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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Aufstand eines Jammerlappens
Eingestellt am 22. 12. 2001 11:12


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Heiner Bauer
Hobbydichter
Registriert: Dec 2001

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Er hasste diese f├╝rchterlichen Wochenenden! Er ertrug sie mit zusammengekniffenen Lippen und wie im Schmerz verzogenem Gesicht. Er ertrug sie, wie ein Martyrium, widerspruchslos, klaglos, stumm.

Alles nahm er schweigend hin, innerlich bis zum ├äu├čersten angespannt, innerlich ganz Abwehr und mit dem Bewusstsein des Vergehens und Verschwindens all dessen, was einen erwachsenen Menschen ausmachte. Innerlich ganz Schmerz, ganz Zittern und m├╝hsam unterdr├╝cktes W├╝rgen, vor Aufregung und Auflehnung und stumm ertragener Dem├╝tigung.

Sie aber ahnten nichts davon oder wollten es nicht ahnen. Nie war er f├╝r sie mehr gewesen, als der weltfremde Spinner, der ihre Tochter verf├╝hrt und geheiratet hatte; der Schweiger, der Gr├╝bler, der Kerl ohne R├╝ckgrat und eigene Meinung: ein stummer Schatten, ein reduzierter Mensch, ein Jasager, dem man notfalls geh├Ârig ├╝ber den Mund fahren konnte, unf├Ąhig, sich seiner Haut zu erwehren.

Er ertrug alles: fraglos, klaglos, widerspruchslos, aber mit wachsendem Widerspruchsgeist und einer Art Ekel vor sich selbst.

Heute aber, sollte alles anders werden! Heute wollte er seine eigene Meinung hinaussagen, laut und vernehmlich und sie auch verteidigen!

Die kleine Wanduhr schlug. Es war noch fr├╝h. Er stand in der kalten K├╝che und deckte den Fr├╝hst├╝ckstisch, damit sie nicht schon den ersten Anlass zum Streit bekamen. Er hasste diese Sonntagmorgensitzungen, die selbstgerechten Tiraden, zu denen er schwieg, wie zu allem.

Er hasste sich selbst daf├╝r.

Sorgf├Ąltig stellte er Tassen und Teller auf den hellen Tisch und sortierte Wurstscheiben auf einen gro├čen Teller: so, wie sie es immer haben wollten, ansprechend und appetitlich!

Seine Schwiegermutter trat in die K├╝che, barfuss, im roten Morgenmantel und mit wirrem Haar.

Hastig rief er "Guten Morgen!"

Mit einem Blick hatte sie die Situation erfasst: den gedeckten Tisch, die quackernde, dampfende Kaffeemaschine, in der das hei├če Wasser langsam durch die Filtert├╝te rann.

"Ist dir heute nicht gut?", fragte sie mit seltsam belegter Stimme, "Du schl├Ąfst doch sonst bis Mittag?"

Er f├╝hlte es hei├č in den Kopf steigen, ein Brennen war in seiner Brust und ein Verlangen, jetzt laut zu schreien. Seine Ohren brannten, wie nach einem Satz Ohrfeigen.

Er wusste, dass er nie bis Mittag geschlafen hatte! Und sie musste es auch wissen, ganz genau.

Aber er schwieg dazu. Und sein Vorsatz, sich ein einziges Mal zu behaupten, ein zaghaftes, sch├╝chternes erstes Mal, war im Eimer!

Dieser Sonntag w├╝rde sein, wie alle anderen: schlimm!

Er suchte krampfhaft, seine Erregung zu verbergen. Und er rückte mit einer jungenhaften Scheu und gesenktem Blick, um seinen Ärger zu verbergen, stumm an den Tassen und Tellern herum.

Sie sah es.

"Die Tassen stehen immer rechts vom Teller, mein Herr! Wenn man┬┤s nicht kann, sollte man┬┤s besser lassen! Nichts kann man von dir verlangen! Gar nichts!"

Im Bad, nebenan, waren das Quarren seines kleinen Sohnes zu h├Âren und die lauten Stimmen seiner Frau und seines Schwiegervaters.

Die T├╝r ging auf, und die K├╝che f├╝llte sich.

