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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ausflug in Paradies
Eingestellt am 27. 03. 2002 08:05


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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

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Ausflug ins Paradies
Einer der Favoriten unter den Badeseen im Berliner Umland ist der Milasee. Er liegt wie eine glasklare TrĂ€ne inmitten alter KiefernbestĂ€nde und nur direkt an seinen hĂŒgeligen Ufern wachsen einige Birken und Erlen. An den beiden spitz zulaufenden Enden des tropfenförmigen GewĂ€ssers fĂ€llt der Grund so steil ab, dass Badende sich schwimmend bis auf einen Meter nĂ€hern können, ehe der Fuß auf festen Boden tritt. Am anderen, dem breiten Ende, lĂ€uft der See in ein wunderbar feinsandiges, sehr flaches Ufer aus, so dass auch kleine Kinder voll auf ihre Kosten kommen. Von der vorbeifĂŒhrenden Landstraße aus ist mit keinerlei Anzeichen zu erkennen, welche Perle sich hier verbirgt. Denn um sein Ziel zu erreichen muß man sein Fahrzeug am Straßenrand stehen lassen und eine Viertelstunde ĂŒber eine sanfte HĂŒgelkette wandern.
Es war Juli. Ein sehr heißer Julitag mitten in der Woche.
Melanie hatte frei, unsere Tochter spielte unter professioneller Aufsicht im Kindergarten
und ich musste mich erst am Abend in meiner Spedition melden. Also fuhren wir baden.
BrĂŒtende Hitze und Windstille ließen die Luft flirren. Die Zeit gerann zu Schweißtropfen, die sich in den Falten meines leichten Bauchansatzes in messbaren Mengen sammelte und nur der Aufenthalt im Wasser versprach dem geplagten WĂ€rmehaushalt des Körpers Erleichterung.
Die Ferienzeit hatte noch nicht begonnen und so gehörte der Milasee uns ganz allein.
Melli lag in der Sonne und ich pumpte mit wachsender Unlust einen alten Lkw-reifen auf.
Ab und an rief ich „Reicht das?“ und trĂ€ge blinzelnd kam von der Decke ein regelmĂ€ĂŸiges
„Noch’n bisschen.“
Bei zwei Metern Durchmesser stellte ich keine Fragen mehr und verstaute die Luftpumpe.
Ich hatte mir ohne Zweifel ein Bad verdient. Den Reifen richtete ich auf, gab ihm einen Stoß Richtung Wasser und rannte hinterher. Es war herrlich, wie im Paradies.
Die Erfrischung wĂŒrde einige Zeit vorhalten und so beschloß ich ebenfalls ein wenig zu dösen. Dazu legte ich meinen großen grĂŒnen Frotteebademantel auf den Reifen, schob diesen, der nun aussah wie eine kleine bemooste Insel, mitten auf den See, kroch hinauf, ließ den rechten Fuß zur KĂŒhlung ins Wasser hĂ€ngen und blinzelte durch die fast geschlossenen Augen in den blauen Sommerhimmel.
Siesta!
Ich muß dann doch richtig eingeschlafen sein und vielleicht wollte ich mich nur bequemer hinlegen, jedenfalls drehte ich mich, wickelte dabei den Bademantel um meinen Körper, rollte ĂŒber den Rand des Reifens und stĂŒrzte ins Wasser.
Eigentlich kein Problem, aber der Mantel sollte sich als solches erweisen. Er saugte sich voll Wasser, wurde schwer und behinderte mich durch seine so entstandene TrĂ€gheit bei meinen BemĂŒhungen, der Lage Herr zu werden. Bei dem Versuch, mich aus der Umklammerung zu befreien, stieß ich zu allem UnglĂŒck mit dem rechten Arm in eines der Armlöcher und das rechte Bein verwickelte sich in der sonst am RĂŒcken herabhĂ€ngenden GĂŒrtelschlaufe.
Da ich solcherart eingeschrĂ€nkt kaum fĂŒr Auftrieb sorgen konnte, zog mich das grĂŒne Ungeheuer in die noch grĂŒnere Tiefe. Es wurde dunkel und kalt. Panische Angst suchte sich
in ungehörten Schreien seinen Weg an die OberflÀche, raubte mir meine ohnehin spÀrlichen LuftvorrÀte und so kam der Moment, in dem ich den Widerstand aufgab und der Bodenlosigkeit wehrlos entgegensank. Der Kampf in einem dreidimensionalen Raum gegen einen unsichtbaren formlosen Gegner war verloren.
Doch plötzlich glitt der Mantel von mir, es wurde heller und ich tauchte auf.
Aber seltsamerweise japste ich nicht nach Luft, schrie nicht vor Freude, nichts.
Ich war die Ruhe in Person.
Mit den FĂŒĂŸen auf der Stelle tretend drehte ich mich eine Runde herum und stellte sofort einige VerĂ€nderungen fest. Das GelĂ€ndeprofil war das gleiche wie immer und die Form des Sees auch, aber warum wuchs Mischwald die HĂ€nge hinauf?
Dort wo seit meiner Kindheit ein vermodernder Baum im Wasser lag, lag keiner mehr. Eine riesige Kiefer stand dort, schon in Richtung Wasser geneigt.
Ich schaute zum Strand, besser gesagt dorthin, wo der Strand hĂ€tte sein mĂŒssen. Eine winzig kleine Stelle hellen Sandes, vielleicht einen Meter breit, leuchtete herĂŒber, ansonsten waren da nur Schilf, Seerosen und ĂŒberhaupt, warum war alles so zugewachsen?
Und wo war mein Reifen?
Und wo zum Geier noch mal war Melanie?
Hastig schwamm ich los, auf den hellen Fleck zu, man muß ja ein Ziel haben. Als ich dann in den gleichmĂ€ĂŸigeren Bruststil wechselte, sang ich in Gedanken dieses blöde Lied aus der Schulzeit vor mich hin, immer im Rhythmus der Schwimmbewegungen.
,Du hast ja
ein Ziel vor
den Augen
damit du in
der Welt dich
nicht irrst’
