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Leselupe.de > ErzÀhlungen
Aufbruch
Eingestellt am 17. 03. 2016 17:50


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Amalia Goldbach
Hobbydichter
Registriert: Mar 2016

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Sie war gekommen um zuzuschauen, doch mit einem Mal war sie mittendrin. Es ist ein Irrtum zu glauben, die entscheidenden Momente eines Lebens, in denen sich seine gewohnte Richtung fĂŒr immer Ă€ndert, wĂŒrden von einem Trommelwirbel angekĂŒndigt und wĂ€ren von lauter Dramatik. Sie saß im Theater 13. Reihe Parkett links und verfolgte die Darbietung eines eher unbekannten Ensembles. Aus dem gleichförmigen Rhythmus lösten sich die Bewegungen eines TĂ€nzers. Er ließ die Musik durch seine Bewegungen ins Publikum fließen. SpĂ€ter wusste sie nicht mehr, wie es dazu gekommen war, doch sie hielt dieser Begegnung stand. Eine lebensbestimmende Erfahrung von unglaublich leiser Art und einer so großen Kraft, dass die Mauer um ihre Seele einen breiten Riss bekam. Wenn es so ist, dass wir nur einen kleinen Teil von dem leben können, was in uns ist – was geschieht dann mit dem Rest?

*
Bleischwer lag sie auf diesem kalten, glatten Betonklotz. Arme und Beine sahen aus, als hĂ€tte sie jemand ganz zufĂ€llig neben ihrem Körper abgelegt. Hier war Anna so sicher und vollstĂ€ndig wie an keinem anderen Ort. Ohne einen einzigen Gedanken in ihrem Kopf, ohne Aufforderung, ohne Ermutigung sich zu bewegen. Still, regungslos, ganz ruhig vertraute sie dem festen, harten Untergrund. Sie konzentrierte sich einzig und allein darauf zu atmen. GleichmĂ€ĂŸig ein- und ausatmen. Der gleichmĂ€ĂŸige Rhythmus ihrer AtemzĂŒge bewachte sie. Die einzige Aufgabe, die das Leben an sie stellte. Ein- und Ausatmen. Nichts weiter. Das reichte in diesem Moment.
„Kann ich Ihnen behilflich sein? Suchen sie etwas Bestimmtes?“ Die Frage kam unvermutet von links. Eine junge VerkĂ€uferin stand neben Anna und hoffte auf eine Begegnung, die dem AlltĂ€glichen ihres Jobs etwas Besonderes hinzufĂŒgen wĂŒrde. Anna war noch nicht vorbereitet. Die junge Frau mit dem geĂŒbten LĂ€cheln war einen Atemzug zu frĂŒh gekommen und schon viel zu nah. Nur nicht erschrecken, keine unĂŒberlegten Bewegungen, ganz ruhig bleiben. Die andere hatte nichts bemerkt, hatte Anna nicht liegen sehen auf diesem kalten Stein, dessen LiegeflĂ€che sich langsam von ihrem Körper erwĂ€rmte. „Nein. Nein, vielen Dank. Ich schaue mich nur ein bisschen um. Wenn ich Hilfe benötige, dann melde ich mich.“ Annas Stimme kam von weit her. Als sie sich endlich hörte, war die VerkĂ€uferin schon mit einer anderen Kundin im GesprĂ€ch. Lachen. Lautes, beinahe schrilles Lachen. So einfach ist das, wenn man sich bewegen kann.

