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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auferstanden von den Toten
Eingestellt am 14. 03. 2016 23:31


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Morales
Hobbydichter
Registriert: Mar 2016

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Eva hatte genug. Zelko und Boris f├╝hrten sie aus der sch├Ąbigen ┬╗Klinik┬ź des Pfuschers, der ihr gerade das letzte Sch├Âne in diesem Leben geraubt hatte. Ihr Kind gehen zu sehen, abgesaugt wie Dreck auf dem Boden, hatte sie zerschmettert. Sie war in Tr├Ąnen ausgebrochen. Auch wenn sein Vater ein verabscheuungsw├╝rdiges Ekel war, w├Ąre es doch ihr Kind gewesen. Als sie nun in den dunklen Hinterhof traten, der in eine schmuddelige, gepflasterte Gasse Richtung Altstadt f├╝hrte, f├╝hlte sie gar nichts mehr. Die Nacht war so d├╝ster wie ihr Gem├╝tszustand. Ihr Kopf war leer. Bis auf einen Gedanken, der wie Feuer brannte. Sie wusste, dass sie es nicht l├Ąnger aushielt.
Sie stie├č Zelko ihren Ellenbogen in den dicken Bauch und schlug Boris mit ihrer Handtasche ins Gesicht. Und dann rannte sie. Sie trug Stiefel mit hohen Abs├Ątzen und hatte M├╝he, Abstand zu halten. Bei jedem Schritt hatte sie stechende Schmerzen als Folge des Eingriffs, doch sie biss die Z├Ąhne zusammen und lief so schnell es ihre Stiefel auf dem unebenen Weg zulie├čen. Boris und Zelko rannten ihr schnaufend hinterher. Die beiden waren zwar stark, aber nicht besonders schnell. Sie hatte eine Chance. Sie sah das Ende der Gasse, das Licht der befahrenen Stra├če. Dort w├╝rden Passanten sein. Vor denen w├╝rden die beiden Schl├Ąger nicht wagen, sie anzufassen. Hoffte sie. Sie warf einen kurzen Blick ├╝ber die Schulter. Der Abstand war gr├Â├čer geworden, sie lie├č die beiden hinter sich. Ein leichtes L├Ącheln bildete sich in ihrem schmerzverzerrten Gesicht. Die letzten Meter lagen vor ihr.
Und dann stolperte sie.
Sie fiel direkt auf ihre Knie. Noch mehr Schmerzen durchfuhren sie. Ihr Absatz steckte noch zwischen den zwei Pflastersteinen. Auf dem Bauch liegend, sah sie Boris und Zelko herannahen. Sie versuchte aufzustehen, doch es war zu sp├Ąt. Boris packte sie an den Haaren und schlug ihr mit voller Kraft ins Gesicht. Ihr Kopf fiel auf den harten Boden, doch sie sp├╝rte nur den Schlag. Ihre linke Wange lag auf dem nassen Stra├čenpflaster, ihr rechtes Auge begann schon zuzuschwellen. Sie versuchte zu blinzeln, doch bekam das Auge nicht auf. So sah sie nur die F├╝├če ihrer Peiniger.
┬╗Du Idiot. Nicht ins Gesicht. Sie muss doch noch arbeiten┬ź, sagte Zelko auf Rum├Ąnisch.
┬╗Fick dich und fick sie. Der Doktor hat gesagt, sie kann eh erst mal nicht arbeiten┬ź, antwortete Boris ebenfalls auf Rum├Ąnisch. ┬╗Sie wollte abhauen. Wir m├╝ssen ihr eine Lektion erteilen. Sonst kommen die anderen M├Ądchen noch auf die Idee, es ihr nachzumachen.┬ź Boris kniete sich wieder zu Eva hin und blickte ihr tief ins Gesicht. ┬╗Du rennst so schnell nicht mehr weg, wenn ich mit dir fertig bin, Schlampe.┬ź Dann stand er auf und trat ihr in die Magengrube. Die Luft blieb ihr weg und sie dachte, sie m├╝sse sich ├╝bergeben.
┬╗Schei├č drauf. Zeigen wir's der Hure┬ź, drang Zelkos Stimme von irgendwoher dumpf an ihr Ohr. Sie sah nur seine F├╝├če auf sie zukommen.
Eine weitere Stimme, ruhig und doch durchdringend, hallte durch die Gasse. An ihrem Ende stand eine Gestalt, das Licht der Stra├če im R├╝cken, sein Gesicht in Schatten geh├╝llt. ┬╗Ihr werdet sie in Ruhe lassen.┬ź Der Mann sprach auch Rum├Ąnisch, doch mit einem Dialekt, den Eva noch nie zuvor geh├Ârt hatte.
Zelko blieb stehen. ┬╗Du verpisst dich besser. Das hier geht dich nichts an.┬ź
Der Mann schlenderte ruhig auf sie zu. Er war gro├č und bleich, hatte langes, schwarzes Haar und einen Vollbart. Er trug nur schwarz. Sein langer Mantel flatterte bei jedem Schritt. Wieder sprach er mit dieser Stimme, die obgleich leise, ja fast schon gefl├╝stert war, die Luft zu durchschneiden schien. ┬╗Lasst die Frau gehen.┬ź Es war keine Bitte, sondern ein Befehl.
┬╗Du wei├čt wohl nicht, wer wir sind.┬ź Boris ging jetzt auf den Fremden zu. Zelko folgte ihm. Sie trugen beide ihre Kutten und Boris deutete auf das Emblem auf seiner Brust, das auch auf seinem R├╝cken prangte, nur gr├Â├čer: einen Totensch├Ądel mit Wikingerhelm und langem Bart ├╝ber gekreuzten Streit├Ąxten. Das Logo der Vikings, Motorradgang und Zuh├Ąlterbande.
Der Mann war jetzt von den breiten R├╝cken der beiden muskul├Âsen M├Ąnner verdeckt. Eva machte sich Sorgen. Der Mann konnte es niemals mit Boris und Zelko aufnehmen. Er war zwar gro├č, aber schm├Ąchtig, und die beiden anderen hatten schon an hunderten Stra├čenk├Ąmpfen teilgenommen. Das Aufnahmeritual der Vikings war es, ein verfeindetes Gangmitglied mit einer Axt zu erschlagen.
┬╗Siegel haben schon lange keine Bedeutung mehr f├╝r mich┬ź, sagte der Fremde.
Er war die ganze Zeit weitergeschlendert. In ein paar Momenten w├╝rden sie aufeinandertreffen, und Boris zog sein Butterfly aus der hinteren Hosentasche. Doch dann blieben die zwei Zuh├Ąlter stehen. Eva sah nicht warum. Doch Boris lie├č das Messer fallen und wich zur├╝ck. Zelko tat es ihm gleich. Sie gingen r├╝ckw├Ąrts und erhoben die H├Ąnde. ┬╗V-v-vergessen wir das Ganze. Du kannst sie haben. Nimm sie. Nimm nicht uns. Nimm sie!┬ź Zelkos Schrei wurde erstickt. Eva sah nicht, was passierte, au├čer das Zelkos Beine ├╝ber dem Boden baumelten. Sie hob den Kopf ein St├╝ck, doch bei dem Versuch schoss ein starker Schmerz durch ihren Sch├Ądel und sie wurde sofort benommen. Sie lie├č ihn wieder zur├╝ck auf den k├╝hlen Boden sinken. Sie h├Ârte ein Schmatzen und ein Saugen. Boris stand neben den beiden anderen, zappelte, aber schien nicht fortzukommen. Es sah aus, als versuchte er, sich von irgendetwas loszurei├čen. Zelko hingegen hatte aufgeh├Ârt zu zucken. Seine Beine hingen schlaff herunter.
┬╗Aaaaah! Aaaaaah! Aaaaaaah!┬ź Boris schrie wie verr├╝ckt. Er schien sich in die Hose gemacht zu haben.
Zelko plumpste hart auf den Boden, den R├╝cken zu Eva gewandt. Er bewegte sich nicht. Der Totensch├Ądel auf seiner Kutte grinste sie h├Ąmisch an. Boris schrie immer noch wie wahnsinnig, bis er ebenfalls nach oben gezogen wurde. Nein, nicht gezogen, gehoben. Der Fremde stand neben Boris, sah sie jetzt, und hob ihn wohl hoch. Und dann h├Ârte sie ein Ger├Ąusch, das ihr einen kalten Schauer die Wirbels├Ąule hinunterjagte. Wie ein wildgewordener Wolf, der in seine Beute biss, h├Ârte es sich an. Das Rei├čen von Muskeln und Sehnen und das Brechen von kleinen Kn├Âchelchen erstickte Boris' Geschrei. Er war verstummt. Was passierte hier? Blut tropfte von seinem K├Ârper auf die Pflastersteine und vermischte sich mit seinem Urin. Dann fiel er selbst in diese Lache. Seine Augen glotzten sie an, weit aufgerissen, glasig und lebensleer.
Evas erster Instinkt war zu schreien, doch als sie den toten Mann sah, fühlte sie keine Angst, sondern Befriedigung. Sie versuchte wieder hochzublicken. Der Fremde wischte sich mit seinem Ärmel übers Gesicht. Als er bemerkte, dass sie ihn sah, kam er auf sie zugeschlendert und beugte sich zu ihr hinunter.
┬╗Es tut mir leid, dass du das miterleben musstest.┬ź Er streckte seine Hand aus und legte sie sanft auf ihr geschwollenes Auge. Sie war kalt.
┬╗Was - was hast du mit Boris und Zelko gemacht?┬ź
┬╗Das waren also ihre Namen ... Boris und Zelko.┬ź Es wirkte, als w├╝rde er sich die Namen auf der Zunge zergehen lassen. ┬╗Die beiden sind keine Bedrohung mehr f├╝r dich. Wie ist dein Name?┬ź
┬╗Eva┬ź, antwortete sie verunsichert.
┬╗Eva. Ein sch├Âner Name. So rein.┬ź
Eva wusste nicht, was sie darauf entgegnen sollte. Sie hatte sich schon lange nicht mehr rein gef├╝hlt.
┬╗Ich nehme an, du warst in dem Etablissement dieser beiden untergebracht.┬ź Er deutete mit einer Kopfbewegung hinter sich, zu den zwei Toten. Eva nickte. ┬╗Ich bringe dich an einen Ort, an dem du keine Angst mehr haben musst. Schlie├č einfach die Augen.┬ź Eva wollte die Augen nicht schlie├čen. Was, wenn sie sie nie wieder ├Âffnen w├╝rde? Doch als der Mann mit seiner bleichen Hand sacht ├╝ber ihre Lider fuhr, fiel sie in einen tiefen Schlaf.

