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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Auswechselspieler
Eingestellt am 07. 04. 2014 18:56


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Sebahoma
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Wenn es im Fr├╝hling abends l├Ąnger hell und tags├╝ber w├Ąrmer wird und die Kinder anfangen, drau├čen auf den Stra├čen und Spielpl├Ątzen Fu├čball zu spielen, dann steigen tausend Erinnerungen in mir auf, die mich niemals loslassen werden.

Damals, als ich noch ein kleiner Junge war, ergriff der Fu├čballgeist Besitz von mir. Es fing damit an, dass mein Vater, mein ├Ąlterer Bruder Manuel und ich viel gekickt haben. Vor unserer Garage, auf der Stra├če oder sonntags auch auf dem nahe gelegenen Bolzplatz.

Manchmal haben wir auch mit den Kindern aus der Nachbarschaft Fu├čball gespielt. Dann sind wir alle zusammen zum Bolzplatz gegangen und haben uns in Mannschaften eingeteilt. Ich erinnere mich noch gut an diesen einen Nachmittag. Es war hei├č und in der Luft lag Staub von der trockenen Erde. Das halbe Dorf sa├č am Rande des Platzes und wohnte dem Spektakel bei. Wir hatten schon lange gespielt und waren ganz sch├Ân geschafft. Bei der Hitze wollten alle aufh├Âren. Aber Manuels Mannschaft lag hinten. Das war ungewohnt und Manuel konnte es nicht gut sein lassen. Er legte sich mit jedem an, der aufh├Âren wollte und schrie so lange herum bis wir weiterspielten und seine Mannschaft wieder f├╝hrte. So ein Angeber. F├╝r ihn war es nicht nur ein Spiel, sondern f├╝r ihn war jedes Spiel eine kleine Meisterschaft.

Die Menschen bewunderten ihn f├╝r seinen Ehrgeiz, seine Technik und seine Schnelligkeit. Sie sagten, aus ihm w├╝rde mal ein gro├čer Spieler werden. Ich gebe zu, dass es mich damals ge├Ąrgert hat. Warum nur aus ihm? Warum nicht aus mir? Ich war doch auch nicht viel schlechter als er und daf├╝r noch j├╝nger.

Ich habe immer versucht, ihm nachzueifern. Ich guckte mir von ihm viele Tricks ab und wenn ich den Ball bekam, lief ich so schnell ich konnte und konzentrierte mich auf die Technik. Aber Manuel war eben immer ein St├╝ck besser. Manchmal habe ich ihn daf├╝r gehasst und w├╝nschte mir, er w├Ąre nicht da, damit alle mich bewundern. Doch ich sagte niemals etwas, denn er war nicht nur mein gro├čer Bruder, sondern auch mein bester Freund.

Weil mein Vater schon immer Fu├čballfan gewesen war, nahm er uns bald auch ins Stadion mit. Ich erinnere mich noch sehr gut an meinen ersten Stadionbesuch. Mann, war ich aufgeregt. So viele Leute, so ein L├Ąrm im Stadion und es sah so riesig aus. Zwar konnte ich die einzelnen Spieler nicht so gut sehen wie zu Hause am Fernseher, aber die Stimmung war unschlagbar. In mir erwuchs eine gro├če Begeisterung f├╝r den Verein und die Mannschaft. Ich jubelte mit und das Stadion wurde mein zweites zu Hause. Wir genossen unsere gemeinsamen M├Ąnnerausfl├╝ge in die Sportwelt. Wenn wir am Samstag zu dritt in den Fu├čballtempel pilgerten, war das unsere heilige Zeit. Die konnte uns niemand nehmen.

Doch bald verk├╝ndete Manuel, dass er sich zu einem Sch├╝leraustausch angemeldet hatte. Ganze drei Wochen wollte er weg sein und das, obwohl die Saison sich schon dem Ende neigte und wir vielleicht sogar Chancen auf den Titel hatten. Das konnte ich gar nicht verstehen. Fu├čball war doch unsere Welt. Aber f├╝r Manuel galten ja ohnehin andere Gesetze.
ÔÇ×Da steckt bestimmt ein M├Ądchen dahinter!ÔÇť, fl├╝sterte mir mein Vater auf dem Weg zum Stadion zu und Manuel verdrehte die Augen. Abhalten konnten wir ihn jedenfalls nicht mehr. Er war fest entschlossen.
ÔÇ×Die schaffen das auch ohne mich. Dann m├╝sst ihr sie eben umso mehr anfeuern!ÔÇť, sagte er nur. Es ├Ąrgerte mich. Jetzt waren wir ihm also nicht mehr wichtig genug. Wieder sagte ich nichts und lie├č ihn machen.

Beim Heimspiel vor seiner Abreise waren wir nochmal zusammen im Stadion. Wir brauchten nur noch ein paar Punkte, ein paar mehr als der Tabellenf├╝hrer und es waren noch zwei Spieltage. In der Luft hing dieser Geruch des Titels, alle wussten, dass es m├Âglich war. Aber alle wussten auch, dass es schwer werden w├╝rde.
Doch in der einundzwanzigsten Minute wurde der Ball nach vorne gespielt, unserem St├╝rmer direkt vor die F├╝├če und der knallte das Ding geschickt ins gegnerische Tor. Das war die F├╝hrung. Alle sprangen und schrien vor Begeisterung, alle lagen sich in den Armen und gr├Âlten laut den Torsong mit.