FĂŒr einen Augenblick hielt sie sich an dem BĂŒgel in ihrer Hand fest. Als sie sicher war, die Situation wieder im Griff zu haben, kehrte sie zu den Kleidern und der Idee fĂŒr heute Abend etwas Neues zu kaufen zurĂŒck. Vor einiger Zeit hatte sie die Umlaufbahn ihres Lebens ruckartig verlassen mĂŒssen und war auf dem Betonklotz notgelandet. Die Geschichte war zu trivial und taugte nicht fĂŒr ein großes Drama. Außerdem ging es niemanden etwas an. Auch deswegen hatte sie das dramatische an der Geschichte versteckt. Unter ihrer Haut, in ihrem Herzen, in ihren Gliedern. Überall dort, wo niemand nachsehen wĂŒrde. Seit dem machte es sie nervös, wenn fremde Menschen ihr zu nah kamen. Als könnten sie herausfinden, dass etwas nicht stimmte. Dabei stimmte es lĂ€ngst. Anna war in allem sehr grĂŒndlich. Im Leben, in der Liebe und in der Wahrheit. Vielleicht hatte sie deswegen so lange gebraucht, das Gute zu vergessen. Jeder Schritt ein neuer Versuch. Nicht mehr ganz so wacklig wie am Anfang stand sie heute unter fremden Menschen, die jederzeit nĂ€her kommen konnten, und suchte nach einem KleidungsstĂŒck, das zu ihr passte. Zu Beginn waren es kleine Zuckungen mit HĂ€nden, Armen, Beinen und FĂŒĂŸen. Dann ein Tasten und Suchen bis sie irgendwann aufstand. Eine ganz normale Geschichte tausendmal von vielen Menschen erlebt. Aus zwei Leben wird eins und irgendwann ist dieses eine Leben zu klein fĂŒr einen gemeinsamen Alltag, eigene TrĂ€ume und geteilte PlĂ€ne. Bis einer die Richtung wechselt und der andere orientierungslos auf einem Betonklotz Halt sucht. Der erste eigene Schritt braucht einen guten Grund. Anna hatte gleich zwei; drei und fĂŒnf Jahre alt und sie hatten jedes Recht dieser Welt glĂŒcklich zu sein. Unbehelligt und glĂŒcklich. Und genau das war der eine Gedanke, den sie fest hielt, damit er ihr half wieder aufzustehen und weiter zu gehen. Kleine HĂ€nde in großer Hand. Das Versprechen auf ein unbeschwertes Leben einlösen. Eine geplante Hoffnung. Erst streichholzgroß, dann ein fertiger Mensch. Eine Liebe so unerschĂŒtterlich wie der Betonklotz. Augen, die suchen, HĂ€nde, die finden.
Langsam schob sie die BĂŒgel von links nach rechts und begutachtete, was darauf angeboten wurde. Sie hatte keine Vorstellung von dem was sie suchte. In ihrer Erinnerung fehlten die Momente, in denen sie das Richtige gefunden hatte. Die Neugier auf das eigene Bild im Spiegel. Manchmal fehlte ihr einfach der Mut hinzusehen ohne die Worte der anderen zu denken. Sie hatte ihre innere Stimme verloren und hörte so oft in ihrem Kopf das Echo alter SĂ€tze. Deswegen konnte Sie am besten unter Wasser atmen. Außerhalb ihres kleinen Familienaquariums blieb ihr immer noch die Luft weg.

*

Das Leben ist eine Kette von Ereignissen, die passieren, damit wir uns selber entdecken. So einfach war damals Tims Sicht auf die Dinge. Es war weder ein Abschied, noch eine ErklĂ€rung. Er hatte nicht auf der Couch neben ihr noch am Tisch ihr gegenĂŒber gesessen. Das wĂ€re zu verbindlich gewesen, zu konkret geworden. Ein PlĂ€doyer fĂŒr den Freispruch von einem Versprechen fĂŒr etwas, das nicht zu ihm gepasst hatte, gehalten beim Packen einer einzigen Tasche, die ausgereicht hatte, um den Fahrzeugbrief des Sportwagens und ein paar persönliche Dinge mit zunehmen. Mehr hatte er nicht gewollt. Er konnte das Versprechen auf ein unbeschwertes Leben nicht einlösen. Wie hĂ€tte er wissen sollen, dass sie ihm Angst machten. Angst jemand anderes zu werden. Angst weniger geliebt zu werden. Angst seine Zeit zu verlieren. Ein PlĂ€doyer fĂŒr den Mut, Freiheit mittendrin neu zu definieren. Er hĂ€tte Anna gerne mitgenommen, doch es gab sie nicht mehr frei und schwerelos, heute gab es sie nur noch im Dreierpack. Also sammelte Tim seine Zeit so schnell ein, dass kein weiteres Wort dazwischen passte und nahm alle Stunden, Minuten und Sekunden mit an einen anderen Ort. Anna fuhr ans Meer mit der Hoffnung, eine eigene Gegenwart zu finden. Doch als sie dort ankam, lagen vor ihr die Möglichkeiten der Zukunft und hinter ihr stand die Vergangenheit. Beides wollte in diesem Moment Ausschließlichkeit und ließ der Gegenwart keinen Platz. Kleine HĂ€nde in großer Hand, das war die Gegenwart. Und sie schuf einen Ort fĂŒr die Gegenwart ihres neuen Lebens. Ein hocheffizientes Trio verbunden durch eine Liebe, die noch nichts davon ahnte, wie leicht und schwer es sein wĂŒrde eine neue Geschichte zu schreiben.