Nackt wie Gott mich schuf, stieg ich aus dem See und war allein. Von dem kleinen Strand, der aus der NĂ€he besehen gut zwei Meter breit war, fĂŒhrte ein Pfad einige Schritte hĂŒgelan und endete auf einer plateauartigen RasenflĂ€che. In fast kreisförmiger Anordnung standen da ein paar Weiden mit tief auf den Boden herabhĂ€ngenden Zweigen und ein sehr alter Apfelbaum. Seine Rinde war glatt und die ersten Äste wuchsen in unerreichbarer Höhe aus dem bestimmt einen Meter dicken Stamm.
Aber weder Melanie noch unsere Sachen waren zu sehen.
Ich hĂ€tte außer Atem sein mĂŒssen. Ich hĂ€tte die FĂ€uste ballen und auf der Stelle springen mĂŒssen. Aber nichts. Ruhe, Zufriedenheit, Wunschlosigkeit.
Ich setzte mich.
War ich jetzt tot?
War das das Leben nach dem Tod?
Zumindest landschaftlich hatte ich es ja ganz gut getroffen. Ich ordnete meine Gedanken.
Erstens, so dachte ich, könnte ich mich einfach hinsetzen und warten. Wenn alles vorherbestimmt ist, wĂŒrde sich der Rest von selbst ergeben. Andererseits mĂŒsste ich mich mit irgendwas beschĂ€ftigen. Dabei dachte ich nicht im Entferntesten daran loszulaufen und vielleicht jemanden zu treffen. Nein, mit beschĂ€ftigen meinte ich etwas, dass ich hier an diesem Platz ohne körperliche Anstrengung durchfĂŒhren könnte. Mir stand nicht der Sinn nach Gesellschaft, nicht zu diesem Zeitpunkt.
Ich beschloß zu lesen. In Gedanken wollte ich alle BĂŒcher noch einmal lesen, die mich beeindruckt hatten und so wollte ich herausfinden, warum sie den Weg in mein GedĂ€chtnis gefunden hatten. Und ich beschloß chronologisch vorzugehen. Denn wenn das hier das war wofĂŒr ich es hielt, hĂ€tte ich lange Zeit, sozusagen ewig.
Aus dem Labyrinth der Erinnerungen kramte ich Buchtitel und versuchte sie mit Jahreszahlen zu versehen, manches mal stand ein imaginĂ€res Fragezeichen dahinter. Sobald ich mir einigermaßen sicher war, legte ich den Titel in einer neu geschaffenen Datei in meinem GedĂ€chtnis ab.
Über dieser BeschĂ€ftigung wurde es Abend. Ein Vollmond kroch aus dem See und begann seine Bahn an dem sich langsam mit Sterne fĂŒllenden Himmel.
„Toll“ dachte ich „VollmondnĂ€chte hatte ich immer am liebsten.“
Hunger und Durst, KĂ€lte oder MĂŒdigkeit, nichts von den körperlichen GrundbedĂŒrfnissen schien mehr irgendetwas mit mir zu tun zu haben, ja, die Erinnerung an diese verflĂŒchtigte sich mit beĂ€ngstigender Schnelligkeit.
Nach der Vollmondnacht folgte ein schöner Sommertag, nicht zu heiß, nicht zu kalt, dann wieder eine warme Mondnacht und so weiter und so weiter.
Ich lag im Gras oder spazierte auf meinem kleinen Rundkurs, wenn ich der Meinung war, das wĂŒrde das Nachdenken erleichtern. Ich schlief nicht weil ich mĂŒde war, ich schlief weil ich trĂ€umen wollte. Körperlicher Genuß fehlte mir nicht im Geringsten.
Aber dann war da noch dieser Apfelbaum. Hell schimmernde KlarĂ€pfel hingen in seinen Zweigen und dort hingen sie sehr hoch. So einen Apfel hĂ€tte ich mir schon ganz gerne mal wieder gegönnt. Meine Versuche, einen langen Ast irgendwo abzubrechen, schlugen jĂ€mmerlich fehl. Bis zu einer gewissen StĂ€rke ließen sich BĂ€ume und Äste biegen, aber brechen funktionierte ĂŒberhaupt nicht. Logisch, ich konnte ja wohl kaum Gottes Schöpfung ausgerechnet im Paradies zerstören.
Und plötzlich ging mir auf, daß mir jemand zum Philosophieren und Phantasieren fehlte.
„Ich will meine Melanie wiederhaben, jetzt und sofort !“ sagte ich laut.
Daraufhin passierte natĂŒrlich nix und ich beschloß radikal den Weg zurĂŒck.
Ich schwamm zur Mitte des Sees, schaute mich noch mal um und tauchte. Es wurde dunkler und dunkler, kalt und kÀlter, warm und wÀrmer, hell und heller, ich durchbrach die OberflÀche des Wassers, holte mit einem Aufschrei tief Luft und warf die Haare nach hinten.
Direkt vor mir schwamm mein Reifen, am breiten Strand, der seitlich hervorlugte, stand Melanie. Die Linke schattenspendend an die Stirn gelegt, winkte sie zaghaft mit der Rechten.
Laut prustend kletterte ich auf den Reifen, legte mich bĂ€uchlings auf seinen Rand und paddelte mich mit den FĂŒĂŸen ans Ufer.
„Was war den los? Ich hab’s nur Platschen gehört und dann schwamm der Reifen allein auf dem See. Du warst solange unten. Ich hab schon ĂŒberlegt, ob ich mir Sorgen machen mĂŒsste.“
„Gleich mein Schatz, gib mir erst mal nKuß. und was zu essen brauch ich.“
Sie wĂŒhlte in der Tasche.
„Eine Schinkenstulle kannst du haben oder einen Apfel.“
,Herr sei Dank.’ dachte ich. „Gib mir den Apfel. Wenn alles stimmt, was geschrieben steht, dann ist das bisschen Kernfrucht hier die Garantie dafĂŒr, das ich nicht mehr dorthin zurĂŒck muß, wo ich eben war.“
Dann taten wir das, was Adam und Eva auch taten. Wir fielen in SĂŒnde. Dieser Versuchung konnte ich nicht wiederstehen. Damit kann ich leben.
Aber was wird im kommenden Sommer sein? Werde ich der Versuchung wiederstehen können, an einem schönen Badetag meinen Bademantel auf den Reifen zu werfen um damit auf dem See eine Siesta abzuhalten?
Ich werde darĂŒber berichten, vermutlich im nĂ€chsten MĂ€rz.