Eva wachte in einem gro├čen, weichen Bett auf. Der Raum, in dem sie sich befand, schien sehr gro├č zu sein, soweit sie es erkennen konnte. Die Rolll├Ąden waren heruntergelassen und das Zimmer in Dunkelheit getaucht.
┬╗Sch├Ân. Du bist wach. Geht es dir besser?┬ź Die Stimme des Fremden drang aus einer Ecke. Er trat aus dem Schatten und setzte sich zu ihr auf die Bettkante.
┬╗Was bist du?┬ź, fragte Eva.
┬╗Das ist ziemlich unh├Âflich, findest du nicht? ÔÇ║Was bist du?ÔÇ╣┬ź Der bleiche Mann klang emp├Ârt und drehte sich zu ihr. ┬╗ÔÇ║Wer bist du?ÔÇ╣ w├Ąre doch wohl angebrachter.┬ź
┬╗Du - du hast Boris und Zelko gefressen.┬ź Eva wich vor ihm zur├╝ck und zog die Decke an ihr Kinn. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie nicht ihre Klamotten trug. Sie hob die Decke und sah, dass sie einen Pyjama anhatte. ┬╗Wem geh├Ârt der? Wo bin ich? Wer bist du?┬ź
Der Mann atmete tief durch. ┬╗Sooo viele Fragen. Aber ich verstehe deine Verwirrung. Zun├Ąchst einmal: ich habe diese zwei Schandflecke nicht gefressen. Ich habe sie nur um ein paar Liter Blut erleichtert.┬ź
Eva bekreuzigte sich und begann das ┬╗Vater unser┬ź zu sprechen.
┬╗Ach, lass das doch bitte. Das weckt schlechte Erinnerungen. Und du bist nicht in Gefahr. Ich werde dir nichts tun.┬ź Er nahm ihre Hand in die seine, und Eva wurde ruhig. ┬╗So, und nun weiter. Du befindest dich zur Zeit in einer Villa auf dem Trillerberg. Der Pyjama ist ein Geschenk der Besitzer. Sie haben mir ihr Domizil f├╝rs Erste ├╝berlassen. Und mein Name ist Lazar.┬ź
┬╗Bist du Rum├Ąne?┬ź
┬╗Noch mehr Fragen ...┬ź Lazar rollte mit den Augen. ┬╗Man kann sagen, ich komme aus Rum├Ąnien. Auch wenn der Landstrich, aus dem ich stamme, einen anderen Namen trug, als ich ihn verlie├č. Ich bezeichne mich aber lieber als Weltenb├╝rger. Ein sch├Ânes, modernes Wort, das ganz gut auf mich zutrifft. Ich bin nie allzu lange am selben Ort.┬ź
┬╗Was machst du in Sturmhav?┬ź
┬╗Ich glaube, jetzt bin ich mal dran mit fragen. Was machst du in Sturmhav? Und dazu noch in so schlechter Begleitung.┬ź
Eva blickte besch├Ąmt auf ihre Decke. Dann, sie wusste nicht warum, erz├Ąhlte sie ihm alles.

