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Leselupe.de > Science Fiction
Aus dem Tagebuch eines Aussteigers – erster Eintrag
Eingestellt am 07. 01. 2018 00:50


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Tula
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Aus dem Tagebuch eines Aussteigers – erster Eintrag

Die ersten Zweifel kamen mir am Donnerstag vor zwei Wochen. Es war zunächst ein ganz normaler Abend: Judith war seit Stunden damit beschäftigt, unsere Wohnung keim- und staubfrei zu halten. Im Wohnzimmer war sie mit ihren dürren Armen bis in die letzten Winkel unserer Schrankwand gedrungen und hatte weder die filigranen Buntglasgebläse noch unseren koprophagenischen Kunststoff-Bonsai ausgelassen. Je nach Form und Material des zu reinigenden Objektes benutzte sie einen besonderen Staubwedel und strich flink und behutsam über jede Kante oder Blättchen. Danach war der Teppich an der Reihe. Sorgfältig besprühte Judith jeden Quadratdezimeter mit blau schäumendem Milbrotektor, um die so vorbereitete Fläche exakt sechs Sekunden später abzusaugen. Nun stieß sie mir ab und zu sanft fordernd an meine Pantoffeln, nicht ohne diese ebenso mit einer speziellen Bürste zu bearbeiten.
“Können wir das Ding nicht mal eine Minute abstellen?” wollte ich von Moni wissen.
Meine Frau hörte mich nicht. Sie saß mit geschlossenen Augen und zufrieden lächelnd auf der Couch. Unter ihren langen Haaren war der Mikro-Lektor im rechten Ohr zwar nicht wahrzunehmen; der Deckel der kleinen Kassette vor ihr ließ aber wenig Zweifel. Moni war bei ihrer 'Weiterformungsmaßnahme', wie sie es selbst scherzhaft nannte: Mysterium der Zufriedenheit – auf der Suche nach sich selbst, Kurseinheit 935.

Ich gab auf und widmete mich wie jeden Abend dem holografischen Stellenanzeiger unserer Region. Nicht, dass ich wirklich eine berufliche Wende herbeisehnte. Dies wäre sowieso zwecklos: ich gehörte zur Gruppe 'Entsorgung', womit mir der Traum meiner Kindheit (oder richtiger: der meiner Eltern) für immer verbaut war. Denn um in die Gruppe der 'Entwicklung' zu gelangen, bedurfte es eines IQs von mindestens 140. Mit einem schlappen Ergebnis von 125 damals im Alter von 15 Jahren war mir nur die Wahl zwischen 'Entsorgung' und 'Wartung' geblieben. Nichtsdestotrotz war mir diese leicht gefallen. Im Gegensatz zur 'Wartung', wo man stets nur nach Handbuch Strom- und Spannungswerte prüfen und defekte Teilsysteme austauschen durfte, konnte man in der 'Entsorgung' die Roboter trotz einiger Einschränkungen noch mit einer Spur freier Entscheidung auseinandernehmen, sich ihrer bio-mechanischen Struktur widmen, hin und wieder einen Schaltkreis in der Tasche verschwinden lassen und nach Hause nehmen. So brachte ich beim Experimentieren irgendwann einmal meinen Goldfisch (kein echter natürlich) dazu, in wunderschönen, akrobatischen Pirouetten zu schwimmen. Mir wurde bloß nie klar warum, denn der Chip stammte aus der bionischen Zentraleinheit eines Robo-Freundes der lokalen Stadtverwaltung.

