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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auf der Suche nach der Zukunft
Eingestellt am 08. 04. 2003 13:22


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Silke_Honert
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2003

Werke: 8
Kommentare: 1
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„Halt´s Maul, Du dämliche Kuh!“
   Laurie hatte den Fehler gemacht, Greg zu fragen, ob er noch etwas Suppe haben wollte und konnte, bei der Laune, die er an diesem Abend hatte, vermutlich von Glück sagen, das er ihr nicht gleich einen Schlag verpasst hatte. Seit er zwei Stunden später als üblich von der Arbeit nach Hause gekommen war, saß er mit ihr an dem wackeligen, verschrammten Küchentisch und aß mit grimmigem Gesichtsausdruck den Eintopf, den sie zubereitet hatte, wobei er das verkochte Fleisch mit angeekeltem Blick auf den Tellerrand legte. Sie hatte sich die ganze Zeit beklommen gefragt, wann er explodieren würde. Das es geschehen würde, war für sie keine Frage. Sie hoffte nur, dass es diesmal glimpflich für sie abgehen würde.
   Danach sah es allerdings nicht aus. Der Löffel in seiner Hand zitterte und er starrte sie hasserfüllt an. Sie senkte den Blick und duckte sich. Blitzschnell schoss seine große Hand nach vorne und er knallte ihr die Faust an den Kopf. Nicht ins Gesicht, dazu war er zu clever, zumindest, solange er sich noch halbwegs in der Gewalt hatte. Laurie konnte gerade noch verhindern, dass sie vom Stuhl fiel. Benommen sah sie ihn an.
   „Was setzt Du mir hier für einen Fraß vor, Du blödes Weib, hm? Ich reiße mir den Arsch auf, um Geld nach Hause zu bringen und Du bringst nur Scheiße auf den Tisch!“
   Die Hälfte seines Lohns ging für die Abzahlung ihrer Schulden drauf und den Rest verschleuderte er beim Spielen und Saufen. Die schäbige Wohnung, in der sie lebten, war es nicht Wert „zu Hause“ genannt zu werden, doch das würde sie ihm natürlich nicht sagen. Nicht wenn sie die Absicht hatte, noch ein bisschen weiter zu leben.
   „Es tut mir leid, Greg. Soll ich Dir etwas anderes machen? Ein Steak vielleicht?“, fragte sie mit zitternder Stimme.
   „Wozu?“, erkundigte er sich fast freundlich. „Alles, was Du kochst, schmeckt doch beschissen. Also spar Dir ruhig die Mühe. Ich will auf keinen Fall, dass Du Dich überanstrengst.“
   „Du hast Recht. Es tut mir leid.“
   Er musterte sie abfällig.
   „Und, was hilft mir das? Du bist eine miserable Ehefrau. Was bringt es mir da, dass es Dir leid tut?“
   Da wusste sie, dass es nicht glimpflich für sie abgehen würde. Er streckte die Hand aus und griff fast sanft in ihre Haare, um sie dann unvermittelt nach vorne zu reißen, bis sich ihre Nasen beinahe berührten und sie seinen heißen Atem auf ihrem Gesicht spürte. Sie versuchte einen Schmerzensschrei zu unterdrücken und…