An diesem Tag traf sich Anna spĂ€ter mit Freunden im Theater zu der Vorstellung des jĂ€hrlichen Tanzfestivals. Wie immer war es ihre Idee den gemeinsamen Abend im Theater zu beginnen. Nur Marie, die Musikerin, teilte die Liebe fĂŒr inszenierte Leidenschaften. Alle anderen gingen mit, weil Marie und Anna auch mitgingen, wenn laute Sportveranstaltungen und schlechte Kinofilme auf dem Programm standen. Zuschauen war das was ĂŒbrig geblieben war, von Annas Freude an der Verbindung zwischen Musik und Bewegung. FĂŒr mehr war in den vergangenen Jahren keine Zeit gewesen. Sie ging ins Theater, um sich zu erinnern wie es war, einen Raum zu betreten, der nur mit Musik eingerichtet ist und darauf wartet, dass ihn jemand mit seiner Geschichte fĂŒllt. Schwerelose Körper, die sich auf, unter und neben der Musik nieder lassen. Tanzen, ein Dialog zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Hier wurde Anna wach und lebendig. In diesen Momenten verstand sie, dass man es selber in der Hand hatte, zwischen Wirklichkeit und Traum eine Verbindung herzustellen. AlltĂ€gliche Dinge wie geschwĂ€nzte Schulstunden, die Organisation des nĂ€chsten Auslandstermins und leere KĂŒhlschrĂ€nke schrumpften auf das GegenstĂ€ndliche ihrer Bedeutung zusammen. Alles ÜberflĂŒssige und Banale löste sich auf, verschwand und ĂŒberließ den Platz der getanzten Botschaft. Mit einem Mal bewegten sich die Menschen langsamer, bewusster. Anna beobachtete so oft nach einer Vorstellung, wie sie ihre MĂ€ntel abholten und es schien ihr, als ob sie ihre eigenen Bewegungen neu entdeckten. Genau an dieser Stelle passierte es dann: Anna ließ die anderen in ihren Gedanken zurĂŒck und holte sie erst wieder ein, wenn der zweite Teil des Abends in dem vereinbarten Lokal begann. Der lebendige, reale Lebensmoment. Der ihnen gemeinsame Geschichten hinterließ. Geteilte Erinnerungen, die fĂŒr immer blieben.