Die Stellenanzeigen waren in die fünf allgemein bekannten Hauptgruppen geordnet. Es gab neben 'Entwicklung', 'Wartung' und 'Entsorgung' noch zwei weitere Gruppen, die mich allerdings persönlich nicht sonderlich interessierten, von meiner fehlenden Qualifikation mal abgesehen. Das waren 'Information' und 'Überwachung'. Letztere entsprach ohnehin einem mehr oder weniger absterbenden Zweig, denn zur Überwachung vor allem kritischer, vernetzter Systeme wurde verstärkt an einer neuen Generation von Robotern gearbeitet, die auch diese Tätigkeit dem Menschen für immer ersparen würde. Schließlich waren letztere verlässlicher als Menschen, wenn es um die Diagnose und Auswertung technischer Betriebsdaten ging, wobei inoffizielle Quellen manchmal eher nebensächliche Faktoren wie Kostensenkung erwähnten. Wie dem auch sei, die Sicherheit der Bevölkerung stand stets an erster Stelle: wenn es überhaupt einmal zu einer schwerwiegenden Systemstörung kam, war die ermittelte Ursache letzten Endes immer wieder menschliches Versagen, und sei es der Sekundenschlaf eines Mitarbeiters des Überwachungspersonals.
Was 'Information' anging, waren die Mitarbeiter dieser Kategorie besonderen Auswahlkriterien unterworfen, die man hingegen aus fachlich-technischen Gründen nicht publizierte. Klar war nur, dass es in diesem Beruf schwere Entscheidungen zu treffen galt. Wenn nämlich verschiedene Nachrichten-Erfassungs-Zentren Information erstellten, die sich in irgendwelchen Details nicht vollständig deckten, dann musste der Mensch sein Urteil fällen, welche davon für die staatliche Berichterstattung als zuverlässig anerkannt und somit veröffentlicht werden durften. Eine hohe Verantwortung wenn man berücksichtigt, dass eine Unmenge von Entscheidungssystemen täglich mit Daten gespeist wurde, die aus öffentlichen Ämtern der 'Information' stammten. Man denke nur an die Kvanefjelder Börse und die Preisschwankungen von Lanthan, Praesodymium und anderen wichtigen Rohstoffen, welche, wenn auch indirekt und je nach Golfstromtemperatur, einen bedeutenden Einfluss auf den morgendlichen Berufsverkehr hatten. Kein städtisches Verkehrsregelungsystem wäre heutzutage in der Lage, ohne aktuelle Kurswerte die Ampelführung zu optimieren. Jedenfalls stand es so in irgendeinem Paragraphen der Brüsseler Verordnung von 2067 über die Harmonisierung der Wartezeiten an europäischen Lichtsignalanlagen.

Die Stellen in meiner Kategorie glichen sich wie üblich wie ein Ei dem anderen: Name der Firma, Kategorie Entsorgung, Lizenz L786-Db7r als Voraussetzung (entsprach meiner gesetzlich anerkannten Ausbildung als Roboter-Demontage-und-Entsorgungs-Spezialist), Kontaktdaten und der Vermerk 'staatlich geregelter Vergütungssatz'. Ich forschte vor allem nach internationalen Unternehmen, bei denen es noch eine geringe Chance auf jährliche Prämien gab. Leider blieb die Suche ein weiteres Mal ohne Erfolg. Gerade als ich mich dem Feuilleton zuwenden wollte, blinkte vor mir eine Annonce auf, die augenscheinlich erst wenige Sekunden alt war:

Suche Spezialisten der Kategorie Entsorgung für experimentellen Warentest. GV AFFE – Gemeinnütziger Verein für Andromonische Fehl-Funktion-Ermittlung. Hyper-Kontakt affe{unpub:fork}trond.eu. Entgelt vertraulich ausgehandelt.