"Morgen!"

"Ausgeschlafen?"

"Morgen!"

Er stand scheu und verlegen am K├╝chentisch, im Schlafanzug und barfuss.

"Ich dachte, der Herr Wissenschaftler wickelt seinen Sohn mal selber!", polterte sein Schwiegervater, w├Ąhrend er sich setzte und ein Br├Âtchen aufschnitt: "Aber der lebt wahrscheinlich auch nach der Devise: Gott erhalte mir mein Bier und meiner Frau die Arbeitskraft!"

"Ich wickele ihn die ganze Woche ├╝ber!", rief er laut und hilflos wie ein kleiner Junge, der sich f├╝r eine liederlich angefertigte Hausaufgabe vor dem strengen Lehrer zu rechtfertigen sucht.

"Ach red doch nicht, alter Freund, ich kenne dich...!"

"Du hast es grade n├Âtig, Karl - Heinz!", rief seine Schwiegermutter unerwartet und laut; "Wann hast du denn mal deine Tochter gewickelt?"

"Was willste denn jetzt von mir, Marianne? Willste Streit? Ich sage: ich habe sie oft gewickelt! Basta!"

"Ach, h├Âr doch auf, Karl - Heinz...!"

Sein kleiner Sohn begann unvermittelt zu schreien und sein Br├Âtchen wieder auszuspucken.

"Freundchen!", rief sein Schwiegervater laut und drohend, "Matzerei machen wir nicht! Wenn du das noch einmal ausspuckst, nehme ich dir das weg!"

"Man muss es ihm in Br├Âckchen schneiden, dann isst er!", wagte er jetzt einen Einspruch.

"Quatsch!", rief sein Schwiegervater. Es war sein Lieblingsargument, und es klang endg├╝ltig, wie der Aufschlag eines Fallbeiles. Dann nahm er die Zuckerdose und s├╝├čte sich seinen Kaffee mit zwei L├Âffeln Zucker, wie jeden Morgen.

Der Kleine sah es.

"Zucker! Zucker! Zucker haben!", bettelte er.

Sein Schwiegervater schaufelte ihm ein H├Ąufchen Zucker in den weit ge├Âffneten Mund.

"Hier, mein Kind! Haste Zucker, jawoll!"

"Die Kinder├Ąrztin hatte es uns eigentlich verboten, wollte ich nur sagen. Wei├č ja auch nicht...", wagte er einen neuen Einspruch.

"So ein Quatsch!", rief sein Schwiegervater, "Der K├Ârper nimmt sich, was er braucht!"

"Wenn´s aber die Ärztin..."

"Quatsch! Ist wahrscheinlich genau so eine Spinnerin wie du, kannste ihr von mir bestellen, alter Freund! Ich sage: der K├Ârper nimmt sich, was er braucht! Basta!

Komm, mein Kind, iss Zucker!"

"Zucker ist Nervennahrung!", nickte seine Schwiegermutter, "So willste immer alles wissen! Aber das einfachste wei├čte nicht!"

Er biss sich auf die Unterlippe und sah auf seinen wei├čen Teller, auf die hellen Br├Âtchenkr├╝mel. In sich sp├╝rte er die Flut steigen, steigen und steigen und steigen!

Sein Schwiegervater sah hilflos, dann ├Ąrgerlich auf den Tisch: "Wo sind meine sauren Gurken, Freunde? Wo sind meine sauren Gurken? Ihr wisst, dass ich jeden Sonntagmorgen meine sauren Gurken esse! Also, wo sind sie?! Und..., sehe ich erst jetzt: Warum habe ich nicht mein Messer?! Das hier ist, verdammt noch mal nicht mein Messer! Wer..., wer hat denn den Tisch gedeckt?"

"Dein Herr Schwiegersohn!"

"Ach...? Der Herr Wissenschaftler? Na, na, dann ist mir alles klar! War wieder mal mit h├Âheren Dingen besch├Ąftigt! Hohoho!"

Er sah stumm auf seinen wei├čen Teller, auf die hellen Br├Âtchenkr├╝mel darauf. Und die Flut in ihm stieg und stieg und stieg!

