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Leselupe.de > Science Fiction
Auftrieb
Eingestellt am 31. 08. 2007 22:40


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Rumpelsstilzchen
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„Haupt, M.I.A.“ Der sauber manikürte Fingernagel seines Besuchers tippte auf das Hologramm am Revers des grauen Anzugs. Das rhythmische Piepen des Herzmonitors wurde schneller.
„Haben Sie ernsthaft geglaubt, damit durch zu kommen?“
Die maliziös hochgezogene Augenbraue machte Volkwein unmissverständlich klar, wie abwegig diese Vorstellung sein musste. Er versuchte behutsam die Beine unter dem kantigen Gewicht des Aktenkoffers wegzuziehen. Haupt hatte sich mit verschränkten Armen gegen den Überwachungsmonitor gelehnt und sah unbeeindruckt zu, wie der Koffer Richtung Bettkante rutschte.
„Natürlich können Sie auf einem Indizienprozess bestehen...“ Er warf Volkwein einen schnellen Blick zu.
Volkwein hielt inne. Seine Bronchien blubberten dem nächsten Ausbruch entgegen. Er versuchte flacher zu atmen und schüttelte stumm den Kopf. Sein Brustkorb explodierte.


Mit geschlossenen Augen sog Volkwein den reinen Sauerstoff in sich hinein. Er musste nur wach werden, dann würde der Kassenermittler zur Traumerinnerung verblassen. Montag war sein OP-Termin. Drei Tage noch, dann hatte er es geschafft. Der Druck der Sauerstoffmaske wich von seinem Gesicht. Er blinzelte enttäuscht.
„Können wir weiter machen?“ Haupt hängte die Maske an den Ständer zurück und griff sich eine Handvoll Einwegtücher von der Konsole. Mit angewidertem Gesichtsausdruck rieb er den Aktenkoffer ab, bevor er ihn auf dem abgezogenen Bett neben der Tür abstellte. Er sah sich unschlüssig um. Schließlich warf er das mit rötlichem Auswurf verschmierte Knäuel in den Eimer unter dem Waschbecken.

„Was...“ Volkwein keuchte und zwang sich ruhiger zu atmen. „...wollen Sie von mir?“ Er hustete auf.

„Sie unterschreiben das Schuldeingeständnis, die Verzichtserklärung und Ihren Entlassungsantrag.“ Haupt schwenkte seine eingeseiften Hände vor dem Sensor des Wasserhahns. „Danach können Sie gehen, wohin Sie wollen. Keine Strafanzeige, keine Schadensersatzansprüche, nichts.“ Er drehte sich um und schüttelte die Arme aus. Kleine Tröpfchen regneten in Volkweins Gesicht. „Und natürlich die Haftungsfreistellung für das medizinische Personal der Klinik. Hinterbliebene kommen manchmal auf merkwürdige Ideen.“ Haupt verzog den Mund zu einem freudlosen Lächeln. „Sie wollen doch niemanden in Schwierigkeiten bringen, oder?“

„Nein.“ Volkwein brachte nicht mehr als ein Flüstern hervor. Er wollte nicht sprechen. Nicht denken müssen. Nicht jetzt. Nicht wenn er seine ganze Konzentration brauchte, um ruhig und tief zu atmen. Gegen den brennenden Schmerz an. Er wandte den Kopf zum Beatmungsgerät, wo die Maske hing. Außerhalb seiner Reichweite.

„Schön.“ Haupt zog eine Mappe aus dem Aktenkoffer und schlug sie auf, während er an Volkweins Bett trat. „Fangen wir mit dem Geständnisvordruck an. So weit möglich, ist er bereits vorausgefüllt. In Zeile fünfzehn müssten Sie noch ankreuzen, in welchem Zeitraum Sie gegen die Vertragsbedingungen verstoßen haben und in Zeile sechzehn die Häufigkeit des Verstoßes eintragen.“ Sein Blick hielt Volkwein fest, während er auf die entsprechenden Stellen deutete. Er beugte sich näher. „Diese Angaben werden nicht weiter gegen Sie verwendet. Ausschließlich für die Statistik. Natürlich anonymisiert.“