Ich stutzte. Zum einen konnte ich mit 'gemeinnützig' nicht viel anfangen. Vereine kannte ich wohl einige. Zum Beispiel besuchten ich und Moni einmal im Jahr den Kunststoff-Bonsai-Wettbewerb unseres Stadtviertels. Der Batterieverbrauch der Organisatoren musste natürlich irgendwie bezahlt werden, wozu letztere einen Verein gegründet hatten, welcher im Einvernehmen mit der städtischen Energieversorgung das notwendige Geld über die Stromrechnung der Anwohner einsammelte, also automatisch abkassierte. Mein Nachbar, der selbst keinen Bonsai hatte, erklärte mir vor ein paar Monaten, dass das 'gemein' sei, worauf ich ihn wiederum auf die 'Nützlichkeit' des Wettbewerbs aufmerksam machte. Immerhin konnte man sich beim Treffen mit anderen Bonsai-Liebhabern über die Spitzfindigkeiten der koprophagenischen Nährstoffzufuhr austauschen.
Was mich aber wirklich verwunderte war die 'Fehl-Funktion-Ermittlung'. Andromonen, also der städtische Robo-Freund, Robo-Polizist, Robo-Arzt usw., funktionierten oder eben nicht, typischerweise im abgestellten Zustand. Oder es ging um die Kapazität dieser technischen Spezi, weitere menschliche Schwächen aufzudecken, um diese ebenfalls durch die Anwendung künstlicher Intelligenz zu umgehen?

“Moni, schau dir das mal an!” rief ich meiner Frau zu. Zufälligerweise war sie gerade dabei, sich und ihren Mikro-Lektor auf die nächste Kurseinheit vorzubereiten. Da sie das holografische Bild der Anzeige aus ihrer Perspektive nicht wahrnehmen konnte, erhob sie sich mit einem Seufzer der Ungeduld und setzte sich an meine Seite.
“Ha ha, das kann nur ein Mensch geschrieben haben! Der sollte sich mal selbst testen lassen.” Schon sprang sie auf und begab sich erneut auf ihre Couch. “Und jetzt störe mich bitte nicht weiter mit irgendwelchen Nebensachen.”
Ich begriff, dass es zwecklos war, sie weiter in ein Gespräch verwickeln zu wollen und sparte mir dieses Mal die lakonische Bemerkung, dass das gesamte Lehrmaterial von einem Computersystem erstellt worden dar. “Na und?” würde sie erwidern. “Kennst du einen Menschen, der in der Lage wäre, aus mehr als 1.500 Büchern der letzten 5.000 Jahre alle Weisheiten der Menschheit zu synthetisieren?” - Das bezweifelte ich zwar genauso, doch sah ich nicht ein, wieso aus den 1.500 Quellen fast 6.000 Lektionen entstehen mussten. Moni würde mindestens vier Jahre brauchen und sich am Ende in ihrer menschlichen Schusseligkeit höchstens an die letzten fünf Folgen erinnern können.
Nach einiger Überlegung entschied ich mich, auf die Anzeige zu antworten und klickte auf die Hyper-Adresse. Zu meiner Verwunderung erhielt ich als Antwort eine Fehlermeldung:

Ungültiger Eintrag. Bitte versuchen Sie es kein weiteres Mal. Ihr Hypernetzsicherheitsverifikationsagent.

Spontan leuchtete mir ein, dass das Inserat in der Tat von einem Menschen stammte. Zumindest war es unwahrscheinlich, dass sich eine geprüfte Software bei der Auswahl und Eingabe des Hyperkontaktes irren könnte. Richtig merkwürdig wurde es allerdings, als ich zurück zur Liste der Ergebnisse ging. Die Annonce war plötzlich verschwunden! Ich suchte erneut mit allen möglichen Stichwörtern, einschließlich 'gemeinnützig' (wie ich herausfand war die Bedeutung 'veraltet für die Fähigkeit eines technischen Systems, alle Benutzer gleichermaßen zufrieden zu stellen'), jedoch umsonst: in der Hyperinformationswolke gab es keine Spur der Anzeige, die ich erst vor Momenten gelesen hatte.

