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Leselupe.de > Kurzprosa
Auf der Aussichtsplattform
Eingestellt am 01. 08. 2005 14:51


Autor
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Penelopeia
Autorenanwärter
Registriert: Nov 2002

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Gerade noch stehe ich auf der Aussichtsplattform und halte einen kleinen Sicherheitsabstand zum angerosteten Gel√§nder, weil ich in dessen Stabilit√§t kein gro√ües Vertrauen setze; gerade noch geht mein Blick mit einem wohligen Schauer in die Tiefe, stachle ich meine Sinne mit den Bildern von Menschen, die sich um ein St√ľck Brot, einen Schluck schmutzigen Wassers, einen Scheit d√ľrren Holzes schreiend an die Kehle gehen; gerade noch genie√üe ich die unverbaubare Aussicht, die H√∂henluft, das Gef√ľhl des eleganten Schwebens, des Fliegens √ľber dem Abgrund der Gew√∂hnlichkeit, Niedrigkeit, des Endes, da sehe ich auch schon den Ri√ü in der Plattform, es ist der gleiche Moment, in dem die anderen ihn entdecken.
Gerade noch stehen wir also und staunen √ľber die Bilder und Ger√§usche aus der Tiefe, da bricht uns der Boden unter den F√ľ√üen weg und wir fallen.

Ich finde mich schnell ab mit unserer Situation, ich habe den Eindruck, dem Rest der Gruppe gehe es nicht anders. Während wir mit zunehmender Beschleunigung in den Abgrund rasen, wenden wir die Blicke einander zu. Wir haben einfach die Lust am Elend, am Leiden, am Tod der da unten verloren.
Unsere Gruppe ist √ľberschaubar, noch. Wir fallen mit ann√§hernd gleicher Geschwindigkeit. Ich sehe Karl, den √Ėkonomen. Oben auf der Plattform schwatzte er noch √ľber die Kr√§fte des freien Marktes, √ľber eine menschliche Form von Neoliberalismus und dergleichen. Jetzt h√∂re ich sch√∂ne S√§tze von ihm √ľber Nullwachstum, begrenzte √∂kologische Reserven. Er spricht wirklich in gut formulierten S√§tzen und unterstreicht w√§hrend seines Falles wichtige Worte mit ausdrucksstarken Gesten. So, als seien seine neuen Thesen f√ľr die Ewigkeit. Ich bleibe jedoch h√∂flich, verkneife mir ein L√§cheln, schaue interessiert und h√∂re zu.
Neben ihm f√§llt Harry, der Soziologe, Zukunftsforscher, Journalist und Buchautor. Er hat sich auf unserem bisherigen Fallweg schon mehrfach gedreht, im Moment steht er auf dem Kopf. Ich nicke ihm aufmunternd zu, erwarte ein paar Worte zum Thema Entschleunigung. Wir k√∂nnten solchen Trost jetzt alle gebrauchen, auch wenn keiner mehr dran glauben kann. Aber Harry schweigt. Stattdessen stabilisiert er sich in seiner Kopfposition, als sei ihm diese Lage sehr vertraut, zieht ein Notebook aus seiner Manteltasche, und beginnt emsig zu tippen. Ich kann zwar die kopfstehenden Buchstaben erkennen, leider jedoch nur teilweise zu Worten zusammensetzen. Schreibt er in dieser Situation wirklich √ľber die „Einf√ľhrung demokratischer Strukturen in rohstoffreichen Drittl√§ndern“? Ich beantworte meine Frage sofort selbst: warum sollte er dies nicht tun, er schrieb zu dem Thema doch auch bisher. Au√üerdem dr√§ngt vermutlich der Abgabetermin f√ľr das Buch.
Ein St√ľck weiter fliegt Rudi dem Abgrund entgegen. Rudi ist ausgebildeter Psychologe. Aufmerksam blickt er in unsere Gesichter. Ich denke, er sucht nach Best√§tigung f√ľr bestimmte Vermutungen, die er seit l√§ngerem hegt. Vermutungen zu unserem Verhalten in schwierigen Situationen. Ich nehme mir vor, ihn ein wenig zu foppen und winke mit einem breiten Grinsen im Gesicht zu ihm hin. Sein Blick verfinstert sich, dann schlie√üt er die Augen. Sollte an dieser Stelle doch einmal die Psychologie enden? Rudi vertrat immer die Ansicht, Psychologie sei alles, unter allen Umst√§nden, auf allen Gebieten, in allen gesellschaftlichen Bereichen. Aber ich werde ihn nicht darauf ansprechen, er ist mir gleichg√ľltig, unsere bereits sehr hohe Fallgeschwindigkeit erschwert die Kommunikation ohnehin betr√§chtlich.
