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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ausbruchsversuche
Eingestellt am 10. 01. 2009 17:04


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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Bereits in der Schule meinten die meisten seiner Lehrerinnen und Lehrer: Der Junge muss mehr aus sich heraus. Aber es gab SchulpĂ€dagogen, die froh waren, dass Christian in sich blieb und ihren Unterricht nicht störte. Allerdings beschwerten sich alle regelmĂ€ĂŸig ĂŒber seine viel zu leise Stimme.
Im Grunde war er Rebell. Ein heimlicher, der den Untergrund nicht verlassen wollte.
Mit dreiundsechzig nahm Christian Schwab schließlich an einem Senioren-Theaterprojekt teil. Frau Labrecht, TheaterpĂ€dagogin und heilpraktische Psychotherapeutin, die sich stĂ€ndig ihre tizianrote Kurzhaarfrisur raufte, flehte ihn an: „Reden Sie laut und deutlich und kommen Sie endlich aus sich raus!“
Der Ausbruchsversuch scheiterte. Als Lichtregieassistent blieb er in dem Dreiakter „Die Ausbrecher“ ein Unsichtbarer, der ausbrechenden Seniorinnen und Senioren ins rechte Licht rĂŒckte. Und je mehr die greisen Ausbrecher ihre Theatertalente offenbarten, desto mehr Applaus ernteten sie. Schwabs Licht, als selbstverstĂ€ndlich hingenommen, wurde nicht beklatscht. Gut, einen geringen Teil des Schlussapplauses konnte er vielleicht fĂŒr sich verbuchen. Ansonsten ging der Beifall mit drei VorhĂ€ngen an alle Akteure vor, hinter und natĂŒrlich auf der BĂŒhne. Und er brandete auf, als sich die Hauptdarsteller verneigten oder jene an die Rampe traten, die besonders viel Anlass zum GelĂ€chter geboten hatten.
„Hemmungen haben Sie, nichts als Hemmungen!“ Frau Labrecht raufte sich ihre roten Haare. „In Ihrem Alter können sie doch vollkommen ohne Scham loslegen. Aber Sie, Sie werden erst auf dem Sterbebett grollen, weil Sie nichts ausprobiert haben. Mehr als tot schĂ€men geht nicht.“
Von wegen. Laut Lichtregieanweisung sollte Schwab eine mutige Seniorin beim angedeuteten Striptease mit allmĂ€hlich verlöschendem dezent rotem Licht begleiten. Er ĂŒbergoss sie mit grellweißem Licht, das jede ihrer zahlreichen Hautfalten gnadenlos mit Schattenwurf hervorhob. Nach der Vorstellung brachte ihm das eine krĂ€ftige Ohrfeige der Faltenreichen ein.
Frau Labrecht degradierte ihn zum EintrittskartenverkĂ€ufer. NatĂŒrlich stimmte die Kasse bei der Endabrechnung nicht. Um sich weitere Peinlichkeiten zu ersparen, steuerte er die fehlenden 41 Euro 72 aus eigener Tasche bei. Bei den nĂ€chsten drei Vorstellungen hatte er Zusatzkosten in Ă€hnlicher Höhe. So brachte ihm der misslungene Ausbruchsversuch am Ende Kosten von 200 Euro fĂŒr die Senioren-Theaterkurs-Teilnahme sowie insgesamt 335 Euro 27 ein und darĂŒber hinaus die Verachtung der gesamten alternden Theatertruppe.
Frau Labrecht verabschiedete ihn lĂ€chelnd, Schulter tĂ€tschelnd mit pĂ€dagogisch wertvollen Ermunterungen: „Geben Sie nicht auf! Denken Sie daran, allzu viel Lebenszeit bleibt Ihnen nicht. Nur Mut zum Risiko und zur Blamage, mein Lieber! Also, werden Sie etwas unternehmen?“
Schwab rĂ€usperte sich. „Ja, Frau Labrecht.“
„Lauter, mein Lieber!“
Er holte tief Luft. „Ja, Frau Labrecht.“ Seine Stimme schnappte ĂŒber Er verschluckte sich.
Nicht von ungefĂ€hr rĂŒhrten ihn Filme und TheaterstĂŒcke, deren Darsteller zunĂ€chst verkannt und am Ende doch noch anerkannt werden, unweigerlich zu TrĂ€nen. Selbst bei noch so rĂŒhrseligen Schmachtwerken.
Obwohl er unter seniler Bettflucht litt, flĂŒchtete Schwab in den folgenden Wochen selten aus der Federbetthöhle. Er blieb liegen, grĂŒbelte und wartete.
