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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Ausflug mit Senioren
Eingestellt am 11. 08. 2007 08:09


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flammarion
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Ausflug mit Senioren

Endlich hatte man sich entschlossen, bei dem strahlenden Sonnenschein nicht im Club zu verbleiben, sondern einen Ausflug zu machen. Nach Caputh sollte es gehen.
Alte Leute sind nicht so flexibel, darum musste eine Weile geredet werden, um sie zu ĂŒberzeugen. Ausgerechnet unsere AltersprĂ€sidentin Elsa stimmte als erste zu: „Ja, fahn wa ma nach Caputh, da wird ja nich allet kaputt sein“.
Die anderen ĂŒberlegten noch: Was gibt es denn in dieser kleinen Stadt nahe Potsdam so Besonderes zu sehen? Und keinem fiel etwas ein. Aber in Werder kann man feinen RĂ€ucherfisch kaufen! Und die Birnen sind auch gerade reif. Also wurde das Ziel abgeĂ€ndert.
Endlich hatten wir die erforderlichen sieben Senioren beisammen und die Fahrt konnte beginnen.
Der Fahrer begrĂŒĂŸte uns: „Guten Morgen, ich habe die Ehre, Sie nach Werder zu fahren. Ich wĂŒrde Sie ja sehr gerne nach Rio oder Cuba fahren, aber der Bus ist nicht schwimmfĂ€hig. DafĂŒr habe ich aber Musik aus der Region mitgebracht, die Ihnen hoffentlich gefĂ€llt“.
Unter dem Beifall der Seniorinnen startete Steffen den Bus und den CD-Player und heiße Samba- und Reggae-Rhythmen durchfluteten das Fahrzeug. Bald begann so manches Knie im Takt zu zucken.
Als wir ein paar Kilometer gefahren waren, klingelte Steffens Handy. Elsa hatte vergessen, ihre Tabletten zu nehmen. Wir mussten zurĂŒck, damit sie uns in der heißen Mittagssonne nicht etwa einen Herzkasper bekam.
Leider war uns der kĂŒrzeste Weg verwehrt: man durfte auf dieser Straße nicht links abbiegen. Irgendwer hĂ€tte sich vielleicht darĂŒber hinweg gesetzt und wĂ€re mit kĂŒhnem Schwung ĂŒber die Straßenbahngeleise gefahren, aber nicht unser pflichtbewusster Steffen. Er nahm die nĂ€chste Möglichkeit wahr, vorschriftsmĂ€ĂŸig nach rechts abzubiegen. Auf dem kĂŒrzesten Weg stand leider ein dickes MĂŒllauto mitten auf der Straße, ein Durchkommen war unmöglich. Also ein StĂŒck weiter rechts einbiegen. Da war eine Baustelle. Bei der nĂ€chsten Querstraße ebenfalls. So umrundeten wir fast den ganzen Stadtbezirk, damit Elsa zu ihren Tabletten kam.
Eine Stunde unseres Ausflugs war vergangen und wir hatten lediglich unseren Kiez und seine Umgebung gesehen.
Aber dann erreichten wir endlich die Autobahn. Steffen hatte eine neue CD eingelegt – alte Schlager. Ach, die schönen Schnulzen der Jugendzeit! Voller Inbrunst wurde mitgesungen, sogar die englischen Titel.
Wir ĂŒberholten einen LKW aus DĂ€nemark. Einer lĂ€sterte: „In DĂ€nemark jibt s fĂŒr den ne Mark und den ne Mark“, aber die gebildete Hanna rezitierte den großen Hamlet-Monolog „Sein oder nicht sein“. Bevor sie ihn beenden konnte, ĂŒberholten wir einen LKW, der wie eine Eierschachtel aussah. Passenderweise war der TontrĂ€ger gerade bei dem alten Schlager „Ich wollt, ich wĂ€r ein Huhn“ angekommen. Die Senioren krĂŒmmten sich vor Lachen.
Nun tauchten auch die ersten Hinweisschilder auf, die besagten, wohin die Autobahn fĂŒhrt: Hamburg, Rostock . . .
Bevor unsere Mundartgewandte Heidi Rostock in PierknĂŒppel ĂŒbersetzen konnte, schwĂ€rmte unsere Begleitperson: „Ach ja, Hamburg! Die Reeperbahn, Sankt Pauli . . .“
Die freche Minna fragte: „Na, MĂ€dels, habt ihr auch alle eure String-Tanga an?“
Uschi errötete und schmiegte sich enger an ihren LebensgefÀhrten. Alles prustete und wir versuchten, uns die zwei Zentner schwere Uschi im String-Tanga und mit Intim-Piercing vorzustellen.
Nun gab ein Scherz den anderen, bis Steffen fragte: „Entschuldigen Sie, meine Damen und der einzelne Herr, aber ich habe bis jetzt auf keinem Schild „Werder“ gelesen. Kann es sein, dass wir an der richtigen Abzweigung schon vorbei sind?“
Wir schauten uns um – ja, das letzte Schild, worauf Potsdam stand, hatten wir wohl vor einer Stunde passiert. Nun denn, einfach weiterfahren und die nĂ€chste Ortschaft ansteuern. So landeten wir in Fehrbellin.
"Na prima", meinte Frieda, "Da jehn wa an den Fehrbelliner See, det is ooch schön".
Munter fuhren wir in die nette Graffitifreie Kleinstadt mit gepflegten und originell gestalteten VorgĂ€rten, gut gepflasterten Straßen und wenig Verkehr.
Die Mittagszeit war heran und wir wollten zur gewohnten Zeit am Esstisch sitzen. Den „Gasthof zum großen KurfĂŒrsten“ ließen wir gleich links liegen, der war bestimmt eine Nummer zu groß fĂŒr unsere schmalen Geldbeutel. Auch das „Hotel am Rhin“ hatte fĂŒrstliche Preise. Aber wir bekamen einen heißen Tipp: das „Truck-Center“ am Stadtrand. So etwas hatte noch keiner von uns von innen gesehen und die meisten konnten sich ĂŒberhaupt gar nichts darunter vorstellen. Der Betreiber kam uns freudestrahlend entgegen und komplimentierte uns in den Nebenraum, wo wir an einer kleinen Tafel ungestört unter uns bleiben konnten.