„Das sieht wirklich gut aus. Du kannst so gehen.“ Sammy wartete nicht auf die Antwort ihrer Mutter. Die Beratung war hiermit beendet. Mit fĂŒnfzehn ist der Maßstab fĂŒr schön oder hĂ€sslich das Innenleben des eigenen Kleiderschranks. Und da dieser nichts mit ihrer Mutter zu tun hatte, war dies alles, was es zu sagen gab. Anna und Sammy waren keine Freundinnen. Anna war das wichtig. Sie wollte nicht den Verlust durch eine TĂ€uschung ersetzen. Sie wollte das bleiben, was sie hatte sein wollen. Ihre Mutter. Irgendwann waren die kleinen HĂ€nde grĂ¶ĂŸer geworden und hatten los gelassen. Anna nahm das nicht persönlich und blieb in der NĂ€he, um ihnen zu helfen, dem Leben die TĂŒr zu öffnen. Auch wenn ein Sturm sie mal zugeschlagen hatte. Heute hatte Sammy wirklich keine Zeit, sich Gedanken um das Aussehen ihrer Mutter zu machen. Sie hatte genug damit zu tun, ihre beste Freundin davor zu bewahren, ihr Herz als Sonderposten zu verschleudern. Außerdem ging Anna nur mit Freunden ins Theater. Es waren auch Sammys Freunde. Dunja und Marcel zum Beispiel hatten sich leise in ihr Leben eingewebt. Dunja, die moderne Fassung einer Johanna von OrlĂ©ans, die sich von Sammys FeldzĂŒgen gegen die Welt der Erwachsenen weder abschrecken noch zurĂŒck weisen ließ. Die heute mit Mann, vier Pferden, drei Hunden, einer Katze und zahlreichen MaulwĂŒrfen mitten auf dem Land in einer turbulenten Wohngemeinschaft lebte, in der die Vierbeiner mehr Entscheidungen trafen als die Menschen. Die TĂŒr des großen Landhauses stand immer und fĂŒr jeden offen. Dunja erzĂ€hlte ihre eigenen Geschichten und öffnete RĂ€ume fĂŒr Sammys. Eine „Punk-Prinzessin“, kompromisslos auf der Suche nach Wahrheiten jenseits der sicheren BĂŒrgerlichkeit ihres Elternhauses. Und obwohl sie frĂŒh gelernt hatte zu fliegen, war Dunja heute tief verwurzelt in ihrem Leben auf dem Land, in das sie mit großem Herzen viele Menschen einlud. Sie hatte ihre Wahrheit gefunden. Ein Leben nicht zum Zeitvertreib, sondern zum Teilen. Sie waren fester Bestandteil ihrer kleinen Welt. Hatten aus dem Dreierteam oft eine große Familie gemacht.
Vielleicht war das der Grund warum Sammy nie nach fremden Bildern gesucht hatte. Manchmal kamen ihr das Leben und die Menschen zu nah und sie kehrte beidem den RĂŒcken zu. Warum also schon Theater vor dem Theater? Sie verzog sich in ihr Zimmer und schloss die TĂŒr. Ein sicheres Zeichen fĂŒr den RĂŒckzug in die Welt eines Teenagers, umhĂŒllt von einem Schutzwall aus lauter Musik. Das Leben vor dieser TĂŒr aktuell eine Folge von Ereignissen, die sie nichts angingen. Und wann immer sie wollte, konnte sie sich dem Fluss der Dinge in den Weg stellen. Jetzt wollte sie absolut nicht. Sie fing an ein Bild zu malen. Irgendwann wĂŒrde es den Titel „Emptiness“ tragen.

*

Sie hatten sich im Foyer des Theaters verabredet. Es war ein kleines GebĂ€ude und obwohl das Architektengremium ein klassisches Arenatheater modern gedacht hatte, schien es ihr immer wieder als lege sich das GebĂ€ude stilistisch nicht eindeutig fest. FĂŒr moderne Klarheit war mit zu viel PlĂŒsch und organischen Formen gearbeitet worden, fĂŒr barocke Schwere mangelte es an royalen Insignien bezogen auf Architektur und Ausstattung. Allerdings verliehen die schwebenden Freitreppen und dĂŒnnen RundstĂŒtzen dem GebĂ€ude eine beinahe schĂŒchterne Eleganz, die sich nur schwer gegen den imposanten elliptischen BĂŒhnenturm durchsetzen konnte. Und es gab einen Innenhof, der in den Pausen fĂŒr nikotinbegeisterte GĂ€ste geöffnet wurde. Zwei alte Buchen umrahmt von Steinskulpturen bildeten den Mittelpunkt und es schien, als wĂŒrden sie mĂ€chtig und erhaben ĂŒber die Kunst wachen. Hier hatten Annas TrĂ€ume ein Zuhause. Marcel und Dunja waren die ersten und hielten bereits ein Glas Sekt in der Hand. Korruptions- und BesĂ€nftigungsmittel fĂŒr Marcel, der sein Mitkommen immer wieder gerne als reinen Liebesdienst auswies und bei der letzten Tanzveranstaltung nach einem langen Arbeitstag friedlich und - seiner bilderbuchmĂ€ĂŸigen Nasenanatomie sei Dank - gerĂ€uschlos den grĂ¶ĂŸten Teil der Vorstellung verschlafen hatte. Da die zweite HĂ€lfte des Abends aus spontan gewĂ€hlten Bars und Kneipen bestehen wĂŒrde, war er trotzdem wieder mitgekommen. Der Einfachheit halber. In Wirklichkeit hatte er nur Angst hinterher nicht angemessen mit lĂ€stern zu können.

