie√ü) ihn j√§h herumfahren und erstarren. Fassungslos sah er Helena auf sich zukommen, das Gesicht vor Kummer verzerrt.
‚ÄěUnser Sohn hat bei der Geburt fast f√ľnf Pfund gewogen. Er hatte schwarze Haare und r√∂tliche Haut. Und die H√§nde hatte er zu F√§usten geballt, so wie du es immer tust, wenn du schl√§fst.‚Äú Ihre Stimme klang br√ľchig, und Marcel blickte sie an, unf√§hig, etwas zu sagen. Sie setzte sich m√ľde an den kleinen Tisch und legte den Kopf in die Arme. ‚ÄěVerzeih mir.‚Äú
Langsam n√§herte sich Marcel dem Tisch und betrachtete Helena, die er im Dunkeln kaum richtig erkennen konnte. Dennoch drehte er den Lichtschalter nicht an. Er setzte sich leise, wie um sie nicht zu st√∂ren, und wagte kaum zu atmen, aus Angst, sie w√ľrde wieder verschwinden und nichts weiter als einen karierten Zettel zur√ľcklassen wie beim letzten Mal.
‚ÄěVerzeih mir.‚Äú Helenas schmale Gestalt wurde vom Mondlicht bedeckt, der das kleine Zimmer √ľberflutete und zwei blasse Gesichter zeigte, die sich an einem kleinen Tisch gegen√ľber sa√üen und einander nicht in die Augen sehen wollten.
Marcel starrte auf Helenas Hände, die bewegungslos auf dem Tisch lagen und auf die Muster, die das Mondlicht zeichnete. Also ist das Kind, der Junge, gestorben. Einfach so, dachte er langsam und schaltete alle Empfindungen ab.

War er √ľberhaupt der Vater?

Seit Helenas Fortgang hatte er sich die Frage gestellt. War dies der Grund f√ľr ihr unerkl√§rliches Verschwinden? Er hob den Kopf und sah nachdenklich aus dem Fenster.
Helena sah diese Bewegung und zuckte innerlich zusammen.
Er will mich nicht mehr, dachte sie hoffnungslos. Jetzt wei√ü er es also. Sie st√∂hnte leise auf und schloss die Augen, um nicht mehr die unbarmherzigen (unbarmherzige) Helligkeit des Mondlichtes ertragen zu m√ľssen.
Ach, meine kleine s√ľ√üe Marie, du starkes tapferes Wesen, du wolltest so gerne leben, weigertest dich zu sterben, dachte sie, und das Dr√∂hnen in ihrem Kopf wurde st√§rker und st√§rker.
Wie kann ich Marcel jemals die Wahrheit sagen?
Dass du so gerne leben wolltest? Ich dich aber nicht leben lassen konnte? Was h√§ttest du f√ľr ein Leben in dieser Welt gehabt? Deine weichen kleinen H√§nde zu F√§usten geballt und deine Augen weit ge√∂ffnet, so wolltest du um deine Zukunft k√§mpfen, du warst bereit f√ľr dieses Leben, aber ich liess dich nicht.
Wie werde ich dich in Erinnerung behalten, meine Tochter?
Ihre Augen brannten und sie sehnte sich pl√∂tzlich nach Marcel, seinen weichen Lippen und dem glatten dunklen Haar, welches sie so gern auf ihrer Brust sp√ľrte, wenn er in ihren Armen schlief.
Wie gern h√§tte ich dich in meinen Armen gehalten, kleine s√ľ√üe Marie ‚Ķ
Sie hob langsam den Kopf und schaute zu Marcel.
‚ÄěIch habe unseren Sohn Wolodja genannt.‚Äú(Komma) h√∂rte sie sich sagen und sah, wie er mit unsicheren Bewegungen den Stuhl zurechtr√ľckte.
Jetzt begegnete er ihrem Blick und erschrak √ľber die Leere in ihren Augen. Er war sich so verzweifelt sicher, dass seine Liebe zu ihr das Einzige war, wovon er sich nach wie vor noch √ľberraschen lassen wollte. Und sie liebte ihn doch auch! Sonst w√§re sie doch nicht zur√ľckgekommen, oder? Seine H√§nde tasteten √ľber den Tisch und umfassten ihre Finger, die kalt waren wie der Tod. Er dr√ľckte ihre H√§nde und sp√ľrte, wie langsam Leben in Helena zur√ľckkam.
‚ÄěAu revoir, Wolodja‚Äú , fl√ľsterte er leise und sah, wie ihr Tr√§nen √ľber das Gesicht liefen. Da wu√üte (wusste) er, dass ihre Flucht ein Ende gefunden hatte.
Und endlich konnten beide √ľber die Dinge weinen, die sie voneinander wussten und all der Sachen wegen, die sie noch in Zukunft voneinander erfahren w√ľrden.

Einfach zum Heulen schön, besonders der Schluss.
lg

__________________
Old Icke

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