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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Ausgebüxt
Eingestellt am 15. 11. 2004 10:25


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Black
Festzeitungsschreiber
Registriert: Oct 2004

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Ingrid saß im Wohnzimmer am Schreibtisch und blickte durchs Fenster in den Garten. Es war Sommer und so streifte ihr Blick über das tiefe Grün des Rasens, weiter zu den buchsbaumgesäumten Beeten. Gelbe Margheritenstauden standen hier in buntem Kontrast zu einigen Rosenstämmchen in blaß- und altrosa. Das ganze Rasenviereck wurde von diesen Beeten gesäumt und gerade im Sommer war Ingrid immer besonders stolz auf ihr Haus im Grünen.
Ihre Lieblingsecke befand sich weiter hinten im Garten, ein mit alten Ziegelsteinen gepflastertes Rondell und eine alte, steinerne Bank, die der Sitzecke etwas Verwunschenes gab, denn an dieser Stelle des Gartens brach selbst bei Sonnenschein nur wenig Licht durch das dichte Blätterdach der umstehenden Buchen. Ein dunkelgrüner Efeuteppich zu Füßen der Bäume verstärkte diesen Eindruck noch.
Natürlich machte eine Steinbank noch keine gemütliche Sitzecke und so hatte sich Ingrid zum Kauf eines restaurierten naturfarbenen Strandkorbes mit weißen Leinen-polstern entschieden - ein Kauf, den Peter damals mit einem Gemurmel aus „volle Hände...Fenster...wir haben’s ja...“ quittierte.
Hinterher hatte er zugeben müssen, daß der Strandkorb dahinten rechts im Garten nicht nur ein schöner Blickfang, sondern auch ein gemütliches Eckchen zum Zeitunglesen war.
Diese Gemütlichkeit entdeckte schließlich auch Dennis, ihr siebenjähriger, sommersprossiger Filius : An den meisten Schultagen im Sommer hörte Ingrid gegen die Mittagszeit nur das Knirschen der Mountainbike-Reifen auf dem Kies vor dem Haus, dann Getrappel rechts am Haus vorbei und unter ihrem Küchenfenster : „Ich geh noch kurz in den Korb...“
Der Korb, das war für Dennis wahlweise Indianer-WigWam, Piratenschiff oder schlicht Micky-Maus-Leseecke, nicht selten mit einer kleinen Schnökerei, wenn das Piratenschiff nicht gerade zur Mittagszeit ablegte...
Deshalb war auch sofort klar gewesen, wer den Schokofleck auf der hell gepolsterten Armlehne zu verantworten hatte.
„Dennis, wann warst Du das letzte Mal im Korb ?“, hatte Ingrid ihren Sohn gefragt.
„Hmm...weiß nicht. Wieso ?“ Treue blaue Augen blickten sie von unten herauf an.
„ Da ist ein Schokoladenfleck im Polster und ich denke, das kannst nur Du gewesen sein.“
„Aber Mami, ich pass doch immer auf. Das hast Du mir doch gesagt. Ich war das bestimmt nicht !“ Eine kleine Trotzfalte erschien auf Dennis’ Stirn.
„Na schön,“ seufzte Ingrid, „wer sollte es Deiner Meinung nach also sonst gewesen sein ? Papi etwa ?“
Sie beide wußten, daß Peter nun wahrhaftig kein Leckermäulchen war, sondern einer Tüte Chips grundsätzlich den Vorzug vor Süßigkeiten gab.
Die Diskussion hatte sich eine halbe Stunde hingezogen. Schließlich, schon unter Tränen, hatte Dennis gestanden. In diesem Moment hatte Ingrid kein Mitleid mit ihrem Sohn und machte deutlich, daß Lügerei eine abscheuliche Sache sei und sie Dennis nie wieder bei einer Lüge erwischen wolle.
Das war letzte Woche gewesen.
Ingrid verzog die Lippen zu einem bitteren Lächeln, denn im Moment sollte sie wahrlich andere Sorgen haben. Die vermeintliche Ruhe mußte an der Spritze liegen, die Dr. Haften ihr verabreicht hatte.
Sie zog die Stirn in Falten und dachte nach : war es richtig gewesen, gleich so auszuflippen ? Als ihr Sohn gestern abend mit einem Apfel in der Hand ins Wohnzimmer geschlendert kam, hatte sie ihn gefragt, woher er ihn habe.
„Den hat mir Justus geschenkt...“, war die für Ingrid’s Geschmack etwas zu herausfordernde Antwort gewesen. Eine gewisse Art von Bockigkeit zeigte Dennis mit Vorliebe dann, wenn Peter über Nacht nicht zu Hause war, weil er – meist nur für zwei Tage – in der 3 Stunden entfernten Filiale seiner Computerfirma nach dem Rechten sah.
„Soso. Ist das derselbe Justus, dem du den Formel 1-Kugelschreiber weggenommen hast und hinter behauptetest, das sei Deiner ? Der Justus, der mit dir in der Schule deswegen kein Wort mehr spricht.....derselbe Justus, der jetzt überall erzählt :
\'Der Dennis lügt, wenn er den Mund auf macht’...DIESER JUSTUS ???“ Die letzten Worte schrie Ingrid, sie hatte sich in Rage geredet.
Was ihr Sohn ihr da weismachen wollte, war frech.
Dennis sah sie an : „ Achso, Mami. Du weißt schon Bescheid. Dann muß ich ja nichts mehr sagen...“ Er drehte sich auf dem Absatz um und lief zur Vordertür hinaus.
Seit gestern abend hatte sie Dennis nicht mehr gesehen. Sie war mit dem Auto durch den Ort gekurvt, zum Sportplatz, hatte alle Freunde angerufen...nichts.
In Ihrer Verzweiflung hatte Ingrid Dr.Haften angerufen, der ein paar Häuser weiter wohnte. Der praktisch veranlagte Mittsechziger war gleich in Hausschuhen und Morgenmantel herübergeeilt, hatte Ingrid versichert, daß es das Beste sei, bis zum nächsten Morgen zu warten, daß die Polizei im Moment sowieso nichts unternehmen würde, usw.
Dann zog er ein starkes Beruhigungsmittel auf und setzte Ingrid die Spritze.

