Diese Seite verwendet Cookies. Wenn Sie das nicht akzeptieren, müssen Sie Cookies in Ihrem Browser verbieten oder diese Seite verlassen.    OK  
 leselupe.de
Werbung
 Meine Leselupe

Mitglieder:   5551
Themen:   95254
Momentan online:
240 Gäste und 3 Mitglieder
Username:
Passwort:
Registrieren
Passwort vergessen?


Leselupe.de > Kurzgeschichten
Außer Kontrolle
Eingestellt am 13. 05. 2014 09:52


Autor
Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
SiraB
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: May 2014

Werke: 4
Kommentare: 2
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um SiraB eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil


Außer Kontrolle

An einem heiteren Sommertag spazierte Frau Hartmann, von unguten Gedanken und nagenden Kopfschmerzen geplagt, ziellos durch die Straßen und Gassen ihrer Stadt. Ihr Mann hatte sie nach fast vierzig Ehejahren wegen einer anderen verlassen. Dass Frau Hartmann in dieser trübsinnigen Stimmung ausgerechnet vor der Kleintierhandlung „Zoofritze“ stehen blieb, um aus der Handtasche ein Taschentuch zu zupfen, war wohl reiner Zufall. Sie schnäuzte sich, tupfte die Augen und schwenkte ihren feuchten Blick zum Schaufenster hinüber. Wie schwarze Lakritzperlen schauten von dort zwei niedliche Äuglein aus einem spitzen Rattengesicht direkt in Frau Hartmanns tränensackunterhangene Augen.
„Ach, wie goldig!“, war ihr erster positiver Gedanke seit Tagen.
Frau Hartmann zögerte kurz, dann drückte sie die Ladentür auf. Ein helles Läuten erklang und der dezente Geruch von Sägemehl, Heu und Tieren schlug ihr entgegen. Es schien niemand da zu sein. Frau Hartmann ging zu den Käfigen beim Schaufenster. Das Tierchen mit den possierlichen Lakritzaugen entdeckte sie sofort.
„Wenn ich helfen kann?“
Wie aus dem Nichts war ein großer, schlanker Mann neben Frau Hartmann getreten. Etwas erschrocken ruckte ihr Kopf in den Nacken und blickte in ein bleiches, hageres Gesicht, in dem unter einer langen, spitzen Nase spärlich dunkle Schnauzbarthärchen sprossen.
„Äh“, sie räusperte sich etwas verlegen. „Ja, die Ratte, diese da hinten, die hätte ich gerne.“ Dabei wies sie mit ihrem knöchrigen Zeigefinger in die linke Ecke des Käfigs.
„Geht klar.“ Der junge Verkäufer nickte freundlich und fädelte seine Hand geschickt durch ein Törchen in den Rattenkäfig. Flink schnappten die Finger zu und zogen die Ratte an ihrem Schwanz hervor. Das Tierchen zappelte, erstarrte und ließ sich widerstandslos in eine gelbe Schachtel packen.
„Soll’s ein Geschenk sein?“.
„Nein, die ist für mich.“
Frau Hartmann suchte noch einen hübschen Käfig aus und zeigte sich bei der Wahl diverser Einrichtungselemente ebenso generös, wie bei der Zusammenstellung des erforderlichen Futtersortiments. Dann ließ sie ein Taxi rufen.

Daheim in ihrer Villa entkorkte Frau Hartmann eine Flasche Sekt, um auf ihren neuen Mitbewohner anzustoßen. Nach zwei Gläschen machte sie sich mit inniger Hingabe an die Einrichtung des Käfigs. Dann stellte sie die gelbe Schachtel vor sich auf den Tisch. Gespannt öffnete sie das Papptörchen. Das Tierchen lugte hervor, schnupperte, kam erstaunlich zutraulich auf sie zu und erklomm über Hand und Arm blitzschnell ihre Schulter. Dort verharrte es kurz, schaute sich um, schlang den blanken, langen Schwanz anmutig um Frau Hartmanns faltigen Hals und schlüpfte in den Ausschnitt ihres flauschigen Angorapullovers. Die zarten Krallen krabbelten über ihren BH bis zum Bauch. Es kitzelte. Sanft zog Frau Hartmann das Tierchen unter dem Pullover hervor. „Eugen“ flüsterte sie und lies die Ratte aus ihrer Hand ins neue Heim gleiten.
Neugierig erkundete Eugen sein Reich: schnüffelte hier und dort, schlüpfte in diverse Verstecke hinein und hinaus und machte es sich schließlich in der kleinen Hängematte, die an der Käfigdecke baumelte, bequem. Frau Hartmann war gerührt und zufrieden und ging nun selbst zu Bett.

Am folgenden Nachmittag durchforstete Frau Hartmann eifrig die Internetseiten verschiedener Ratten-Communities und erfuhr: Ratten brauchen viel Auslauf und Beschäftigung und sollen wegen ihrer geselligen Veranlagung wenigstens in Paaren gehalten werden. Nachdenklich nippte sie an ihrem Likör, dann war sie entschlossen, leerte das Gläschen mit einem Zug, klemmte ihr Krokotäschchen unter den Arm, steckte ein Pfefferminzbonbon in ihr knittriges Plisseemündchen und machte sich auf den Weg.