…wachte auf. Eine kühle Brise wehte durch die geöffnete Terrassentür und trocknete den Schweiß auf ihrem Gesicht. Vorsichtig, um den Mann, der neben ihr schlief nicht zu wecken, stand sie auf und tappte barfuss auf die Terrasse hinaus. Dort setzte sie sich auf die Stufen, die in den kleinen Garten führten und schlang die Arme um die Knie. Sie hatte Greg und die schäbige Wohnung lange hinter sich gelassen und dennoch wurde die Vergangenheit fast jede Nacht zur Zukunft für sie. Weshalb träumte sie immer noch von ihrem Mann, der seit fast zwei Jahren tot war? Weshalb, wo doch ein neuer Mann in ihr Leben getreten war, von dem sie sich wünschte, dass er nie zur Vergangenheit werden würde? Weil Greg derjenige war, der gegangen ist und nicht Du, flüsterte eine Stimme in ihrem Inneren. Es stimmte. Sie hatte sechs Jahre an der Seite eines Mannes ausgehalten, der sie physisch und psychisch misshandelt hatte und geendet hatte es nur, weil Greg bei einem Unfall ums Leben gekommen war. Sie war so schwach gewesen. Hatte das Leben an der Seite eines gewalttätigen Mannes einer ungewissen Zukunft vorgezogen.
   Laurie zuckte zusammen, als Pete ihr eine Hand auf die Schulter legte. Verschlafen sah er sie an.
   „Was ist los? Wieder schlecht geträumt?“
   „Ach, nein. Mir geht bloß so viel im Kopf herum. Der neue Job, und so…“, log sie und spürte, wie sich Pete versteifte und die Hand von Ihrer Schulter nahm.
   Er spürte es immer, wenn sie ihn anschwindelte. Und doch konnte sie nicht damit aufhören und mit ihm über das reden, was sie wirklich bewegte. Weil das bedeutet hätte, ihr Versagen einzugestehen. Deshalb wusste ausgerechnet der Mann, dem sie bedingungslos hätte vertrauen können, nichts von ihrer Vergangenheit mit Greg.
   Im Osten dämmerte es bereits. Ein leises Grollen kündigte ein Sommergewitter an und schien ihr gleichzeitig wie ein schlechtes Omen für ihre Beziehung zu Pete zu sein, die sie aufs Spiel setzte indem sie sich ständig von ihm zurückzog.
   „Ich glaube nicht, dass es das ist, Laurie“, sagte er leise. „Es kommt mir manchmal so vor, als ob Du vor mir davon läufst und je mehr ich versuche, Dich zu erreichen, umso schneller rennst Du.“
   Er konnte ihr trauriges Lächeln in der Dunkelheit nicht erkennen. Sie fragte sich, von wie vielen Leuten sie sich noch vorwerfen lassen musste, dass sie davonlief, wenn man ihr die Wahl ließ, anstatt sich mit den Dingen auseinander zu setzen. Hatte sie deshalb einen Mann geheiratet, der im Grunde genommen nur eine jüngere Ausgabe ihres Vaters gewesen war? Weil sie unter Druck gesetzt werden wollte? Weil sie keine eigenen Entscheidungen treffen wollte, wenn es ein anderer genauso gut für sie tun konnte? Weil sie ein Feigling war? Und wenn sie feige war, konnte sie lernen, mutig zu sein?
   Nicht heute, beschloss sie und griff nach Pete´s Hand, der wie sie spürte, immer noch verstimmt war.
   „Lass´ uns versuchen, noch ein Weilchen zu schlafen“, schlug sie vor.
   „Ich bin nicht derjenige, der Schlafprobleme hat, Laurie“, erwiderte Pete leise, „rede mit mir. Bitte.“
   Sie überlegte, ob sie ihm von dem Autounfall erzählen sollte. Von ihrem Entsetzen, als sie festgestellt hatte, dass der Mann neben ihr tot war, während sie auf dem Beifahrersitz nur ein paar Schrammen abbekommen hatte.
Und wirst Du ihm sagen, dass es Entsetzen über Dich selbst war, als Du beinahe gelacht hättest, weil er zu komisch mit seinem eingeschlagenen Gesicht ausgesehen hat, oder wirst Du eine weitere, rührende Geschichte über den für Dich ach so dramatischen Tod Deines geliebten Mannes erfinden, fragte eine innere Stimme ironisch. Das war eine gute Frage, die sie sich selbst seit einigen Wochen stellte. Seit Pete sie gefragt hatte, ob sie ihn heiraten würde, um genau zu sein. Sie hatte sich für die Antwort darauf Zeit ausgebeten, weil sie wusste, dass sie ihm niemals das Ja-Wort würde geben können, so lange ihre Vergangenheit zwischen ihnen stand.
   Sie spürte, wie ihre Handflächen feucht wurden und versuchte ihre Übelkeit zu unterdrücken, während sie zum ersten Mal in ihrem Leben eine Entscheidung traf, die tatsächlich ihre Zukunft verändern konnte.
   „Pete?“
   „Ja?“
   „Ich möchte Deine Frau werden.“
   „War es das, was Du mir sagen wolltest?“
   „Das, und noch etwas anderes.“
   „Die Wahrheit?“
   „Ja.“
   Das Gewitter schien es sich anders überlegt zu haben und zog Richtung Westen, während im Osten die Sonne den Horizont in ein Farbenmeer tauchte.

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flammarion
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hm,

eine sehr anrührende geschichte. gut erzählt. mach mal so weiter! ganz lieb grüßt
__________________
Old Icke

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Michael Schmidt
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Hallo Silke,

mir erscheint die Frau ein wenig sprunghaft in ihrem Denken, aber das ist wohl bei ihrer Gefühlslage mehr als realistisch.
Meiner Meinung nach ist der Titel nicht ganz glücklich, ansonsten hast du die bittere Geschichte schön erzählt, gefällt mir gut.

Bis bald,
Michael

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