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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Augen der Liebe
Eingestellt am 07. 09. 2008 16:43


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luellebroer
Wird mal Schriftsteller
Registriert: Sep 2008

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Augen der Liebe


In letzter Zeit bin ich nur noch unterwegs, nachdem mein letzter Roman einigermaßen erfolgreich herausgebracht wurde. Es folgen Lesungen in jeder erdenklichen Weise, wobei ich wie ein Vagabund nur noch von Stadt zu Stadt reise und hier und da meine Stimme verbreite, was ich mir vielleicht doch ein wenig anders vorgestellt habe. Fragen wiederholen sich bis zum Exitus und immer wieder kritzle ich meinen Namen auf weißes Papier. Ganz plötzlich bin ich wichtig, nach fünfzehn Jahren erfolgloser Arbeit, wo keiner etwas von mir wissen wollte.

Heute allerdings geht es nach Hause. Ich habe meine Freundin Jana schon seit drei Wochen nicht mehr gesehen, was ziemlich an unserer Beziehung nagt. Nach zwei Jahren Trott bricht plötzlich die gerade Linie und haut uns den Wind so dermaßen um die Ohren, dass wir ihn kaum hören wollen.

Ob sie mich wohl vom Flughafen abholt? Sie ist Chirurgin und steht seit so vielen Jahren so äußerst stabil in ihrer Arbeit, dass sie niemand daraus holen kann. Ich weiß manchmal nicht, wie viele Stunden sie am Tag opfert, um ihre Patienten aufzuschnippeln, aber es kommt mir ständig unendlich lange vor.

Jetzt bin ich auch zeitlich gefangen, wo ich doch vorher unendliche Stunden zu Hause verbracht habe, um meine Gedanken zu Papier zu bringen. Mit dem Erfolg hat schließlich niemand gerechnet und als Quasi-Hausmann klappte alles sehr gut. Wenn jemand alle Alltäglichkeit erledigt, fällt er auch kaum auf, und das, was er macht, wird als Lebens erfüllendes Hobby abgetan.

Ich stehe in Düsseldorf und warte auf meinen Koffer, der allerdings nach wenigen Minuten über das Laufband fließt, so dass ich mich schnellstens zum Ausgang bewegen kann. Wie
sehr sehne ich mich nach ein bisschen Alltäglichkeit, das Fernsehen anschalten und ein Bier zischen lassen, Füße hoch legen und auf dem Sofa einpennen.

Ich schaue durch diese riesige Halle, wo nur Leute mit Koffern unterwegs sind oder an einem Schalter warten. Mein Blick sucht nach einem vertrauten Gesicht, das ich allerdings in diesem Gewühle nicht ausmachen kann. Eine kleine Resignation schleicht sich ein, die mir jedoch zum Sitzen und Rauchen rät. Manchmal muss man einfach ein wenig Geduld haben und nach so vielen Erlebnissen – wenn Einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen – sollte man auch einfach mal innehalten. So vertreibt mir der Qualm einer Zigarette die Warterei und zieht in phantastischen Bildern durch die Luft. Ich versuche Kringel zu pusten, was mir allerdings nur ansatzweise gelingt. Durch den seichten Qualm beobachte ich die quirligen Leute, die keine Rast finden, sondern nervös im Aufbruch sind. Sie alle wollen in die Luft steigen und ferne Länder erobern, wo ich doch so froh bin die fernen Städte hinter mir zu lassen. Die Heimat ist doch immer noch heiliger Boden, weil man sich dort nicht mehr verstellen oder anpassen muss.

