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Leselupe.de > Essays, Rezensionen, Kolumnen
Außer sich- Ein Buch, das ein schwierigesThema literarisch bearbeitet
Eingestellt am 08. 03. 2012 09:51


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Winfried Stanzick
Routinierter Autor
Registriert: Aug 2011

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Rezension zu:

Ursula Fricker, Außer sich, Rotpunktverlag 2012, ISBN 978-3 -85869-470-6

Der neue Roman der in Berlin lebenden Schweizerin Ursula Fricker ist für mich eines der wichtigsten Bücher in diesem Frühjahr. Er hat mich von der ersten Seite an gefangen genommen, berührt und ins Nachdenken gebracht. Sprachlich gekonnt erzählt sie eine Geschichte, wie sie Tausende von Menschen täglich erleben, beschreibt ein Schicksal, das die Öffentlichkeit weitgehend verdrängt, und konfrontiert ihren Leser eindringlich mit der Möglichkeit, dass auch ihm selbst das jeden Augenblick widerfahren kann.

Es ist die von Katja selbst erzählte Geschichte von ihr und ihrem Mann Sebastian. Beide leben und arbeiten sie in Berlin als Architekten, wobei besonders Sebastian immer wieder neue Ideen und Pläne hat, sie teilweise auch umsetzen kann, sich dennoch aber immer wieder als einer, der aus der DDR stammt, unterschätzt und nicht genügend geachtet fühlt. Vor einiger Zeit hat er Katja gefragt, ob sie sich vorstellen könnte, Kinder mit ihm zu haben, doch das Thema wurde nicht weiter verfolgt.

Es ist Sommer, und Katja und Sebastian brechen zu einem Besuch bei Freunden in Mecklenburg auf, eine Reise, zu der die beiden wenig Lust haben. Doch sie haben es lange schon versprochen. Die beiden geraten in brütender Hitze in einen Stau. Katja verlässt das Auto, um nachzusehen, ob es nicht bald weitergeht. Als sie kurze Zeit später zurückkommt, findet sie Sebastian leblos auf dem Beifahrersitz hängen. Er hat während ihrer kurzen Abwesenheit einen schweren Schlaganfall erlitten.

Ein Hubschrauber bringt ihn in eine Klinik, wo er sofort behandelt wird. Eine sehr starke Hirnblutung hat seinen Anfall verursacht. Wichtige Teile seines Gehirns sind zerstört, das machen die Ärzte Katja gleich deutlich. Sie lässt sich krank schreiben und bleibt über viele Wochen bei ihm. Irgendwann öffnet er wieder die Augen, aber er erkennt seine Frau nicht. Aus einer glücklichen Beziehung und einer befriedigenden Arbeit sieht sich Katja in ein anderes Leben katapultiert.

Wohl um Kraft zu schöpfen, erinnert sie sich immer wieder mitten in dem von der Pflege ihres Mannes bestimmten Alltag an Erlebnisse aus ihrer Vergangenheit. Eine Geschichte fand ich besonders bewegend:
„Ich war zwölf, als in unserem Viertel am Rand der Kleinstadt ein Fuchswelpe überfahren wurde. Über zwei Jahre kam die Füchsin täglich zur selben Zeit zurück zur der Stelle, an der ihr Junges überfahren worden war. Zehn Minuten lang leckte sie den Asphalt. Mitten auf der Straße. Jeder, der im Viertel wohnte, kannte die Füchsin. Man hielt an, man fuhr vorsichtig vorbei, um sie nicht zu stören. Selbst den Jäger rührte das Verhalten des Tieres. Nach menschlichem Ermessen konnte das Blut des Welpen nicht mehr zu riechen sein, auch für eine Fuchsnase nicht. Eines Tages kam sie nicht mehr…“

Mit einer ähnlichen Konsequenz und Hoffnung pflegt auch Katja ihren Sebastian, als er nach langer Zeit aus der Klinik nach Hause entlassen wird. Sie wäscht und windelt ihn, erträgt den dauernden Geruch nach Krankheit und Kot in der Wohnung. Auch nachdem er einen Platz in einem Pflegeheim hat, holt sie ihn jedes Wochenende zu sich, fährt einmal sogar mit ihm ans Meer, immer in dem verzweifelten Wunsch, er möge sich erinnern, irgendein Zeichen von Bewusstsein zeigen. Doch vergebens.

In ihrer inneren Einsamkeit lässt sich Katja auf eine sexuelle Beziehung zu einem Mann ein, dem sie ihre Geschichte verschweigt. Doch bald schon beendet sie diese Episode. Das Pendel zwischen ihrer Hoffnung auf Besserung und der Einsicht, dass sie zu ihrem geliebten Mann nie mehr wieder wird eine Verbindung herstellen können, schlägt immer öfter und mit der Zeit immer heftiger in die Richtung einer immer realistischer werdenden Einsicht in ihr Schicksal, aber auch in das, was sie tun muss.

Und so kommt es nach einer langen Zeit der aufopferungsvollen Pflege zu einem überraschenden Ende, das aber mir als Leser einleuchtete. Zwischen einer leidvollen und hoffnungslosen Gegenwart, die Katja auf eine bewundernswerte Weise bewältigt und einer Vergangenheit, aus der sie sich immer wieder Kraft holt, hin- und herwechselnde Perspektive erzählt Ursula Fricker eine bewegende Geschichte, eine Geschichte, mit der sich jeder von uns von jetzt auf gleich konfrontiert sehen kann.

Das mit einer sensiblen Sprache erzählte Buch fordert seinen Leser heraus. Und es gelingt Ursula Fricker immer wieder, mitten im Leid, mitten in einer trostlosen Aussichtslosigkeit für ihre Protagonistin so etwas durchscheinen zu lassen wie Hoffnung. Und mir fällt Paulus ein mit seinem Hohelied über die Liebe:
„Sie erträgt alles,
glaubt alles,
hofft alles,
hält allem stand.
Die Liebe hört niemals auf.“

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