Der Verkäufer erkannte Frau Hartmann sofort.
„Alles in Ordnung?“, erkundigte er sich mit leicht besorgtem Unterton.
„Ja.“ Aber sie habe gelesen, dass Ratten sehr gesellige Tierchen seien, deswegen wolle sie eine Zweite kaufen.
„Eine weise Entscheidung“, lobte der Verkäufer und fügte fachkundig hinzu: „ Zu Ihrer Beruhigung: Wir haben seit einer Woche nur noch Männchen. Also alles kein Problem.“

Ungefähr drei Wochen später freute sich das gleichgeschlechtliche Rattenpaar über Nachwuchs. Sieben allerliebsten Rattenbabys hatte Eugen, der in kurzer Zeit immer kugeliger geworden war, das Leben geschenkt. Frau Hartmann war entsetzt.
Als sie aber Zeugin wurde, wie rührend sich die beiden Eltern um ihre hilflose Zöglinge kümmerten, wandelte sich Frau Hartmanns anfängliche Bestürzung in milde Anteilnahme und herzliche Führsorge.
So flossen die wenigen Wochen dahin, in denen Frau Hartmann beobachten durfte, wie die nackten Winzlinge liebevoll zu kräftigen, hübschen Ratten herangezogen wurden.
Dann, aus heiterem Himmel, wurde Frau Hartmann durch eine handfeste Sommergrippe außer Gefecht gesetzte. In dicke Kissen gehüllt sank sie auf der Couch neben ihren Schützlingen in Fieberwahn. Mal wurde sie von heftigem Schüttelfrost erfasst, mal von hitzigen Schweißausbrüchen attackiert. Dann schlief sie wieder stundenlang. Nebulös nahm sie das Gewusel neben sich im Käfig wahr. Die junge Familie schien lebhafter zu werden.
Nach drei Tagen wich das Fieber zurück. Immer noch etwas kraftlos und benommen wollte sich Frau Hartmann von ihrem Lager erheben, um sich in der Küche eine klare Brühe zu bereiten, als im Käfig unter Lärmen und Quicken ein regelrechter Tumult ausbrach. Frau Hartmanns Herz begann zu rasen. Mit schlotternden Beinen sprang sie auf und tat, was ihr das einzig richtige schien. Beherzt öffnete sie die Tore. Nach und nach huschten die Tierchen in die Freiheit und verschwanden in den Räumlichkeiten der Villa. Allmählich kehrte wieder Ruhe ein.
Frau Hartmann war, wenn auch erleichtert, noch immer schwach und fühlte sich recht müde. Sie würde sich wohl ein Stündchen ins Bett legen. Mit krankenschwachen Schritten ging sie zur Treppe. Aber auf dem obersten Treppenabsatz, verfehlte sie eine Stufe, trat ins Leere und fiel, bevor sie irgendwo Halt finden konnte, rittlings die alte Holztreppe hinab. Sie spürte noch, wie der glänzend weiße Marmorboden des Entrees mit einem dumpfen Schlag gegen ihren Hinterkopf knallte. Ein Knacken durchzuckte den Nacken. Dann wurde alles schwarz, gefühllos und still und eine kleine rote Lache kroch langsam aus Frau Hartmanns linkem Ohr.

Die Leute von der Müllabfuhr waren alarmiert: Die Abfalltonnen der Villa wurden seit Wochen nicht mehr auf die Straße gestellt, um die Kübel herum tollten ein paar junge Ratten ausgelassen durch den frischen Pulverschnee.
Für die alte Dame kam jede Hilfe zu spät. Ihr seidenes Nachthemd war bloß noch ein Fetzen, unter dem das fein abgenagte Skelett hervorlugte.
„Rattenhaus “, so titulierte die Lokalpresse die Hartmannsche Villa, was dem untreuen Ehemann den Verkauf seines ehemaligen Heims nicht gerade einfach machte. Erst nach Jahren fand er einen Käufer. Es war ein hochgewachsener Herr mit schwarzen, hervortretenden Kulleraugen und gepflegtem Schnurbart in einem spitzen hageren Gesicht. Ein paar Wochen später prangte ein gelbes Schild über dem nagelneuen Eingangstor: „Zoofritze. Kompetente Beratung für die Kleintierhaltung.“


Version vom 13. 05. 2014 09:52
Version vom 16. 06. 2014 15:19

Bearbeiten/Löschen   ebook  Druckversion


poetix
One-Hit-Wonder-Autor
Registriert: Oct 2013

Werke: 63
Kommentare: 543
Die besten Werke
 
Email senden
Hier klicken, um poetix eine Online-Nachricht zu senden  Online-Nachricht
Profil

Hallo SiraB,
das finde ich ganz lustig. Schwarzer Humor eben. Es ist geeignet, die Menschen vom Halten von Ratten abzuschrecken. Obwohl es doch so niedliche Tierchen sind.
Viele Grüße
poetix
__________________
lineam rectam sequere

Bearbeiten/Löschen    


1 ausgeblendete Kommentare sind nur für Mitglieder und nur mit eingeschaltetem Javascript erreichbar.
Zurück zu:  Kurzgeschichten Ein neues Thema veröffentlichen.     Antwort veröffentlichen.
Werbung