Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5439
Themen:   92261
Momentan online:
404 Gäste und 13 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auflösung eines Knotens
Eingestellt am 08. 09. 2005 07:46


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Astrid
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jun 2003

Werke: 105
Kommentare: 83
Die besten Werke
 
Email senden
Profil

Auflösung eines Knotens

Sie sitzt an ihrem Schreibtisch und starrt auf die mit schwarzem Stift eingekreiste Zahl im Kalender. Zehn Uhr.
„Die Blutwerte sind in Ordnung“, hatte die Ärztin gesagt, trotzdem veranlasste sie auf ihr Drängen die Ultraschalluntersuchung.

Sie würde sich hinlegen müssen, in ihrem Nacken würde eine Rolle liegen, und ihr Hals würde bloß und verletzlich verharren. Sie würde an die Decke starren und versuchen, das Gerät auf ihrem Hals zu ignorieren, den Arzt, den Gedanken an ihren Knoten, den sie doch so deutlich spürte, als würde jemand versuchen, ihr die Luft zu nehmen.

Dieser Druck war auch in ihrem Hals, als sie ihren Eltern begann, vom Theater zu erzählen. Sie hatte es lange aufgeschoben, ahnte sie doch bereits die Reaktionen. ‚Das Kind…’

Das Kind ist sechsunddreißig. Und zum ersten Mal in seinem Leben weiß es, dass dieser Weg der einzig mögliche ist. Ihr Drang zur Bühne stillte die Sehnsucht, die sie seit Jahren fühlte. Das Feuer hatte lange nur geschwelt, weil sie es zugelassen hatte. Es sollte ihr nie wieder passieren.

Der Knoten hatte sich gebildet, als sie noch ein kleines Mädchen war. Sie hatte es bis heute nicht vergessen, dieses Gefühl, als sie auf dem Schoß ihres Vaters saß, und er ihr englische Vokabeln ins kindliche Gesicht sprach.
Sie sollte sie wiederholen und konnte es nicht.
Der Vater hatte daraufhin zu ihr gesagt hat: „Du wirst es einmal sehr schwer haben im Leben!“
Sie ging damals noch nicht zur Schule. Als dann die Einschulung bevorstand, war sie verunsichert: „Ich kann nicht!“
„Kann nicht heißt, ich will nicht!“ sagte der Vater. Er wusste nichts von dem Knoten.

Zehn Uhr. Ihr blieb noch etwas mehr als eine Stunde.
„Alles in Ordnung“ würde der Arzt sagen und ihr das Zellstofftuch reichen, damit sie sich das Gel abwischte. Aber sie wusste, dass er da war, der Knoten.

Ihr Vater trug damals auch einen weißen Kittel bei der Arbeit. Manchmal besuchte sie ihn dort, wo er sich tief über Zeichenblätter beugte, die so groß waren, dass sie über die Tischkanten hingen. Für sie sahen die Zeichnungen aus, als wären alle Straßen der Stadt darauf gemalt und sie wäre gern mit ihrem Finger darauf spazieren gefahren.

Als sie gestern bei den Eltern vom Theater erzählte, von der Rolle, die sie gespielt hatte, wich der Druck langsam aus ihrem Hals.
Ihre Augen fingen ein Lächeln der Mutter auf.

Da wusste sie, dass er endlich fallen würde, der Satz „Wir sind stolz auf dich!“ Sie glaubte es bereits zu hören, das Www, dieses zittrige Brummen der Lippen, als würde eine Wespe durch das Zimmer segeln.
Aber der Vater müsste es sagen.

„Komm Vater, wir fliegen!“
Mit einem Mal war dieser Satz in ihrem Kopf. Ein Gedicht, das sie vor vielen Jahren geschrieben hat.

Sie sah den Vater an. Das zittrige Wespen-W ist einem anderen Laut gewichen, nicht weich, sondern klar, ein Misston:
„Aber singen musst du nicht?“
‚Nein, Papa, ich muss nicht singen, aber ich könnte es. Vielleicht singe ich auch mal, schaue dir doch eine Vorstellung an! Ich kann singen und ich hatte in Englisch eine Eins und ich denke, Papa, wir sollten endlich fliegen!’