Eines Tages waren ein paar M├Ąnner in ihr Heimatdorf gekommen und hatten ihr und ihrer Familie erz├Ąhlt, dass in Deutschland das Paradies auf Erden auf sie warte. Anst├Ąndige Arbeit, die gut bezahlt w├╝rde. Genug, um sogar ihre Familie zu unterst├╝tzen. Wie konnte ein armes Bauernm├Ądchen aus einem abgelegenen Dorf ohne Arbeit zu diesem magischen Ort der V├Âllerei und des Wohlstands Nein sagen. Die gro├če, weite Welt zu sehen, ein Abenteuer zu erleben, das klang so verlockend.
Doch als sie im kalten Sturmhav ankam und ihr der Wind ins Gesicht peitschte, kamen ihr die ersten Zweifel, die schnell wuchsen. Die Stadt hatte sch├Âne Teile wie das reiche Ilsb├╝ttel oder den Trillerberg mit seinen Villen, in einer von denen sie sich jetzt anscheinend befanden. Doch dort landete sie nicht. Sie wurde in einem kleinen Raum in der Altstadt Sturmhavs eingesperrt, dem Vergn├╝gungsviertel nahe dem Hafen und den noch schlimmeren Vierteln Gladsheim und Kreuzschlag. Das Vergn├╝gen hatten jedoch nur andere.
Die M├Ąnner, die sie mit s├╝├čen Worten gelockt hatten, nahmen ihr den Reisepass und all ihre sonstigen Habseligkeiten weg, schlugen und vergewaltigten sie mehrere Tage lang. Doch selbst als ihr K├Ârper genauso vernarbt war wie ihre Seele, verlor sie nicht ihren Kampfgeist. Sie kratzte und biss jeden, der sich ihr n├Ąherte, spuckte und fluchte. Doch wenn ein Mann nicht stark genug war, ihrer Herr zu werden, kamen ihm die anderen zu Hilfe. Jeden Abend weinte sie sich in den Schlaf, um am Morgen wieder zu k├Ąmpfen. Doch als sie damit drohten, ihre kleine Schwester auch nach Deutschland zu holen, ihr das Gleiche anzutun und ihre Familie zu t├Âten, gab sie klein bei und f├╝gte sich in ihr Schicksal. Von da an musste sie ihren K├Ârper f├╝r Geld feilbieten. Zun├Ąchst f├╝r die Freunde ihrer Geiselnehmer, dann, als sie wussten, dass Eva nicht weglaufen w├╝rde, in einem Laufhaus f├╝r die ganze Welt.
Sie verlie├č nie das winzige, nach billigem Parf├╝m, Gleitmittel und K├Ârperfl├╝ssigkeiten stinkende Zimmer, in das sie sie gesperrt hatten. Wenn sie beim Sex weinte oder der Kunde unzufrieden war, wurde sie geschlagen. Nie ins Gesicht, da das schlecht f├╝rs Gesch├Ąft war, daf├╝r in den Magen oder die Nieren. Eva dache oft ├╝ber Flucht nach, doch wohin h├Ątte sie gehen sollen? Ohne Pass kam sie nicht weit, sie kannte niemanden und die Sprache beherrschte sie nicht. Und im Hinterkopf hatte sie immer die Drohung, was die M├Ąnner ihrer Familie antun w├╝rden, sollte sie fliehen.
Zumindest die Sprache lernte Eva schnell. Sie war nicht dumm, mit Hilfe von ins Bordell geschmuggelten W├Ârterb├╝chern brachte sie sich sogar selbst das Lesen bei. Und auch ├╝ber das Land, in dem sie jetzt lebte, erfuhr sie viel durch Gespr├Ąche mit den Freiern. Sie zwang sich freundlich zu sein, denn sie wusste, was ihr sonst bl├╝hte. Und da sie sowieso keine andere Wahl hatte, versuchte sie diesen Umstand wenigstens zu ihrem Vorteil zu nutzen. Die M├Ąnner dachten dann immer, sie w├Ąren besonders tolle Hengste und Eva h├Ątte Spa├č daran, wenn ihre verschwitzten, stinkenden K├Ârper ├╝ber den ihren rieben und ohne R├╝cksicht ihre erb├Ąrmlichen W├╝rste in ihre wunden L├Âcher h├Ąmmerten. Sie hasste sie alle.
Sie hatte oft ├╝ber Selbstmord nachgedacht. Und ├╝ber ihre kleine Schwester, die in ein paar Jahren die Aufmerksamkeit dieser Monster erregen w├╝rde. Sie zwangen Eva, ihrer Familie Briefe zu schreiben, in denen sie davon schw├Ąrmte, wie gut es ihr hier doch ginge. Dazu durfte sie immer einen l├Ącherlich kleinen Anteil ihres Verdienstes legen. Doch sie tr├Âstete sich mit dem Gedanken, dass wenigstens das bisschen Geld ihrer Familie zugutekam. Diese Briefe waren die einzigen Lichtblicke in ihrem Leben, doch selbst sie waren immer von der Angst ├╝berschattet, dass sie irgendwann ihre Schwester hierher einladen sollte. Adriana war schon ganz begierig, ihrer gro├čen Schwester in das Land aus Milch und Honig, das sie ihr versprach, zu folgen. Sie h├Ątte sich umgebracht, um das zu verhindern. Sie sah sowieso nicht mehr viel Sinn im Leben. Doch sie wusste, dass das nichts ├Ąndern w├╝rde. Und lebendig hatte sie wenigstens noch die Hoffnung, es vielleicht doch irgendwie verhindern zu k├Ânnen. Jeden Tag dachte sie ├╝ber einen Weg nach, zu entkommen, und ihre Familie zu retten. Und jeden Tag ging sie zu Bett ohne eine Idee, wie das zu schaffen sei.
Als sie dann schwanger wurde, ├Ąnderte sich alles. Sie hatte es lange nicht bemerkt. Sie wusste auch nicht, wie es passiert war, geschweige denn, von wem das Kind stammte. Doch sie wusste, dass sie es liebte. Endlich war wieder etwas Sch├Ânes in ihr Leben getreten. Also versuchte sie, es geheim zu halten. Sie schob die Gewichtszunahme auf das Essen und lie├č sich nie etwas zuschulden kommen, um ja keine Schl├Ąge zu riskieren. Doch es dauerte nicht lange bis Dano, der Chef des Laufhauses, sie durchschaute. Als er davon erfuhr, fiel seine Entscheidung schnell. Das Kind musste weg.
Eva bettelte und flehte, versprach, dass sie nie wieder aufbegehren werde, Danos bestes M├Ądchen werde, solange sie nur das Kind behalten durfte. Doch Danos Willen war eisern und sein Herz kalt. Also beauftragte er eines Abends seine Untergebenen Boris und Zelko, die sture Nutte zu Doktor Mei├čner zu bringen. Der ehemalige Gyn├Ąkologe hatte ein Alkoholproblem und er hatte seine Approbation verloren, als ans Licht kam, dass er Patientinnen unter Narkose befummelt und fotografiert hatte. Jetzt betrieb er eine schmuddelige Hinterhofklinik, in der er Abtreibungen und Behandlungen von Geschlechtskrankheiten f├╝r die vielen M├Ądchen der Vikings vornahm, da diese ja nicht in Deutschland registriert waren und ein Zusammentreffen mit den Beh├Ârden nicht in der Absicht der Zuh├Ąlter lag.
Als der Arzt mit einem R├╝lpser verk├╝ndet hatte, dass alles drau├čen w├Ąre, war Eva zusammengebrochen. Doch Boris und Zelko kannten kein Mitleid, und als sie die Klinik verlie├čen, hatte Eva es nicht mehr ausgehalten und war weggerannt.

