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Leselupe.de > Anonymus
Auf der richtigen Seite stehen oder auch: Die Wendehälse, die Zweigleisigen und mein
Eingestellt am 18. 07. 2019 11:22


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Anonymous
Unbekannter Verfasser
Registriert: irgendwann

Auf der richtigen Seite stehen oder auch: Die Wendehälse, die Zweigleisigen und mein Opa

Wer kennt noch das Lied „Sag mir, wo du stehst!“? Es enthielt die Aufforderung an die Jugendlichen in der DDR, „Farbe“ zu bekennen, sich zu „outen“ (ein Begriff, den damals keiner kannte) hinsichtlich der eigenen Meinung: Für oder gegen den Staat, die Partei, den Sozialismus?

Wer dagegen war und ehrlich blieb, hatte verloren.

Besser waren jene dran, die sich einsichtsvoll in die Gegebenheiten fügten und falsch Farbe bekannten.

Wenn man sich die Motive der ersteren – und zahlenmäßig verschwindend kleinen – Gruppe ansieht, kommt man zu dem Schluss, es sei entweder Naivität, Dummheit, Dreistigkeit, Heldentum oder gar kamikazehafte Verzweiflung gewesen. Die Motive der zweiteren – erschlagend größeren – Gruppe dürften klar sein: Sie wollten keine Schwierigkeiten, keine Nachteile, sie wollten – auf der richtigen Seite stehen.

Da offenbar die meisten Menschen nach Möglichkeit auf der „richtigen Seite“ stehen wollen, macht es Sinn, hier einmal die Folgen und Gefahren dieses grundsätzlichen Lebensbedürfnisses zu untersuchen.

Ich beschränke mich dabei auf Ostdeutschland vor und nach der Wende und sehe zwei Verhaltensmuster.


1. Die Wendehälse

Der bekannteste ist vermutlich Erich Mielke, der vor allem mit seiner „Liebeserklärung an alle“ in die – revolutionäre? großartige? legendengespickte? traurig-fatale? – „Wende“-Geschichte einging. Natürlich war der Versuch einer Rechtfertigung oder gar Entschuldigung seiner Taten von vornherein zum Scheitern verurteilt. Mielke hatte keine Chance sich auf „die richtige Seite“ zu schlagen, zu klar lagen die Fakten auf dem Tisch. Sein Versuch ist als eine der lächerlichsten Episoden der Wende zu betrachten. Fast scheint es, als hätten Betonköpfe wie die Honeckers mit ihrer halsstarrigen Uneinsichtigkeit den besseren Eindruck hinterlassen…

Weniger auffällig war das wendehälsige Verhalten vieler Aktivisten der Bürgerrechtsbewegung der DDR. Führende Mitglieder des DA (Demokratischer Aufbruch) votierten kurz nach der Maueröffnung noch für eine „Vision des Sozialismus in der DDR“ (Wolfgang Schnur), um schon einen Monat später die Einberufung einer Nationalversammlung mit dem Argument zu fordern, „die Zweistaatlichkeit“ sei „historisch bedingt und deshalb nicht von Dauer“ (Erhart Neubert, Leiter der Programmkommission).
Freilich hatte sich das (ostdeutsche) Volk zu diesem Zeitpunkt bereits lautstark der Wir-Form bemächtigt, ohne zu bedenken, dass man vom vielen Schreien auch Halsschmerzen bekommen kann.

Die Mehrzahl der Wendehälse kam aus den Blockparteien, aus den Führungsetagen der Betriebe und Kombinate, aus den Schulen: Wer bis zur Wende folgsames Mitglied einer ostdeutschen Partei war, wer in den Betrieben Pflichtveranstaltungen der SED besuchte oder organisierte, wer in den Schulen den Klassenkampf propagierte und die Feinde des Sozialismus verdammte, wer am 1. Mai und 7. Oktober brav und pünktlich seinen Platz im Marschblock der Demonstranten für Frieden, Fortschritt und den Sieg des Sozialismus auf der wissenschaftlichen Grundlage des na und so weiter einnahm, fand sich, oft schon nach kurzer Pause, in einer der neuen oder neugegründeten Parteien wieder: Man trat munter ein in den DA, die SPD, die CDU. So wie man heute munter aus der SPD oder CDU aus- und in die AfD eintritt.