Wenn seine Frau nachmittags von der BĂŒroarbeit kam, scheuchte sie ihn aus dem Bett und bei ihren Unterhaltungen, die sie ohnehin beinahe ausnahmslos allein bestritt, beschwerte sie sich ĂŒber seine leisen undeutlichen Antworten. Er verstieg sich zu dem Verdacht, sie neige inzwischen zur Schwerhörigkeit, Ă€ußerte den Verdacht jedoch er nicht.
Heute Morgen wollte eines seiner Beine laufen. Das andere versuchte hinterlistig, das eine ĂŒber sich stolpern zu lassen. Statistisch passieren bekanntlich die meisten UnfĂ€lle in der eigenen Wohnung. Dennoch kam er unbeschadet ins Bad und von dort an den FrĂŒhstĂŒckstisch. Er wertet das als Wunder und glaubte an GlĂŒck, wollte viel und herzhaft essen, bekam kaum mehr als ein Brötchen herunter und schlug schließlich die Zeitung auf.
Das stand es: Die Stadtverwaltung brauchte Geld und erließ eine Verordnung gegen Wildpinkler, die sich von Mitarbeitern eines extra dafĂŒr eingerichteten Ordnungsdienstes erwischen ließen. An die war ein Bußgeld von mindestens 20 Euro zu entrichten. Die Kommunalpolitiker ließen sich in einem Extra-Kommentar noch dafĂŒr feiern, mit dem Ordnungsdienst zusĂ€tzliche Arbeitsstellen geschaffen zu haben.
Nun ist Schwab altersbedingt Wildpinkler. Sein Harndrang lĂ€sst ihn immer hĂ€ufiger die nĂ€chste öffentliche Toilette nicht mehr rechtzeitig erreichen. Zudem sind öffentliche Toiletten in der Regel in wahrlich beschissenem Zustand. FĂŒr das und mit dem Tragen von Seniorenwindeln mochte er sich noch nicht erwĂ€rmen.
In der Stadt suchte er stĂ€ndig nach versteckten Ecken, in denen es ohnehin schon nach AusflĂŒssen anderer Wildpinkler stinkt, die dort ihr Revier markierten. Vermutlich wird genau dieser Geruch die Mitarbeiter des Urinierverhinderungsdienstes anlocken.
Entschlossen stand er vom FrĂŒhstĂŒckstisch auf und verließ, ohne vorher zur Toilette zu gehen, seine Wohnung. Nach wenigen Metern stellte sich unterhalb seines Bauches jener Druck ein, der sich erfahrungsgemĂ€ĂŸ umgehend zu Überdruck wandelt.
Da er es manches Mal auf dem Weg nach Hause nicht zur wohnungseigenen Toilette schaffte, suchte Schwab zumeist gut hundert Meter vor dem Haus einen leicht verwilderten Park auf. Dort hinter einem kleinen GebĂ€ude, das den ElektrizitĂ€tswerken fĂŒr die Stromversorgung irgendeinen Dienst erweist, erleichterte er sich.
Bereits vor dem ElektrizitĂ€tshĂ€uschen öffnete er den Reißverschluss und begann auszupacken, bevor er die RĂŒckwand des HĂ€uschens erreichte.
Beinahe hÀtte Schwab ihn umgerannt. Wie von MÀnnertoiletten gewohnt, stellte Schwab sich neben ihn und pinkelte gegen die Backsteinwand. Sein Mitpinkler begann gerade mit dem Einpacken, ging aber nicht sondern blieb neben Schwab stehen.
Nachdem der seinen Hahn geschĂŒttelt und verpackt hatte, stellte der Mann sich Schwab in den Weg, holte aus der Jacken-Innentasche einen Quittungsblock sowie einen Ausweis, rĂ€usperte sich und versuchte, seine Stimme amtlich klingen zu lassen. „Ich muss Ihnen zwanzig Euro abnehmen!“
„Aber Sie haben doch gerade auch hier gepinkelt!“
„Noch nie was von nem verdeckten Ermittler gehört?“
Schwab holte Luft. Der scharfe Uringeruch stach ihm in die Nase. „Als Geschlechtsgenosse verraten Sie mich bei einem unserer mĂ€nnlichsten BedĂŒrfnisse. Und das mit einer HinterhĂ€ltigkeit
 !“
„Nun brĂŒllen Sie mal nicht gleich so.“ Der Mann schlug die Augen nieder und begann kleinlauter zu fragen: „Sind Sie mit zwanzig Euro einverstanden?“
„Nein!“
„Sie brĂŒllen noch immer!“
„Na und! Ich zahl nix!“
„Dann muss ich Sie anzeigen!“