Seine Schwiegermutter bemerkte es: "Brauchst gar nicht so verbiestert auf deinen Teller zu gucken! Vati meint┬┤s nur gut! K├Ânntest dich wirklich mal mehr um den Haushalt k├╝mmern! Ist doch nicht b├Âse gemeint, aber der Flei├čigste und Sauberste biste wirklich nicht!"

Er schwieg und schwieg. Es war jetzt schon schmerzhaft, zu schweigen, den Schrei zu unterdr├╝cken. Wie ein Gefesselter im Boxring, schien er durch die K├╝che zu taumeln.

... nicht der Flei├čigste und Sauberste..., und er dachte an die Berge von schmutzigem Geschirr, die ihn an jedem Wochenende hier erwarteten, an ihre benutzten Tampons, eingewickelt in ein St├╝ck Klopapier, die er immer wieder hinter der Gardine des Badfensters fand. An die alten Zeitungen neben der Couch, den ├╝berquellenden M├╝lleimer, die verdorbenen Lebensmittel, ganz hinten, im untersten Fach des K├╝hlschrankes und an den immer ├╝berquellenden Aschenbecher auf dem Fensterbrett!

Sein Herz begann, dumpf und rasend zu h├Ąmmern. Er wurde eiskalt und presste die Backenz├Ąhne zusammen. Seine Augen wurden zu Schlitzen. Und er sp├╝rte, dass etwas aus ihm brechen w├╝rde. F├╝rchterlich und unabwendbar, vernichtend, zerst├Ârend, zermalmend, wenn er sich nicht Gewalt antat!

"Und dann auch noch beleidigt sein, wenn man ihm nur mal ein einziges Wort...!

Wie h├Ąltst du das nur mit so einem Mann aus, Bea?"

"Sei jetzt still, Marianne! Will meine Ruhe haben, an meinem Tisch, am Sonntagmorgen!"

"Na, ist doch wahr, Karl - Heinz!"

Er musste sich jetzt ablenken! Gewaltsam verdr├Ąngte er das Wissen um die kommende, gef├╝rchtete Frage! Nein, er w├╝rde diesmal nicht das Auto putzen, diesmal nicht zu den Gro├čm├╝ttern fahren und danach zum Kaffeetrinken in das Zoolokal! Nein, er war drei├čig Jahre alt! Er war ein Ehemann, ein Vater! Er war ein Dozent, wenn auch ein r├╝ckgratloser, der immerhin schon etwas erreicht hatte! Nein, er war drei├čig Jahre alt, nicht drei! Er w├╝rde das alles nicht tun, sich nicht unterwerfen und dem├╝tigen! Diesmal nicht! Diesmal nicht! Diesmal nicht!

Er musste sich jetzt ablenken. Und er streichelte die H├Ąndchen seines kleinen Sohnes.

"Tobiaschen..."

"Tobiaschen! Tobiaschen!", ├Ąffte sein Schwiegervater ├╝ber der Fernsehzeitung, die er jetzt las: "Ich will das nicht, verstehst du? Ich habe dir schon tausendmal gesagt, das Kind hei├čt Tobias! Tobias und basta! Klar?"

"Brauchst gar nicht wieder so beleidigt zu gucken!", rief seine Schwiegermutter, "Man m├╝sste glatt den Fotoapparat holen und jetzt dein Gesicht fotografieren!"

"Ich habe doch gesagt, ich will meine Ruhe, an meinem Tisch, am Sonntagmorgen!

War das nicht klar und deutlich? Andauernd m├╝sst ihr streiten! Einer von euch beiden fliegt gleich raus, Freunde! Du, Marianne oder dein Schwiegersohn!"

"Ich? Karl - Heinz, also wei├čte, ich mach doch gar nichts! Ich hab doch wirklich gar nichts gesagt...!"

"Dann fliegt eben dein Herr Schwiegersohn raus, der Herr Wissenschaftler!"

Alles war zuviel, viel zuviel, schon lange zuviel! Er sp├╝rte das einzige Br├Âtchen, das er gegessen hatte, wie einen Bleiklumpen im Magen. Er h├Ątte jetzt gern losgebr├╝llt, ihnen die ganze Wahrheit ins Gesicht gebr├╝llt! Seine Wahrheit, die sie doch sehen, sp├╝ren, f├╝hlen mussten!