Frustriert gab ich nach einer halben Stunde auf. Das Vorkommnis machte keinen wirklichen Sinn oder die ganze Sache war nur ein alberner Spaß irgendeines Hyper-Clowns. Missmutig zog ich mich zurück und schlurfte ins Ruhezimmer. Noch mit der Klinke in der Hand, begrüßte mich dort Peter: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Mit strahlenden Augen legte er los, um mir Paganini vorzugeigen.
Peter kam etwa bis zum dritten Takt, dann war er abgestellt. Ich wollte meine Ruhe und keine Musik. Schweigend saßen wir uns eine Weile gegenüber: mein andromonisches Musterkind und ich, sein Käufer. Mit einem Schlag wurde ich mir der Trostlosigkeit unseres Familienlebens bewusst. Peter war nicht mehr als ein zeitweiliger, auf jeden Fall brillanter, aber dennoch kläglicher Ersatz für ein richtiges Kind. Für ein solches sparten wir jeden Monat etwa ein Viertel unseres Gehalts, denn ohne ausreichend Vermögen könnten wir unser Kind niemals in die Schule jener der 'Entwickler' bringen, dort wo die Lehrer noch richtige Menschen aus dem Bereich der 'Information' waren. “Bis zum 60. können wir durchaus warten” zerredete Moni jeden Ansatz eines Gesprächs über dieses Thema, räumte indessen ein “wenn das Geld bis dahin immer noch nicht ausreicht, kommt immer noch ein Kredit zur Teilfinanzierung in Frage”.
Herausfordernd starrte ich in Peters auf einmal teilnahmslos wirkende Augen und sann über unser Leben nach. Gäbe es weder ihn noch seine erfinderischen Schöpfer, hätten wir einen richtigen Bonsai, den ich nicht mit dem grässlich stinkenden Pulver aus unserer Chemietoilette bestäuben müsste. Moni würde eines der 1.500 Bücher der Weltreligionen lesen oder gar einen Ratgeber für die werdende Mutter. Ich würde Paganini anderweitig genießen können; und hätte ich bereits ein größeres Kind, könnte ich ihm jeden Tag irgendetwas Belangloses erklären, ohne selbst nach jedem halben Satz von ihm berichtigt zu werden.
In diesem Augenblick regte sich tief in meinem Innern zum ersten Mal dieses dumpf brennende, anfänglich unverständliche Gefühl, anzestraler Rausch, Erinnerungen an einen in einer fernen Vergangenheit verloren gegangenen Instinkt. Wut! - Ich spürte Wut in mir aufsteigen, eine noch halb-schlummernde Bestie, die langsam aus ihrer Betäubung erwachte und schon bald ihr erstes Opfer suchen würde. Dieses war Peter! Plötzlich überkam mich das Verlangen ihm zu zeigen, wie unvollkommen und unfähig er eigentlich war; er und seine ganze Rasse biotronischer Schaltnetze und zusammengedampfter Thyristoren.

In wenigen Minuten holte ich den Werkzeugkasten aus dem Keller und machte mich ans Werk. Als geübter Demontage-und-Entsorgungs-Spezialist bereiteten mir auch neuere Modelle wie Peter keine besonderen Schwierigkeiten. Man musste zunächst den ersten Öffnungspunkt finden, der stets gut versteckt lag. Bei Peter fand ich ihn hinter dem linken Weisheitszahn; ein sanfter Druck mit der Bono-Kürette und der Zahn fiel heraus. Von der Höhlung aus gelangte ich an die Haltespange des davor liegenden Zahns, aus dessen Loch an die Spange des nächsten usw. In wenigen Minuten fand ich in einigen der angeblichen Wurzelhöhlen die Schräubchen, die den Gaumen befestigten, daraufhin die motorischen Elemente des Halses, die Abdeckung des Brustkastens und schließlich den Zugang zum bionischen Hauptstrang. Mein Ziel hatte ich vom ersten Moment an klar vor Augen: es wäre mir ein leichtes gewesen, einfach ein paar Konnektoren aus den größeren, sichtbaren Schaltkreisen zu ziehen, um zu beobachten, welche Funktionen dadurch in Mitleidenschaft gezogen werden. Aber ich wollte mehr: ich wollte Peter dort treffen, wo er mir und selbst gestandenen Meistern seines Fachs überlegen war, ihn in seiner grundsätzlichen Bestimmung als musikalischen Genius beeinträchtigen, um mich an seiner Hilflosigkeit zu ergötzen.
Die Idee war einfach: jeder Arm hatte an seinem inneren Gelenk seinen Hauptstecker. Für das menschliche Auge waren seine fast zwölftausend nanoskopischen Verbindungspunkte zwar unsichtbar, doch das spielte in diesem Fall keine wesentliche Rolle. Ich tauschte die Stecker des rechten und linken Arms einfach nur aus. Die Hand, deren Finger gewöhnlich auf dem Griffbrett die Noten bestimmten, würde nun den Bogen halten und umgekehrt. Das würde Peter ganz gewiss einige Probleme bereiten. Der Eingriff war in weniger als fünfzehn Minuten erledigt; nach insgesamt einer halben Stunde hatte ich meinen andromonischen Virtuosen in seinem scheinbar ursprünglichen Zustand wieder zusammen und schaltete ihn mit Neugier ein.

“Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Peter befummelte mit der rechten Hand unbeholfen den Bogen, während die linke mit der Violine herumfuchtelte. Ich triumphierte und grinste ihn höhnisch an. Peter beschaute sich nun ohne jede Emotion abwechselnd seine Hände, spreizte und krümmte jeden Finger, im ersichtlichen Bemühen, deren Bewegungen neu zu kontrollieren. Nach zwei oder drei Minuten hatte er das Instrument in seiner üblichen Position und setzte den Bogen an. Peter spielte eine Tonleiter rauf und runter, nach vierzig Sekunden ein erstes, sehr einfaches Stück, ein zweites - schon anspruchsvoller, ein drittes – noch schwerer … Nach insgesamt sieben Minuten hatte er augenscheinlich seine Fingerfertigkeit vollständig wiedererlangt: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Schon geigte er los, Paganini's Caprice no 24.

Dass sein biotronisches Hirn tatsächlich die Fähigkeit besaß, seine Motorik neu zu koordinieren, war an sich wenig überraschend. Doch die kurze Zeitspanne, die er dazu benötigte, war schlicht verblüffend. Ich ließ ihn ausspielen und schwankte einen Augenblick in meinem Entschluss, das rachegetränkte Experiment fortzuführen. Immerhin müsste ich unter Umständen für einige Zeit auf Paganini verzichten. Am Ende siegte mein Durst nach Vergeltung und der Willen, aus diesem Zweikampf als Sieger hervorzugehen.
Im nächsten Versuch klemmte ich den rechten Arm vollständig ab. Anatomisch gesehen war dies eine enorme Herausforderung; jedenfalls konnte ich mich nicht daran erinnern, je einen einhändigen Geiger zu Gesicht bekommen zu haben. Peters System initiierte dieselbe Sequenz der motorischen Umsteuerung. Während die Finger der linken Hand auf dem Griffbrett tanzten, hing der rechte Arm schlaff herunter. Das 'wusste' die Zentraleinheit natürlich bereits in der ersten Millisekunde nach dem Einschalten. Dennoch war meinem Wunderkind vorerst nichts anzumerken, kein Anzeichen irgendeiner Verwirrung, keine Klage oder irgendeine Form einer Fehlermeldung. Würde er wirklich versuchen, die Geige einhändig zu spielen?
Nach zwanzig Sekunden geschah das Unglaubliche: Peter legte beide Teile des Instruments auf den Teppich, streifte seinen rechten Schuh und Strumpf ab und 'ergriff' mit den Zehen den Bogen! Zunächst erkundeten diese gewissermaßen das unbekannte Objekt und sich selbst in der neuen Rolle als Ersatzfinger. Danach setzte sich Peter auf einen Stuhl, lehnte die Geige in der gewohnten Weise unter das Kinn, während er mit dem rechten Fuß den Bogen schwingen ließ. Es dauerte in dieser Stellung etwas länger, die gesamte Lernsequenz durchzulaufen. Das Ergebnis jedoch war dasselbe: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt” rief er stolz nach einer Viertelstunde.