Nach und nach vervollstĂ€ndigte sich der Trupp, bis sie endlich zu siebt die Treppe ins Parkett hoch stiegen und ihre PlĂ€tze fanden. Anna fĂŒhlte sich unwohl, wenn wirklich alle als Duo auftraten. Sie konnte es immer noch nicht leiden. Ein gesellschaftlicher Makel entworfen von einer Welt, die alles kommentiert, ohne zu wissen. Doch Judith und Selma hatten gar nicht erst gefragt, sondern die Karten besorgt und ihre Bedenken mit dem Terminvermerk an die Pinwand in der KĂŒche geheftet. Anna war nervös. Es war einer jener Momente, in denen sie ĂŒber Wasser atmen konnte.

Sie hatte nichts erwartet. War gekommen, um zu zuschauen. Plötzlich war sie mittendrin. Ganz ohne VorankĂŒndigung. Zwei TĂ€nzer, ein Mann und eine Frau verfingen sich miteinander in der Musik. Ein unsichtbares Netz aus Wut, Angst und Versprechen. Es war vor allem der TĂ€nzer, der sie die Musik sehen ließ. Seit ihrem dreizehnten Lebensjahr verweigerte Annas linkes Ohr die Übertragung von Tönen. An einem Freitag war sie zu spĂ€t nach Hause gekommen. Es waren die letzten Proben vor ihrem ersten Auftritt im Theater gewesen. Ihre Ballettlehrerin hatte mit Anna noch einen Sprung geĂŒbt. Sie wollte fliegen, so leicht und frei mit der Musik schweben. Vor lauter Freude hatten sie vollkommen die Zeit vergessen und sich am Ende beide schrecklich beeilen mĂŒssen. Die eine, weil Zuhause ein Kind auf sie wartete, die andere weil Regeln wichtig waren und sie nun das Abendessen verpasste. Als Anna nach Hause kam, war das Essen vorbei und die Familienrunde aufgelöst. Agnes, ihre Köchin beseitigte die letzten Spuren in der KĂŒche und hĂ€tte ihr gerne etwas von dem Abendessen aufgehoben und Anna hĂ€tte gerne erzĂ€hlt. Ihr Vater saß vor dem Kamin und las. Alle anderen hatten sich in ihre Zimmer zurĂŒckgezogen. Anna hatte den Schlag nicht vermutet und ihn darum ungebremst mit voller Wucht aufgefangen. Sicher platziert auf das linke Ohr. Weder sie noch das Ohr hatten sich gewehrt. Dem Schmerz folgte die Taubheit und blieb fĂŒr immer. Sie hatten gedacht, sie wĂŒrde das Tanzen nun aufgeben, doch Anna lernte schnell die Musik zu spĂŒren. Ihre Lehrerin fĂŒhlte sich verantwortlich fĂŒr die VerspĂ€tung und wollte diesem Augenblick seine Macht nehmen. „Wenn du genau zuhörst, kannst du die Musik sehen.“ NatĂŒrlich konnte man es als eine Art Unfall betrachten. Ihr Vater hatte das nicht gewollt und es war ihm fĂŒr den Rest ihrer gemeinsamen Zeit unangenehm, dass er nicht kontrollierter gehandelt hatte. Ein Zwischenfall, der nicht passiert wĂ€re, hĂ€tte Anna die Regeln befolgt. Anna lernte trotzdem nicht, dass das Einhalten von Regeln und geplante Wege wichtiger sind als die Liebe und das GlĂŒck. Aber sie lernte Angst zu haben. Angst vor Dingen, die man nicht sieht.

Jetzt sah sie die Töne und Melodie in den Bewegungen des TĂ€nzers. Er nahm sie mit auf seine Reise durch die Musik. Schritte, Drehungen und SprĂŒnge erhoben keinen Anspruch auf technische Perfektion. Sie wurden in der Musik lebendig. Technische Perfektion, die sich in den Vordergrund drĂ€ngt, hielt Anna auf Distanz, verhinderte, dass sie folgen konnte. Er ließ die Bewegungen getragen von der Musik zu den Menschen gehen. Behielt sie nicht in der Sicherheit seines Könnens fĂŒr sich, sondern verschenkte sie an seine Tanzpartnerin, an das Publikum und an Anna. Es war das Verweilen in seinen Bewegungen, das Eins sein mit dem was HĂ€nde, Arme, Beine und Kopf taten, ein Fließen von Emotionen durch die Musik hindurch bis zum Teilen. Es wurde einer jener leisen Momente, die dem Leben eine neue Form, eine andere Richtung und Melodie geben. Irgendwo tief in ihr sprang etwas auf, zerbarst der Schutzwall, den sie sorgfĂ€ltig um Herz und Seele gebaut hatte. Anna holte tief Luft, ohne dass etwas davon in ihren Lungen ankam. Sie schwitzte, ihre Beine waren angespannt und eine merkwĂŒrdige Unruhe ließ sie nach diesem StĂŒck auf das Ende warten. Was es auch gewesen war, sie saß hier in einem kleinen Theater bei einer TanzauffĂŒhrung und fĂŒhlte. Etwas Unbekanntes strahlte die DĂ€monen der Vergangenheit an, etwas von dem Anna noch keine Ahnung hatte. Als das Licht anging und die Vorstellung zu Ende war, war dieses GefĂŒhl immer noch da. Und sie wollte es auf keinen Fall in einem Weinglas ertrĂ€nken. Sie wollte es mit nach Hause nehmen.