Eva wischte sich die Tr├Ąnen weg. ┬╗Und jetzt bin ich hier.┬ź
┬╗Und jetzt bist du hier ...┬ź Lazar sah sie nachdenklich an. ┬╗Ich will, dass du mir alles ├╝ber das Haus erz├Ąhlst, in dem du festgehalten wurdest: wo es genau liegt; wie gro├č es ist; wie viele Stockwerke und Zimmer es hat; wie viele M├Ądchen dort arbeiten; was das f├╝r M├Ąnner sind, die euch dort festgehalten haben; ob sie bewaffnet sind; was f├╝r Waffen sie besitzen; was sie essen; was ihre Gewohnheiten sind. Ich muss einfach alles ├╝ber sie wissen.┬ź
┬╗Wozu brauchst du diese Informationen?┬ź
┬╗Nun, kleine, unschuldige Eva, du hast mir deine Geschichte erz├Ąhlt. Jetzt lass mich dir ein paar Dinge ├╝ber mich erz├Ąhlen.┬ź
Eva fragte sich, ob sie diese Dinge ├╝berhaupt wissen wollte, doch dann sagte sie: ┬╗In Ordnung.┬ź
┬╗Wie du vielleicht schon bemerkt hast, bin ich etwas st├Ąrker als es zun├Ąchst den Anschein hat. Und mein Teint stammt auch nicht gerade von Strandspazierg├Ąngen. Aber das ist noch nicht alles. Ich habe dir vorhin schon gesagt, dass ich das Blut deiner zwei W├Ąchter getrunken habe, was du erstaunlich ruhig aufgenommen hast.┬ź
┬╗Ich wei├č nicht wieso, aber in deiner Gegenwart f├╝hle ich mich sicher.┬ź
Lazar schmunzelte. ┬╗Von mir droht dir keine Gefahr. Ich habe schon vor sehr langer Zeit beschlossen, dass ich unschuldiges Leben nicht zerst├Âren werde. Und du, Eva, bist unschuldig. Egal, was irgendjemand anderes behauptet.┬ź
Eva err├Âtete ein wenig.
┬╗Du hast mich vorhin gefragt, was ich bin. Ich mag diese Frage wirklich nicht, doch hat sie ihre Berechtigung. Ich war einmal ein Mensch wie du, doch das ist schon lange her. Wie es dazu gekommen ist, dass ich bin, was ich bin, braucht dich nicht zu interessieren. Es ist eine traurige Geschichte. Doch nach meiner Transformation schwor ich, nie so zu werden wie die Person, die mich zu dem machte, den du hier vor dir siehst.
Ich brauche Blut zum ├ťberleben, menschliches Blut. Wenn ich es nicht trinke, verdorre ich. Ich wollte nie einen Menschen t├Âten. Doch daf├╝r blieben mir nur zwei Alternativen: auf das Morgengrauen zu warten und in Flammen aufzugehen oder kein Blut zu trinken. Also probierte ich zweiteres. Doch als ich immer schw├Ącher wurde, merkte ich, dass ich nicht sterben wollte. Ich mag das Leben. Wenn man das noch Leben nennen kann, was ich seit meiner Verwandlung f├╝hre. Ich fragte mich, was w├Ąre, wenn dieser Zustand, in den ich versetzt worden war, keine Strafe, sondern eine Gabe sei? Was, wenn ich damit Gutes tun k├Ânnte? B├Âse Menschen von ihren Untaten abhalten.
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich nach meiner selbstauferlegten Hungertortur die erstbeste Magd aussaugte, die mir ├╝ber den Weg lief. Entsetzt von meiner Schandtat, schwor ich mir, nie wieder unschuldiges Leben zu nehmen. Fortan w├╝rde ich nur noch die heimsuchen, die Leid ├╝ber diese Erde brachten. Und bis zur heutigen Nacht bin ich diesem Schwur treu geblieben. Es gibt viele Namen f├╝r das, was ich bin, und viele Geschichten ├╝ber Angeh├Ârige meiner Art, die mal mehr, mal weniger zutreffen. Du kennst mich vielleicht als Strigoi, doch die meisten Menschen w├╝rden mich wohl als Vampyr bezeichnen.┬ź
Eva wollte sich an die Stirn fassen, um sich zu bekreuzigen, ├╝berlegte es sich dann jedoch anders und legte sie auf Lazars bleiche, kalte Hand. ┬╗Das muss schwer f├╝r dich sein.┬ź
Lazar blickte sie ├╝berrascht an. ┬╗So viel Mitgef├╝hl. Nach allem, was du durchstehen musstest ... Du bist wahrlich ein erstaunlicher Mensch.┬ź
┬╗Genug s├╝├če Worte. Warum willst du das alles von mir wissen?┬ź
┬╗Ich werde deine Probleme aus der Welt schaffen. Du musst mir nur alles erz├Ąhlen, wonach ich dich gefragt habe.┬ź
Eva vertraute dem Fremden erstaunlicherweise und so erz├Ąhlte sie ihm alles, was sie wusste, und er h├Ârte aufmerksam zu, jedes noch so kleine Detail aufsaugend. Als sie fertig war, stand er auf und sagte: ┬╗Du musst m├╝de sein, nach der langen Nacht. Es ist schon fast Morgen. Was h├Ąltst du davon, wenn wir uns hinlegen?┬ź
┬╗H├Ârt sich gut an┬ź, sagte Eva, obwohl sie bezweifelte, schlafen zu k├Ânnen.
┬╗Ich werde erst nach der D├Ąmmerung wieder zu dir sto├čen. Wenn du aufstehst, findest du auf dem Gang zu deiner Rechten das Bad. Unten ist die K├╝che mit allem, was du zum Essen ben├Âtigst. Nimm dir auch aus dem Schrank Kleider, sie sind wirklich sch├Ân. F├╝hl dich wie zuhause. Das mache ich auch. Doch egal, was du tust, lass nicht die Rolll├Ąden hoch und komm nicht in den Keller.┬ź
Eva ├╝berlegte kurz, ob sie fragen sollte, warum, doch Lazar schien es sehr ernst damit und so nickte sie einfach nur.