__________________
kny

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flammarion
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hallo,

knychen, wir können auch das august-treffen der berliner lupis am milasee abhalten!
deine geschichte hat mir sehr gut gefallen. schön ohne schnörkel und alles am rechten platz. ganz lieb grĂŒĂŸt
__________________
Old Icke

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knychen
Routinierter Autor
Registriert: Feb 2002

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Geheimtipp

Hallo Flammarion
nee, nee, nee, der Milasee bleibt mein Geheimtipp. Denn das, was ich dort finden will, braucht Ruhe. Jeder Mensch hat solche Orte, an denen er seine Seele auftankt. Wer den Milasee trotzdem entdeckt, wird ihn um so schöner finden, weil er ihn selbst fĂŒr sich entdeckt hat. Aber wenn die Geschichte Lust gemacht hat zum Suchen, dann ab nach
Jottweedee; es lohnt sich.
Wie lÀuft denn so ein Jahrestreffen ab?
gruß knychen
__________________
kny

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flammarion
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nee,

kein jahrestreffen, wir treffen uns jeden monat mal bei dem und mal bei dem. renee hawk hat die adressen und benachrichtigt die lupis. uns ist jeder willkommen. wenn du mehr erfahren willst, mail sie an. ganz lieb grĂŒĂŸt
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Old Icke

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