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Leselupe.de > Humor und Satire
Auf und Ab
Eingestellt am 29. 04. 2001 18:04


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Rainer Hei├č
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

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Auf und Ab

Wozu sollten Reisef├╝hrer dienen? Doch wohl um dem Reisewilligen sein Ziel n├Ąher zu erl├Ąutern, so weit zumindest, wie ihn das als Unwissenden nicht ├╝berfordert. Schon beginnt die crux: Haben alle, die je von Italien berichteten, uns schonen wollen, weil wir mit dieser nationalen Kuriosit├Ąt, von der zu berichten seit ewig niemand wagte, nichts w├╝rden anfangen k├Ânnen? Dabei ist diese seltsame Gewohnheit unserer s├╝dlichen Mit-Europ├Ąer nicht so schwierig zu beschreiben, nur zu verstehen, oder gar zu deuten. Dachten alle Merian-Autoren, die uns vom Treiben auf dem Stiefel schrieben, sich der Berichterstattung unf├Ąhig? Oder glaubten sie, uns w├╝rde das Verst├Ąndnis fehlen? Nein, viel naheliegender: Dieses Brauchtum ist einfach zu abstrus, als dass man es einem seri├Âsen Reisef├╝hrer anvertrauen m├Âchte. Vers├Ąumnis!, schreien da die Aufkl├Ąrer, und Recht haben sie!
Egal, welche italienische Stadt der Ahnungslose ansteuert, ├╝berall wird er auf dieses F├Ąnomen treffen: gewaltige Menschenstr├Âme, plaudernd, einem unbekannten Ziel zustrebend. Nichts wie hinterher, denkt der Tourist, Attraktionen werden dort wohl lauern, dass mir die Spucke weg bleibt! Auf dem Weg, die Menschenmassen verdichten sich, die Neugier steigt, f├Ąllt bereits auf, dass die Seiten- und Parallelstra├čen, wirft man trotz des unb├Ąndigen Entdeckerdrangs einen Blick nach rechts oder links, obwohl sie sich in nichts von der dicht frequentierten Stra├če unterscheiden, ausgestorben zu sein scheinen. Nun gut, egal! Irgendeine Sensation wird uns am Ziel dieser Promeniermeile - denn eine Meile ist dieser Catwalk leicht - schon erwarten. Dann, die F├╝├če bereits deutlich erhitzt, kommt man an einem Wendepunkt an, wo sich mit viel Gl├╝ck eine Eisdiele befindet; sonst nichts! Dieses unmotivierte Auf und Ab, wobei Auf und Ab sowohl das Treiben als auch die dazu benutzten Wege bezeichnet, findet sich in jeder italienischen Stadt: Die Einheimischen mischen sich dort mit den angelockten Besuchern zu einem bunten Treiben, das einzig darin besteht, eine bestimmte - wer wei├č, in welch grauer Vorzeit die genaue Route abgesteckt worden ist? - Tour hinter sich zu bringen. Bei uns hei├čt das Volkswandertag und man bekommt am Wendepunkt oder in Wegbiegungen von IVV-Ehrenamtlichen einen Stempel in die Karte. Nicht so in Italien. Stra├čen, ohne Gesch├Ąfte, Bars, Bistros oder irgendeiner sonstigen Lustbarkeit m├╝ssen t├Ąglich von Einbruch der Dunkelheit bis zum Morgengrauen plaudernd abmarschiert werden.
Doch Vorsicht! Jede Stadt hat hat ihr eigenes Auf und Ab! Die Wendepunkte, wo die Menschenstr├Âme ohne ersichtlichen Grund auf dem Absatz kehrt machen, manche scheinen in ein leichtes sinnierendes Gr├╝beln zu verfallen ob ihres eigenen Tuns, indem sie stehen bleiben und den Blick in die Ferne schweifen lassen, doch nur kurz!, sind variabel. Bei der Erforschung jener heute sinnlos erscheinenden T├Ątigkeit - etwa so wie ein Hund sich vor dem Hinlegen mehrmals im Kreis dreht, einst zum Niedertrampeln des Steppengrases, heute nur mehr instinktive Gewohnheit - haben sich feine und verwirrende Unterschiede gezeigt: Manche Auf und Abs haben am einen Ende einen Kreis (nat├╝rlich scheinbar beliebig gew├Ąhlt, aber wer wei├č das schon?, also besser mitmachen!), andere einen dicht bev├Âlkerten Platz, wo die Jugend sich mit den Alten vermengt und herumsteht, um nach einer in der Hirnrinde gespeicherten Verweildauer aufzubrechen, und das Auf und Ab in entgegengesetzter Richtung erneut abzuschreiten. Wieder andere St├Ądte haben in ihr Auf und Ab selbst bereits und nicht erst in dessen Wendepunkte Lokalkolorit gebracht, indem sie es teils rechtwinklig, teils in irgendeinem Winkel, abknicken lie├čen, um es in einer anderen unbeleuchteten Stra├če fortzuf├╝hren.