Nun muss noch erwÀhnt werden, dass Christian Schwab zu Hause nicht im Stehen pinkeln darf. Seine Frau ist dagegen. Als sein Sohn noch zu Hause lebte, haben er und Schwab heimlich im Stehen gepinkelt. Ging was daneben, wischte derjenige, der die Tropfen entdeckte, sie klaglos weg. War Ehrensache.
Erst jetzt sah Schwab, dass sein Mitpinkler eine uniformÀhnliche Jacke trug. An der Brusttasche prankte ein Namensschild.
„Sie heißen Labrecht?“
Der Mann wischte sich mit der Hand ĂŒber den kurzgeschorenen SchĂ€del und nickte.
Schwab begann zu lachen. „Ich heiße Christian Schwab. ErzĂ€hlen Sie Ihrer Frau, dass ich Sie laut angebrĂŒllt habe, sehr laut.“
Labrecht grinste verlegen, steckte Ausweis und Quittungsblock ein und murmelte: „Meine Frau meinte, aus unserer Ehe ausbrechen zu mĂŒssen. Ich weiß nicht, wo sie steckt.“
„Oh, dann melde ich mich zu ihrem nĂ€chsten Theaterkurs an. Soll ich sie von Ihnen grĂŒĂŸen?““

__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

Version vom 10. 01. 2009 17:04

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bluefin
Guest
Registriert: Not Yet

genial ĂŒberzeichnet, @kalli. wirklich genial!

quote:
Nach wenigen Metern stellte sich bereits unterhalb seines Bauches jener Druck ein, der erfahrungsgemĂ€ĂŸ nach wenigen Minuten zum Überdruck wurde.
solltest du ausbessern.

nicht ganz so dolle ist der schluss geworden, finde ich. alle charaktere in deiner geschichte sind wunderbar ĂŒberspitzt auf den punkt gebracht, nur beim aufseher schwĂ€chelst du: der soll trotz seiner uniform ein leisetreter sein, der am ende gar zu gibt, dass ihn die frau nicht mehr sehen will. welcher mann, sintemal ein uniformierter, gibt sowas einem fremden gegenĂŒber zu? und wer brĂŒllt öffentlich, dass er heimlich im stehen pinkelt und dann die tröpfchen aufwischen muss? das passt nicht, das ist mir eine spur zu kalauerig.

den schluss solltest du Ă€ndern. dir fĂ€llt bestimmt was viel besseres ein. entweder was profanes oder was ganz dolles. ich plĂ€diere fĂŒr ein richtiges shoot out, ohne gegenseitige, wehleidige gestĂ€ndnisse...

liebe grĂŒĂŸe aus mĂŒnchen

bluefin

p. s.: ich seh gerade, dass eine acht von mir zu einer vier komma degradiert wird, weil ich fĂŒr das system zu wenig schlechte noten verteile. sorry...

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Karl Feldkamp
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2006

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Hallo bluefin,
deine Kritik ist fĂŒr mich sehr ĂŒberlegenswert, zumal ich mich mit dem Schluss auch am meisten gequĂ€lt habe...
Danke dir und herzlichen Gruß
Karl
__________________
Bei jedem Irrtum hat die Wahrheit eine neue Chance.

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