Als sie aufwachte, wusste sie zun├Ąchst nicht, ob es schon Tag war, denn durch die Fenster drang kein Licht. Als sie die Deckenlampe einschaltete, verschlug es ihr den Atem. Das Zimmer, in dem sie sich befand, war atemberaubend sch├Ân. Alles in Wei├č und Schwarz gehalten und von feinster Qualit├Ąt. Sie ├Âffnete den Kleiderschrank und fuhr mit der Hand durch die erlesenen Stoffe. Ihre Wahl fiel auf ein rotes Abendkleid. So etwas hatte sie noch nie getragen und vielleicht w├╝rde sie auch nie wieder die M├Âglichkeit dazu haben, also griff sie zu. Danach fischte sie eine diamantbesetzte Halskette und die passenden Ohrringe aus der Kommode unter dem Schrank und stiefelte in neuen Pumps Richtung Badezimmer.
Eigentlich hatte sie nur kurz auf die Toilette gehen wollen, doch als sie in den Spiegel schaute, stellte sie fest, wie n├Âtig sie ein Bad hatte. In ihrem jetzigen Zustand war sie ihrer Garderobe nicht w├╝rdig, befand sie, also schl├╝pfte sie schnell aus dem Kleid und lie├č warmes Wasser in die Wanne laufen. Als diese voll war, schmiss Eva alles, was sie finden konnte, hinterher, Badesalze und Schaumb├Ąder, bis es blubberte und sch├Ąumte. Als Eva aus dem ┬╗Hexenkessel┬ź stieg, f├╝hlte sie sich wie ein neuer Mensch. Sie ging direkt ins Schlafzimmer zur├╝ck und zog ein neues Outfit an. Noch ein Abendkleid, diesmal blau, mit einem Pelz dar├╝ber und Perlenschmuck an Hals und Ohren.
So schick gemacht, wagte sie sich endlich die Treppe hinunter. Die Wohnung war ein Wunder aus Luxus und ├ťberfluss. Doch Eva hatte sich daran satt gesehen und wollte lieber die Aussicht genie├čen. Sie ├Âffnete die massive Haust├╝r und ging hinaus. Es war ein tr├╝ber Tag und kalt, doch das war es wert. Eva kuschelte sich in ihren Pelz und betrachte diese Stadt, von der sie bis jetzt nur so wenig gesehen hatte, und die sie so schlecht behandelt hatte. Von hier oben sah sie fast sch├Ân aus.
Der Trillerberg war in sattes Gr├╝n getaucht. Auf seiner Spitze thronte die Burg Hohentrillern, Sitz derer von Pfeiffen, und zu seinen F├╝├čen lag Sturmhav. Die Stadt erstreckte sich entlang der Ilse bis hin zum Meer und ├╝ber die ganze Bucht. Im Westen sah Eva den Leuchtturm, im Osten Helbek und das Gef├Ąngnis, in dem sicher einige der Vikings sa├čen. Dieser Gedanke riss sie jedoch j├Ąh aus ihren Tagtr├Ąumen und verbannte sie aus diesem Paradies, das ihr nicht zustand.
Sie ging wieder hinein, doch an der T├╝r hielt sie und warf einen Blick auf den Briefkasten. Die Zeitung versperrte den Blick auf den Namen, also nahm sie sie heraus. Feinsteiner hie├čen die gl├╝cklichen Besitzer dieses Anwesens also. Das sagte ihr nichts und so ging sie weiter, die Zeitung unterm Arm.
So langsam bekam sie Hunger. In der K├╝che warf sie das erste Mal einen Blick auf eine Uhr. Es war bereits f├╝nfzehn Uhr zwanzig. Sie warf die Zeitung auf den Tisch und durchforstete den K├╝hlschrank. Paprika und frisches Hackfleisch waren schon mal da. Zwiebeln, Knoblauch und Tomaten fand sie auch. Der Gew├╝rzschrank war voll. Perfekt! Sie hatte schon so lange nicht mehr selbst gekocht, dass sie nicht wusste, ob sie die gef├╝llten Paprika so hinbekommen w├╝rde, wie sie ihre Mama gemacht hatte, doch sie hatte unb├Ąndige Lust, wieder einmal selbst Essen zuzubereiten. Denn das Bordell hatte sie nicht verlassen und auch nicht selbst kochen d├╝rfen. Die M├Ądchen hatten all die Zeit immer nur Fast Food zu essen bekommen.
Eva schmiss nur den Pelzmantel in eine Ecke und lie├č den Rest der feinen Kleider an. Wenn sie sich einsaute, gab es oben ja noch genug Klamotten zum Wechseln. So kochte sie in ihrem Abendkleid Ardei Umplu╚Ťi, wie es ihre Mutter gemacht hatte.
Es schmeckte himmlisch. Sie konnte es noch. Als sie fertig war und vollgestopft am K├╝chentisch sa├č, fiel ihr Blick auf die Zeitung. Sie schlug sie auf und begann zu lesen. Mit vielen Themen konnte Eva nichts anfangen, da sie nie von ihnen geh├Ârt hatte, trotzdem sog sie deren Information auf. Sie verschlang die Zeitung. Es machte ihr so viel Spa├č, endlich etwas ├╝ber die Welt da drau├čen zu erfahren, dass sie gar nicht bemerkte, wie die Zeit verging. Bis sie zu einer ├ťberschrift gelangte, die sie stocken lie├č.

┬╗Mutma├čliche Bandenmitglieder brutal ermordet┬ź

Laut dem Artikel wusste die Polizei noch nicht genau, wie die Opfer so zugerichtet worden waren, doch sie war sich sicher, dass der M├Ârder ├Ąu├čerst ruchlos und gef├Ąhrlich sein m├╝sse. Er habe die zwei M├Ąnner, die der Rockergruppierung "Vikings" angeh├Ârt h├Ątten, brutal an der Kehle verst├╝mmelt, ihnen die Herzen entfernt und sie zum Ausbluten in einer Kreuzschlager Gasse liegen gelassen. Auf Nachfrage eines Reporters, wo denn das ganze Blut der Opfer geblieben sei, konnte der zust├Ąndige Polizeisprecher noch keine Auskunft geben.
┬╗Spannende Lekt├╝re?┬ź Lazars Stimme riss Eva aus ihren Gedanken.
Er stand direkt vor ihr, als sei er aus dem Nichts aufgetaucht. Er trug seine Kleidung vom Vortag und war so bleich wie eh und je.
┬╗Oh, habe ich dich erschreckt? Das wollte ich nicht. Ich sehe, du hast gekocht.┬ź
Eva schluckte. ┬╗Ja. Nimm dir bitte. Es ist noch was ├╝brig.┬ź
┬╗Nein, danke. Mir bekommt Knoblauch nicht so gut und ich will mir nicht den Appetit verderben.┬ź
┬╗Woher wei├čt du, dass ich Knoblauch verwendet habe?┬ź
┬╗Ich habe eine gute Nase. Aber das h├Ątte auch jemand mit schlechter ausgepr├Ągten Sinnen als ich erschnuppert.┬ź
Eva lief rot an. ┬╗Ich mag Knoblauch eben.┬ź
┬╗Ich mochte es fr├╝her auch.┬ź Lazar wirkte schwerm├╝tig. ┬╗Doch genug davon. Die D├Ąmmerung hat vor ein paar Minuten geendet, die Sonne ist untergangen. Es wird Zeit f├╝r mich zu gehen.┬ź
Eva wusste nicht, was sie sagen sollte. Sie wollte nicht, dass Lazar sich in Gefahr begab. Aber sie wusste, dass die einzige M├Âglichkeit, keine Angst mehr zu haben, die Abrechnung mit ihren Peinigern war. Sie dachte an die unvorstellbaren, endlosen Schmerzen, die sie ihr zugef├╝gt hatten. An die Schl├Ąge, die Vergewaltigungen, an ihre Familie ... und an ihr nie geborenes Kind.
┬╗Ich komme mit. Ich helfe dir┬ź, sagte sie entschlossen.
┬╗Du kannst nicht mitkommen. Was ich vorhabe, ist zu gef├Ąhrlich f├╝r dich.┬ź
┬╗Ich kann dir helfen.┬ź
┬╗Du hast keinen Platz in meinem Plan. Es tut mir leid. Ich wei├č, du willst Rache nehmen, doch mich zu begleiten w├Ąre dein Verh├Ąngnis.┬ź
Doch Eva blieb stur. ┬╗Ich komme mit. Es ist Zeit, mein Leben zur├╝ckzugewinnen.┬ź
Lazar blickte sie nachdenklich an. Nach einer langen Pause sagte er: ┬╗Na gut, kleine Eva. Dann zieh dir etwas anderes an. Doch zun├Ąchst komm einmal n├Ąher. Ich m├Âchte dir meinen Plan verraten.┬ź
Eva trat auf ihn zu. Seine Augen waren so einladend.
┬╗Komm n├Ąher┬ź, sagte er und winkte sie mit seinem Finger zu sich. ┬╗Ich werde dich schon nicht bei├čen.┬ź Er l├Ąchelte.
Doch das war, von einem Vampir stammend, eine zu seltsame Aussage. Eva sch├╝ttelte kurz ihren Kopf und dachte wieder frei. ┬╗Warum muss ich daf├╝r zu dir kommen?┬ź
Doch sie war schon nah genug. Lazar packte sie, kraftvoll, doch ohne sie zu verletzen, legte seine bleiche, k├╝hle Hand ein zweites Mal auf ihre Augen und schob ihre Lider nach unten. Alles wurde schwarz.

