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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Außerhalb des Bootes
Eingestellt am 20. 06. 2003 19:50


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Autorenanwärter
Registriert: Jun 2003

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„Na ja, eigentlich wollte ich ja gar nicht.“ Letzte Woche schnitt sich Paul die Pulsadern auf. Ich weiß nicht, weshalb. Mit einem Schlüssel machte er es. Um etwas schärferes zu holen, war er zu faul. Ich fragte ihn extra danach. Immerhin war die Küche nicht weit entfernt, in wenigen Sekunden hätte er sich einfach ein Küchenmesser besorgen können, das lag sehr nahe. Eine berechtigte Frage also. Doch er wollte einfach nicht mehr aufstehen, antwortete Paul. Und sein Schlüsselbund mit dem kleinen Maus-Anhänger lag gerade in der Nähe. Er meinte, sein alter Fahrradschlüssel habe viele kleine Kerben. Der sei verhältnismäßig ideal gewesen. Jedenfalls gab es nichts besseres. Das akzeptierte ich, immerhin war es damals spät, sicher muss er müde gewesen sein. Und ob man sich mit einem guten Messer oder stumpfen Schlüsseln aufgeschlitzt hat, ist danach sowieso nicht das Interessanteste. Ziemlich interessant natürlich schon, gerade weil man ja auch über irgendetwas reden muss. Aber erst, wenn einem zu Paul und seinem Selbstmord sonst nichts mehr einfällt. Was allerdings nicht sonderlich lang dauern dürfte, Paul kennt keiner von uns wirklich gut. Mir erzählt er ab und zu von sich, aber nicht wirklich ausführlich. Nur am Rande, und manchmal sagt er: „Das ist aber eh nicht so wichtig.“ Dann kuckt er schnell weg und erzählt irgendetwas Belangloses. Er mag den Mond und die Sterne. Vögel und Blumen. Und Selbstmitleid. Selbstmitleid ist sein größtes Hobby. Wenn man ihn fragt, ob er „darüber reden“ möchte, sagt er immer „nein“. Aber man muss ja fragen, der Höflichkeit wegen. Das sei auch nicht so wichtig, meint Paul dann immer.
Manchmal glaube ich, überheblich zu klingen, wenn ich so über Paul spreche. Wenn ich sage, dass er unsicher ist und komisch manchmal. Natürlich ist er komisch. Aber natürlich darf man es eigentlich auch nicht sagen. Denn Paul ist auf eine melancholische, todtraurige Art komisch. Vielleicht ist „merkwürdig“ der bessere Ausdruck. Paul ist merkwürdig, wenn er erzählt, dass er, als er am vorigen Tag fischen war, mit seinem Vater, von einem Karpfen in den großen Zeh gebissen wurde. Dass das sehr, sehr weh getan habe und er den Zeh mit Schilf verbunden habe. Und wenn er fragt, ob ich Lust hätte, mit ihm nach Köln zu fahren, um die Stadt zu besichtigen. Die sei schön, er habe da so einen Artikel gelesen. Am merkwürdigsten ist Paul, wenn er über Frauen redet. Paul hasst Frauen, das schwingt immer so mit. Sich selbst kann er auch nicht besonders gut leiden. Man kann es zwar nicht Hass nennen, das wäre übertrieben, aber Antipathie trifft es ganz gut. „Lächerlich“ ist das Wort, das er am häufigsten gebraucht, wenn er über seine Erlebnisse spricht, wenn er über sich spricht eigentlich. Ich wollte ihn nicht fragen, weshalb er versucht hatte, sich aufzuschlitzen. Da hätte er mir sicher keine besonders lustige Geschichte erzählt.