„ Hallo, mein Schatz“, trifft mich ein Kuss leise auf den Hals. Als ich mich umdrehe lächelt mich meine Jana an.
„ Schön, dass du da bist“, sage ich zu ihr und nehme sie herzlich in den Arm. Sofort bemerke ich allerdings noch ein anderes Wesen, was mich begrüßen will.
„ Was ist das denn?“
„ Nicht was, sondern wer“, entgegnet meine Partnerin.
Ein Wollknäuel an der Leine geführt, wobei sich die Frage stellt, ob das arme kleine Tier die schwere Leine tragen kann.
„ Haben wir etwa einen Hund?“
„ Eine Hündin. Darf ich vorstellen? Kayala.“
Ja, ich hatte so etwas erwähnt, dass es für uns vielleicht besser wäre, wenn wir einen Hund hätten, falls der Andere mal nicht da wäre, so gäbe es keine Einsamkeit. Jana setzt manche Dinge einfach in die Tat um, das ist halt so.

„ Was ist das für eine Rasse?“ will ich wissen.
„ Etwas mit Schäferhund, denke ich.“
„ Wie heißt sie noch mal? Kalala?“
„ Nein, Kayala.“
„ Aus dem Tierheim?“
„ Ja, sie ist so süß“, kommt die logische Antwort.

Wir fahren nach Hause, wobei ich auf den vierzig Kilometern alles Erlebte von mir gebe und kaum aufhören kann. Meine Freundin hört mir geduldig zu und freut sich mit mir über meinen Erfolg. Wenn sich eine Gelegenheit ergibt, berühren sich unsere Hände und als ich ihr einen Kuss auf die Wange geben will – schließlich muss sie sich auf den Verkehr konzentrieren – springt die junge Hündin plötzlich auf meinen Schoß.
„ Huch, wer ist das denn?“ bin ich etwas erschreckt.
„ Sie scheint dich zu mögen“, lacht Jana.
„ Na, sie ist ja auch ein feines Mädchen und vor allem hat sie sehr schöne Augen.“
„ Ich muss doch wohl nicht eifersüchtig werden, oder?“
Meine Hände nehmen den kleinen Hundekopf und streicheln ihn sanft, weil er so zerbrechlich scheint.

Eigentlich hatte ich vor mit meiner Freundin auszugehen, uns mal richtig verwöhnen nach so viel Abstinenz; aber aus Rücksicht auf den kleinen Hund – sie ist gerade vier Monate alt – lassen wir uns das Essen ins Haus kommen und machen es uns bei Kerzenschein und Rotwein gemütlich. Wir haben eine Wohnung im Erdgeschoss mit Terrasse und kleinem
Garten, und da der Abend so angenehm mild ist, sitzen wir draußen und genießen unsere Zweisamkeit.
„ Wie lange bleibst du denn jetzt zu Hause?“ fragt mich Jana.
„ Keine Sorge, jetzt bin ich erst mal die ganze Woche bei dir, da haben wir erst mal Zeit für uns.“
„ Nun“, sagt sie zögerlich, „ ich habe diese Woche leider einige Sonderschichten, weil im Moment so viele Leute krank sind. Tut mir wirklich Leid.“
„ Kriegen wir schon“, beruhige ich sie. „ Zur Not operiere ich ein bisschen mit, dann geht alles schneller.“
„ Oder auch nicht“, kriege ich die Quittung.

Wir gehen ziemlich früh ins Bett, weil ich von dem ganzen Rummel in den letzten Tagen ziemlich überfordert bin; aber wir können wenigstens Arm in Arm einschlafen.