Die N├Ąchte in Sturmhav waren nie wirklich d├╝ster. Zu viele Lichter, die die Stra├čen erleuchteten. Doch heute war zudem Vollmond. Er stand hoch und schien wie ein Loch im Himmel zur anderen Seite des Seins, eine Welt voller Helligkeit. Solch eine Welt kannte Lazar schon sehr lange nicht mehr.
Er stand vor dem Freudenhaus, das so vielen unschuldigen M├Ądchen die Freude f├╝r immer genommen hatte. Was hatte es mit dieser Stadt auf sich? Wie konnte so viel Schlechtes an einem Ort passieren? Er erinnerte sich an vergangene Zeiten. Sturmhav war schon ein brodelnder Kessel gewesen, als Lazar das erste Mal seinen Fu├č auf dessen Stra├čen gesetzt hatte. Es war ein Magnet f├╝r ├ärger und die, die ihn suchen.
Die Jahre zogen vor seinem geistigen Auge vor├╝ber. Seuchen, Kriege, Terror - alles hatte diese Stadt schon erlebt. Er hatte zu lange weggesehen. So viel Leid h├Ątte er verhindern k├Ânnen, h├Ątte er nur die richtigen Leute rechtzeitig ausgeschaltet. Doch das h├Ątte Aufmerksamkeit erregt, die er sich nicht leisten konnte. Nun stand er wieder vor der Wahl, die Welt ihren Lauf nehmen zu lassen oder sich zu offenbaren und etwas zu ├Ąndern. Er hatte sich entschieden. Zu Gunsten von Eva und all der Frauen, denen es in diesem S├╝ndenpfuhl genauso erging, wie ihr. Es w├╝rde den Orden auf den Plan rufen, doch er hatte genug. Er nahm dieses Risiko in Kauf. Er w├╝rde ein Zeichen setzen.
Das Geb├Ąude war alt, er kannte es noch aus der Zeit vor dem zweiten gro├čen Krieg. Damals hatten hier Familien gelebt. Doch die Fliegerbomben hatten es bis auf die Grundmauern zerst├Ârt. Nach dem Wiederaufbau war es nicht mehr dasselbe. Die Altstadt war einmal so pr├Ąchtig gewesen. Jetzt bestand sie nur noch aus Kneipen, Bordellen und Stripclubs.
Er stand in einer ruhigen Seitengasse und blickte hoch zum vierten Stock des Hauses. Dort musste er hin. Doch zun├Ąchst musste er sichergehen, dass niemand die M├Ądchen aufhielt. Er ging zum Eingang. Zuletzt hatte er in der vorigen Nacht getrunken und er bekam so langsam Hunger. Es war Zeit, sich zu st├Ąrken.
Wie beim Brustschwimmen schob er die Plastikstreifen, die am T├╝rrahmen herunterhingen und den Eingang versperrten, auseinander und glitt durch die so geschaffene L├╝cke. Dahinter erwartete ihn ein gro├čer, bulliger Mann mit Glatze und T├Ątowierungen. ┬╗Guten Abend┬ź, sagte Lazar. Der Mann hatte keine M├Âglichkeit mehr zu antworten. Lazar biss ihm direkt in die Kehle. Das hei├če Blut f├╝llte seinen Mund und floss seine Kehle hinunter. Mit jedem Schluck f├╝hlte er die Kraft in seinen K├Ârper str├Âmen. Der Mann zuckte noch eine Weile, doch als Lazar ihn leergesaugt hatte, fiel er schlaff zu Boden. Lazar leckte sich die Lippen und fuhr langsam seine N├Ągel aus. Sie waren lang und spitz, hart und scharf. Er riss dem noch Toten das Herz heraus. Solch ein Mann, mit Lazars Kr├Ąften ausgestattet, w├Ąre ein ├ťbel f├╝r die Welt, das konnte er nicht zulassen. Er warf die erschlaffte ┬╗Pumpe┬ź in eine Ecke und verlie├č das Bordell wieder.
Zur├╝ck in der Gasse besah er kurz die Wand und fing dann an, zu klettern. Die kleinsten Ritzen und Rillen nutzte er, um sich hochzuziehen, in den kleinsten Unebenheiten klammerte er sich mit seinen Fingerspitzen fest. Und das so schnell, dass er nur ein paar Augenblicke sp├Ąter am obersten Stockwerk angekommen war. Dort hielt er inne und fuhr an der linken Hand erneut seine Krallen aus. Langsam und leise schnitt er ein Loch, das gro├č genug war, um durchzugreifen, in das Glas der Fensterscheibe neben ihm. Er ├Âffnete das Fenster und stieg hindurch.
Eva hatte ihm genau beschrieben, wie das Haus strukturiert war. Auf jedem Stockwerk gab es mehrere Zimmer mit Prostituierten und eines, in dem die Zuh├Ąlter darauf warteten, wenn n├Âtig, bei ├ärger einzugreifen. Lazars Erscheinen l├Âste, wie zu erwarten war, Aufruhr bei den Freiern aus, die sich im Gang aufhielten und mit den M├Ądchen redeten oder sie nur begafften.
┬╗Oglum, wo kommst du her?┬ź, fragte der erste, der ihn bemerkte.
┬╗Nimm deine Freunde und geh!┬ź, befahl Lazar, ohne den jungen Mann wirklich zu beachten.
┬╗Fick dich, lan. Ich mach, was ich will.┬ź
Lazar wandte sich zu dem Burschen, seine Augen blitzten auf, feurige Glut hinter den Pupillen. Sein Gesicht war wie aus Stein gemei├čelt und seine kohlschwarzen Augenbrauen wie schweres Metall nach unten gesunken, sein so sch├Ânes Antlitz mit Grimm durchziehend.
┬╗Schei├č drauf, man. Alles cool. Kommt, Jungs. Wir gehn.┬ź Der Bursche holte seine Freunde und rannte so schnell er konnte die Treppe hinunter.
Lazar ├Âffnete die erste T├╝r auf dem Gang. ┬╗Raus hier!┬ź, befahl er dem Mann, der gerade am Kopulieren war. Ohne eine Reaktion abzuwarten, ging er zur n├Ąchsten T├╝r und wiederholte das Prozedere. Bevor er bei der letzten T├╝r angekommen war, trat ein dicker Mann mit langem blonden Haar aus seinem Versteck.
┬╗Was geht hier ab?┬ź, verlangte der Viking zu wissen.
┬╗Ihr treibt junge M├Ądchen in den Abgrund. Das geht hier ab.┬ź
Lazar packte den Mann an der Kehle, doch biss nicht zu. Er brauchte ihn noch. Der Zuh├Ąlter griff mit beiden H├Ąnden an Lazars Handgelenk und versuchte sich zu befreien. Als das nicht klappte, boxte er ihm in die Niere. Lazar fuhr unbeeindruckt mit seinem Plan fort. Er schleifte den Mann zur├╝ck in sein Versteck und schleuderte ihn in eine Ecke. Dann nahm er das Funkger├Ąt, das auf dem Tisch stand und warf es ihm zu.
┬╗Ruf deine Freunde.┬ź
┬╗Du bist wahnsinnig. Du wei├čt nicht, mit wem du dich anlegst. Meine Br├╝der bringen dich um.┬ź
┬╗Dann kannst du es ja wohl nicht erwarten, sie zu rufen." Mit einer l├Ąssigen Handbewegung bedeutete Lazar dem dicken Mann, endlich zu tun, was er von ihm verlangte und lehnte sich dann entspannt an die Tischkante. ┬╗Und geh sicher, dass alle hochkommen.┬ź
