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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Augen auf und durch
Eingestellt am 28. 04. 2010 18:06


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Dr Time
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Augen auf und durch…

… ein schönes Lebensmotto. Doch frage ich mich manchmal, warum ich nicht anders kann, als über jede Kleinigkeit nachzudenken.
Ein Beispiel: Das Pärchen da mit dem Mischlingshund, siehst du sie? Sind vielleicht Anfang fünfzig, die beiden, der Hund aber noch ganz jung. Als der Mann den Hund auf der Treppe tragen will, sagt sie nur:
„Lass das. Er soll das lernen."
Unwahrscheinlich, dass die beiden verheiratet sind. Sie achten viel zu sehr auf ihr Äußeres. Ich schätze mal sie ist geschieden und er … na ja … schwer einzuschätzen. Vielleicht konnten die beiden aber auch keine Kinder bekommen und haben sich im Tierheim dafür ….

Ach, siehst du? Das ist es, was ich meine. Ich denke viel zu viel nach.
Ich denke auch darüber nach, wer wohl in dem Flugzeug sitzt, das da (wohin eigentlich) fliegt. Welches? Na, das da oben. Ach du hast es noch gar nicht gesehen…? Siehste! Genau das meine ich: Ich habe es längst gehört, bevor du es noch gar nicht sehen wirst.

Einfach mal mit Scheuklappen durchs Leben gehen und Texte schreiben ohne Gedankenstriche - das wäre was. Man könnte sich voll und ganz auf seinen eigenen Kram konzentrieren, und es würden einem nicht immer solche Dinge passieren. Welche Dinge? Na eben Dinge, wie zum Beispiel neulich die Sache am Postschalter.

Ich stehe also in dieser Postfiliale und denke immer noch über irgendein Flugzeug nach, oder ein Pärchen mit Hund. Egal – jedenfalls muss ich ein Buch abholen, weil ich nicht zu Hause war, als der Postbote kam. Freitagnachmittags ist die Schlange vor dem Postschalter besonders lang und bissig. Da gibt niemand einen Zentimeter freiwillig her. Nach fünf Minuten Wartezeit stehen nur noch zwei Kunden vor mir. Ganz vorne ein älterer Herr, der ein Postbank-Konto eröffnen möchte.
Kann dauern, denke ich und zwinkere einem etwa dreijährigen Mädchen zu, welches schon seit geraumer Zeit einen Plexiglas-Ständer mit Werbeflyern neu sortiert. Doch die kleine Rothaarige mit den Sommersprossen streckt mir frech die Zunge raus. Wem gehört das Kind, denke ich schon die ganze Zeit und mutmaße, es müsse sich um den Spross der leicht genervt wirkenden Frau handeln, die als zweite in der Reihe steht und sich mit ein paar großen braunen DinA-4 Umschlägen Luft zufächelt. Vermutlich sind es Bewerbungen, weil sie nach ihrer Elternzeit wieder arbeiten will? Da! Sie hat Blickkontakt zu dem Gör aufgenommen. Hab ich's doch gewusst. Dieselben roten Haare, die aber nur als Ansatz zur schlecht getönten Restfrisur zu erkennen sind.
„Hebst du das gleich bitte alles wieder auf“, sagt sie oder fragt sie. So genau kann man das bei den modernen Müttern nicht auseinanderhalten.
Dieser Satz hat jedenfalls einen enormen erzieherischen Effekt auf Kinder, die nämlich gleich die Möglichkeit erkennen, auch mal Nein sagen zu dürfen. Im Grunde wollte die Mutter auch nur sagen:
Wenn ich jetzt meinen Platz verlasse, um dir die Werbeblättchen wegzunehmen, rückt der Kerl hinter mir eins vor, und es dauert noch länger, bis ich meine Bewerbungen frankieren lassen kann.