Hier saß sie nun, verzweifelt wie am Abend zuvor, auf den Garten starrend.
Ihre immer noch leicht benebelten Sinne blickten ins Grüne, ihre Augen fuhren die Beete und die Grünfläche ab, suchend, abwägend.
Irgendetwas passte nicht ins Bild.
Das Telefon ließ sie zusammenfahren. „ Hallo Frau Berger...hier spricht Ilona Schröter, Justus’ Mutter. Ich freue mich sehr, daß sich unsere Jungs wieder
verstehen, Justus erzählt es mir gerade beim Frühstück. Darf ich Sie und Dennis vielleicht heute nachmittag zum Kaffee einladen. Solche Dumme-Jungen-Streiche darf man doch nicht so ernst nehmen – was meinen Sie ?“
Ingrid war, als hätte man sie in Eiswasser getaucht. „Ja,sehr gern,“ stammelte sie mit tauben Lippen, „ wir kommen gern, Frau Schröter.Auf Wiederhören.“ Noch während des Telefonats hatte sich sich unwillkürlich wieder in Richtung Garten umgedreht.
Noch immer suchten ihre Augen den Fehler im botanischen Stilleben.
Plötzlich blieb ihr Blick am Strandkorb hängen.
Er hatte immer zum Haus hin geöffnet gestanden. Jetzt war er umgedreht, so daß Ingrid die blaue 18 auf seiner Rückseite lesen konnte. Rechts und links hingen aus dem Korb Zipfel einer Decke mit Karomuster...






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tomorrow never knows

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