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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auf in die unbekannte Welt
Eingestellt am 26. 05. 2012 22:27


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leave
Wird mal Schriftsteller
Registriert: May 2012

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Da stand ich nun, vor mir eine schier unendliche Tiefe, der, wie mir schien, nichts mehr VergnĂŒgen bereiten wĂŒrde, als mich in sie hinabzuziehen und nie wieder loszulassen. Hinter mir hörte ich das leise, hĂ€mische Wispern und Getuschel, das mich nur umso mehr vor dem zittern ließ, was mir bevorstand und gegen das sich alles in mir bis aufs Äußerste strĂ€ubte. GelĂ€hmt vor Furcht blickte ich mit klopfendem Herzen und einem vor Angst vollkommen ausgetrockneten Hals geradeaus und versuchte nicht an das zu denken, was fĂŒr jemanden wie mich vollkommen natĂŒrlich sein und dem ich mit freudiger Erwartung entgegen fiebern sollte; bei mir dagegen löste allerdings allein schon der Gedanke daran SchwindelgefĂŒhle und Übelkeit aus. Schweißperlen standen mir auf der Stirn und der Kloß in meinem Hals erschwerte mir das Schlucken.
Hinter mir wurde es immer unruhiger, die Stimmen wurden lauter und Genugtuung war im abfĂ€lligen Lachen meiner Geschwister zu hören. Schon von Anfang war ich ihr Zielscheibe fĂŒr HĂ€nseleien gewesen, schwach und wehrlos; nie hatte ich mich mit den anderen gemessen, wie es sonst fĂŒr diejenigen meiner Art ĂŒblich war. Nein, ich war immer still in einer Ecke gesessen und war meinen Gedanken nachgehangen, vor mich hingetrĂ€umt, versunken den Himmel betrachtet, den BlĂ€ttern zugesehen, wie sie im Wind Fangen spielten, und dem regen Treiben um mich herum und unter mir im Wald gelauscht. WĂ€hrend die anderen sich allerlei ausdachten, um sich die Zeit zu vertreiben, im Nest herumtollten und sich spielerische KĂ€mpfe lieferten, beobachtete ich sie dabei lediglich. Eine Melodie vor mich hinsummend hörte ich dem FlĂŒstern des Windes zu und fragte mich wĂ€hrenddessen, wie das Leben der anderen Tiere wohl sein mochte, von deren Existenz ich zwar wusste, aber von denen ich noch kaum je eines tatsĂ€chlich zu Gesicht bekommen hatte. Oft malte ich mir auch aus, wie es an den fremden Ort wohl aussehen mochte, von denen mir der Wind, der stĂ€ndig auf Reisen war, erzĂ€hlte. Wie lange man wohl brauchte um sie zu erreichen? Sah es dort genauso aus wie hier? Welche Tiere mochten dort wohl leben? Und gab es an diesen Orten auch Vögel so wie wir es waren?
In meinen Fantasien waren es geheimnisvolle Orte mit exotischen, seltsam anmutenden Pflanzen, die nicht immer ungefĂ€hrlich waren; die Luft war durchdrungen von den eigenartigen Lauten der Tiere, die dort zuhause waren und nur entfernt Ähnlichkeit mit denjenigen besaßen, die im Wald, in dem ich lebte, zu finden waren: wilde Raubkatzen, gefĂ€hrliche Reptilien und kreischende pelzige Tierchen, die verspielt von Ast zu Ast und Baum zu Baum hĂŒpften und sich so durchs Dickicht bewegten. Überall war Leben, wohin man auch sah raschelte es und allerlei trieb sich zwischen den riesigen BlĂ€ttern, die den gesamten Waldboden bedeckten, umher oder suchte sich seinen Weg hoch oben in den Wipfeln der mĂ€chtigen BĂ€ume. Auch das Flattern und Schlagen von FlĂŒgeln war allseits zu hören und in meiner Vorstellung leuchteten die Federn der Vögel, die dort lebten, in den prĂ€chtigsten Farben: sattem GrĂŒn, strahlendem Blau, intensivem Rot und lachendem Gelb. Anmutig und elegant segelten sie durch die LĂŒfte und wachsam, stolz und unnahbar schienen sie jedem, der ihnen begegnete.
Obgleich ich nicht wusste, ob es sie denn wirklich gab und ob ihre Erscheinung den majestĂ€tischen Gestalten meiner TagtrĂ€ume glich, so wollte ich doch all diese Orte finden und erforschen und zusammen mit diesen faszinierenden, graziösen Wesen ĂŒber dem dichten BlĂ€tterwerk dieser fremden Welten dahingleiten. Ich wollte mich dort vom selben Wind tragen lassen, der mir hier schon so lange von den Wundern und Schönheiten dieser Orte zuflĂŒsterte; von Orten, zu denen die Reise zwar weit und nicht ohne Hindernisse war, doch am Ziel angelangt wĂŒrde allein schon der Anblick dort einen verzaubern, den Atem nehmen und jeden augenblicklich jede MĂŒhe und jede Strapaze vergessen lassen.
In eben diesem Moment, in dem ich all dies in meinem inneren Auge vor mir erblickte, spĂŒrte ich, wie sich der Wind hob und mir durchs Gefieder fuhr; ich hörte, wie er mir sanft Mut zusprach und mir Kraft gab; ich fĂŒhlte, wie sich mein Herzschlag immer mehr beruhigte und lauschte weiter dem Wind, der mir fortwĂ€hrend aufmunternde Worte vorsang. Zögerlich und langsam, wie in Zeitlupe, begannen sich meine FlĂŒgel aus ihrer Starre zu lösen und auszubreiten, bis sie fast waagrecht waren; ich spreizte meine Federn und der Wind fuhr mir noch einmal, diesmal auffordernder, doch trotzdem behutsam durch sie hindurch, und jetzt sprach er mir keine Worte des Mutes mehr zu. Nein, nun erzĂ€hlte er mir wieder von den fremden Orten, an denen ich mir mehr als alles andere auf der Welt zu sein wĂŒnschte, von deren vielfĂ€ltiger Pracht, und versprach, mir den Weg dorthin zu weisen; ich mĂŒsste nur das Vertrauen in mich selbst finden und den Schritt wagen, der mich diesen Welten entgegenbrĂ€chte. Ich dachte an diese weit entfernten, wunderschönen und fremden Orte mit den wilden, unbekannten Tieren, die darauf warteten, von mir entdeckt zu werden. Dann an meine Geschwister, die allesamt hinter mir standen, tuschelten, schadenfroh lachten und in deren Augen ich mich gleich vor allen aufs höchste blamieren wĂŒrde. Ich blickte noch einmal auf die BĂ€ume, Äste und BlĂ€tter um mich herum und den Waldboden tief unter mir, der mir eben noch so viel Angst gemacht hatte; Angst, die jetzt von mir abfiel bis nichts mehr von ihr ĂŒbrig war. Schließlich holte ich tief Luft, schloss fest die Augen und ließ mich in die Arme des Windes gleiten.

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