Nirgends Musik, nirgends eine Sehensw├╝rdigkeit, kein Cafe, keine Bar - nur eines haben die Auf und Abs gelegentlich gemein: Die Italiener, ein Volk von J├Ągern und Fischern, haben einen starken Zug zum Wasser; ist also ein Fl├╝sschen in der N├Ąhe, muss man sich nur dorthin begeben, schon st├Â├čt man zumindest auf das Auf und Ab, in der Regel aber sogar auf einen Wende- und Verweilplatz.
Bei der ersten Begegnung mit einem Auf und Ab staunt der Tourist ungl├Ąubig, bei den n├Ąchsten Nachtwanderungen wird er aufmerksamer, das blo├če Staunen weicht einer - so sind wir Deutschen halt! - wissenschaftlichen Analyse. Es ist n├Ąmlich bei weitem nicht so viel Schlendervolks unterwegs, wie es zun├Ąchst scheint. Haben die Italiener von Rommel, dem W├╝stenfuchs, der seine Truppen stets mehrmals an gegnerischen Stellungen vorbeifahren lie├č, um eine unbesiegbar gro├če Armee vorzut├Ąuschen, gelernt? Und zeigen dies darin, dass die Menschen immer mehrmals - wer mitz├Ąhlt, kommt zu dem Ergebnis, dass tapfere Auf und Ab-Profis des Nachts leicht ihre zehn Kilometer und mehr absolvieren - hin und her wandern. Auch das bleibt wohl unergr├╝ndlich.
Nur wenige St├Ądte scheren aus der v├Âllig unmotivierten Routenplanung aus: in Pisa etwa gelangt man am einen Ende des Auf und Ab zum Schiefen Turm. Das ist aber eine Ausnahme. Wer sich dieses n├Ąchtliche Spazieren anschauen will, darf nichts erwarten als n├Ąchtliches Spazieren. Haben die Italiener alleine - denn Stra├čenbeleuchtung ist dort nat├╝rlich keine; nichts zu beleuchten, keine Beleuchtung! - Angst im Dunkeln? Welch au├čergew├Âhnliches Ereignis zur Einrichtung dieses Brauchtums f├╝hrte, blieb dem Autor verborgen. Immerhin hielt es sich tapfer, denn Grund gibt es wirklich keinen, genau diese Wege abzuschreiten, die sich in rein gar nichts von den Parallelstra├čen unterscheiden, trotzdem wird der Italiener bei Einbruch der D├Ąmmerung nerv├Âs, scharrt zuhause unruhig mit den F├╝├čen, bis er nicht mehr anders kann: Er muss seine Schuldigkeit tun und mindestens einmal das ├Ârtliche Auf und Ab begehen. Also packt er die komplette Familia, Omas, Opas, schreiende Kinder, Frau, ok, auch die Frau, Freunde, Tanten, Onkels, pr├Ązise gesagt also alle, die irgendwie direkt oder telefonisch erreichbar sind, schnappt sie und geht mit ihnen auf den Wegen der Vorv├Ąter auf und ab.
Hat man akzeptiert, dass sich auf dem Weg nichts finden wird, au├čer pflichtbewusst nachtwandernden Italienern, kann so ein Auf und Ab so manche Urlaubsnacht in der Erinnerung hell erleuchten! Also: in Italien abends nicht einfach zuhause bleiben oder nach einem Cafe suchen, sondern den Einheimischen gleichtun und Auf und Ab!

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Bruno Bansen
Guest
Registriert: Not Yet

Auf und ab...

Als alter Italien(Toscana-)Kenner, kann ich beurteilen und best├Ątjen: So isses, hervorragend beschrieben, kaum zu glauben aber bei den Lemmingen ist das ja... nicht ganz...aber fast...na, egal, gut getroffen, macht Spa├č zu Lesen, mir fehlt aber'n bi├čchen sone klitzekleine Poengte, damit man wei├č, zum Schlu├č, warum man durchgehalten hat.

Gru├č! Bruno

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Rainer Hei├č
Hobbydichter
Registriert: Apr 2001

Werke: 21
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Treffer!

Hi Bruno,

du hast Recht, die story ├╝ber dieses F├Ąnomen ist tats├Ąchlich letztes Jahr in der Toscana gereift; Pointe? Stimmt, hat sie keine; und du meinst, sie br├Ąuchte eine... wie sollte die denn aussehen? Zun├Ąchst mal Danke f├╝r deine Anregung, vielleicht komm` ich ja selbst noch auf einen z├╝ndenden Schlussgedanken. Mehr zur Toscanafahrt 2000 ├╝brigens im Sonstiges-Forum.
Gr├╝├če, Rainer

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