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Leselupe.de > Anonymus
Auf dem Weihnachtsmarkt
Eingestellt am 13. 12. 2006 14:25


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Während ich den vierten Glühwein mit Schuss schlürfte, beobachtete ich unauffällig die Verkäuferin. Das Mädel bediente lächelnd einen Kunden. Unter dem Latz ihrer weißen Schürze hob und senkte sich eine wunderbar kraftvoll-pralle Musterbrust. Der Mann dankte kurz, griff sich den Becher, verschwand. In meiner Vorstellung löste ich der Verkäuferin langsam das Schürzenband...
Ein plötzlicher Gedanke überlagerte das Wunschbild. Versonnen knabberte ich am Plastikrand meines Bechers. Stürzte, kurz entschlossen, den lauwarmen Rest meine Kehle herunter, ließ den Becher fallen, trabte los.

Einmal meinte ich, ihn zu haben. Doch mich traf der verwunderte Blick eines völlig fremden Mannes. Erschrocken löste ich meine zitternde Rechte aus seinem Mantelstoff. Der Typ drückte den Rücken durch. Ich taumelte einen Schritt zurück, stammelte eine Entschuldigung. „Verpiss!“, dröhnte es in meinen Ohren. Ich drehte mich um und schlich mit hängenden Schultern davon.

In Richtung Weihnachtsgetränkeausgabe. Sehe ich doch fünf Schritte weiter wieder die Maske vom Glühweinstand! Er dreht sich kurz um, erschrickt; wird in Sekundenbruchteilen leichenblass. Und rennt los.
Ich riss die Arme hoch, stieß einen elefantenähnlichen Schrei aus, und nahm die Verfolgung auf.

Am Ende des Weihnachtsmarktes, dort, wo die Reihe der Stände endet und der Platz in eine schmale, spärlich beleuchtete Gasse übergeht, holte ich ihn ein. Mit der Kraft des Verzweifelnden hechtete ich von hinten auf ihn, drückte ihn zu Boden, schleifte ihn in einen Hauseingang. Ich grapschte ihm in das blondlockige Haar, stellte ihn auf; betrachtete, ruhiger werdend, meine unverhoffte Beute.
„Gib zu, du bist es!“
Er schwieg.
Ich trat ganz dicht an ihn heran. Hauchte ihm meinen Glühweinodem ins Gesicht. Angeekelt drehte er den Kopf zur Seite. Mit einem plötzlichen Ruck riss ich ihm den Mantel auf, die goldenen Knöpfe flogen in alle Richtungen. Mit aller Kraft stieß ich meine Rechte unter seinem linken Arm, den er reflexartig an den Körper presste, durch und tastete den Rückenbereich ab.
„Ja, du bist es.“ Ich zog meine Hand zurück, wischte sie ostentativ an meinem Hosenbein ab.
Er nickte.
„Sag mal, was hast du dir all die Jahre bloß gedacht?“
Er schwieg. Starrte mit ängstlichen Blicken auf mich wie das Kaninchen auf die Schlange.
„Du erinnerst dich“, half ich seinem Gedächtnis auf die Sprünge, „wie du damals, nach meiner Geburt – zusammen mit der Familie im Kinderzimmer stehend, doch unsichtbar für diese – mir zulächeltest? Du erinnerst dich deiner Worte, hörbar nur für mich? Nie wolltest du mich den Gefahren des Lebens überlassen, immer wolltest du mich begleiten, lenken, führen...“
Er zuckte mit den Schultern.
Ich wurde wĂĽtend. Richtig wĂĽtend. Ich holte aus, gab ihm einen Schlag ins Gesicht. Zerrte ihm den Mantel herunter. Die FlĂĽgel hingen traurig am Leib. Ich riss ein paar Federn heraus und stach ihm damit in die Nase.
„Ich kann einfach nicht begreifen“, schrie ich und zog ihm die Ohren lang, „dass du seelenruhig zusehen konntest, wie ich der Anna-Maria in die Falle ging! Wo war die heilig gelobte Fürsorge!? Und dann erst: die Lisa-Barbara! Die hat mich nicht nur um die kümmerlichen Reste meiner väterlichen Erbschaft gebracht, die hat mich auch noch bei allen Kunden meines Kohlentransportgeschäftes angeschwärzt, von wegen Tricks wie minderwertiger Braunkohlendreck als Supersparkoks. In den Ruin hat sie mich getrieben...“
Mich ĂĽberkam bei diesen Worten der Schmerz der Erinnerung. Mein Knie sprang vor und traf ihn an einer empfindlichen Stelle.
„Ha-ha“, höhnte ich. „Wusste gar nicht, dass euresgleichen da so empfindlich ist!“
Aus seinem Auge rollte eine Träne. Ich hielt einen Moment inne, stellte kühl die Frage, ob er nichts zu seiner Verteidigung vorzubringen habe. Ich räumte ihm eine Chance ein.
Er wischte sich den Rotz, sah mich an.
„Die Anna-Johanna!“
„Kenne ich nicht.“
„Die Sylke-Kattrin!“
„Nie gehört.“
„Klara-Tamara, Sara-Mara, Liesel-Lolita...“ Seine Stimme wurde klarer, fester.
Ich ließ die Hände von seinen Ohren, sah ihn erstaunt an.
„Ja“, erklärte er, „vor all diesen habe ich dich bewahrt. Ich bog ihre Wege um und ab von den deinigen. Du hättest sie sonst kennengelernt, sie geehelicht. Sie hätten deine Finanzen ins Mega-Minus, deine Depressionen ins Hyperabartige gesteigert. Du würdest heute nicht hier stehen, besoffen, jammernd und pleite, sondern im Gefängnis sitzen, nüchtern, mit einigen Jährchen am Hals und unabzahlbaren Schulden in den Büchern... “
Ich dachte eine Moment nach. Nickte. Hob seinen Mantel auf, reichte ihm das verdreckte, zerrissene StĂĽck.
„Böse?“
„Geht so.“
Ich bückte mich nochmal, sammelte einige der verstreut liegenden ausgerupften Federn auf. Er winkte ab, drängte sich an mir vorbei. Verschwand im Dunkel der Gasse.

