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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auf der Schwelle
Eingestellt am 21. 07. 2014 14:18


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dieidee
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Jul 2014

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Auf der Schwelle

Es ist Samstag, der 18. Januar. Aicha und ihre zwei Töchter kommen gerade von ihrer Tante und den Cousinen. Sie sind voll von Erlebnissen an diesem bis hierhin unspektakulären Samstag. Die älteren Cousinen haben immer neue Einfälle und viele Geschichten zu erzählen. Die Stunden mit ihnen lässt die Zeit vergessen.
Es ist 17 Uhr, als die drei vor ihrem Haus mehrere Polizisten am Eingang Spalier stehen sehen. Jetzt entdeckt Aicha auch die zwei Streifenwagen, die in der Seitenstra√üe parken. Aicha kann nicht mehr denken, ihre Gedanken frieren ein. Auch die Kinder haben die Leichtigkeit des Nachmittags soeben verloren. Gro√üe Fragezeichen machen sich auf ihren Gesichtern breit. Das Haus wirkt fremd; einmal mehr sp√ľrt Aicha den Verlust von Heimat. Die Polizisten fragen sie nach ihrem Namen und auch nach dem Verbleib ihres Mannes. Sie kann nicht sagen, wo er ist. Es ist Samstagnachmittag und er ist h√§ufig nicht zu Hause. Auch die Nacht √ľber bleibt er fern. Erst in den Morgenstunden h√∂rt sie manchmal das Ger√§usch eines nachgebenden Schlosses. Sie fragt nicht mehr. Der Gleichmut hat √ľber die Jahre zerm√ľrbender Unruhe gesiegt.
Ein Polizeibeamter bittet scharf um Einlass in die Wohnung. Aicha sitzt nun in der K√ľche und sp√ľrt, wie die M√§nner ihr Zuhause zu einem Unort machen. Ein Hund mit Maulkorb begleitet die Polizisten und durchsucht die Wohnung. Er schn√ľffelt an jeder Fu√üleiste und an jedem M√∂belst√ľck immer und immer wieder. Die M√§nner geben sich untereinander Zeichen, die f√ľr Aicha unverst√§ndlich bleiben. Sie hat Leila, die j√ľngere Tochter auf dem Scho√ü, die Gro√üe, Miriam, sitzt mit wachem Blick auf dem Platz, den ihr Vater gew√∂hnlich beim Essen einnimmt. Ein Wimpernschlag und die Vorzeichen eines friedlichen Familienlebens werden verkehrt. Alles, was heute Morgen noch nach Vertrautem und Selbstverst√§ndlichem gerochen hat, wird mit jedem Schritt der Polizeibeamten gewaltsam entfremdet. Leila f√§ngt an zu weinen und dreht ihren Kopf weg von den M√§nnern, die nun vom Kinder- ins Schlafzimmer der Eltern gehen und den Kleiderschrank ausr√§umen. Die mit Sorgfalt zusammengelegte W√§sche verliert auf dem Bett ihre Form und liegt da wie ein erlegtes Wild, dessen Geruch der Hund begierig aufnimmt. Das Tier schl√§gt nicht an und die entt√§uschten Gesichter der Polizisten sagen, dass das Erhoffte nicht gefunden ist. Sie Suche geht weiter. Die Eindringlinge durchstreifen von neuem die Zimmer, tasten Schrankinnenseiten ab und fahren mit flacher Hand zwischen die Sitzpolster. Langsam platzt die Erstarrung von Aicha ab und wird zu Traurigkeit, die noch lange zu sp√ľren sein wird. Sie wei√ü, dass die Truppe nach Drogen sucht und vielleicht ahnt sie auch den Hang ihres Mannes zu zwielichtigen Gesch√§ften. Was wei√ü sie denn schon von ihm? Sie kennt Salim als Familienmenschen, der die Kinder von der Schule abholt, mit ihnen an sonnigen Tagen im Garten herumtobt und bereitwillig die Wochenendeink√§ufe erledigt. Aber sie wei√ü auch von seiner anderen Seite, die jenseits von Frau und Kindern gelebt werden will. So nimmt sie hin, was Generationen von Frauen in ihrem Heimatland taten und noch immer tun, um die Familienehre zu retten. Nestw√§rme geben versteht sich in ihrer Kultur als ureigen weibliche Aufgabe.