Der Wecker klingelt morgens um sechs, weil Jana so früh raus muss. Als ich meine Augen aufschlage habe ich allerdings nicht mehr meine Freundin im Arm, sondern eine kleine Hündin, die mir direkt durch das Gesicht schlabbert. Jana ist schon angezogen – sie schafft es immer vor dem Wecker, schaltet ihn aber nie aus – steht vor dem Bett und lacht über das Bild, das sich ihr bietet.
„ Kann denn Liebe Sünde sein? Ich glaube, da hast du eine echte Freundin gefunden.“
„ …die du aus dem Tierheim geholt hast. Eigentlich müsste sie dir dankbar sein. Wer kümmert sich eigentlich um den Hund, wenn wir beide ´Dienst´ haben?“
„ Ich habe Gabi gefragt, sie passt dann auf. Frühstückst du mit?“
Gabi ist eine langjährige Nachbarin von Jana und inzwischen natürlich auch gute Freundin von ihr. Sie hat zwei Kinder und wohl auch noch genügend Zeit für einen Hund.
„ Ja, ich stürze mich auf die Reste von gestern.“
„ So früh am Morgen so schwere Kost?“
„ Hunger ist Hunger.“
Ein intensiver Kuss bringt gute Laune für uns beide.

Diese Woche tu ich mir wirklich die Ruhe an, keine Schreiberei, keine Leute um mich herum, keine Termine, lediglich regelmäßige Spaziergänge mit der kleinen Kayala und jede spärliche Minute mit meiner Freundin ausnutzen, mehr darf niemand von mir verlangen. Die paar Tage gehen allerdings so schnell herum, dass die Zeit wie Sand durch die Finger rinnt. Eine gewisse Frau Pflicht meldet sich viel schneller als es mir lieb ist; aber das ist der Lauf der Dinge.

Wie viele Ohren man befriedigen muss, um seine Geschichte zu verkaufen, obwohl ich doch immer denke, dass sie das Buch lesen sollen – wofür sonst habe ich es denn geschrieben? Auch die Presse wird wie aus dem Nichts auf mich aufmerksam und zeitlich werde ich immer mehr gefordert. Es folgt wieder eine Phase, wo Jana und ich uns kaum sehen.

„ Jana? Bist du zu Hause?“ werfe ich in den Raum. Keine Antwort. Dabei habe ich so gute Nachrichten bei mir. Kayala kommt auf mich zugelaufen und springt mich an.
„ Ach, die Hündin ist daheim? Da kann das Frauchen auch nicht so weit weg sein.“
Die treue Hunde-Dame ist in letzter Zeit ziemlich gewachsen und geht kaum von meiner Seite, aber sie ist mir ja auch ans Herz gewachsen. Ich mache es mir auf dem Sofa bequem, wobei mir Kayala direkt auf die Beine springt.
„ Na, dann warten wir halt auf die Frau des Hauses.“
Ich streichle ihr schwarz-blau schimmerndes glattes Fell und sie schaut mich innig mit ihren dunklen Augen an. Keine zwei Minuten später geht die Wohnungstür.
„ Ich bin im Wohnzimmer, Schatz“, rufe ich ihr zu.
Ein paar Taschen werden abgelegt und dann höre ich das Geklacke von Absätzen in kleinen Schritten zu mir kommen.
„ Bist du schon lange da?“ fragt sie mich, als sie zu mir kommt. Sie beugt sich zu mir vor, um mir einen Kuss zu geben. Ich höre plötzlich ein kräftiges Brummen, was ich nicht sofort zuordnen kann.
„ Was war das?“ frage ich rätselnd.
„ Sie hat mich angeknurrt“, sagt Jana entsetzt. Sie packt die Hündin resolut am Fell und setzt sie auf den Boden.
„ So nicht, Fräulein – verschwinde!“
Die sonst so lieben Augen des Tieres fixieren meine Freundin genau, bis sich der Vierbeiner umdreht und geht.
„ Hey, du hast wohl eine Konkurrentin, was?“ meine ich scherzhaft.
„ Komm, das ist nicht lustig. Du verwöhnst sie zu sehr.“
„ Ach, nun lass mal gut sein. Ich habe hervorragende Neuigkeiten: Mein Roman soll verfilmt werden. Ein Fernsehsender interessiert sich dafür.“
„ Was? Das ist ja hervorragend!“ Ich werde mit Küssen übersät.
„ Und weißt du, was noch viel besser ist?“
„ Was denn?“
„ Ich schreibe das Drehbuch…..na? Das heißt, dass ich erst mal wieder lange zu Hause bin. Ist das eine Neuigkeit?“
„ Ja“, schwärmt Jana und nimmt mich in den Arm.