Krrks. Das Funkger├Ąt war an.
┬╗Chef. Hier ist so ein Irrer, der uns alle Kunden vertreibt und mich bedroht.┬ź
Kurze Stille, dann kam die knisternde Antwort aus dem Lautsprecher. ┬╗Was hei├čt hier, er bedroht dich? Bist du ein Mann? Bist du ein Viking? Wirf den Wichser raus.┬ź
┬╗Aber Chef ...┬ź
┬╗Los jetzt, Spider. Oder willst du mich entt├Ąuschen?┬ź
Spider stand widerwillig auf und schaute Lazar unsicher an. Der hatte genug. Er nahm dem Dicken das Funkger├Ąt aus der Hand und stach ihm seine Krallen in den Hals. Spider konnte noch einen erstickten Schrei aussto├čen bevor ihm das Blut aus der Kehle schoss. Lazar riss ihm den Kopf von den Schultern und warf ihn in den Papierkorb.
┬╗Spider?┬ź klang es aus dem Funkger├Ąt. ┬╗Spider? Bist du da?┬ź
┬╗Spider ist nicht mehr da und kommt auch nie wieder. Es wird Zeit, dass wir uns kennenlernen.┬ź
┬╗Du verdammter Hurensohn ... M├Ąnner! Wir gehen hoch! Das war dein gr├Â├čter und letzter Fehler, du Hund.┬ź
Dann kam nichts mehr aus dem Apparat. Daf├╝r h├Ârte Lazar von unten das Trampeln von F├╝├čen auf Treppenstufen und dumpfes Gebr├╝ll.
Die M├Ądchen und ihre Freier hatten zum Gl├╝ck die Vernunft besessen, das Stockwerk zu verlassen, nachdem sich Lazar Spider vorgenommen hatte, und so musste er sich keine Sorgen um Unschuldige machen.
Er wartete im Gang, als die M├Ąnner eintrafen. Zw├Âlf St├╝ck. Also waren alle gekommen. Sie trugen alle dieselben Kutten, hatten Schlagringe, Messer, Baseballschl├Ąger und alle m├Âglichen anderen Waffen dabei. Sogar drei Hunde hatten sie mitgebracht. Das war ein Fehler.
Ein Mann dr├Ąngte sich zwischen den anderen durch nach vorne. ┬╗Du bist also der Irre, der denkt, er kann sich mit uns anlegen. Was hast du mit Spider gemacht? Wo ist er?┬ź
┬╗Im M├╝ll, wo er hingeh├Ârt.┬ź
┬╗Du mieser Pisser. Das wird dir noch leidtun. Fasst!┬ź
Der Mann wollte seine Hunde auf Lazar hetzen, doch stattdessen schauten sie ihn nur an.
┬╗Schnappt ihn euch!┬ź, wiederholte er sich.
Die Hunde begannen zu knurren. Er l├Ąchelte. Doch dann wandten die Tiere sich um und er bekam Angst.
┬╗Was ist hier los?┬ź
Die Hunde fielen ihn und zwei andere M├Ąnner an, rissen ihnen Fleisch von den Knochen und bissen sich in ihnen fest. Die umstehenden M├Ąnner halfen ihren Freunden, doch einer der Vikings war bereits tot. Sie erschlugen die Hunde und der Anf├╝hrer stach dem Pitbull ├╝ber ihm in den Hals. Er rappelte sich auf, blickte auf die toten Tiere und wischte sich das Blut vom Gesicht. Lazar stand wartend am Ende des Flurs.
┬╗Machen wir den Wichser eben selbst kalt.┬ź
Die ├╝brigen M├Ąnner st├╝rmten gleichzeitig auf Lazar zu, br├╝llend, Keulen schwingend und bereit ihn zu erschlagen. Er duckte sich unter dem Schwung eines Baseballschl├Ągers hinweg und schlitzte dem Angreifer die Bauchdecke mit seinen N├Ągeln auf. Dessen Eingeweide fielen heraus. Als Lazar wieder nach oben auftauchte, stie├č er seine flache Hand, Fingerspitzen voran, in die Kehle des N├Ąchsten. Ein anderer Mann stach ihm sein Messer in die Rippen. Lazar zog es heraus und rammte es dem Mann ins Auge. Von hinten legte jemand eine schwere Eisenkette um seinen Hals und zog zu. Lazar griff mit beiden H├Ąnden danach, w├Ąhrend ein Viking auf seinen Bauch einschlug. Lazar beugte sich mit einem Ruck nach vorne und warf den Mann mit der Kette ├╝ber seine Schulter in zwei andere. Er st├╝rzte sich mit einem Sprung auf die am Boden liegenden und weidete sie aus. Vier M├Ąnner schlugen mit ihren Keulen auf ihn ein, als er am Boden kniete, doch ihre Waffen zerbrachen nur an seinem harten R├╝cken. Er stand auf, entriss zweien die zersplitterten Keulen und erstach sie damit. Die anderen zwei wollten wegrennen, doch er warf die Kette nach ihnen. Sie schlang sich um die F├╝├če des einen, der wiederum seinen Freund zu Fall brachte.
Ihr Anf├╝hrer hatte sich derweil irgendwann w├Ąhrend des Kampfes zur├╝ckgezogen und ungl├Ąubig in eine Ecke am anderen Ende des Ganges verkrochen. Lazars Aufmerksamkeit richtete sich jetzt auf ihn. Als er an den beiden am Boden liegenden Schl├Ągern vorbeikam, zertrat er dem einen den Sch├Ądel und brach dem anderen das Genick mit einer schnellen Handbewegung. Dann las er die Kette vom Boden auf und ging weiter. Der Anf├╝hrer der Vikings rutschte mit seinem R├╝cken langsam die Wand hinunter in eine Kauerhaltung.
┬╗Warum bist du hier? Was willst du von uns?┬ź
┬╗Ihr habt diese unschuldigen M├Ądchen gefangen gehalten und ausgebeutet, ohne Mitgef├╝hl oder Menschlichkeit. Daf├╝r m├╝sst ihr zahlen.┬ź
┬╗Du willst Geld? Ich habe Geld. Viel Geld. Das kannst du alles haben. Man kann doch ├╝ber alles reden. Was sagst du? Schei├č doch auf die Huren.┬ź
Lazar hatte nicht gestoppt und war fast bei dem kauernden Mann. Der hatte seine Hand hinter dem R├╝cken und zog jetzt eine Pistole.
┬╗Und schei├č auf dich!┬ź
Pa! Pa! Pa! Pa!
Die Sch├╝sse ersch├╝tterten das Haus. Doch Lazar blieb unger├╝hrt und ging einfach weiter.
┬╗Was - was bist du?┬ź
Lazar schnaubte. ┬╗W├╝tend.┬ź
Er legte die Kette um den Hals des Bordellbetreibers und zog zu. Seine Augen traten aus ihren H├Âhlen und schienen fast zu platzen, seine Zunge hing zum Hals raus und er r├Âchelte. Immer enger schn├╝rte sich das Metall um seine Luftr├Âhre und schnitt ins Fleisch. Flehend blickte er Lazar an, doch der zog nur immer fester. Dann war es vorbei.
Lazar stand auf. Drau├čen heulten Sirenen. Gleich w├╝rde die Polizei eintreffen. Zu viele Leute hatten ihn gesehen, als dass er einfach verschwinden konnte. ┬╗Ein guter Abgang┬ź, dachte er. Dann nahm er das Messer eines Vikings und stach es sich in die Schl├Ąfe.