Und er fragte sich immer wieder, ob es denn keine Scham und keine Skrupel im Menschen g├Ąbe. Aber es musste wohl so beschaffen sein in der Welt, dass jeder sah, wie weit er gehen konnte. Und dass jeder diese Grenze zu durchbrechen suchte, immer wieder aufs neue und sich Macht verschaffte, wissentlich oder nicht, Macht ├╝ber seinen N├Ąchsten!

Und es musste wohl so sein, dass der Mensch ein Schwein war, ein richtiges Vieh, das auf der Seele des Nachbarn stand, vielleicht, ohne es zu ahnen und zu wollen. Aber er konnte nun einmal nicht anders, und all das Leben war nichts als Kampf, als Dr├Ąngelei und Schubserei um das letzte Wort und das Recht und den Platz an der Spitze. Und es musste wohl dabei immer welche geben, die gewannen: roh, r├╝cksichtslos, dickfellig. Wogegen die Sensiblen, Scheuen, Verletzlichen, die Mimosen, unten sa├čen, als Verlierer, als Leidende, als Gef├╝hrte: minderwertig, mit sich selbst im Zwiespalt.

Und dazwischen gab es die Pragmatiker, die Heuchler, die sich an das jeweilige Leittier h├Ąngten, ihm dienten und seine Tritte weitergaben, bis hinunter, nach ganz, ganz unten!

Eine Binsenweisheit war es, die schon jedes Kindergartenkind verinnerlichte, aber nie war sie ihm schlagender zu Bewusstsein gekommen: die Menschheit war nichts, als ein von fortdauernden Machtk├Ąmpfen zerfressenes Rudel, dass sich gegenseitig verletzte, bedrohte, zerst├Ârte!

Und alle Philosophie war Schein, alle Moral und Ethik verlogen, wo doch die Scham fehlte! Vielleicht war Scham das Unnat├╝rliche, das G├Âttliche, was man versucht hatte, dem animalischen Menschen anzudichten, der doch nichts sein konnte, als ein selbstgerechtes geiles Vieh unter Viechern: greinend, sabbernd, schmatzend, r├╝lpsend, furzend ├╝ber der Morgenzeitung, die voll war von Kriegen und Morden, den Produkten seiner n├Ąchtlichen Untaten!

"Was gr├╝belst du denn schon wieder?", fragte seine Frau spitz, "Du sollst doch nicht gr├╝beln!"

"Spinnt schon wieder, der Herr Wissenschaftler! Aber wei├č nicht, wie man einen Fr├╝hst├╝ckstisch deckt! Kein Wunder, bei den Pianistenpfoten!"

"Wozu auch? Hat ja seine Dienerschaft! Die Gew├Âhnlichen!"

"Widmet sich halt h├Âheren Dingen, der Herr Wissenschaftler!"

Ihm war, als m├╝sse er sich, angebunden auf seinem Stuhl, von einer Horde Schweine besudeln und begrunzen lassen, im Angesicht seines kleinen Sohnes!

Ihm war, als w├╝rde er gefesselt von einem irrsinnigen Trainer immer wieder und wieder in einen Boxring gesto├čen, in dem ein Verr├╝ckter sich einen Spa├č daraus machte, ihn, den Wehrlosen, zu bearbeiten! Schlag kam auf Schlag! Tritt kam auf Tritt! Sto├č kam auf Sto├č!

Sie trafen ihn ├╝berall: im Gesicht, im Unterleib, in den Genitalien und immer wieder in den Genitalien!

Sein K├Ârper schmerzte!

Und sein kleiner Sohn sah zu, sah zu , sah zu, und er sah dies alles, h├Ârte dies alles. Und er w├╝rde wohl irgendwann einmal die Achtung vor seinem Vater verlieren! Denn nur einen starken Vater kann man lieben und achten, nicht aber ein w├╝rdeloses St├╝ck Fleisch, immer schweigend, das sich mit Schmutz und Schlamm und Kot bewerfen lie├č. Das zulie├č, da├č man auf ihm herumtrampelte, wie auf einem St├╝ck Altpapier!