Nicht wenige Ostdeutsche dürften den Bogen geschlagen haben – von der SED zur AfD. Einige finde ich gar wieder bei den braunen Gesellen von der NPD.

Ich bin mir sicher, dass sie nicht auf der richtigen Seite der Geschichte stehen, es nur noch nicht wissen oder schon wieder nicht wissen.


2. Die Zweigleisigen

Als sehr viel geschickter und vorauschauender muss man das Verhalten gar nicht weniger Schriftsteller und Künstler einschätzen: Sie fuhren bewusst und lange Zeit „zweigleisig“. Traten in der Öffentlichkeit des alten Regimes als gemäßigte Rebellen oder latente Provokateure auf, pflegten jedoch auch einen oft sehr intimen und heimlichen Verkehr mit den Mächtigen. Nach der Wende zehrten sie vom Guthaben ihrer vorgeblich rein oppositionellen Rolle und verschwiegen die Kollaboration – was leider nicht in allen Fällen glückte. Die Liste der Schweiger ist lang und mit großen Namen gespickt: Christa Wolf, Heiner Müller, Lutz Bertram, Wolfgang Schnur, Gerhard Gundermann, Monika Maron…

Ein solch zweigleisiges Verhalten ist einerseits bewundernswert, bedenkt man das erforderliche hohe Maß an Selbstbeherrschung und Heuchelei; andererseits scheint es auch nicht die optimale Variante zu sein, um aus den Verwerfungen der Geschichte unbeschadet hervorzugehen. Zu oft – zum Glück – werden dann doch Akten entdeckt, gelesen, in die Öffentlichkeit lanciert; oder es tauchen Zeugen auf; oder, wenn auch sehr selten: beißt das Gewissen zu, vertreibt den Schlaf, die Ruhe und die Seele möchte sich Erleichterung schaffen…

Es stellt sich die Frage: Was ist das Optimum? Wie verhält sich ein Mensch in repressiven Systemen am klügsten?

Weil ich darauf keine einfache Antwort weiß, suche im Leben meines Opas nach Anhaltspunkten für den richtigen Weg.

3. Mein Opa

Ein Satz meines Opas klingt mir im Ohr: Nie wieder in eine Partei eintreten.

Ich habe diesen Satz tatsächlich nie aus dem Munde meines Opas, des Vaters meiner Mutter, gehört. Mein Opa war, soweit ich ihn kennenlernen konnte, ein ziemlich maulfauler Typ. Er rauchte filterlose Zigaretten und schwieg die meiste Zeit vor sich hin. Wenn ich ihn bat, doch ein wenig über den Krieg in Frankreich, die Nazizeit oder den Volkssturm zu erzählen, sah er mich aus müden Augen an, zuckte mit den Schultern, nahm einen tiefen Zug, verschluckte sich, hustete, fluchte kurz und – schwieg weiter.

Meine Mutter erzählte, Opa habe nach dem Krieg mehrfach diesen Satz gesagt. Warum? Weil er als ehemaliges NSDAP-Mitglied ein paar Jahre Berufsverbot hatte und als Hilfsarbeiter in einem Sägewerk und einer Schamottefabrik schuften musste. Da haben sie ihn ordentlich gequält, einmal, weil er aus Sicht der Arbeiter ein Intellektueller war; dann, weil er nicht mithalten konnte mit den kräftigen Malochertypen; weiterhin, weil er in seinen Pausen stets allein, grübelnd und mit hinterm Gesäß verschränkten Händen über den Hof ging; zum Schluss wohl auch, weil er ja ein ehemaliges Parteimitglied war, der Herr Grundschullehrer. Selbst schuld!

Ja, mein Opa wurde in den Dreißigern Mitglied der NSDAP. Damals war das allerdings nicht opportun, sondern notwendig. Eine opportune Haltung ist an sich nur möglich auf Basis einer Wahlfreiheit. Die gab es nicht. Ein Lehrer musste – oder er blieb nicht lange in den Diensten des Staates.

Mein Opa stellte sich also damals auf die vermeintlich richtige Seite und stand, nach Krieg und Flucht aus Schlesien, nach dem Neuanfang in einem sächsischen Städtchen und somit in der antifaschistisch ausgerichteten Ostzone, plötzlich auf der falschen Seite.