In den nächsten Tagen sitze ich viel auf der Terrasse und quäle die Tastatur meines Laptops, auf dass ein taugliches Drehbuch entstehe. Ich kann mich noch ziemlich genau erinnern, als mir so fürchterlich warm in der Mittagssonne ist, dass ich mein T-Shirt ausziehe. Kayala schleicht sich langsam heran und nimmt das auf dem Boden gelandete Shirt vorsichtig zwischen die Zähne und schleppt es weg in ihr
Körbchen. Ich nehme es nur aus dem Augenwinkel wahr, habe aber auch nicht das Bedürfnis einzugreifen, weil ich viel zu beschäftigt bin.

Einige Tage später besuche ich einen Freund, mit dem ich mir bei Billard und Bier einen gemütlichen Abend in einer nahen Kneipe mache. Es wird ziemlich spät, bis ich nach Hause komme und das Bier lief so gut, dass ein ordentlich starres Grinsen in meinem Gesicht kleben bleibt. Als ich die Tür aufschließe, sehe ich noch Licht in der Küche und steuere darauf zu.
„ Du bist noch wach?“ frage ich Jana leicht lallend, die am Küchentisch sitzt und ein Handtuch um ihre rechte Hand geschlungen hat.
„ Ja.“
„ Ich weiß, dass es verdammt spät geworden ist, aber ich musste mal raus.“
„ Ist doch kein Problem“, höre ich eine weinerliche Stimme.
Ich nehme sie in den Arm und küsse sie, wobei mir einige Tränen nicht verborgen bleiben.
„ Was ist passiert?“
„ Sie…..sie hat mich gebissen.“
„ Wer?“
„ Kayala…..sie hat mich gebissen.“
„ Ach was, unsere Süße beißt doch keinen.“
„ Deine Süße“, entgegnet sie mir.
„ Was soll das denn heißen?“
„ Merkst du nicht, wie sehr der Hund auf dich fixiert ist? Ich wollte nur das T-Shirt von dir aus ihrem Körbchen nehmen, um es zu waschen; da hat sie mich gebissen.“
„ Vielleicht nach dir geschnappt“, verbessere ich Jana, „ weil du ihr was wegnehmen wolltest. So sind Hunde manchmal.“
Sie nimmt das Tuch von ihrer Hand.
„ Nennst du das schnappen?“
Eine tiefe Wunde zeigt sich mir, die Haut ist weit aufgerissen und das Blut fließt ordentlich heraus.
„ Oh, mein Gott! Damit müssen wir zum Krankenhaus, das muss genäht werden. Ich bestelle ein Taxi.“
Ich schaue zu der Hündin herüber, die mich so treu anschaut wie eh und je, als könnte sie nicht verstehen, was passiert ist.

Auf dem Weg zum Krankenhaus frage ich Jana:„ Hast du vielleicht eine bedrohliche Geste gemacht oder zu schnell zugegriffen?“
„ Mein Gott“, sagt sie wütend, „ ich wollte nur dein T-Shirt nehmen und waschen und dieses Vieh hat mich gepackt und nicht mehr losgelassen.“
„ Lassen wir es für heute gut sein, das war bestimmt nur ein Unfall.“
„ Das sehe ich anders. Sie will dich nicht mit mir teilen.“
„ Ach, nun hör doch auf. Das hört sich ja an wie in einem Gruselfilm. Sie ist doch noch ziemlich jung, auch wenn sie ziemlich gewachsen ist; da fehlt halt noch etwas Disziplin.“

Die Hand wird wieder hergestellt, mit Nadel und Faden wird die Haut zusammengenäht. Ein paar Schmerztabletten mit auf den Weg, dann geht es wieder nach Hause. Natürlich pflege ich meine Freundin und verwöhne sie, damit sie diesen Vorfall schnell wieder vergisst.