Der Typ mit dem Basekap, der in der Schlange hinter mir steht, hat das Mädchen auch längst beobachtet und lächelt milde. Als endlich alle Flyer verstreut auf dem Boden liegen, sucht sich die kleine Rothaarige ein anders Schlachtfeld. Inzwischen ist der Rentner mit seinem Postbankkontobüchlein auf dem Weg zum Ausgang, wo er als pflichtbewusster neuer Postkunde die Flyer wieder einsortiert. Als er dem Kind noch einmal zuwinkt, bekommt auch er die Zunge zu sehen. Nun bin ich schon der Zweite in der Reihe. Wunderbar, denke ich. Aber dann höre ich hinter den Regalen ein leises Wimmern. Ich dreh mich um, kann aber eben nur die Regale sehen, in denen hier neuerdings Schulhefte, Stifte und all so'n Zeugs zum Verkauf liegt. Doch Irgendwo dahinter bewegt sich ein Lamellenvorhang. Einer von der Sorte mit breiten, senkrecht hängenden Lamellen und einer Kette, die das Ganze zusammen hält. Das Wimmern ist inzwischen zu einem weinerlichen Jammern angeschwollen. Will nicht mal jemand nachschauen, was da los ist, denke ich und sehe mich um. Der Basekap-Typ hinter mir hat sich jetzt den Kopfhörer aufgesetzt und macht mit seinem Kopf wie ein Huhn.
Mpf-Ba Mpf-Ba Mpf-Ba …..

Dahinter in der Schlange steht eine ältere Dame und sieht kopfschüttelnd zum Vorhang, der sich mittlerweile bedrohlich heftig bewegt, so als würde Anthony Perkins persönlich daran ziehen.
Klar, dass die Kleine sich irgendwie in den Ketten verfangen haben muss, denke ich. Aber soll ich dieses undankbare Ding jetzt etwa aus seiner misslichen Lage befreien? Jetzt, wo ich gleich an der Reihe bin? Und wo sie mir doch so frech ihre Zunge herausgestreckt hat? Der Typ mit dem Walkman würde sich sicher vordrängeln, wenn ich…. .
Mist. Jetzt weint sie schon richtig. OK – gehe ich eben hin und helfe ihr. Als ich um die Regale komme, bestätigt sich mein Verdacht. Sie hat sich völlig vertrillert in den Kugelketten und sogar schon einen Schuh verloren. Einige der Lamellen sind auch schon ganz verknickt.
"Komm Kleines, ich helfe dir."
Schnell habe ich sie befreit und siehe da... plötzlich sagt sie: "Dante", was wohl Danke heißen soll. Als ich ihr gerade den Schuh wieder anziehe, kommt die total genervte Mutter um die Ecke.

„Was machen Sie denn da mit meiner Tochter? Und Du? Ich hab dir schon tausendmal gesagt, du sollst nicht immer alles anfassen.“

Als ich wieder zum Schalter gehe, sehe ich noch, wie sich der Basekap-Typ lässig den Walkman vom Kopf zieht und die Dame hinterm Postschalter anlächelt:
„Ähh – kann isch bei Ihnen ein Postbankkonto eröffnen?“
Die alte Dame, die eben noch in der Reihe hinter mir stand, hat die Lücke, welche durch meine Kinderrettungsaktion entstanden ist, elegant geschlossen, und so stelle ich mich wieder ganz hinten an. Irgendwann kann ich dann doch noch mein Buch abholen. Gleich heute Abend werde ich es lesen. Dann heißt es wieder… Augen auf und durch!

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Ralf Langer
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hallo dr. time
gelungene szene aus dem alltag.
mit der warteschlange als austragungsort fuer gedankenspiele gut gewaehlt. die lapidare, leicht trotzige sprache des prot ist ebenso gut ausgefuehrt.
der spannungsbogen in der schlange
funktioniert.
kompliment dazu.
einzig das philosophische traktat zu beginn hats nicht noetig.
die gedankenspiele finden ein wenig im luftleeren raum statt. einfach in der schlange beginnen und den start weglassen.
gerne gelesen
p.s
oder die anfaenglichen gedanken in die warteschlange einreihen.
ralf
__________________
RL

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Dr Time
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Vielen Dank fĂĽrs Lesen und das Lob.

Ja Ralf. Ich glaube, du hast Recht mit dem Intro. Es wirkt wie aufgesetzt. Ganz heimlich hatte ich auch schon diesen Verdacht. Aber wie das so ist. Man läßt es erst mal so stehen, in der Hoffnung, es sei schon nicht so wild und würde keinem auffallen. Ich werde da vielleicht nochmal dran Basteln.

LG Stephan
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Ernest Hemmingway

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