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Leselupe.de > Humor und Satire
Augen
Eingestellt am 09. 11. 2001 12:45


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Pandora
Autorenanw├Ąrter
Registriert: Oct 2001

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Traue niemals
den strahlenden Augen eines Mannes.
Es k├Ânnte die Sonne sein,
die durch seinen hohlen Kopf scheint.


Schade nur, da├č dieser Spruch mir nicht fr├╝her in den Sinn kam.

Vor zwei Wochen sah ich ihn zum ersten Mal.
Auf dem Weg zur Arbeit in der U-Bahn begegnen mir oft ungew├Âhnliche Menschen. Aber niemals k├Ąme ich auf den Gedanken, jemanden anzusprechen oder l├Ąnger als n├Âtig anzuschauen. Mit Diskman und Lesestoff bewaffnet sitze ich Tag f├╝r Tag in der U5 und k├╝mmere mich weder um die streitenden Liebespaare, noch um die biertrinkenden Punks und auch nicht um die tr├╝bsinnig dreinschauenden Marionetten des Alltags. Eigentlich waren sie mir alle vollkommen egal...

...bis zu dem Tag, an dem ich ihm begegnete.

Sein schmales Gesicht war umrandet von langen, schwarzen Haaren, die lockig ├╝ber seine schmalen Schultern fielen. Hochgewachsen, knochig und leicht geb├╝ckt stand er l├Ąssig an einer der Haltestangen gelehnt. Seine Haut war so wei├č, da├č sie regelrecht aus der Menschenmasse hervorstach. Doch viel, sehr viel stechender waren seine Augen. Dieses tiefe, fast t├╝rkis erscheinende Blau bohrte sich durch die Netzhaut meiner Augen; so sehr, da├č es brannte und weh tat. Neckisch strahlten sie mich an und zugleich schienen sie mir tief in die Seele schauen zu wollen. Sie zogen mich an, stie├čen mich weg und zogen mich wieder an. Ich konnte mich von seinem Blick nicht l├Âsen.

Wie war das m├Âglich? Krampfhaft versuchte ich, mich wieder auf mein Buch zu konzentrieren. Aber es gelang mir nicht. Ich sp├╝rte seine Blicke ├╝berall. Immer wieder zwang er mich, ihm tief in die Augen zu schauen.

Die kleine, griesgr├Ąmige Frau mit anregender Pudelfriesur auf dem Platz links neben mir stand auf und zw├Ąngte sich fluchend durch die Masse Richtung T├╝r. Er kam auf mich zu. Zielstrebig und mit noch immer auf mich gerichteten Augen. Als er sich zu mir setzte und seine rechte Hand wie zuf├Ąllig meinen Arm streifte, lief es mir hei├čkalt den R├╝cken hinunter. Kein Wort kam ├╝ber seine Lippen. Kein L├Ącheln, da├č wom├Âglich kleine Gr├╝bchen in dem blassen Gesicht hinterlassen k├Ânnte, umspielte seinen Mund. Ich bemerkte nicht, wie eine seiner H├Ąnde in seinem langen, schwarzen Mantel verschwand. Denn noch immer hielten mich seine Augen fest, fixierten mich und fra├čen sich in meine verst├Ârte Gef├╝hlswelt.

Pl├Âtzlich war er verschwunden. Wenn er seine Augen da gelassen h├Ątte, h├Ątte ich es gewi├č nicht bemerkt. Aber nun war er einfach weg. Hilflos sah ich mich um und registrierte erst jetzt, da├č ich mindestens 3 Haltestellen zu weit gefahren war. Langsam kehrte die Realit├Ąt in meinen K├Ârper zur├╝ck und Panik machte sich breit. Wo war er? Wo war ich? Was macht dieses kleine, schwarze K├Ąrtchen auf meinem Scho├č?

Moment mal...

Was f├╝r ein K├Ąrtchen?
Es lag einfach da. Unschuldig und unscheinbar zierte es meine Oberschenkel. Wieder verpa├čte ich eine Haltestelle. Aber das spielte in diesem Augenblick keine Rolle. Ich nahm die Karte in die Hand, nachdem ich sie lang genug mit den Augen fixiert hatte. Kein Name. Kein Gru├č. Nur eine Adresse mit einer Stra├če, von der ich noch nie etwas geh├Ârt hatte. Ich steckte sie in meine Tasche, versuchte endlich mein Gehirn wieder zu finden, was er allem Anschein nach mitgenommen haben mu├čte. Fast apathisch stand ich auf, um endlich auszusteigen. Verdammt. Wo war ich hier?

Ich fand mich auf einem verdreckten, unheimlichen Bahnsteig wieder, der mir erneut einen kalten Schauer bescherte. ├ťberall sah ich sein Gesicht, seinen K├Ârper und vor allem seine unergr├╝ndlichen Augen. Mindestens 30 Augenpaaren starrten mich von verschmutzten B├Ąnken, an ├╝berf├╝llten, heruntergekommen Zeitschriftenl├Ąden und aus d├╝steren G├Ąngen an. Sie alle schienen mir eine bestimmte Richtung weisen zu wollen. Ich versuchte nicht, mich dagegen zu wehren. Ein Strom aus M├Ąnnern mit langen Lederm├Ąnteln, bleicher Hautfarbe und st├Ąndig zur├╝ckblickenden blauen Augen flo├č vor mir her. Ich folgte ihm. Nur ein einziger Gedanke dr├Ąngte sich durch ausgeschaltete Gehirnzellen. Du mu├čt laufen. Lauf, lauf, lauf. Dreh dich nicht um; beachte nicht die Menschen um dich herum, die Fixer, die Stricher, die S├Ąufer, die Perversen, die Heruntergekommenen, neben, vor und hinter dir. Du wirst kein anderes Gesicht finden. Also lief ich. Ich wei├č nicht, wie lange. Meine Beine bewegten sich automatisch. Wie ferngesteuert, ohne Gef├╝hle, ohne Gedanken verrichteten sie ihren Dienst.
Als ich wieder begann, etwas zu sp├╝rten, waren die Menschen verschwunden. Einfach so. Eine kurze Panikattacke wich dem Unbehagen, welches wiederum der Neugier Platz machte.