Ich war begeistert und niedergeschlagen zugleich. Zum einen war ich auf für mich unerwartete Weise Verlierer geblieben; zum anderen war der Anblick des Fuß-geigenden Andromonen atemberaubend, die dahinter liegende Genialität der Entwickler nicht weniger erstaunlich als die des Schöpfers dieses einzigartigen musikalischen Kunstwerkes. Nichtsdestotrotz triumphierten nach wenigen Augenblicken beinahe ohnmächtiger Bewunderung erneut die Wut und der Glaube, dass die vom Menschen erschaffene Technik vom letzteren auch bezwingbar sei. Da die Gelenkigkeit der Gliedmaßen Peters die eines Menschen anscheinend weit übertraf, erwägte ich, wäre es in sportlicher Hinsicht durchaus gerechtfertigt, ihm diese entweder vollends zu nehmen oder anderweitig weiter einzuschränken. Würde er zum Beispiel mit nur zwei Beinen spielen können?

Es ist möglich, dass der Kampf von Mensch gegen Maschine am Ende unentschieden ausgegangen wäre. Peter fiel nach kurzer Zeit barfüßig auf den Rücken und versuchte in der Tat, auf diese Weise das Instrument zu meistern. Er kam bis zu den ersten Tonleitern; der Lernprozess war entschieden langsamer als vorher. Dennoch machte Peter einige Fortschritte und tanzte, obgleich etwas ungeschickt, mit den Zehen des linken Fußes auf dem Griffbrett der Geige.
Plötzlich hielt er inne und schaltete sich, in gekrümmter Stellung auf dem Boden liegend, einfach ab. Ich war verblüfft, versuchte ihn vergeblich wieder in Gang zu setzen und grübelte eine Weile bis ich mich entschloss, das Experiment zu beenden. In diesem Moment flogen die Riegel des Fensters nach oben und durch jenes schwirrte eine vollautonome Repartureinheit in mein Zimmer. Ich begriff sofort, dass sich Peter nicht selbst deaktiviert hatte. Seine von mir hervorgerufene Störung war mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits beim ersten Eingriff, ohne mir dessen bewusst zu werden, ferngemeldet worden. Aus dem flugfähigen Werkzeugkasten, etwa von der Größe eines Stuhls, fuhren mehr als zwei Dutzend Arme. Ich musste unwillkürlich an eine von Moni's wunderlichen Gottheiten irgendeiner alten, fernen Kultur denken (ab und zu musste ich ihr zuliebe eine 'ganz besonders tolle Kurseinheit' über mich ergehen lassen). Mit ihren rasanten Bewegungen erinnerten mich die Arme andererseits an eine Wolke ausgehungerter Parkvögel, die um Peter herumschwirrten und über ihn herfielen, ihn bis auf seine Kunstfaserknochen abnagten, bevor sie ihn mit Präzision in Minuten wieder zusammenzusetzen.

Es dauerte keine Viertelstunde, dann war das Schauspiel vorbei. Schrauben, Federn, eine Myriade von Utensilien und die geisterhaften Arme verschwanden in unzähligen Kästchen der fliegenden Werkstatt. Peter stand unversehrt vor mir und öffnete die Augen: “Hallo Papa! Ich habe wieder ein neues Stück für dich gelernt.” Als er den Bogen ansetzte, verharrte er kurz. Aus der Reparatureinheit surrte ein bedrucktes Blatt, ein Arm fuhr heraus und sauste mit einem Stempel auf das Papier.

Minuten später saß ich noch immer wie versteinert vor dem fröhlich geigenden Peter und starrte auf den Bescheid:

1.840,45 NEUR Bußgeld für unbefugten Eingriff in Modell V8K3-7411. Der automatische Abzug vom Gehalt ist laut Verordnung 2075-GDK-VO123.35.421 rechtskräftig und kann erst nach einer garantierten Ablauffrist von 24 Monaten durch einen zertifizierten Robo-Anwalt hinterfragt werden. Bei wiederholten Vergehen gleicher Art drohen weitere Rechtsstrafen.

Und dann fand ich mich endlich selbst, zum ersten Mal seit 34 Jahren. Ich weinte.

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