Volkwein starrte auf das Blatt. „Und mein Lungenflügel...“

„Es ist nicht Ihr Lungenflügel.“ Haupt sprach sanft, wie zu einem Kind oder einem Demenzkranken. „Es ist ein Austauschorgan, das mit erheblichen Kosten für die Solidargemeinschaft aus Ihren Stammzellen gezüchtet wurde. Bedauerlicherweise jetzt kaum mehr verwertbar.“ Er zuckte mit den Achseln. „Studentenfutter für die Anatomiepraktika.“
Volkwein ergriff den hingehaltenen Kugelschreiber, malte in beide Kästchen eine 1, dann rutscht seine Schreibhand nach unten zu der punktierten Linie neben dem Tagesdatum. Er setzte die Spitze auf. „Und wenn...“ Ein Hustenstoss malte einen kleinen Strich. Hastig zog er die Hand zurück. „...ich...nicht...“
„Unterschreibe?“ vollendete Haupt den Satz in das Bellen hinein.
Er heftete den Blick an die Zimmerdecke, als müsse er dort seinen Text ablesen: „Die Medizinische Investigationsagentur wird die erhobenen Beweise und den Ermittlungsbericht der Schwerpunktstaatsanwaltschaft für Leistungsbetrug im Kassenwesen übergeben. Nach der Anklageerhebung wegen Leistungsmissbrauch gemäß Paragraph zweiundvierzig der Solidarordnung wird der Kassenverband einen Antrag auf einstweilige Verfügung auf Freistellung vom Versorgungsanspruch stellen. Selbstverständlich steht es Ihnen frei, auf eigene Kosten die Behandlung fortsetzen zu lassen. Allerdings ohne Anspruch auf das Austauschorgan.“ Haupt sah ihn an und zuckte die Achseln. „Für eine Neuzucht reicht Ihre Zeit sowieso nicht mehr. Warum wollen Sie Ihre Frau zu einer armen Witwe machen? Immerhin besteht Ihre Lebensversicherung länger als zwei Jahre, damit hat sie auch bei Selbstmord Anspruch auf die Versicherungssumme.“
„Ich will nicht sterben.“würgte Volkwein hervor. Fahrig wischte er mit der Bettdecke über das Kinn. Der Speichelfaden hinterließ einen rosa Fleck.
„Das hätten Sie sich früher überlegen müssen. Bevor Sie sich eine ansteckten. Oder besser noch vor Ihrer Geburt.“ Haupt grinste müde, während er in die Knie ging, um den Stift unter der Feststellbremse hervor zu angeln.

Volkwein nickte. Bedächtig wog er den Satz, vor und zurück, endlich verharrte sein Blick auf der gepunktete Linie. Zwischen die reglosen Finger seiner rechten Hand drängte sich die kühle Glätte des Stiftes.
„Hier.“
Mechanisch unterschrieb er.
„Und hier bitte.“ Routiniert blätterte Haupt die Seiten vor ihm auf und tippte mit seinem makellosen Nagel auf die richtigen Stellen. „Danke.“ Er klappte die Mappe zu. „Sie haben bis zwölf Uhr Zeit, das Zimmer zu räumen.“ Sorgfältig klippte er den Stift an die Mappe. „Sollten Sie überziehen, wird Ihnen ein voller Tagessatz berechnet.“ Er wollte aufstehen.
„Ich...“ Volkwein hielt ihn fest. Er hustete. „Eine Frage... Wie...“
Haupt sah auf die Hand herab, die sich in seinen Ärmel krallte. „Wie wir es heraus gefunden haben?“ Mit einer beiläufigen Bewegung machte er sich frei. „Sie hätten nicht die Spartaste nehmen sollen. Filter schwimmen immer oben.“
__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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Ralph Ronneberger
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Hallo Rumpel,

Uff! Das will erst mal verdaut sein!
Beklemmend, rabenschwarz und saugut geschrieben! Und darĂĽber hinaus ein nicht unrealistischer Blick in die Zukunft, eine Extrapolation der aktuellen Gesundheitspolitik.
Könnte mir Ähnliches bei einem Aids-Kranken vorstellen, der fahrlässig den Gummi platzen ließ oder den Allergiker, der sich trotz Pollenwarnung im Freien aufhält und... und.. und...
Aber lassen wir das. Ich beschränke mich auf den Text und komme zu dem Schluss: "Es gibt nichts zu meckern."

GruĂź Ralph


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Sendling
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Werke: 1
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Düstere Realität, direkt um die Ecke des nächsten Tages, sauber geschrieben.
Einzige kritische Anmerkung:
Selbst wenn es jemals gelingen sollte, Organe zu reproduzieren, werden sie nicht zu den Leistungen eines 'solidar'-Gesundheitssystems zählen, sondern privat zu verrechnende Sonderleistungen sein. Die Forschung dafür wird die 'Solidar'-gemeinschaft über höhere Medikamentenpreise mitfinanzieren, in den Genuss der Leistung selbst werden wir Normalsterblichen nie kommen, wenn sich nichts Grundlegendes ändert.

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