Wir entfernten uns immer weiter vom Ufer. Der Himmel war bewölkt und es war eher kühl. Trotzdem waren wir schon heute, so früh, an den fast komplett leeren Badesee gefahren. Paul sagte, der graue Himmel gefalle ihm. Man käme sich überdacht und behütet vor. Sicher. Aber: Bei Sonnenschein käme man sich warm, und vor allem braun vor, am nächsten Tag. Klarer Sieg für den Sonnenschein. Wie gesagt, manchmal ist Paul merkwürdig. Während er paddelte, zog ich es vor mich mit geschlossenen Augen am Rand unseres Schlauchbootes zu entspannen. Schließlich hatten wir Ferien. „Denk´ dran, dass du auch noch zurück paddeln musst,“ erinnerte ich ihn. Paul hatte uns hier an den See gefahren heute morgen. Wir anderen, sechs Kerle, hätten aufgrund unseres Restalkohols auch nicht fahren dürfen, schätze ich. Der gute Paul. Manchmal sagte jemand anderes, wir nutzten ihn aus. Man muss aber auch sehen, dass Paul außer uns keine Freunde hat. Wenn er, Antialkoholiker übrigens, uns nicht hin und wieder irgendwo hin führe, säße er ja nur zu Hause herum. Dann würde er auch keine Mädchen kennen lernen. Oder sehen, wie wir Mädchen kennen lernen. Obwohl das vielleicht besser wäre. Wenn er es gar nicht sähe, meine ich. Es wäre wohl einfacher für ihn, wenn er davon nichts wüsste. Ideal für Paul wäre es eigentlich sogar, wenn er gar nicht wüsste, dass es Mädchen überhaupt gibt.

Gerade erzählte er also das erste Mal irgendwem von seinem Selbstmordversuch. Irgendwem, mir. Eine Ehre, so gesehen. Schon lange habe er daran gedacht. Es habe ihn befreit. Als Ausbruchsgedanke, einfach als irgendeine Möglichkeit, „das alles“ zu beenden. Ich wusste nicht genau, was er mit „alles“ meinte, ich wollte es auch gar nicht wissen. Der Moment, in dem er zum Schlüssel griff, sei aber ganz spontan gewesen, „wie in Trance“. Eigentlich sei er froh, dass es nicht richtig funktioniert hat.

Paul ist sehr nett und außerordentlich unbeliebt. Weil er nicht viel spricht vielleicht. Wenn er mal redet, dann über belanglose Dinge, über´s Fischen, über seine Katze und über Gedichte manchmal. Er liest Rilke und Eichendorff und so was. Meistens Liebeslyrik. Ich verstehe ihn nicht. Frauen hasst er, schwul ist er auch auf keinen Fall. Er ist irgendwie sozusagen asexuell, wenn man ihm Glauben schenkt zumindest. Aber er liest Liebesgedichte. Das passt nicht. Ich spreche ihn natürlich nicht darauf an. Obwohl er sich sicher in nächtelanger Arbeit eine ausführliche Erklärung zurecht gelegt hat.
Keiner von uns liest Gedichte. Außer Paul eben. Um ehrlich zu sein, liest keiner von uns auch nur irgendwas, das über das Fernsehprogramm oder die Sportseiten der Tageszeitung hinausgeht. Wenn wir über´s Vögeln reden, und darüber, wer gerade wieder „wen klargemacht hat“ und wie weit es dann „ging“, zitiert Paul manchmal irgendetwas von seinen Autoren. Das hat dann meistens auch mit Liebe zu tun. Natürlich passt das absolut nicht in unsere Gespräche. Wir sind jung, es geht, sind wir ehrlich, ums Ficken, darum Erfahrungen zu sammeln. Ich war nie verliebt. Ich bin erst 18, da ist es dafür doch zu früh. Danach kommt direkt die Hochzeit oder wie? Nein, wir fahren durch die Discos in der Gegend, und „checken, was geht“. Paul ist meist nicht mit dabei. Doch wenn er mal dabei ist und nicht fährt, was, zugegeben, ziemlich selten ist, betrinkt er sich über alle Maßen. Dann ist Paul sehr lustig. Er zitiert dann auch nicht mehr Eichendorff oder so. Stattdessen singt er „Take Me Home, Country Roads“ oder etwas Ähnliches. Das Lied haben wir früher mal im Musikunterricht durchgenommen. Wenn Paul es singt, lachen die Leute nur kurz und sehen dann wieder weg. Meistens ist er dann aber ohnehin so voll, dass er davon nichts mitbekommt. Manchmal singe ich mit ihm. Das liegt häufig auch daran, dass ich in diesen Situationen selbst schon lalle. Natürlich ist es ansonsten sehr riskant, mit Paul zu singen oder auch nur zu reden, wenn andere dabei sind.

