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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auf dem Heimweg
Eingestellt am 21. 12. 2015 13:32


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onivido
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Mart├şn war heute wieder viel zu sp├Ąt aus dem Buro gekommem, aber anstatt daf├╝r wenigstens nicht einer Geduldprobe in einem Stau auf der Autobahn ausgesetzt zu werden, kam die motorisierte blecherne Raupe kurz nach der Auffahrt g├Ąnzlich zum Stillstand. Mart├şn stellte den Motor ab und legte die F├╝sse auf den Beifahrersitz. Die Autobahn, die mitten durch die Stadt f├╝hrt, von Westen nach Osten, grenzte an dieser Stelle an einen Barrio - einen Slum. Eine Mauer schied sie von den erb├Ąrmlichen Behausungen.
Ein schm├Ąchtiger Junge von h├Âchstens achtzehn Jahren, in Bermudas, einem ausgewaschenen T- shirt und nagelneuen Nikes, schl├╝pfte behend durch ein Loch in der Mauer. Er blieb ein paar Sekunden wie witternd stehen und ging dann zielstrebig auf einen Montero zu, der mit immer noch laufendem Motor und offenen Fenstern auf der ├ťberholspur neben Mart├şns etwas verbeultem Ford Pickup stand. Plotzlich hatte der Junge einen Revolver in der Hand. Er griff mit seiner freien Hand in das Auto und zog eine Damenhandtasche heraus.
ÔÇť El tel├ęfono!ÔÇŁbefahl er dann.
Eine Frauenhand streckte ein Handy aus dem Fenster. Der Junge entriss ihr das Handy, machte kehrt und verschwand wieder durch das Loch ohne nach links oder rechts zu blicken.
Ein paar Autol├Ąngen weiter fuchtelte ein Kerl mit einer Pistole an der Fahrert├╝r eines nagelneuen Dodge herum. Niemand mischte sich ein, niemand half. Mehrere M├Ąnner gingen von Auto zu Auto. Mart├şn hielt auch sie f├╝r Kriminelle, die sich ihre Opfer aussuchten. Obwohl viele der Autofahrer selbst bewaffnet waren, zogen sie es vor, ihre Pistolen und Schrotflinten nicht zu gebrauchen, da die Sch├╝sse eine Schar von Asozialen aus dem Slum angelockt h├Ątten und ausserdem k├Ąmen dann noch die Scherereien mit der Justiz. Anst├Ąndige Menschen waren immer im Nachteil. T├Âteten sie einen Angreifer, landeten sie bestimmt im Gef├Ąngnis. Den Verbrechern konnte das nicht passieren. Sie verschwanden vom Tatort lange bevor die Polizei zur Stelle war. Und von wegen Polizei. In dieser Lage die Polizei zu rufen, w├Ąre vergebens gewesen. Auch die Polizisten waren nicht darauf versessen, sich mit den gut bewaffneten, gedopten Kriminellen des Slums anzulegen. Ausserdem w├╝rde die Polizei kaum ├╝ber das n├Âtige Personal verf├╝gen, um in so einer Situation ernstlich durchgreifen zu k├Ânnen.
Mart├şn nahm die Kreditkarten und alle Scheine aus seiner Brieftasche bis auf sechzig Bolivares und steckte sie unter den Sitz. Dieses restliche Geld solte dazu dienen, ihn bei einem ├ťberfall vor dem ├ärger des R├Ąubers zu bewahren. Er stieg aus dem Auto, sperrte es ab, zw├Ąngte sich durch die L├╝cken in der Wagenkolonne und setzte sich auf die eiserne Leitplanke auf dem schmalen Gr├╝nstreifen zwischen den Fahrbahnen. Urpl├Âtzlich kam ihm der Gedanke einen eventuellen Angreifer vor ein auf der Gegenfahrbahn vorbeirasendes Auto zu stossen. Keinesfalls wegen der lumpigen sechzig Bolivares, die der Mann erbeuten w├╝rde, sondern um seiner Selbstachtung willen. Seine Hilflosigkeit hatte irren Zorn in ihm entfacht. Mit Genugtuung stellte er sich den Aufprall seines Angreifers auf der K├╝hlerhaube eines Lastwagens vor, sah wie er auf den Asphalt geschleudert wurde, regungslos liegen blieb und dann auch noch von einem Bus ├╝berrollt wurde. Dass er selbst dabei durch eine Kugel umkommen k├Ânnte, verdr├Ąngte er aus dem Sinn.
Als er die Folgen dieser Aktion ├╝berdachte, verwarf er die Idee wieder, aber sie hatte geholfen, ihm das Gef├╝hl der v├Âlligen Ohnmacht zu nehmen, ja er f├╝hlte sich sogar ├╝berlegen und w├╝rde die sechzig Bolivares als eine Art milde Gabe betrachten, wenn es zu einem ├ťberfall kommen sollte. Er blieb auf der schmalen Planke sitzen bis ihn die Hinterbanken schmerzten. In der Zwischenzeit hatte die Wagenkolonne begonnen sich r├╝ckw├Ąrts zu bewegen . Mart├şn stieg in seinen Pick-up und n├╝tzte eine entstehende L├╝cke, um zu wenden. Die Kolonne bewegte sich nun gegen die Richtung der Fahrbahn zur Autobahneinfahrt. Mart├şn hatte das Fahrerfenster wieder ge├Âffnet, und atmete befreit die Abgase ein. Nachdem er die Einfahrt hinter sich gebracht und dann die erste Kreuzung bei Rotlicht ├╝berquert hatte, lenkte er sein Auto zu einem chinesischen Restaurant und begoss ein reichliches Abendessen ausgiebig mit Bier. Von den bereits abgeschriebenen sechzig Bolivares blieben sogar noch zwei ├╝brig.

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