Er f├╝hlte pl├Âtzlich ein W├╝rgen im Hals. Und er wollte hinausst├╝rzen, als sein Schwiegervater ihn mit der Frage festhielt: "Halt! Wohin? Toilette! Gibt's nicht! Gibt's nicht sag ich! Basta! Du wei├čt, da├č ich nach dem Fr├╝hst├╝ck immer zuerst auf die Toilette gehe, da meine Zeitung lese! Bringst meinen ganzen Tagesablauf durcheinander! Mu├čt eben fr├╝her aufstehn! ├ťbrigens, Freunde: heute ist Sonntag! Was machen wir?"

Da war sie wieder, die gef├╝rchtete Frage! Nein! Er w├╝rde es nicht tun, diesmal nicht! Er war Familienvater, drei├čig Jahre alt! Und er hatte eine Dissertation geschrieben und verteidigt, sogar summa cum laude! Und er unterrichtete Studenten! Nein, er w├╝rde es nicht tun! Diesmal nicht und niemals mehr!

"Also, Freunde, was machen wir heute?"

"Ich habe zu arbeiten!", sagte er leise. Und der Brechreiz verst├Ąrkte sich. Er war fahl, wie vor einem Gerichtsurteil, und sein ganzer K├Ârper zitterte jetzt.

"Ja, du hast tats├Ąchlich zu arbeiten! Guck dir mal dein Auto an! Aufgabe erkennt, Herr Wissenschaftler? Und danach, w├╝rde ich sagen, fahren wir mal zu den Omas, die freuen sich auch mal! Und nehmen sie mit ins Zoocafe! Alle einverstanden? Alles klar! Also, los!"

"Aber, ich habe zu arbeiten!", beharrte er scheu, "Ich bin doch drei├čig Jahre alt!"

Was soll denn das hei├čen? Du bist ├╝berstimmt! Du willst dich blo├č wieder dr├╝cken! Andere sollen dein verdammtes Auto waschen, wie? Zu fein f├╝r solche gew├Âhnlichen Aufgaben, was? Zu fein f├╝r die alten Damen, die keinen akademischen Titel haben? Zu fein f├╝rs Zoocafe? Du bist ├╝berstimmt!"

"Aber, ich muss doch arbeiten! Kann ich nicht allein entscheiden, wie ich meine Wochenenden verbringe?"

Da war sie wieder, die Wand, gegen die er lief. Und seine Schwiegermutter lie├č ihr Besteck fallen ├╝ber soviel Frechheit und pl├Ąrrte laut und haltlos, als habe sie ein aufs├Ąssiges minderj├Ąhriges Kind vor sich: "Jetzt reichts mir aber auch mal! Jedes Wochenende muss man sich deine Frechheiten und Launen gefallen lassen! Vati meints doch nur gut! Warum kommst du denn dann ├╝berhaupt noch her, wenn du dich nicht ein einziges Mal unterordnen kannst?"

Krachend fiel die K├╝chent├╝r hinter ihr ins Schloss.

Schluchzend lief seine Frau hinterher: "Warum musstest du Mutti so anschrein?

Alles machst du kaputt! Du kotzt mich an!"

Resolut griff sein Schwiegervater sich den kleinen Tobias, das Liebste, was er auf der Welt hatte: "Komm, mein Kind! Wir gehen! Dein Herr Vater spinnt mal wieder! Die Mimose, der Herr Wissenschaftler mit den schlanken Pianistenpfoten!"

Er stand allein in der kalten K├╝che, vor dem gedeckten Tisch mit den Essensresten und dem Berg Abwasch. Er wusste, sie w├╝rden ihn nun f├╝r den Rest des Tages wie Abschaum behandeln, stumm bleiben und ihn meiden, als habe er sie tief verletzt.

Und sie wussten, dass er ein Feigling war, ein Nichts, ein Niemand. Ein weltfremder Spinner, der ihre Tochter verf├╝hrt und geheiratet hatte. Ein Schweiger, ein Gr├╝bler, ein Kerl ohne R├╝ckgrat und eigene Meinung. Ein stummer Schatten, ein Waschlappen, ein Jammerlappen. Ein reduzierter Mensch, ein Jasager!