Wie so viele.

Nach einigen Jahren der Schufterei in den Niederungen des Ungelernten und körperlich Überfordernden durfte mein Opa wieder im ursprünglichen Beruf arbeiten. Das tat er bis zu seiner Pensionierung. Vielleicht hat man ihm das Angebot gemacht, sich weiterzubilden, eine Gehaltsstufe mehr zu bekommen, höhere Klassen zu unterrichten. Ich weiß es nicht, meine Mutter ebenfalls nicht. Fakt ist: Er blieb, was er war und wieder hatte werden dürfen: ein kleiner Dorfschullehrer, mehr nicht.

Wenn ich mir vorstelle, dass er dem Drängen eines Parteifunktionärs nachgegeben hätte und Mitglied der SED geworden wäre, und wenn ich mir weiterhin vorstelle, dass er bis zum Ende der DDR als Lehrer und Genosse tätig gewesen wäre, komme ich zu dem Schluss: Er hatte recht. Er hätte sonst wieder auf der falschen Seite gestanden.


4. Fazit

Das Bedürfnis, zur „richtigen Seite“ zu gehören, scheint ein allgemeinmenschliches zu sein. Ein allzu menschliches. Und es ist natürlich nicht nur in Ostdeutschland im politischen Bereich zu finden, sondern überall da, wo Menschen interagieren.

Für den parlamentarischen Bereich liefert uns Italien ein besonders krasses Beispiel: Ein gewisser Luigi Campagna hat dort das Kunststück fertiggebracht, in der Zeit der im Jahre 2017 zu Ende gehenden Legislatur die Fraktion neunmal zu wechseln. Der „zweittbeste“ Wechsler, Senator Andrea Augello, schaffte es sechsmal. 337 der 320 Senatoren und 630 Abgeordneten wechselten im genannten Zeitraum die Partei, sodass den Italienern für dieses Phänomen auch gleich eine treffende Bezeichnung einfiel: cambi di casacce, „Wechsel des Mäntelchens“.

Geschichtliche Erfahrungen führen ebenfalls zu seltsamen Erscheinungen: So las ich kürzlich, dass sich manche Nachkommen der (Nazi-)Täter beschneiden lassen, um auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen…

Für den allgemein-zwischenmenschlichen Bereich muss ich keine Beispiele anführen, jeder erinnert sich an plötzliche, unerwartete Meinungs- und Seitenwechsel von Freunden, Bekannten, Vorgesetzten, Mitarbeitern usw. in Situationen, die zu einer Polarisierung, zu Gruppenbildung, zur Definition von Sündenböcken führten.

Erklären lässt sich das „Bedürfnis“ wohl einfach mit dem Bestreben eines jeden von uns, möglichst viele persönliche Vorteile aus der Position innerhalb einer Gruppe, einer Partei, einer Gesellschaft zu ziehen. Es ist letztlich unserem Machtinstinkt geschuldet.

Aber: Wozu führt dieses Bedürfnis, wenn man ihm immer und voll und ganz nachgibt? Es führt zu Unglaubwürdigkeit, Werteverfall, Selbstdemontage, Demaskierung. Selbstzerstörung.

Eine Sicherheit vor solcherlei Selbstzerstörung besteht nur in der Distanz gegenüber den Mächtigen. In selbstbestimmter Isolation. Denn Mächtige sind eben auch nur Menschen.

Am sichersten dürfte der sein, der sich auf die Seite universeller Werte schlägt. Da muss man nicht ständig wechseln.

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revilo
???
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interessanter Text, aber so richtig kapiere ich Dein Fazit nicht....ich war Gott sein Dank nie Betroffener, aber ich kann jeden verstehen, der einfach nur versuchte zu überleben.....

Lg revilo
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Manch mal weiß ich nicht
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Anonymous
Unbekannter Verfasser
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Ich hatte gehofft, mich deutlich ausgedrückt zu haben. Scheint leider nicht ganz angekommen zu sein... Daher hier nochmal der letzte Satz für alle Fans, quasi die "Quintessenz" von Psalm und Sentenz:

Am sichersten dürfte der sein, der sich auf die Seite universeller Werte schlägt. Da muss man nicht ständig wechseln.

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