Sie hatte das nicht wirklich gesagt. Es waren nur Gedanken, die am Knoten kleben blieben wie Büroklammern an einem Magneten.

Das war gestern. Am Abend noch hatte die Mutter angerufen. Es gehe ihm nicht so gut.
Sie würde nach dem Vater sehen, gleich nach ihrer Untersuchung.

Sie lächelt, als sie der Schwester am Empfang ihren Überweisungsschein rüberschiebt. „Sie haben Ihren Termin verpasst“, sagt diese und schaut über die Brillengläser, „der war vor einer Stunde!

Der Vater sitzt in eine Decke gehüllt auf der Terrasse.
„Wie geht es dir, Papa?“
„Schön, dass du gekommen bist!“
Sie legt ihre Hand auf seine, die er aus der Decke gezogen hat.
Unausgesprochenes schwirrt in der Stille zwischen ihnen.

Sie steht auf. „Hat Mutti wieder schön gemacht“, sagt sie und zeigt auf die blühenden Pflanzen in den Kästen. Als wären sie im Moment das Wichtigste. Sie beugt sich tief über eine Geranie. „Papa“. Sie räuspert sich. „Ich muss jetzt gehen. Vielleicht komme ich morgen noch mal.“
Sie drückt ihm einen flüchtigen Kuss auf die Wange, nimmt hastig ihre Tasche und verlässt die elterliche Wohnung. Als sie die Haustür hinter sich schließt, lehnt sie sich für einen Moment an die Wand. Ihr ist schwindlig

„Du hast den Knoten nicht im Hals sondern im Kopf“ hatte eine Freundin zu ihr gesagt. Warum muss sie gerade jetzt daran denken?

Für den Nachmittag ist eine Theaterprobe angesagt. „Lasst euch in die Gefühle fallen. Wie reagiert der Körper, wenn ihr traurig seid, welche Haltung habt ihr in der Wut? Und ich will euch hören!“ schallen die Anweisungen des Regisseurs durch den Raum.
Und sie lässt sich fallen und ihr Körper windet sich und sie schreit, bis kein Wort mehr in ihr ist.

Mit schweißnassem Haar steht sie in der Mitte der Bühne und erst da bemerkt sie, dass die anderen sie ansehen und einen Kreis um sie gebildet haben.
Für einen Moment ist nur der Wind vor dem Fenster zu hören.
Eine kleine Schamesröte spielt mit ihren Wangen. Sie wischt sich mit der Hand über das Gesicht und beginnt zu lächeln. Anfangs ist es nur ein Zucken der Mundwinkel, es wird zum Glucksen und schließlich lacht sie wie befreit und verbeugt sich.

Nicht der Vater musste fliegen oder sie mit dem Vater. Nein, sie selbst musste es tun. Allein. Weg von ihm, denn nur so konnte sie zurückkehren.
Keine Heimkehr ohne Reise.

Sie betritt ihre Wohnung. „Hey“ spricht sie in den Spiegel auf dem Flur. „Kenne ich dich?“.
Sie wirft ihre Tasche auf die kleine Kommode, schleudert ihre Schuhe von den Füßen und breitet die Arme aus: „Den Ultraschalltermin brauchst du doch in Wahrheit nicht!“
Sie kreuzt die Arme vor der Brust, hebt das Kinn und dann spricht sie ihn aus, diesen Satz, weil sie endlich begriffen hat, dass sie ihn sagen muss, nur sie allein und zu sich selbst und immer wieder.

__________________
Astrid

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


herb
???
Registriert: Jul 2002

Werke: 32
Kommentare: 261
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um herb eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo Astrid,

ich musste zweimal lesen, um mich dann in den springenden Zeiten der kurzen Blöcke zurechtzufinden.
Die Kurzgeschichte gefällt mir gut, aber sie hat auch das Potenzial für eine längere Erzählung.
Jeder kurze Block müsste nach meiner Ansicht ein langer und ausführlicher werden, smile.

herzlich

herb
__________________
hier Es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Kästner

Bearbeiten/Löschen    


Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.


Leselupe-Bücher



Amazon



Facebook


Werde Fan der Leselupe auf Facebook!