Da die LokalitĂ€t fast leer war, drang der Duft der ungepflegten Toiletten bis zu uns. Doch kurz nachdem wir unsere Bestellungen aufgegeben hatten, wurde er durch Bratengeruch ersetzt. Fast jeder hatte etwas Gebratenes geordert, Bratkartoffeln, Leber, Putenschnitzel. Alles war sehr reichlich und preiswert, kaum einer aß den Teller leer.
Dennoch – in ein Truck-Center kehren wir bestimmt nicht noch einmal ein!
Als Steffen den Bus starten wollte, fragte Martha: „wo hab ich denn meine Handtasche? Hat einer von euch meine Handtasche gesehen?“
Keiner hatte sie gesehen. Maria, unsere Begleitung, sprintete in den Gastraum. Nur dort am Stuhl, wo Martha gesessen hatte, konnte ihre Tasche sein.
Nö, sie war unter den Sitz im Bus gerutscht!
Steffen suchte auf der Landkarte nach dem Fehrbelliner See und konnte ihn nicht finden. "Also", begann er zögerlich, "hier ist kein See in der NÀhe".
"Wat?", ereiferte sich Frieda. "Keen See? Klar is hier n See, ick hatte ja schon mal meine Beene drin!"
da meldete sich die sonst sehr schweigsame Ida zu Wort: "Kann es sein, dass du das mit dem Werbellinsee verwechselst?"
Betretenes Schweigen. Ja, ja, das Alter macht vergesslich.
Nun stand die Frage, wo wir picknicken wollten. Eine nette Stelle im Wald schwebte uns vor. Das ist gar nicht so einfach, denn man kommt kaum in einen Brandenburger Wald hinein. Wenn mal eine Einfahrt in Sicht kam, war es Privatweg.
Nach langem kreuz und quer Fahren kamen wir an eine Hundeschule. Steffen bog einfach ein auf den hohen Rasen und drosselte den Motor. Er lud den Tisch und die StĂŒhle aus und Maria half beim Aussteigen. Ach, die schöne Waldluft!
Schon wuselte ein kleiner schwarzer Hund um unsere Beine und sein Besitzer meinte: „Sie, das ist hier aber kein öffentlicher Parkplatz!“
Steffen besĂ€nftigte ihn und erwirkte die Erlaubnis, dass wir uns eine Stunde aufhalten dĂŒrfen. Abschließend sagte der Mann noch: „Hoffentlich kommen nicht noch andere auf die Idee, wenn man Sie hier sieht!“
Die freche Minna krĂ€hte: „Ham se ma keene Bange, wir jagen jeden andern wech!“
Alle nahmen in den bequemen PlastestĂŒhlen Platz und tranken Saft und Wasser. Die Hitze und nicht zuletzt das gebratene Essen machten Durst.
Und schon waren die MĂŒcken zur Stelle. Erna musste eine um die andere totschlagen, denn sie war am meisten umschwĂ€rmt. Minna fragte anzĂŒglich: „Na, so viele waren noch nie hinter dir her, was?“
Erna zog die Nase kraus und kratzte sich.
Wir betrachteten die vielen Hindernisse, die fĂŒr die Hunde zum Training aufgestellt waren. Es sah alles ganz neu aus. Schade, dass gerade keine Hunde da waren. Es hĂ€tte Spaß gemacht, ihnen zuzuschauen. Der kleine schwarze Terrier war ja seinem Herrchen ins Haus gefolgt.
Passenderweise hatte Steffen jetzt eine CD mit Stimmungs- und Trinkliedern eingelegt. Fast alle wurden fröhlich mitgesungen. Schnell war die Stunde herum, aber von dem mitgebrachten Kuchen wurde so gut wie nichts gegessen, die Portionen im Truck-Center waren zu reichlich. Wir braven Nachkriegskinder, die wir nichts verkommen lassen können, hatten gegessen, was irgend rein ging.
Die Heimfahrt verlief völlig unspektakulĂ€r. Als wir an dem Hinweisschild nach Potsdam vorbei fuhren, machten wir „Winkewinke“ und versprachen, ein anderes Mal nach Werder und auch nach Caputh zu fahren.

__________________
Old Icke

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Doska
Manchmal gelesener Autor
Registriert: Jan 2005

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Hat mir sehr gefallen. Ein kleines Erlebnis lebhaft und lustig geschrieben.Diese Geschichte sagt mir : Leider kommen wir alle nicht umhin, unsere Jugend zu verlieren, aber den Humor könnten wir bis an unser Lebensende behalten - wenn wir nur wollen!

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maerchenhexe
???
Registriert: Nov 2006

Werke: 42
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hallo flammarion,

bei deinem Tatsachenbericht lugt und blinzelt der Humor aber aus allen Ecken. Mit ein wenig Feinschliff, Sweetrebell hat da ja schon Hinweise gegeben, könnte das Werk allemal einen Platz in Humor und Satire beanspruchen.

meint mit liebem Gruß
maerchenhexe
__________________
Tend the garden, that you seeded,
be a friend, where a friend is needed and you won't have to look round the other way.

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