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Leselupe.de > Kurzprosa
Auf der Vernissage
Eingestellt am 17. 04. 2001 14:17


Autor
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Rainer Hei├č
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
Kommentare: 78
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Auf der Vernissage

Meine Freundin studiert Kunstgeschichte. Da muss man Beziehungen kn├╝pfen, sagt sie. Also klappert sie jede Vernissage ab, auf die eine oder andere muss ich mitkommen. Heute ist wieder so ein Fall: Lachsfarbene Kost├╝me umh├╝llen deutlich gealterte Frauenzimmer, die ihren Frust mit Champagner herunterzusp├╝len versuchen. Im Suff dann unw├╝rdig die Contenance verlieren, aber ihr schlaues Geschw├Ątz ├╝ber "Kunst und so" nicht bleiben lassen k├Ânnen. Noch schlimmer die Herren Entdecker und M├Ązene. Rote Gesichter vom cholesterinreichen Lebenswandel, teure Anz├╝ge, die sich ├╝ber ihren Schmerb├Ąuchen spannen, f├╝hlen sie sich berufen, ├╝ber jedes angeschnittene Thema klug daherzupalavern. Meine Freundin hat sich aufreizend zurechtgemacht und wird, man kennt sie inzwischen und schm├╝ckt sich gern mit ihr, herumgereicht, ich gehe wie immer nur im Weg um. Schallendes Gel├Ąchter, Champagnerprusten, hervorquellende Augen, wo bin ich hier?
Doch sie ist ganz das brave M├Ądchen, die kleine Studentin, die man so nebenbei in den Arm nimmt, und die sich das auch gefallen l├Ąsst, darf sie nur sagen, wer sie ist. Der K├╝nstler erkl├Ąrt seine Werke, hohle Pseudophilosophie, auch das Stichwort "Aufl├Âsung des Gegenst├Ąndlichen" f├Ąllt artig, gut gemacht!, alle nicken verst├Ąndig, weiter im Takt. Wie beil├Ąufig ein Schnittchen hier, ein Gl├Ąschen dort, kennen sie schon meine neueste Zigarrenmarke? Nein? Ich lasse sie direkt aus Havanna kommen, m├╝ssen Sie unbedingt mal probieren! Eine feine Gesellschaft, die sich hier versammelt hat; zu Recht entscheidet sie hier ├╝ber Kunst oder Nichtkunst, gut oder schlecht, M├╝ll oder Diamant, und damit auch ├╝ber Existenzen, irgendwer muss schlie├člich und wer sollte das auch sonst machen?
Und dann wird mir pl├Âtzlich klar, was f├╝r ein Schauspiel sich hier entfaltet: Die so genannten Intellektuellen, die schon Thomas Bernhard richtig als die gr├Â├čten Arschl├Âcher bezeichnete, das Bildungsb├╝rgertum, ungl├╝ckseligerweise noch zu Geld gekommen, produziert sich hier, die Kunst ist nur Staffage. Sie feiern sich selbst als die Spitze der Sch├Âpfung, jeder ein gutes Duzend K├╝nstler im Ged├Ąrm stecken, die alle nur W├Ąrme und Geborgenheit suchen.
Da ├Âffnet sich eine noch gr├Â├čere Dimension des Szenarios: Die gesamte Menschheit besteht aus Ketten von Leibern, die einander bis zum Rumpf im Arsch stecken, aufgereiht wie Perlen, immer einer nach dem anderen, an ganz besonders pr├Ąchtigen Exemplaren, wo zwei Oberk├Ârper Platz finden, gelingt die Zusammenf├╝hrung zweier Ketten zu einer, von hier unten ist das gar nicht auszumachen, ob oben letztlich nur ein Haupt im Freien ist oder ob noch mehrere f├╝r die n├Âtige Atemluft f├╝r all die Hinterm├Ąnner sorgen. Nur vereinzelt schwirren noch Individuen durch Raum und Zeit, alleine und kalt. Alle anderen dr├Ąngen sich an den fetten ├ärschen ihrer Vorg├Ąnger, und immer wenn der vorderste Leib in dieser grotesken Hierarchie abstirbt, gibt er einen verbl├╝fften Oberk├Ârper frei, der in der K├Ąlte schnell blau sich verf├Ąrbt und ebenfalls beginnt zu welken.
Und jedes Neugeborene zischt sofort zielstrebig einem freien Arsch zu, um sich darin zu verstecken und aufzuw├Ąrmen. Und so ist auch diese Vernissage nur wieder eine kleine Welt in der gro├čen...
Heute gehe ich gl├╝cklich nach Hause und zufrieden, die Luft ist so frisch um mich herum.

__________________
die Lage ist hoffnungslos aber nicht ernst

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