Als wir spät abends dann ins Bett gehen, will die Hündin – wie immer – zu uns.
„ Nein, du gehst ab“, befiehlt sie das Tier herrisch weg.„ Ab heute wirst du dieses Zimmer nicht mehr betreten!“
Ich bin etwas erstaunt über meine sonst so verständnisvolle Lebensgefährtin; aber ich lasse es nach diesem Vorfall auch einfach gut sein, weil sich die Situation einfach erst mal
beruhigen muss.

Es vergehen einige Tage, wo alles ein wenig auf Distanz ist, aber auch nichts Außergewöhnliches passiert. Jana benimmt sich seit dem Ereignis gegenüber unserer Mitbewohnerin ziemlich streng und beinahe unerbittlich, wobei Kayala mich oft genug mit treuen und liebevollen Augen bombardiert, dass es mir ein wenig im Herzen brennt.

„ Du musst sie nicht so hart anfassen, Jana. Sie hat doch längst verstanden, was sie für einen Mist gebaut hat.“
„ So? Glaubst du? Sie hat dich wohl um die Pfote gewickelt, was?“
„ Ach, nun hör doch endlich auf. Ein Hund, der einen Fehltritt begangen hat, ist keine reißerische Bestie. Sie bereut es wirklich, glaube mir.“
„ Und warum kommt sie dann immer nur zu dir?“
„ Na, weil……es ist ja nichts passiert zwischen uns.“
„ Genau das meine ich doch: Dich mag sie, nein, sie liebt dich sogar und ich bin für sie einfach nur störend.“
„ Darf ich dich daran erinnern, dass du den Hund angeschafft hast?“
Jana dreht ihren Kopf langsam zu mir und schaut mich an, als wolle sie mich lynchen, steht auf und geht weg. Kayala kommt langsam zu mir geschlichen und blickt mich so extrem unterwürfig an. Ich klopfe mit der flachen Hand auf das Sofa, worauf sie direkt neben mich springt und ihren Kopf auf meinem Bein parkt.
„ Du kannst nichts dafür“, kraule ich ihr Fell.

Die nächste Zeit entpuppt sich als sehr schwierig und kühl zwischen uns. Ich habe endlich mal wieder einen Außentermin, wo ich gewisse Dinge abklären muss. ´Hauptsache raus´ denke ich mir.
„ Ich fahre jetzt los“, verabschiede ich mich mündlich. Umarmungen und herzliche Verabschiedungen sind im Moment nicht drin.
„ Wann kommst du wieder?“ fragt Jana aus einiger Entfernung.
„ Es wird spät, warte nicht auf mich.“
„ Ich werde Kayala abgeben“, höre ich wie aus dem Nichts.
„ Was willst du?“
„ Der Hund verschwindet, er ist Gift für uns.“
„ Das……das ist doch nicht dein Ernst, oder?!“
„ So ernst war mir schon lange nichts mehr“, vernehme ich eine dermaßen entschlossene Stimme.
„ Ich muss los!“ Ohne ein weiteres Wort zu verschwenden, ziehe ich die Tür hinter mir ins Schloss. ´Soll sie doch!´

Meine Vorgespräche mit der Filmproduktion laufen hervorragend, was mich beruflich ziemlich weit nach vorne bringen kann. Es eröffnen sich Chancen, von denen ich vor kurzem noch nicht zu träumen gewagt hätte. Ich gehe nachher noch mit meinem Manager Tom, den ich schon seit Jahren kenne, essen und spreche einfach mal meine private Situation an.
„ Ach, Junge, nimm das doch alles nicht so schwer“, sagt er lapidar zu mir. „ Du kaufst gleich einen Blumenstrauß für Jana, fährst nach Hause und machst dir einen schönen Abend mit ihr. Sie braucht dich einfach; die letzte Zeit war bestimmt nicht einfach für sie, wo du so langsam auf der Erfolgsleiter höher steigst.“
„ Meinst du?“
Er haut mir kameradschaftlich auf die Schulter. „ Du machst das schon.“