„Und wo gehen wir jetzt hin? Ich habe Hunger.“ Dunja machte als erstes den Mund auf und kam Marcel schnell zuvor. Bei ihr war Anna nicht so streng und sah ihr den schnellen Themenwechsel nach. Keine Unterstellung, dass sie genug hatte von TĂŒtĂŒs und springenden Menschen. Sie wĂŒrden noch ein paar lobende Worte ĂŒber das eine oder andere StĂŒck austauschen und sich dann diesem Nachtleben zuwenden. Anna hatte keinen Hunger, weder auf spanische Vorspeisen noch auf nĂ€chtliche Zerstreuung. Bis zur EnttĂ€uschung ihrer Freunde wĂŒrde sie heute nicht bleiben. Sie wollte gar nicht bleiben, sondern nach Hause, mit dieser schönen Unruhe. Der Ärger ĂŒber ihr frĂŒhzeitiges Aussteigen aus diesem Abend, blieb in der Luft hĂ€ngen. Ihre Freunde waren nicht sehr erfreut, extra ihretwegen diese Veranstaltung besucht zu haben. Und das sollte dann alles fĂŒr heute gewesen sein? Irgendwo zwischen Besorgnis und UnverstĂ€ndnis wĂŒrde der Ärger verschwinden. Und spĂ€testens beim ersten Bier oder Wein verflogen sein. Auch ohne sie. Anna ging mit dem kleinen Spalt in ihrer Seele, hinter dem es noch immer tobte und wirbelte, nach Hause und leistete sich etwas sehr Persönliches. Zumindest wurde es das, als sie entdeckt wurde. Sie rĂ€umte die Möbel zur Seite und schuf in ihrem Wohnzimmer eine große freie FlĂ€che, fand eine Musik und ignorierte den Einwand ihres Körpers. HĂ€nde und Arme machten was sie sollten. Alles andere blieb unbemerkt zwischen der Erinnerung an gestern und dem Erkennen von heute. Sie spĂŒrte dem GefĂŒhl nach, das die Darbietung des TĂ€nzers in ihr ausgelöst hatte. Alte Bilder verschwanden. Und trotzdem suchte Anna keine neuen. Sie freute sich ĂŒber die Weite, mehr wollte sie nicht. Ein paar von den Tönen konnte sie immer noch sehen.

„Mama? Was machst du da?“ Sammy stand im TĂŒrrahmen und hatte weder eine Idee noch VerstĂ€ndnis fĂŒr das was da gerade in ihrem verwĂŒsteten Wohnzimmer passierte. „Wieso bist du schon Zuhause?“ Anna erschrak. Der Raum fĂŒllte sich mit Sammys Gesicht. Sie beugte sich gerade mit dem Oberkörper weit nach vorne und bemerkte mit einem Mal wie albern diese Haltung wohl auf Sammy wirken musste. Schließlich konnte sie nicht sehen, was Anna in ihrer Vorstellung sah und im Takt der Musik fĂŒhlte. Doch dieser wieder entdeckte Teil war mutig. „Ich hatte keine Lust mehr. Es ist etwas passiert. Aber das ist noch Privatsache.“ Sammy ging ohne weiter zu fragen und ohne zu lachen. Sie ließ es einfach das sein, was es war: die Sache ihrer Mutter.

