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Leselupe.de > Kurzprosa
Aus dem Leben gegriffen
Eingestellt am 15. 02. 2011 18:16


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onhcam
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jul 2010

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Je lÀnger die SÀtze werden, umso mehr verliere ich das Vertrauen in sie.
Der dĂ€mmernde Tag beginnt mit der Gewissheit der fehlenden Erinnerung. Die TrĂ€ume sind ihm entschwunden. Was war es diesmal, das ihm den Schlaf geraubt hat? Stand er auf einem Berg und blickte mit schwitzenden HĂ€nden in die Tiefe, oder lag er bereits erdrĂŒckt am Boden? Sie sind erloschen, die Bilder, nur ein Ausguss seiner zerrĂŒtteten Nerven bleibt in den LeintĂŒchern zurĂŒck.

Unsicherheit tritt in den Tag. Die Syntax der morgendlichen BemĂŒhungen ist fragil. Die BanalitĂ€t der sich wiederholenden Anstrengungen, sie verengt sich unter der Last der Begriffe. Die erste Entscheidung des Tages und schon stockt ihm der Atem. Sensodyne oder Blend-a-Med? Fruchtig oder eine leichte SchĂ€rfe. Dichotomische ZustĂ€nde. Es ist unumgĂ€nglich, eine muss es sein, sonst bringen Schmerzen seine ZĂ€hne zum Zucken.
Das Wasser aus dem Duschkopf umringt den getrockneten Schweiß und zieht ihn in den Abfluss hinab. Der Tau fĂ€llt ab. Die Bewegungen verfeinern das Fleisch. Mit den prasselnden Tropfen dringt wieder ein Fluss von Gedanken unter die SchĂ€deldecke. Klatschnasses Haar klebt ihm im Gesicht und er beeilt sich nicht es zu verhindern. Ein letzter Moment der Einkehr, bevor der Tag ĂŒber ihm zerbricht.
Als das Wasser aufhört zu fließen, sind seine Muskeln umklammert von KĂ€lte, sie fesseln ihn. Der Stoff aus Frottee verhindert das Schlimmste.
Abgeschrubbt betritt er sein Zimmer. Eine Auswahl muss getroffen werden, das Spiel der Masken beginnt auf ein Neues. Stoffe ĂŒber Stoffe, trotzdem fĂŒhlt er sich darunter nackt. Bleibt es vorerst.

Wenn die Nacht kommt versperren sich die meisten Lider, nur nicht die in seiner Seele, sie öffnen sich erst und kommen so bald nicht mehr zur Ruhe.
Die WĂ€nde bekommen Augen, hinter dunklen Fenstern beobachten ihn Unbenannte in unbekannten Posen. Manchmal fackelt ein Licht auf in jenen Augen, wie bei Feuerzeugen die nicht richtig zĂŒnden. Wer ist es, der da im Fenster steht?
Er ist unbefriedigt, aber mit ihnen kann er sich nicht gehen lassen, verschließt er sie, ist er selber blind. Die Not lĂ€sst sie ihn wieder öffnen. Er braucht sein Publikum.
Ein noch nackter Körper reflektiert sich im Glas, seiner. Es ist Lachen das er hört, als er die Gewichte hebt. Muskelkonvulsionen. Ein neuer Körper erwacht im Licht, das Schlaffe ist beiseite geschoben. Die Illusion von StÀrke betrachtet sich im Spiegel. Wen willst du beeindrucken?
Er zieht sich an. Mode und Wein, Kraftnahrung fĂŒr die Seele. Wir können uns hinter beidem verstecken.

Die Straßen. Schwarz, grau, blau und grelles Gelb. Sie sind da fĂŒr uns, wenn wir sie brauchen.
Er steht vor BÀumen, sie starren ihn an und als er an ihnen vorbei geht, hört er ein Tuscheln. Oder sind es doch nur die BlÀtter, die rascheln?
Alle erröten wenn er sie ansieht, sie haben so sehr Angst vor sich selbst. Der Blick schweift zurĂŒck in die Seele, grĂ€bt sich dort ein Nest. Die U-Bahn ist ein Ort der Trauer.
Es tauchen Menschen auf aus dem Dunkel und sind wieder weg, er greift nach einer Hand und ist selbst gleich wieder entschwunden. Die Seele darf sich beruhigen.
Das Herz muss schneller schlagen, die weiße Flut bricht aus, spricht seinen Namen. Sie wollen sich zusammen tun.
Im weißen Rausch verfolgt von tausend Paaren und in diesen tausend Paaren alles, nur kein Sinn.
Verfolgt die Maske ihn schon wieder, die er den anderen aufzusetzen pflegt?
Kein Herantreten an den NĂ€chsten, immer bereit zu flĂŒchten. Seine Augen springen umher, sie finden keine Ruhe. Verwandtschaften ergeben sich hier nicht, es fehlt der tiefere Sinn.
Der Vorwurf an sich selbst bleibt bestehen, solange man eben besteht, aber will man denn...?
BedrĂŒckung fĂŒhrt ihn heim in die Stille, wenn die Schatten sich wieder verwerfen im Schein der morgendlichen Sonne.

LĂ€sst er die Nacht im Traum an sich vorĂŒberziehen oder ergreift er sie, schĂŒtte ihr sein Herz aus, lĂ€sst das Trommeln seines Herzens durch die Dunkelheit donnern, lĂ€sst alles hinaus, dass immer schon gesagt werden musste. Sie sollen es ruhig hören. Und wenn es vorbei ist, zieht er sich abgeschlafft in seine Matratzenhöhle zurĂŒck, versperrt sich, und erwartet den nĂ€chsten, rastlosen Abend.

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Ralf Langer
Routinierter Autor
Registriert: Sep 2009

Werke: 304
Kommentare: 2919
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hallo onhcam( wie soll man das aussprechen),

ich glaube das dir hier ein starkes stĂŒck kurzprosa gelungen ist. nicht wirklich stringend, eher sehr sprunghaft, verfolgen wir den tag eines desillusionierten.

viele gelungene kopfbilder, wie:

Je lÀnger die SÀtze werden, umso mehr verliere ich das Vertrauen in sie.
Der dÀmmernde Tag beginnt mit der Gewissheit der fehlenden Erinnerung

oder

Die Syntax der morgendlichen BemĂŒhungen ist fragil.

aus deinem text und aus dem prot, liesse sich eine tolle kurzgeschichte entwickeln.
ich rate dir diese person nicht aus den augen zu verlieren.
ihr einen namen, einen beruf und menschen an die seite zu stellen.

da steckt viel mehr drin.

sehr gerne gelesen

ralf
__________________
RL

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KaGeb
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo,

mich hat dein Text beeindruckt, und fĂŒr mich brĂ€uchte es keine Erweiterungen hinsichtlich Namen, Beruf und weiteren Akteuren - wie von Ralf Langer empfunden.
Ist immer wieder interessant, wie unterschiedlich Texte doch empfunden werden können.

Das eine oder andere könnte bei diesem kurzen Text durchaus noch streichen und manche Fremdworte tilgen.
"Fragil" zum Beispiel hat laut Google 7 Bedeutungen und 118 Synonyme. Auch verwirrt "Syntax" im Satzzusammenhang mich mehr als ich bereit bin, mich von der lasziven Lesemelodie der 7 Worte einlullen zu lassen.

Dennoch: Ein starker Text!

LG Karsten



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