Es ist noch früh am Nachmittag und ich hole dreizehn rote Rosen, weil dreizehn meine Glückszahl ist. Ich möchte meine
Liebste einfach nur überraschen, die heute frei hat und so früh wohl nicht mit mir rechnet. Ein neuer Schwung beflügelt meine Fahrt nach Hause, ich freue mich endlich wieder auf meine Jana, ganz neu und ohne Vorbehalt, die Sorgen einfach mal vergessen, ein kleiner neuer Anfang. Ich parke direkt vor dem Haus, wo ich sie an einem Fenster auf der Leiter sehe, wo sie die riesigen Fenster putzt. Kaum hat sie mal frei, muss sie schon alltäglichste Sachen erledigen, aber vielleicht sucht sie auch nur ein wenig Ablenkung. Ich steige aus und schnappe mir den Blumenstrauß.
„ Jana“, rufe ich ihr freudig zu und winke ihr mit den Blumen.
Sie nimmt mich wahr, als sie sich ganz fürchterlich streckt, um die Oberlichter dieser fast schaufenstergroßen Gläser zu erreichen. Dabei steht sie fast auf Zehenspitzen auf dem kleinen Plateau, der obersten Stelle der Leiter. Dann winkt sie auch noch zu mir herüber und ein leises Lächeln erblüht auf ihrem Gesicht. Warum muss sie in allem so ehrgeizig sein, dass sie sich für solch eine Tätigkeit so dermaßen ins Zeug legt?
„ Ich liebe dich!“ rufe ich ihr noch mal zu, was das Lächeln in ein herzliches Lachen verwandelt.
Sie sagt nichts, sondern streckt ihre linke Hand weit aus dem Fenster. Als ich sehe wie sehr sie sich freut, blüht mein Herz auf – die Leiter……wie ein Stoß aus dem Nichts kommt dieses ach so stabile Teil ins Wanken, ihre Füße finden keinen Halt, die Finger greifen in der Zeit eines Wimpernschlages verzweifelt durch die Luft, bis der Körper wie bei einem Salto Mortale durch die Gegend wirbelt und der Kopf auf die marmorne Fensterbank aufschlägt, so dass der Knall die Gegend erschüttert. In Zeitlupe fallen die Rosen zur Erde, ich versuche zu laufen und klebe am Boden fest. Eine gefühlte Ewigkeit vergeht, bis ich bei ihr bin.
„ JANA! JANA!“ schreie ich hilflos und als ich bei ihr bin,
registriere ich nur noch das viele Blut und meine Freundin am Boden. Ich klettere zitternd durch das offene Fenster und knie mich zu ihr auf den Boden. Ganz vorsichtig nehme ich ihren Kopf in meine Hände. Diese Situation kommt mir so unwirklich vor, so ekelhaft phantastisch, dass ich kaum Luft kriege. Sie schlägt noch einmal ihre Augen auf und schaut mich durchdringend an.
„ Der Hund……..“, haucht sie mit letztem Atem, „ er……liebt dich noch mehr……“