Um von diesem deprimierenden Selbstmords-Gespräch wegzukommen, begann ich während einer kurzen Pause vom vorigen Abend zu erzählen. Bis vier Uhr waren wir in der Disco gewesen, ich nahm am Ende so eine kleine Brünette mit. Dumm wie Brot, aber sehr schöne Brüste.

„Ich bin hässlich. Deshalb habe ich auch keinen Erfolg bei Frauen, übrigens.“ Als Paul mich so unterbrach, grinste er. Ich musste lachen. Nicht, weil es witzig gewesen wäre. Ich musste lachen, um höflich zu sein. Paul hatte recht, er ist wirklich nicht besonders attraktiv. Um es freundlich auszudrücken. Er hat ziemliches Übergewicht. Außerdem sieht sein Gesicht irgendwie, ja, auch merkwürdig aus. Ich sagte ihm, um dem unangenehmen Thema zu entgehen (und log dabei), er müsse einfach mal häufiger mit „auf Tour gehen“, daran liege das in Wahrheit. Pauls Ohren übrigens sind so groß, dass wir sie eigentlich bequem als Segel hätten nutzen können. Dann hätte Paul auch nicht paddeln müssen.
Kein schlechter Witz. Wenn man unsere Promillewerte dazurechnet, hätte das sicher ein großer Lacherfolg werden können.
„Es macht mir einfach keinen Spaß. Manchmal kurzzeitig vielleicht. Wenn ich betrunken bin. Aber sonst... Fahrer und Zuschauer, das sind meine Rollen.“ Für diesen letzten Satz hasste ich ihn. Damit brachte er mich in die Bredouille. Jetzt hätte ich irgendetwas sagen müssen, das mit „ach quatsch“ beginnt. Und wieder lügen müssen natürlich. Ich lüge außerordentlich gut, aber relativ ungerne. Wenn es nicht sein muss, umgehe ich Lügen lieber. „Und dann hat sie ihn in den Mund genommen. Ach, ist das Leben nicht schön?“ fragte ich augenzwinkernd.

Totenstille, für einen Moment. Dann sprang Paul auf mich zu. Mit Schwung presste er sich gegen mich. Seine Faust landete auf meiner rechten Wange. Schmerz stieg in mir auf, kurzzeitig wurde mir schwarz vor Augen. Paul packte mich mit einer Kraft, die ich ihm nie zugetraut hätte. Er stieß mich über den Rand des Bootes. Bevor ich realisierte, was mit mir geschah, schluckte ich Wasser, tauchte kurz ab und wieder auf, schnappte nach Luft. Ich sah nur noch Grautöne, Seewasser, Himmel, alles verschwamm. Im nächsten Augenblick wurde mir schwarz vor Augen. Etwas schweres traf mich am Kopf, zog mich mit sich in die Tiefe. Es musste Paul sein. Ich bekam keine Luft. Wir tauchten auf, Paul würgte mich. Ich riss den Mund auf, dann die Augen. Er wagte es auch noch, nun zu weinen, der Arsch, seine Augen waren gerötet. Meine Kehle schnürte sich zu, ich würgte, bevor ich das Bewusstsein verlor.

Als ich zu mir kam, regnete es in Strömen, der Himmel hatte sich nahezu schwarz gefärbt. Ich lag wieder im Schlauchboot, quer. In der hinteren Ecke saß Paul, zusammengekauert, verfroren, verloren. Er weinte, vermutlich immer noch. Als er bemerkte, dass ich ihn ansah, blickte er in eine andere Richtung. Nach einer kurzen Pause sagte er: „Nein, das Leben ist nicht schön, nein. Für die, die im Boot sitzen, ist das Leben schön, doch der Rest ersäuft früher oder später im See. Der Großteil des Restes schafft es nämlich auch nicht mehr bis zum Ufer. Er wird irgendwann bewusstlos. Die, für die es keinen Platz im Boot gibt, ersaufen nur, weil sie zu große Ohren und zu dicke Bäuche haben. Jetzt weißt du, wie das ist, außerhalb des Bootes.“
Ich wusste nichts zu erwidern, ich fror und wir trieben immer weiter durch den Regen.