Ich stand vor einem alten Haus. H├Ą├člich gr├╝ne Fensterl├Ąden, die aus eine anderen Zeit zu stammen schienen, zierten die schmucklose H├╝tte. Der Teil der Au├čenw├Ąnde, der nicht mit Efeu bewachsen war, lie├č ausgeblichene Bruchst├╝cke von noch nicht abgebr├Âckelten Putz erkennen. Ich griff in meine Tasche, um die Karte herauszuholen, damit sie mir best├Ątigen konnte, da├č der Gedanke, der sich jetzt durch mein Bewu├čtsein drang, falsch war. Ich konnte sie nicht finden. So sehr sich auch meine Finger durch die Innentaschen meine Jacke bohrten, fanden sie au├čer alten Tempos nichts.

Eigentlich war es egal. Ich wu├čte, wo ich war. Es machte keinen Sinn, sich etwas vorzumachen. Das klapprige Gartentor, in dem selben gammligen Gr├╝n der Fensterl├Ąden, hing schief in den Angeln. Vorsichtig versuchte ich, es zu ├Âffnen. Es kr├Ąchzte und quietschte, als es mir widerwillig Einla├č gebot.
Vergeblich suchte ich nach einer Klingel. Als ich an die T├╝r klopfte, ├Âffnete sie sich einladend. Meine Haut kribbelte zum dritten Mal. Ich mu├čte einen Moment verharren, damit sich meine Augen an die Dunkelheit gew├Âhnen konnten.

Als ich ihn endlich fand, war ich schon durch 5 leere R├Ąume geirrt. Doch nun stand er vor mir! Seine strahlende, wei├če Haut durchbrach die Dunkelheit wie ein Blitz einen Himmel voller regenschwerer Wolken. Kein Wort kam ├╝ber seine Lippen. Kein L├Ącheln, da├č wom├Âglich kleine Gr├╝bchen in dem blassen Gesicht hinterlassen k├Ânnte, umspielte seinen Mund. Es war auch nicht n├Âtig. Ich stand in Flammen, als ich seine kalten Lippen empfing. Meine Gef├╝hle, die auf wundersame Weise zur├╝ckgekehrten, obwohl sie in dieser Art noch niemals dagewesen waren, ├╝berschlugen sich. Mir wurde trotz der K├Ąlte seiner Lippen kochend hei├č. Ich zitterte und bebte, w├Ąhrend das St├Âhnen des in mir tobenden Orkans in meinem Hals stecken blieb, weil es keinen Weg nach au├čen fand. Meine Knie versagten. Ich sank auf den Boden und suchte nach Halt. Ich fand ihn. Ich griff nach der ausgestreckten Hand, die mich sanft in ein anderes Zimmer zog. Ich sah weder das schummrige Licht der Kerzen, noch das Himmelbett mit Bez├╝gen aus rotem Satin. Ich sah nur seine Augen. Diese verdammten Augen, die meinen Verstand und meine Sinne benebelten. Ich wollte ihn ber├╝hren, ihm durch das seidiggl├Ąnzende, weiche Haar streichen. Doch er lie├č es nicht zu. Viel zu viele Eindr├╝cke und Emotionen prasselten auf mich ein. Tausend kalte H├Ąnde auf meinem ├╝berhitzten K├Ârper, tausend kalte Lippen auf jeder Pore, tausend kalte Zungen in meinem Mund.

Ich glaube, ich bin irgendwann ohnm├Ąchtig geworden. Als ich aufwachte, sah ich in ein grinsendes Gesicht, lag in einem eisernen Bett auf einer harten Matratze und h├Ârte eine Stimme, die so quietschend und kr├Ąchzend war wie dieses gr├Ą├čliche, alte Gartentor aus meinem Traum. Ich wei├č nicht mehr, was er alles zu mir sagte. Irgend etwas, was alle M├Ąnner nach dem Sex sagen. Bl├Âdes Zeug, dem ich nicht mehr l├Ąnger lauschen wollte. Primitive Zusammenschl├╝sse von Worten, die, wenn sie endlich gro├č geworden waren, mal S├Ątze werden wollten. Stumm und entt├Ąuscht suchte ich meine Sachen zusammen und verlie├č fluchtartig das Haus.

Nachdem ich 3 Stunden durch die Stadt geirrt war, mich m├╝hevoll durch die verw├╝steten, Abscheu erregenden Gassen und Stra├čen gequ├Ąlt hatte, sa├č ich nun endlich wieder in der U5.


Traue niemals den strahlenden Augen eines Mannes...



┬ę Pandora, 2001

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