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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Auf dem Sterbebett
Eingestellt am 01. 11. 2007 09:09


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Hedwig Storch
Routinierter Autor
Registriert: Nov 2005

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München, ganz zu Anfang des 20. Jahrhunderts: Claude Marehn, noch nicht einmal 25 Jahre alt, liegt in seiner Heimatstadt auf dem Sterbebett. Trockenes Hüsteln und totaler Haarausfall hatten die tödliche Krankheit, wahrscheinlich verursacht durch sieben Jahre langen ausschweifenden Lebenswandel, angekündigt. Ist nun alles zu spät? Sicherlich. Aber der junge Ende, Vater von Claudes Jugendfreundin Ute Ende, meint, menschlich wäre es doch, wenn die Tochter ihre Schauspielerei in der Reichshauptstadt einmal unterbräche, käme und sich an Claudes Sterbebett setzte. Der junge Ende ist auf Claudes Erbschaft aus. Claude ist der Sohn des verstorbenen, zu Lebzeiten millionenschweren Bau-Spekulanten Marehn.
Heinrich Manns Roman Die Jagd nach Liebe ist Gesellschaftskritik in grotesker Form. Warum grotesk, werden Sie sehen, wenn Sie diese kleine Besprechung weiter lesen.
Claude liebte Ute. Er wollte sie besitzen, bekam aber im Verlaufe der Romanhandlung einen Korb nach dem andern von der Angebeteten. Ute, die Möchtegern-Künstlerin, strebte nach einer Bühnenkarriere. Für ein Engagement an einer Bühne im Reich ließ sie sich sogar von einem alten Mann entjungfern und später – wieder für ein Engagement - von einem Schauspielakademie-Direktor sexuell mißbrauchen. Ute gestand ihre Entgleisungen dem Jugendfreund. Claude hielt unbeirrt an seiner Liebe zu Ute fest. Er machte diese Liebe zu seinem Lebensinhalt. Seine Liebe zu Ute ist so groß – wenn er könnte, würde er Ute bis über seinen Tod hinaus lieben. Da sich ihm Ute aber permanent versagt hatte, führte er – oben sagten wir es schon – einen ausschweifenden Lebenswandel. Damit füllt Heinrich Mann die Seiten seines – 1900 geplanten und Anfang 1903 geschriebenen – Romans. Eine hübsche junge Frau nach der anderen wird gebraucht bzw. verbraucht. Was Claude (zur Handlungszeit des Romans ist der Junge 20 Jahre alt) und sein Vormund Karl Panier alles mit Frauen anstellen und wie sie es anstellen, das verheimlichen wir.
Wir halten den Mund, nicht, weil Heinrich Manns Bruder Thomas sich über diese wirklich unerhörte und auch noch als Buch gedruckte Offenheit mokierte (Brief Thomas Manns vom 17. Januar 1906 an den Bruder: Du bist absolut. Ich dagegen habe geruht, mir eine Verfassung zu geben), sondern weil wir Ihnen diesen Roman als Lektüre empfehlen und deshalb notgedrungen dichthalten müssen.
Jedenfalls reist Ute an und vollbringt auf Claudes Sterbebett ihr schauspielerisches Bravourstück. Alles, was Ute in dem Roman in Szene setzt, ist nämlich Schauspielerei. Hat Ute sich ihrem treuesten Liebhaber jahrelang verweigert, so beschließt sie, den Sterbenden nun zu lieben und will gleich auf dem Bett zur Sache kommen.
Unsere Skribenten-Frage lautet in dem Zusammenhang in diesem Monat: Sollte ich als Prosa-Autor ein übles Zerrbild meiner mich umgebenden Gesellschaft malen in der Hoffnung, ich werde häufig gelesen werden?
Heinrich Mann malte das unter dem deutschen Kaiser Wilhelm II. Aber der Absatz des Buches soll nicht so reiĂźend gewesen sein.
Wir neigen bei der Beantwortung unserer Frage des Monats zur Antwort Nein. BegrĂĽndung: Es kommt bei einem Bestseller, den wir beim Schreiben immer erhoffen, mehr auf stringente Handlung an. Der Leser will sich bekanntlich an einem gut erkennbaren Handlungsfaden entlangtasten, vermuten wir, da wir ja alle selber Leser sind.
Aber Heinrich Mann hat das, was wir ablehnen möchten, in Der Jagd nach Liebe gemacht: verworren geschrieben und Pietät vermieden. Trotzdem kam kein Flop heraus, sondern das Ergebnis muß als gewaltig bezeichnet werden. Wir kommen erst zu dieser Erkenntnis, nachdem wir das Buch Seite für Seite durchgeschmökert haben. Wenn wir uns dann zurücklehnen, die Augen schließen und jene Bilder, die der Autor in unserm Kopf hervorgezaubert hat, noch mal „abrufen“, meinen wir, Die Jagd nach Liebe des Protagonisten Claude ist im Grunde weiter nichts als der Fluchtversuch eines jeden Menschen aus der verflixten Einsamkeit.

Der deutsche Schriftsteller Heinrich Mann wurde am 27. März 1871 in Lübeck geboren und starb am 12. März 1950 in Santa Monica (Kalifornien).

Heinrich Mann: Die Jagd nach Liebe.
Roman (1903)

Quelle: Aufbau-Verlag Berlin und Weimar 1974. 442 Seiten
Neuere Ausgabe: S. Fischer Taschenbuch, ISBN 978-3-596-25923-6, 3. Aufl. 2006, 544 Seiten


Hedwig Storch 11/2007


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Hedwig

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