Mit schweren Schritten lief ich zurück zum Glühweinstand. Die Bedienung hatte gewechselt. Ein Frührentner reichte jetzt den Kunden die Becher. Ein widerwärtiges Sackgesicht. Ich spuckte aufs Pflaster, trottete vom Acker.


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gareth
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Ich behaupte mal: ein/e ziemlich junge/r/s Schreiber/in

wissen kann man es natĂĽrlich nicht.

HĂĽbsch ausgedachte Geschichte auf jeden Fall, aber noch ist viel zu lernen, was die Umsetzung angeht.

Dein Text ist ein gutes Beispiel für den manchmal zu Unrecht, meist aber zu Recht erhobenen Vorwurf der viel zu häufig und ohne jede Notwendigkeit eingesetzten Adjektive (...wischte sie ostentativ....)

Begriffe wie: die Maske vom GlĂĽhweinstand und Sackgesicht sind zudem, meiner Ansicht nach, ganz und gar entbehrlich.

GrĂĽĂźe
gareth


__________________
Wie hässlich ist ein schräges Treiben,
da lob ich mir mein träges Schreiben.

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Anonymous
Unbekannter Verfasser
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Ich behaupte mal: ein/e ziemlich junge/r/s Schreiber/in
wissen kann man es natĂĽrlich nicht.

HĂĽbsch ausgedachte Geschichte auf jeden Fall, aber noch ist viel zu lernen, was die Umsetzung angeht.



Lieber gareth,

danke fĂĽr die Komplimente - ich fasse deine Ă„uĂźerungen mal so auf, auch wenn die erste Vermutung nicht unbedingt den "annuarischen" Tatsachen entpricht.
Zu lernen gibt es natürlich immer, das dürfte auf jeden zutreffen. Vielleicht fallen dir ein paar Vorschläge ein?


Dein Text ist ein gutes Beispiel für den manchmal zu Unrecht, meist aber zu Recht erhobenen Vorwurf der viel zu häufig und ohne jede Notwendigkeit eingesetzten Adjektive (...wischte sie ostentativ....)

Ich sehe es eigentlich auch so: Zuviele Adjektive erzeugen schnell den Eindruck von Geschwätzigkeit. Ich werde mir den Text daraufhin nochmal ansehen. Andererseits: man stelle sich ein Th. Mann-Buch ohne Adjektive vor. Es wäre ein Leseheft...

Begriffe wie: die Maske vom GlĂĽhweinstand und Sackgesicht sind zudem, meiner Ansicht nach, ganz und gar entbehrlich.

Das ist, denke ich, Geschmackssache. Wer legt die "Entbehrlichkeit" fest? Gibt es da einen "Kanon erlaubter Worte", und ich habe nichts davon mitbekommen?

GrĂĽĂźe

A.

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