Ich bin für Stunden apathisch, kriege nicht mit wie die Sanitäter und die Polizei ihre Arbeit tun. Mein Körper ist nicht fähig für eine geordnete Bewegung, mein Geist verzweifelt an dem einfachsten Gedanken. Trotzdem werde ich von den emsigen Kriminologen befragt.
„ Ich weiß wie schwer das für sie ist“, spielt mir der Beamte sein Mitgefühl vor, „ aber Sie sind der Einzige, der es gesehen hat. Wissen Sie, das ist eine Leiter mit Auslegern unten, die kippt nicht einfach so um. Die Schuhe Ihrer Freundin hatten sehr rutschfeste Sohlen – was also ist passiert?“
„ Ich…….ich habe ihr doch nur zugerufen“, sage ich verzweifelt.
„ Nun, ich glaube nicht, dass es das war. Konnte jemand an der Leiter gestoßen haben?“
„ Sie meinen die Hündin, nicht wahr? Jana mochte sie nicht.“
„ Nun, es besteht doch die Möglichkeit, oder?“
Ich lache halbherzig resigniert.
„ Sie war angeleint – Jana traute ihr zuletzt wohl nicht besonders.“
Mein Blick zu Kayala wird leidlich erwidert, weil die Hündin wohl kaum weiß worum es geht. Ihre Augen sind so klar und rein und dürsten nach etwas Nähe zu mir; aber im Moment
bin ich zu nichts fähig.

Letztendlich war es ein blöder Unfall, was allerdings nicht in meinen Kopf gehen will – wie auch, wenn man die eigene Freundin sterben sieht?

Es vergehen Wochen, wo ich mich in meine Arbeit stürze, um ein wenig zu vergessen; und wenn ich abends zu Hause sitze, kraule ich das Fell von meiner treuen Hündin. Die letzten Worte von Jana gehen mir nicht aus dem Kopf; aber ich habe doch gesehen, dass Kayala angeleint war, also kann sie es nicht gewesen sein.
„ Du kannst nichts dafür, Süße!“
Diese dunklen Augen schauen mich so glücklich an. Mein Glück allerdings ist unendlich weit weg.

Manchmal geschehen Dinge, die unglaublich scheinen; aber das Leben geht doch glücklicherweise seine eigenen Wege. Ich lerne sie in einem Cafe kennen, vielleicht weil sie mein Buch in der Hand hat und liest oder weil ich schlicht und ergreifend stolpere und ihr mein Stück Torte auf den Rock kippe. Schuld daran ist allerdings auch Kayala, die in einem äußerst ungünstigen Moment mir quasi ein Beinchen stellt; aber ich kann ihr wohl kaum böse sein.

Sie heißt Martina und hat Humor, denn sie leiht sich meine Kuchengabel, um das desolate Tortenstück von ihrem Beinkleid zu essen.
„ Wäre doch zu schade“, lacht sie mich an. „ Übrigens sehr lecker. Möchten Sie auch mal?“
Ich zögere erst, aber dann denke ich: Warum nicht?

Aus dieser Begegnung entsteht eine weitere und noch eine und irgendwann lade ich sie dann zu mir ein. Es ist schon
eine kleine Ewigkeit her, dass ich Frauenbesuch hatte – oder überhaupt einen Besuch.
„ Ich habe eine Flasche Wein mitgebracht“, empfange ich diese Frohnatur an der Tür. „ Ein Bordeaux 2002, ich hoffe er schmeckt.“
„ Wenn er nicht schmeckt, dann wirkt er wenigstens“, flachse ich.
Kayala kommt wie aus dem Nichts und fletscht knurrend ihre Zähne. Sie hatte mich lange Zeit für sich und reagiert wohl ein bisschen eifersüchtig.
„ Oh, meine Liebe“, sage ich zu der Hündin, „ das passt heute gar nicht. Da muss ich doch wohl die Leine zur Hilfe nehmen.“
„ Sie mag mich wohl nicht besonders“, sagt Martina etwas irritiert.
„ Nennen wir es so: Sie muss sich erst etwas gewöhnen.“

Ich mache die Hündin an der Heizung fest, auch wenn es ihr nicht schmeckt, und stelle ihren Korb und ihre Näpfe in die Nähe, so dass sie mit allem versorgt ist. Inzwischen ist sie ausgewachsen und mit ihren fast fünfzig Zentimetern Schulterhöhe auch nicht die Kleinste.