Detlef f√§llt am auff√§lligsten. Er hat eine Haltung eingenommen, als kniee er unter einer Guillotine. Nun ja, er ist Geistlicher, ich nehme an, er bittet um Vergebung f√ľr seinen Fall...
Ich sehe Peter fallen. Peter ist Philosoph, ein Cham√§leon, ein Anpasser, ein Schleimschei√üer sondersgleichen; er war mir von allen Widerw√§rtigen der Widerw√§rtigste. Ich g√∂nne ihm die Angst, die ihm aus dem Gesicht springt. Wo ist seine Coolness, sein Zynismus, seine rhetorische Geschicklichkeit, seine argumentative Unverwundbarkeit? Seine h√§ufigste Wendung war, wenn er sich wieder und wieder und nochmals widerrief und wieder und nochmals wendete und immerzu oben blieb, alles flie√üe. Ich m√∂chte ihm zurufen, er solle sich an Detlef ein Beispiel nehmen und ein bi√üchen in sich gehen. Doch ich entscheide, f√ľr ihn keine Energie mehr aufzuwenden. Mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit wird ihm die Relativit√§t des pantha rhei selber bewu√üt – wenn alles f√§llt...
Mit einer im Fallwind schr√§ggestellten Handkante erzeuge ich eine Rotationskraft, beginne mich um meine Achse zu drehen. Unmittelbar hinter mir f√§llt Volker, der Regisseur. Im Fallen rudert er wie wild mit seinen Armen, strampelt mit den Beinen, zieht Grimassen. Seine H√§nde zeigen mal auf diesen, mal auf jenen. Dann wieder scheinen sie alle einschlie√üen zu wollen. Obwohl ich ihm wirklich nahe bin, verstehe ich kaum eines seiner Worte, ich sehe nur, er schreit angestrengt, die Laute werden aber von seinem Mund regelrecht nach oben weggerissen. Nur verst√ľmmelte Bruchst√ľcke schaffen den Weg in meine von einem immer lauter werdenden Pfeifen und Brausen schon fast vollst√§ndig ausgef√ľllten Ohren. Volker wirkt l√§cherlich in G√§nze. Nach kurzem Nachdenken, wo der Sinn seines Agierens liegen k√∂nne, komme ich zu dem Schlu√ü, er werde sich in letzten Regieanweisungen ergehen. Jede Gruppe m√ľsse, wird er immer noch meinen, geordnet und eingewiesen werden, eine fallende erst recht. Es ist f√ľr ihn der selbstverst√§ndliche Vorgang der Inszenierung. Er hat immer und alles inszeniert, er wird also auch sein und vor allem unser Ende inszenieren m√ľssen. Ich frage mich, welche Form ihm momentan als die plausibelste erscheint, Kom√∂die oder Drama, Farce oder Groteske?
Durch eine kleine Abdrift von meiner Falllienie gewahre ich hinter Volker ein weiteres Gruppenmitglied. Es ist Christoph, der Literat. Er hatte sich wohl versteckt hinter Volker, oder es war ihm gelungen, sich an Volker von hinten heranzumachen, so da√ü er f√ľr mich quasi verdeckt fiel. (Oder war Christoph im Leben, was er nun im Fallen ist: der Schatten von Volker, das treue, aber unselbst√§ndige Faktotum von ihm?)
Ich breite meine Arme ein wenig, stelle beide Handkanten schr√§g, drifte noch weiter aus der bisherigen Falllinie. Jetzt kann ich Christoph gut erkennen. Er f√§llt in seiner Arbeitshaltung, das hei√üt, er hat eine Zigarre im Mund und einen Notizblock auf dem angewinkelten Knie. Emsig kritzelt er irgendwelche Zeichen, Worte, S√§tze. Die Situation um ihn herum scheint ihn nicht sonderlich zu interessieren. Er merkt nicht einmal, da√ü seine Zigarre ausgegangen ist. Mir kommt eine der wenigen lateinischen Sentenzen ins Ged√§chtnis, die ich behalten habe, ich kann sie wunderbarerweise auch gleich der Situation anpassen, worauf ich f√ľr einen Moment sehr stolz auf mich bin; gern w√ľrde ich mir auf die Schulter klopfen, wenn das noch Sinn machte. Meine Fassung lautet: Fiat literatura, et pereat mundus.