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rilesi
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Hallo Close

Ich finde deine allererste Kurzgeschichte toll gemacht! Das Thema des Aussenseiters hast du ziemlich einfühlend und nah geschildert, mit den Szenarios, mit den Gefühlen, und all den traurigen Gedanken des Aussenseiter-Seins, die sich so ergeben.

Ein guter Schluss. Der Aussenseiter drückt seine Wut auf sein Aussenseitersein mit einer Aktion aus. Er hat wenigstens Freunde und kann ihnen eine Reaktion zeigen. Aber glücklich ist er darüber nicht wirklich. Er kann sich nicht so akzeptieren, wie er ist. Wenn er sich selber gegenüber besser eingestellt wäre, würde er seine grossen Ohren nicht als Nachteil empfinden oder als nicht so grossen Nachteil. Er hat noch keine wirkliche Identität aufbauen können.

Ich fühle mich in meine Jugendzeit zurückversetzt, wo ich es so empfand, dass die Zugehörigkeit zu einer Gruppe besonders wichtig wäre für einen Jugendlichen. Bei mir war die Sehnsucht, irgendwo dazuzugehören, damals besonders gross. Und ich frage mich, wie wird der Aussenseiter in der Geschichte also dieses Problem lösen?

Lieber Gruss, von Rilesi

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Autorenanwärter
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Vielen Dank...

... für das Feedback! Der Begriff "Freunde" ist unter starker Einschränkung zu sehen, denn immerhin benutzen ihn seine Freunde ja nur.

Danke noch einmal,
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rilesi
Guest
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hallo close

es macht dich traurig, über freunde zu schreiben, wenn sie es nur bedingt sind.
kann ich schon etwas nachvollziehen. gerne möchte ich dir sagen können, wie man bessere freunde finden kann.
es ist ein geheimnis! ein geheimnis, wie man sich selbst entdecken kann, seine wünsche, seine träume. aus dieser entdeckung kann man dann der umwelt sein ich präsentieren und lernt mehr und mehr zu sagen: ja, oder nein. und ist zufrieden damit.
dann dient jemand nicht mehr dazu, die wünsche anderer erfüllen zu können sondern auch seine eigenen wünsche.
üben wäre angesagt, in kleinen schritten sich aufzubauen, dann geht es immer etwas besser, zb wieso nicht in einen sportklub? sich zurückziehen wäre sicher der falsche weg und wäre eine traurige lösung.
im schreiben verarbeitet man auch und kann davon profitieren!

also ich finde deinen text gut geschrieben, mehr davon!

beste grüsse, von rilesi

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öhm...

nicht, dass da Missverständnisse aufkommen: Der Text war keinesfalls autobiographisch.

gruß,
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Ralph Ronneberger
Foren-Redakteur
Autor mit eigener TV-Show

Registriert: Oct 2000

Werke: 64
Kommentare: 1400
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Hallo close,

Alles in allem hat mir der Text gefallen. Ich gebe zu, am Anfang wollte ich weiter zappen. Es plätschert zu träge dahin. Später hat es mich in deine Beschreibung mehr und mehr reingezogen ... und den Schluß fand ich wirklich gut.
Noch besser hätte mir gefallen, wenn Du nicht so lange nur von Paul berichtet hättest. Das ist das Ermüdende dabei. Besser hätte ich gefunden, wenn die Geschichte im Boot begonnen hätte. Da wäre Gelegenheit gewesen, auch Paul selbst hin und wieder zu Wort kommen zu lassen. Das heißt; es hätte mehr Möglichkeiten (nicht erst am Schluß) für echte Handlung gegeben. Tja - und Handlung ist nun mal das, was den Leser fest hält.

Gruß Ralph
__________________
Schreib über das, was du kennst!

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close83
Autorenanwärter
Registriert: Jun 2003

Werke: 7
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Vielen Dank...

für die Kritik. Ich werde mal sehen, ob ich zwischen die Charakterisierung des "Quasi-Protagonisten" einfach noch mehr Handlung/Dialog einfügen kann.

gruß,
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