Es folgt ein wunderschöner Abend mit hervorragendem Essen – schön zu wissen, dass ich noch kochen kann – und der Wein schmeckt nicht nur, sondern verfehlt auch seine Wirkung nicht. Erste seichte Berührungen, ein erster Kuss, wobei mein Blick immer mal wieder zu Kayala hinüber schweift, um ihre Reaktion zu sehen; aber sie bleibt ruhig.

Ich verabschiede mich für einen kurzen Besuch auf das Pissoir, wo ich einerseits meine Blase erleichtere, aber mir auch kurzzeitig vor dem Spiegel ein bisschen Mut zuspreche, weil doch alles so hervorragend läuft. Vielleicht könnte das
meine neue Liebe werden, zumindest kribbelt es ganz heftig im Bauch. Kaltes Wasser erfrischt mein Gesicht, ein Griff durch die Haare und dann…… ein mächtiger Schrei erschüttert den Raum! Ich sehe noch kurz meine erstarrten Augen im Spiegel, bis ich durch die Tür stürme und mit brennenden Schritten zu Martina laufe. Sie liegt auf dem Sofa und hält sich den blutenden Arm, der Blick starr ins Nichts, heftig schnappend nach Luft. Sofort reiße ich den Kopf herum zu meiner Hündin, die ihre Schnauze verzweifelt schnell durch ihr Halsband steckt und durch einen kleinen Ruck nach vorne so wie vorher an der Leine hängt.
„ Sie……sie hat……mich gebissen“, heult die verzweifelte Stimme von Martina, „ einfach so!“
Ich schaue mir die nicht minder heftige Wunde an und ohne zu zögern ergreife ich das Telefon, um den Notarzt zu rufen. Inzwischen verbinde ich die Wunde und beruhige Martina so wie es in meinen Möglichkeiten steht.

Ich sitze alleine wie immer und werde angestarrt von einer Liebe, die alles dafür tut, um nichts zu verlieren von mir. Langsamen Schrittes gehe ich zu ihr, knie mich zu ihr und streichle ihr über den Kopf.
„ Eine so treue Seele, die für ihre Liebe über Leichen geht“, sage ich leise zu ihr. „ Jana kannte dich genau; deswegen musste sie auch gehen. Aus einem Halsband schlüpfen ist eine Sache; aber wieder schnell genug hinein zu gelangen ist eine Kunst. Manchmal geht es halt nicht schnell genug.“

Mir ist klar, dass das Halsband von meiner Hündin zu weit sitzt und ergreife die Schnalle mit fester Hand. Zwei dunkle Augen glänzen mich an und wissen um ihr Gefühl zu mir. Ein heftig pumpender Atem, der nach Luft ringt, lässt das Glänzen nicht verschwinden. Und als sich die Augen verschwiegen schließen, bleibt doch dieser unnachgiebige Blick.

Ich bleibe einsam sitzen und denke an eine große Liebe.

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Rumpelsstilzchen
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Ich gestehe, ich hab' mich mit der Freischaltung etwas schwer getan.

Vor allem wegen der ausschweifenden Beschreibung der Lebensumstände Deines Protagonisten, die noch dazu schwer an ihren Metaphern zu tragen hat. Auch wenn's schwer fällt, solltest Du diesen Teil drastisch kürzen. In der Hoffnung, dass Formulierungen wie „...und warte auf meinen Koffer, der allerdings nach wenigen Minuten über das Laufband fließt“ dem gnädigen Vergessen anheim fallen.

Konzentriere Dich auf das Wesentliche: eifersüchtige Hundedame duldet keine Buhle und wird zur Killerin.

Das war der unangenehme Teil (nur ein bisschen, zur Eingewöhnung). Nun der angenehme:

Willkommen auf der Leselupe ;-)

Wie von ungefähr: grad' noch da, war er nicht mehr


__________________
Ich glaube
an das Gesetz
der kritischen Masse

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