Jetzt sind sie im Kellergeschoss. Mit Taschenlampen schauen sie in jede Ritze, heben Holzkisten hoch. Spinnennetze verraten langes Nicht-ber√ľhrt-worden-sein. Kein Hinweis auf Drogen und doch ‚Äď in dieser Wohnung m√ľssen welche sein. Die beiden M√§dchen verlieren mit jeder verstreichenden Minute ihre Anspannung. Sie gew√∂hnen sich an den Anblick der fremden M√§nner mit den dunkelblauen Uniformen, den Schlagst√∂cken und ihrem gro√üst√§dtischen Gehabe. Auf deren Gesichtern ist Unmut zu lesen √ľber die vergehende Zeit langen Suchens und die Frau, die dem Treiben kein Ende macht.
Pl√∂tzlich wird das monotone Surren in Aichas Ohr unterbrochen. Ein j√§her Aufschrei dringt aus dem Wohnzimmer. Die Tapete an einer Stelle hinter dem Sofa ist unauff√§llig verdickt, ein Polizist ritzt sie an und trifft auf einen handbreiten Hohlraum. Behutsam schneidet er die Tapete rund um die √Ėffnung aus und f√ľhlt in ihr Inneres. Er zieht ein T√ľtchen mit wei√üem Pulver aus dem Loch und alle Kollegen schauen gespannt auf die Hand, die wieder in der kleinen Mulde verschwindet. Ein Raunen geht durch die M√ľnder ‚Äď der Schatz wird endlich gehoben.
In diesem Moment f√§ngt Aicha an zu sterben. Die Erleichterung der Beamten, das Anschwellen deren Freude √ľber den Fund l√§sst sie in eine Blase abtauchen. Das Leben, das ihr endlich ein Zuhause gegeben hatte, ist nun au√üer Reichweite. Langsam schwebend entfernt sie sich von dem Ort, der ihr seit heute befremdlich, ja bedrohlich wird. Sie sieht die beiden M√§dchen am K√ľchentisch sitzen. Auch eine Fotografie ihres Mannes, die in einen alten Bilderrahmen gezw√§ngt schon Vergangenes verbreitet, meint sie zwischen den Kindern zu erkennen. Er, Salim ist ihr fern und Aicha sp√ľrt nichts, was an Lebendigkeit fr√ľherer Tage erinnert.
Triumphierend h√§lt ein Polizeibeamter Aicha ein T√ľtchen Rauschmittel vor die Nase. Das ist also die Beute, nach der die gehetzten W√∂lfe blutr√ľnstig Ausschau hielten. Nun haben sie ihren Hunger gestillt, jetzt k√∂nnen sie Aicha das in Papierfetzen gerissene Leben zur√ľckgeben. Die Polizisten verabschieden sich ordnungsgem√§√ü und erkl√§ren die weitere Vorgehensweise bei Versto√ü gegen das Bet√§ubungsmittelgesetz. Dann sieht Aicha nur noch die R√ľcken der Beamten, die polternd die kleine Treppe zur Haust√ľr hinuntergehen. Zu den M√§dchen sagt sie tonlos, sich bettfertig zu machen; sie k√∂nnten im Schlafzimmer der Eltern √ľbernachten. Ausnahmsweise.
Sp√§ter wirft Aicha einen Blick durch den T√ľrspalt auf die kleinen, schlafenden K√∂rper. Ein Bild des Friedens, das vor Aichas Seele irgendwo steckenbleibt. Sie nimmt den Haust√ľrschl√ľssel, zieht die T√ľr hinter sich zu und wirft ihn durch den Briefkastenschlitz in den Hausflur.
Draußen taucht sie in die Dunkelheit. Sie schaut weder nach rechts noch nach links und setzt einen Fuß vor den anderen. Sie läuft und läuft in die Nacht ohne Erinnerung an ein Leben, das an diesem Samstag so unvermittelt aufgehört hat - und ohne Hoffnung auf ein zweites.



Version vom 21. 07. 2014 14:18

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