Die Sache blieb fĂŒr Anna wichtig und bekam von Tag zu Tag mehr Anteile und Gewicht. Nichts verĂ€nderte sich, sie hielt sich fest an dem Rhythmus des Gewohnten. Sie stand morgens auf, tat dieselben Dinge, die sie immer schon getan hatte und doch hatten sich die Bilder des Alltags verĂ€ndert. Sie gab der Phantasie eine Chance PlĂ€ne zu schmieden. Drei Wochen nach dem Abend im Theater suchte sie im Internet nach Ballettschulten in ihrer Stadt. Sie öffnete die Website und studierte das Kursangebot fĂŒr AnfĂ€nger. FĂŒr AnfĂ€nger im fortgeschrittenen Alter ohne Zeit gab es kein Angebot. Sie schickte die Online-Anmeldung ab und wĂ€hnte sich in anonymer Sicherheit. Noch hatte sie kein Wort darĂŒber sprechen mĂŒssen, noch kannte niemand das Gesicht zu dem Namen. Es blieb eine Sache zwischen ihr und dem Computer. Sie wĂŒrde Sammy nach der Probestunde davon erzĂ€hlen. Nach dem Zwischenfall im Wohnzimmer hatte sie am nĂ€chsten Morgen nur eine kurze Bemerkung ĂŒber die tolle AuffĂŒhrung gemacht und dass sie Lust gehabt hĂ€tte auszuprobieren, ob sie noch ein paar Schritte hin bekĂ€me. Sammy hatte es nicht interessiert und als sie fragte: „Und? Ging es noch?“ war es keine ernsthafte Anteilnahme gewesen, so dass Anna kurz vor der Wahrheit in Richtung „wichtige Termine heute“ abbiegen konnte, ohne dass Sammy es merkte. Ihr Verstand fand viele GrĂŒnde, warum die Idee noch einmal anzufangen, absurd sei. Es war so unendlich lange her. Doch sie blieb dabei. Es ging nicht darum einen verpassten Moment nachzuholen, es ging darum, einen neuen zu schaffen. Einen, der in diese Zeit passte. Nur einmal die Woche, das mĂŒsste irgendwie schon gehen. Und so perlten die EinwĂ€nde an der Neugier und der Vorfreude ab.

Als der Tag der ersten Stunde kam, wusste Anna nicht was sie anziehen sollte. Ihre alten Trikots waren Zeugen einer verblassten Erinnerung, die nur stören wĂŒrde. Sie stopfte alles wieder zurĂŒck in den Schrank und machte sich in einer formlosen Jogginghose und einem T-Shirt auf den Weg. Es war ein Anfang. Ein weiter, formloser Anfang, der ganz langsam Gestalt annehmen wĂŒrde. Anna war sehr nervös. Sie hatte alle Termine fĂŒr diesen Nachmittag abgesagt, obwohl zahlreiche AuftrĂ€ge auf ihrem Schreibtisch lagen. Sie wollte auf keinen Fall zu spĂ€t kommen und auffallen. Auf dem Hinweg versuchte sie eine ganz normale Haltung zu entwickeln. Sie wollte endlich nach vielen Jahren, in denen kein Platz gewesen war fĂŒr ein Hobby, fĂŒr etwas das man nur aus Spaß machte, genau das tun. Sie ignorierte die Schatten der Vergangenheit und stellte den Wunsch auf einen realen Platz in der Gegenwart. Und auf diesem Platz stand plötzlich jemand, der die Geschichte in sich trug. Anna lĂ€chelte und hielt es keine einzige Minute fĂŒr einen Zufall.

Der TĂ€nzer aus dem Theater stellte sich vor. Er wĂŒrde ihr Lehrer sein. Keine unĂŒbliche Sache, dass TĂ€nzer gleichzeitig als Dozenten Tanz unterrichteten. Anna wusste das und nur sie wusste, dass er es war, der die Mauer um ihre Seele mit seiner Darbietung einen Spalt breit geöffnet hatte, so weit dass die Musik und seine Bewegungen hatten hindurchschlĂŒpfen können. Und wenn das Leben auf einen Trommelwirbel gewartet hatte, um einen Richtungswechsel anzukĂŒndigen, dann war es genau dieser Moment. Dieser leise, unbemerkte Augenblick, in dem sie nicht weg lief, um sich auf einem Betonklotz in Sicherheit zu bringen. Sie bot den unsichtbaren DĂ€monen die Stirn und blieb. Diesmal tauchte sie auf, holte tief Luft, so dass sich ihre Lungen fĂŒllten und bewegte sich mĂŒhelos. Leicht und sicher stand sie hier und vertraute sich einem Fremden an, der keine Ahnung hatte. Sie blieb, weil sie sich selbst dieses eine Mal nicht verpassen wollte. Anna sah in die Augen dieses Fremden und fand eine Antwort auf die Frage, die sie verloren hatte. Wenn wir nur einen Teil von uns leben, was passiert dann mit dem Rest? Es vergingen viele Wochen bis sie TĂŒren öffnete und neue RĂ€ume betrat. Sie folgte ganz ohne Absicht, dem was schon immer da gewesen war.
*