Und sie wussten alle l├Ąngst genau, dass er wieder alles schlucken, dass er den Abwasch besorgen w├╝rde und die K├╝che aufr├Ąumen, dass er dann den blauen Plastikeimer und die Autob├╝rste holen w├╝rde, um das Auto zu putzen. Und dass er dann mit ihnen zu den Gro├čm├╝ttern fahren w├╝rde und danach ins Zoocafe! Und dass er sich entschuldigen und vor ihnen auf den Brustwarzen herumrutschen w├╝rde. Und dass es ├╝berhaupt immer so weitergehen w├╝rde, an allen Sonntagen, das wussten sie l├Ąngst!

Denn er, er war ein Nichts, ein Niemand, ein Waschlappen, ein Lackl, ein Jammerlappen, den man in jede Ecke stellen konnte! Und das w├╝rde er auch bleiben!

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Deminien
Schriftsteller-Lehrling
Registriert: Dec 2001

Werke: 5
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Was soll uns das sagen?

Hi,

die Geschichte zeigt imo denselben Mann, der bereits in "Die Lust, zu leiden" beschrieben wurde.
Allerdings jetzt verheiratet und mit Kind.

Was mir fehlt ist eine Essenz, ein Grund warum die Geschichte erz├Ąhlt wird. Es wird einfach nur ein Mann gezeigt, der nicht die Fahigkeit entwickelt hat seinen eigenen Weg zu gehen und sich daf├╝r in selbstqu├Ąlerischem Selbstmitleid suhlt.

Die Geschichte ist eine Momentaufnahme, ohne davor oder danach. Ich erkenne keinen sichtbaren Sinn dahinter au├čer einer Spekulation die mir nicht zusteht.


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September1961
Hobbydichter
Registriert: Dec 2001

Werke: 8
Kommentare: 40
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Das sehe ich aber anders. ich habe die geschichte mit faszination gelesen. das fr├╝hst├╝ck fast selbst geschmeckt. widerlich einfach widerlich spiessig. unmut macht sich breit, st├Ąndiges warten darauf, das er ausrastet, sich endlich wehrt. man m├Âchte selbst darsteller der geschichte sein und voller kraft auf den tisch hauen. das ende finde ich gut, ein starker abgang l├Ąsst sich auch nicht ableiten. super geschrieben.

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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

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Hallo Heiner,

ich schwebe wohl irgendwo zwischen den beiden anderen Kommentaren: Die Situation ist sehr realit├Ątsnah aufgebaut, wirkt fast plastisch. Auch ich habe mich so gef├╝hlt, als w├╝rde ich an diesem Tisch sitzen.
Andererseits finde ich, dass irgendetwas an der Geschichte fehlt. Alles wirkt vorraussehbar, ein sanftes Dahinpl├Ątschern von Ereignissen, die (teilweise) ja sogar vorausgesehen werden. Gut: Weichei bleibt Weichei. Aber irgendwie ist man als Leser entt├Ąuscht, dass das Ende der Geschichte so merkw├╝rdig flau ausl├Ąuft.
Als Situationsbeschreibung ist Dein Text gut, als Geschichte jedoch irgendwie unfertig. Vielleicht k├Ânnte man die Stelle "der versuchten Revulution" noch st├Ąrker herausarbeiten?

LG
Ingwer

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Ingwer
Routinierter Autor
Registriert: Apr 2001

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Fehlerteufel

Ich meine nat├╝rlich Revolution... ;-)

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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

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Kommentare: 1400
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Hallo Heiner,

Deminien schrieb:"Die Geschichte ist eine Momentaufnahme, ohne davor oder danach. Ich erkenne keinen sichtbaren Sinn dahinter au├čer einer Spekulation die mir nicht zusteht."

Das kann ich nur unterschreiben. Au├čerdem sind die Charaktere so ├╝berzogen, da├č sie f├╝r mich ganz einfach unglaubw├╝rdig erscheinen. Schade, denn Du schreibst ansonsten nicht schlecht. Und wen das oben Genannte nicht st├Ârt, der kann durchaus begeistert sein (Siehe September)

Gru├č Ralph
__________________
Schreib ├╝ber das, was du kennst!

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