Nach dem Seitenwechsel wendete sich das Blatt. Die G├Ąste spielten viel konzentrierter und so ├╝berraschte der Ausgleich auch nicht. Um uns herum herrschte Frust. Ein Punkt w├╝rde nicht reichen und es waren nur noch wenige Minuten.
ÔÇ×Wir k├Ânnen es trotzdem noch schaffen. Wir haben noch einen guten Auswechselspieler auf der Bank. Wenn er den bringt, dann macht der bestimmt noch einen rein!ÔÇť, sagte Manuel, aber niemand von uns wollte so recht daran glauben.

Dann ging alles ganz schnell. Das Zeichen f├╝r einen Wechsel, Manuels Spieler kam. Ich sah meinen Bruder verdutzt an und der grinste und zwinkerte mir zu. Keine zwei Minuten war der Spieler auf dem Feld, da kam er pl├Âtzlich an den Ball, rannte drauflos und schaffte es irgendwie die Kugel im Netz zu versenken. Jetzt gab es kein Halten mehr. Wir lagen uns in den Armen. Wir h├╝pften und die Trib├╝ne schien zu beben. Alle hielten ihre Schals hoch und sangen die Hymne. Um uns hatten die Leute Tr├Ąnen in den Augen. War das die Meisterschaft? Auf jeden Fall war sie in greifbarer N├Ąhe.
ÔÇ×Was habe ich gesagt? Den musste er bringen, genauso einen brauchten wir!ÔÇť, lachte Manuel.

Zwei Tage sp├Ąter flog er los. Als ich aus der Schule kam, standen meine Eltern in der K├╝che und mein Vater hielt meine Mutter in den Armen, die ihr Gesicht verdeckte und ich h├Ârte, wie sie weinte. Sofort ahnte ich, dass etwas mit Manuel war. Mein Vater drehte sich zu mir, beugte sich zu mir herunter und berichtete, was passiert war. Er sprach mit gefasster und ruhiger Stimme als erz├Ąhle er mir etwas v├Âllig Normales und tats├Ąchlich schien mein Leben zun├Ąchst nicht viel anders zu sein.

Meine Eltern schickten mich weiter zur Schule. Sie meinten, es w├Ąre besser f├╝r mich, wenn nicht pl├Âtzlich alles anders war. In der Schule wussten es bald alle. Viele sagten mir, dass es ihnen Leid tue. Komischerweise war ich gar nicht traurig. Es f├╝hlte sich nur seltsam an, dass pl├Âtzlich ich im Mittelpunkt stand.

Aber als ich an dem Tag, an dem Manuel h├Ątte zur├╝ckkommen sollen, auf dem staubigen Bolzplatz herumkickte, mir die Sonne auf meine Haut brannte, ich mich umsah und weit und breit niemanden sah, da wurde mir ganz pl├Âtzlich klar, dass Manuel nicht wieder kommen und ich nie wieder mit ihm spielen w├╝rde. Eine eisige K├Ąlte ├╝berkam mich in diesem Moment und eine gro├če Traurigkeit ergriff mich. Ich musste weinen und rannte nach Hause.

ÔÇ×Komm doch zur├╝ck, Manuel! Ich habe es doch nicht so gemeint, ich war nur so b├Âse auf dich, weil du besser bist. Aber jetzt darfst du auch wieder gewinnen. Du musst zur├╝ckkommen, von wem soll ich mir denn sonst die Tricks abgucken?ÔÇť, fl├╝sterte ich unter Tr├Ąnen, als ich in meinem Zimmer vor einem gemeinsamen Bild von uns beiden stand. Fast f├╝hlte ich mich schuldig ob der schlechten Gedanken, die ich manchmal gehabt hatte.

Zu meiner Traurigkeit kam bald eine gro├če Wut, weil ich nicht verstand, warum es so sein musste. Was sollte es f├╝r einen Sinn machen, dass Manuel nicht mehr da war? Er wollte doch ein gro├čer Fu├čballspieler werden. Die Sinnlosigkeit machte meine Traurigkeit noch schlimmer.
Mein Vater kam um mich zu tr├Âsten. Er nahm mich in seine Arme und dr├╝ckte mich. Ich befreite mich wieder und sah ihn an.
ÔÇ×Warum ausgerechnet Manuel?ÔÇť fragte ich ihn.
ÔÇ×Manuel war doch ein guter Spieler, oder?ÔÇť, fragte er mich und ich nickte.
ÔÇ×Dort, wo er jetzt ist, kann er den ganzen Tag spielen und trainieren und wird immer besser. Die haben ihn nur geholt, weil er so gut ist. Er wird jetzt eben an einem anderen Ort gebraucht!ÔÇť, sagte er.

Der Gedanke, dass Manuel an einem Ort war, wo er weiterspielen konnte, beruhigte mich. Irgendwann glaubte ich so fest daran, dass ich mich f├╝r ihn freute.
ÔÇ×Also gut, Manuel, dann lass und weiter spielen. Ich hier unten und du dort oben. Irgendwann spielen wir wieder zusammenÔÇť, fl├╝sterte ich sp├Ąter, als ich wieder vor unserem gemeinsamen Bild stand.

Version vom 07. 04. 2014 18:56

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