Sammy und Anna zogen in eine andere Wohnung, rĂ€umten SchrĂ€nke aus und Kisten ein. Sie lachten und manches blieb in den Kisten und verschwand fĂŒr immer. Sie mussten einander nichts erklĂ€ren, es reichte miteinander zu gehen. Das Leben fĂŒgte sich selbst hinzu. Ganz von alleine, ohne Geschichte. Sie folgte weiterhin Woche fĂŒr Woche seinen Schritten und hatte lĂ€ngst erkannt, dass dieser Teil von ihr im Laufe der Zeit verloren gegangen war. Doch das war nicht mehr wichtig. Sie hatte wieder Laufen gelernt. Und der Rest wĂŒrde vielleicht passieren, wenn sich ihr Körper erinnern durfte. Sie verpasste keine Stunde, ging regelmĂ€ĂŸig zum Unterricht und entschied, die Sache auf eine neue Art und Weise ernst zu nehmen. Anna hatte begriffen, dass sie durch ihn, den Fremden, wieder mitnehmen konnte, was sie auf einem Betonklotz in Sicherheit gebracht hatte. Eine Liebe, die sich nicht erklĂ€ren muss. Die kein Ziel sucht und keine Antwort. Abgelegt und vergessen. Eine Liebe, die Tim nach Sammys Geburt in zwei Messbecher gegossen und nachgesehen hatte, ob noch genug fĂŒr ihn da war. Liebe waren fĂŒr ihn GrĂŒnde, Taten und Geschichten. Am Ende hatte Anna nicht mehr gewusst, ob es nicht doch richtig und falsch gibt. Jetzt wusste sie es wieder. GrĂŒnde, Taten und Geschichten sind zerbrechliche Vehikel, die Menschen fĂŒr notwendig halten, weil sie die Liebe draußen suchen. Irgendwo. Bei irgendwem.

*

Jahre spĂ€ter als Anna schon lange in einer anderen Stadt lebte, erzĂ€hlte sie ihm, der ihr ein wichtiger Freund geworden war, von diesem einen Moment und davon, dass sie durch ihn die Liebe wieder fand. Zwei Seelen, eine BerĂŒhrung, ohne Absicht und ohne Geschichte. Eine Liebe, die nichts wollte und die in Sicherheit war, weil auch sein Leben lange vor ihr in Sicherheit war. Eine Liebe, die sie dazu gebracht hatte, ihrem Leben eine neue Form zugeben. Erst war es nur die Form der Schritte, die sie jeden Tag ĂŒbte, weil sie wollte, dass die Musik seine Spuren in ihr hinterlĂ€sst. Dann als sie ganz sicher war, sortierte Anna aus was alt und vergangen war und schuf Platz fĂŒr Neues. Eine Liebe, die einen verschollenen Teil von ihr wieder ins Leben geholt hatte. Eine Liebe, die stĂ€rker war als ihre Angst und die ihr half zu gehen. In eine andere Stadt, in ein neues Leben, zu Menschen. Sie war sich selbst auf die Spur gekommen. Vielleicht war genau dies der SchlĂŒssel gewesen. Weil das, was sie fĂŒhlte, sich nie hatte erklĂ€ren und beweisen mĂŒssen, weil er ein Fremder blieb. Nachdem Sie ihm das alles erzĂ€hlt hatte, tanzte er eine kleine Schrittfolge als wĂ€re sie ein großes Publikum, verbeugte sich mit großartiger Geste und blieb fĂŒr immer.




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A. Goldbach

Version vom 17. 03. 2016 17:50
Version vom 01. 04. 2016 14:39

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Ralph Ronneberger
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