Als Eva aufwachte, rannte sie sofort nach unten, um zu sehen, wie sp├Ąt es war. Zehn Uhr ...In der Nacht? Wegen der heruntergelassenen Rolll├Ąden war sie sich nicht sicher. Vielleicht k├Ânnte sie Lazar noch einholen und ihm helfen. Sie rannte zur T├╝r und riss sie auf. Tageslicht blendete sie. Sie war am Boden zerst├Ârt.
Traurig ging sie zur├╝ck in die Wohnung. Dort lie├č sie sich in einen Stuhl fallen und dachte nach. Warum hat er das gemacht? Ich h├Ątte ihm helfen k├Ânnen. Ob er es wohl geschafft hat? Ihr Blick fiel auf die Zeitung vom Vortag auf dem Tisch. Sofort sprang sie auf und rannte wieder nach drau├čen. Sie nahm die heutige Zeitung aus dem Briefkasten und schlug sie auf. Auf der Titelseite prangte eine gro├če ├ťberschrift:

┬╗Blutbad in Bordell - 13 M├Ąnner tot┬ź

Sie las den Artikel so schnell sie konnte. Darin hie├č es, ein Mann h├Ątte die Bordellbetreiber im Alleingang abgeschlachtet, w├Ąre dabei aber auch selbst get├Âtet worden. Die Motive des Mannes seien unklar und blablabla. Sie blendete den Rest aus. Er ist tot? Sie konnte es nicht glauben. Sie las weiter. Bei den Untersuchungen habe sich herausgestellt, dass s├Ąmtliche Prostituierte illegal in Deutschland waren und zum Anschaffen gezwungen wurden. Die Beh├Ârden k├╝mmerten sich darum, dass sie zur├╝ck nach Hause k├Ąmen. Nichts. Nichts ├╝ber Lazar. Sie ├╝berflog die Schlagzeilen der anderen Artikel. ┬╗Mann raubt ├Ąlteres Ehepaar aus┬ź, ┬╗Hafen floriert┬ź, ┬╗Ehepaar Feinsteiner in mafi├Âse Gesch├Ąfte verwickelt┬ź, ┬╗Sozialbau wird abgerissen┬ź. Doch keine n├Ąheren Informationen zu dem Verbleib von Lazar.
Eva war am Boden zerst├Ârt. Sie warf die Zeitung weg und ging nach oben. Dort angekommen, lie├č sie sich ins Bett fallen und schrie ins Kopfkissen. Doch auf dem Kissen lag ein Umschlag. Sie ├Âffnete ihn hastig. Darin befanden sich ein Brief und mehrere gro├če Geldscheine. In dem Brief stand in sch├Âner Handschrift verfasst:

Liebe Eva,

es war eine Freude, dich kennenzulernen, und ich bedaure, dass sich unsere Wege so schnell trennen mussten. Doch sorge dich nicht um mich. Mir geht es gut. In dem Umschlag findest du gen├╝gend Geld, um zu deiner Familie zur├╝ckzukehren und gemeinsam mit ihr ein neues Leben anzufangen. Sie denken ja sowieso, dass du gut verdient hast, also hast du schon eine Erkl├Ąrung daf├╝r, wie du zu dem Geld gekommen bist. Du solltest dich nicht allzu lange in der Villa aufhalten. Als ich sagte, die Besitzer h├Ątten sie mir ├╝berlassen, war ich vielleicht etwas ungenau. Sie waren schlechte Menschen und mussten bestraft werden. Sozusagen als Aufwandsentsch├Ądigung habe ich es mir ein paar Tage in ihrem Haus gem├╝tlich gemacht. Doch es k├Ânnte sein, dass in naher Zukunft die Polizei dort auftaucht. Um dir unn├Âtige Probleme zu ersparen, solltest du vorher verschwunden sein. Greif ruhig bei allem zu, was dir gef├Ąllt. Die Feinsteiners brauchen es nicht mehr, da wo sie jetzt sind. Ich w├╝nsche dir alles Gl├╝ck der Welt. Geh heim, kleine Eva.

Im Herzen immer bei dir,

Lazar

Lazar hatte nicht gesehen, wie der Notarzt seinen Puls gef├╝hlt hatte, aber dessen warme Finger auf seinem Handgelenk gesp├╝rt. Nat├╝rlich hatte der Doktor keinen Herzschlag wahrnehmen k├Ânnen. Der Mann hatte sogar an Lazars Nase gelauscht, ob Atem zu h├Âren sei. Doch als auch das nichts ergab, packten seine Helfer Lazar in einen Plastiksack und brachten ihn ins Leichenschauhaus. Es wunderte Lazar, dass der Mann sich ├╝berhaupt so viel M├╝he gegeben hatte, festzustellen, ob er noch am Leben sei. Die Klinge in seinem Sch├Ądel h├Ątte eigentlich Anzeichen genug f├╝r seinen Tod sein sollen. Das verdammte Teil bereitete ihm h├Âllische Kopfschmerzen, doch er hatte es nicht herausziehen k├Ânnen, solange er noch unter Beobachtung stand. Die Untersuchungen der Spurenermittler hatten ewig gedauert. Und w├Ąhrend die Fotografen knipsten und die Polizisten diskutierten, hatte Lazar allm├Ąhlich Angst bekommen, dass er nicht vor Sonnenaufgang einget├╝tet werden w├╝rde. Doch nach einer halben Ewigkeit packten sie ihn in einen Leichensack und brachten ihn in die Gerichtsmedizin, wo er in einem K├╝hlfach auf seine Obduktion wartete.
Den ganzen folgenden Tag hatte dann ein anderer Arzt Lazars Opfer untersucht. Immer wieder hatte er geh├Ârt, wie die metallischen Schubladen ihrer Eisf├Ącher auf- und zugezogen wurden. Doch irgendwann machte der Mediziner Feierabend und Lazar h├Ârte ihn gehen. Sofort zog er sich das Messer aus dem Sch├Ądel. Ah. Was f├╝r eine Wohltat. Er wartete noch einige Stunden bis er sicher war, dass die Sonne untergegangen war. Dann stie├č er mit den F├╝├čen gegen den Boden der Schublade, in der er sich befand, und stemmte sich mit den Armen gegen die Wand. So schob er sich aus seinem eisigen Sarg und verlie├č das K├╝hlfach.
Er hatte Gl├╝ck gehabt, dass der Gerichtsmediziner ihn noch nicht genauer untersucht hatte. Das h├Ątte er nicht zulassen k├Ânnen, da seine Anatomie einfach zu anders war, als dass es dem Doktor nicht aufgefallen w├Ąre. Der arme Kerl tat ihm ein bisschen leid. Es sah nicht gut aus, wenn man eine Leiche verlor. Doch das war nicht zu ├Ąndern. Lazar musste los. Ein Schiff voller Drogenschmuggler wartete auf ihn. Er bef├╝hlte die Wunde an seinem Kopf. Bis er beim Hafen war, w├╝rde sie sich geschlossen haben. Leise ├Âffnete er ein Fenster und sprang in die k├╝hle Nacht.

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DocSchneider
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