Von oben bekomme ich in diesem Moment des Stolzes auf mein erwiesenerma√üen umstandsunabh√§ngiges Formulierungsverm√∂gen – oder Anpassungsverm√∂gen? – einen kr√§ftigen Tritt: es ist der Stiefel von Josef. Aber Josef bekommt wie immer nichts mit. Er telefoniert mit dem Handy, dabei in Abst√§nden mit den F√ľ√üen schlagend, als stampfe er auf, es erinnert an einen kleinen, trotzigen, unbelehrbaren Jungen. Ich √ľberlege, ob ihm die Polizei das durchgehen lassen w√ľrde, telefonieren, trotzig treten und nichts mitbekommen bei derart schnellem Tempo, ohne Sicherheitsgurt und Freisprecheinrichtung... Allerdings: es machte keinen Unterschied, h√§tte sie dagegen etwas einzuwenden – ein Herauswinken ist nicht mehr m√∂glich.
Mit wem blo√ü, frage ich mich, telefoniert Josef? Mit der Zentralbank, der Weltbank, einem bekannten Unternehmen oder seiner Freundin? Vielleicht versucht er zum letzten Mal an der Zinsschraube zu drehen, vielleicht m√∂chte er zum Abschlu√ü ein gutes Werk vollbringen und erl√§√üt einem armen Dritte-Welt-Land die Schulden? Ja, denke ich und genie√üe den vor Schadenfreude triefenden Gedanken, ein bi√üchen sp√§t, mein lieber Josef. Gott f√ľgt halt nicht immer nur dazu, er zieht es auch bei Gelegenheit ab – in die Tiefe...
Ich sehe, wie Josef lächelt. Es ist sein Erfolgslächeln. Ah-ha, sage ich zu mir. Jetzt hat er wohl doch einen Zinsanstieg durchgesetzt. Oder seiner Frau glaubhaft machen können, daß er heute ein bißchen länger zu tun hat...
Der Tritt von Josef hat mich beschleunigt, ich falle noch schneller, hole Sonja ein. Sonja ist Fernsehmoderatorin und Schauspielerin, hat schon ein paar Falten und einen ersten Memoirenband voller L√ľgen auf dem Markt. Auch wenn sie nun das Gesicht aus Angst vorm Aufschlag, vorm Ende, zu einer Grimasse verzerrt und die sonst luchsartigen, flinken, intelligenten Augen irr flackern: h√ľbsch ist sie noch immer, selbst in dieser Situation. Mein Blick streift ihren runden Hintern, die prallen Br√ľste. Ich sehe keinen Grund mehr, mit meiner Lust hinterm Berg zu halten, ich strecke den Arm, um sie an mich heranzuholen.
Es gelingt mir nicht. Unsere Fallpositionen ver√§ndern sich. Ich falle mit gr√∂√üer werdendem horizontalem Abstand zu den anderen. Ich resigniere, versuche einen letzten Gedanken auf mein Selbst zu verwenden. Ich versuche ein letztes Mal zu ergr√ľnden, was ich eigentlich bin, was ich war, als was ich hier falle, was ich – in K√ľrze – gewesen sein werde...
Da sehe ich, aus schon ziemlicher Entfernung, Helmut. Er richtet sein Tele auf einzelne Fallende, sicher wird er auch noch ein Gruppenfoto versuchen, er hat ein zwanghaftes Bestreben, alles und alle aufs Bild zu bekommen... Er macht das, was er kann, er macht es bis zum Schlu√ü; vielleicht macht er es am konsequentesten von uns allen... Helmut versucht noch ein paar gute Aufnahmen zu schie√üen, sicher h√§tten die sich gut verkauft oder in einer Ausstellung die Rezensenten zu neuerlichen Beifallsst√ľrmen hingerisssen. Ich empfinde Helmuts Tun nicht als zynisch. Oder, genauer: nicht zynischer als meines. Ich habe ja, wenn ich ehrlich bin, auch meiner Tr√§gheit Folge geleistet, mein Dasein als h√∂herer Beamter im politischen Leben genossen, wo es am angenehmsten und leichtesten war, wo die besten Gen√ľsse, die dicksten Dienstwagen, die h√∂chsten Gehaltsklassen, die sch√∂nsten Frauen, das gr√∂√üte Renommee lockten... Ich folgte dem Gesetz der Bequemlichkeit, bis ich in den Einflu√übereich des Fallgesetzes geriet...
Helmut fuhr einst Zehntonner, er war ein einfacher Lkw-Fahrer. Zuletzt soll er eine ganze Latte von teuren Luxuskarossen besessen und zerfahren haben, er konnte sich solches leisten durch seine Aufnahmen, die gekonnt mit diversen fragw√ľrdigen √Ąsthetiken jonglierten. Was liegt ferner, denke ich, als weiterzuspielen. Also tun wir‘s...





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