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Leselupe.de > Kurzgeschichten
Automatenauge
Eingestellt am 20. 07. 2013 18:36


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DocSchneider
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Automatenauge ging jeden Tag in die Kneipe. Er hatte seinen festen Rhythmus. In der Fr√ľh stand er auf, wusch und rasierte sich, trank Kaffee und las die Zeitung vom Vortag, die sein Nachbar ihm gro√üz√ľgig √ľberlie√ü. Anschlie√üend sah er eine Stunde lang Fr√ľhst√ľcksfernsehen. Das war viel besser als das Testbild, das es fr√ľher gegeben hatte und gegen 10 Uhr machte er sich auf den Weg in die Kneipe.
Wenn er dort ankam, stellte ihm der Wirt, der einfach nur Wirt genannt wurde und √ľber keinen richtigen Namen zu verf√ľgen schien, wortlos ein Herrengedeck hin. Automatenauge trank zuerst den Schnaps, immer zuerst, denn er diente zum Aufschlie√üen des Magens. Dann leerte er bed√§chtiger das Bierglas und z√ľndete sich eine Zigarette an. In dieser Kneipe umging man das Rauchverbot, indem der wortlose Wirt das Rauchen nur zu den Kernessenszeiten¬†unterband.¬†Das bedeutete: Zwischen 12 und 14 Uhr und 18 und 20 Uhr durfte nicht geraucht werden.¬†Sonst ja.¬†Irgendjemand hatte den wortlosen Wirt zwar mal beim Ordnungsamt angeschw√§rzt, aber es war nichts dabei herausgekommen.
Automatenauge hatte sowieso kein Problem mit diesen Kernessenszeiten, da war er nie da, denn er a√ü grunds√§tzlich nichts in der Kneipe. Das war ihm zu teuer, das konnte er sich einfach nicht leisten, nicht mit seiner schmalen Rente. Nein, er trank sein Bier, rauchte seine Zigaretten und begann, als die anderen Stammg√§ste eintrudelten, mit dem Spiel am Automaten. Das war seine bevorzugte Leidenschaft. Sehr selten gewann er etwas von seinem Einsatz zur√ľck. Aber das war nicht wichtig. Wichtig war, dass er sein Spiel und das¬†Bier hatte und stumm den immerw√§hrenden, immer gleichen Gespr√§chen an der Theke lauschen konnte.¬†Ebenso wie der wortlose Wirt, der diese schon kaum mehr wahrnahm.
Kurz vor 12 Uhr machte sich Automatenauge auf den Heimweg, Zu Hause erwartete ihn sein karges Mahl, das er sich aufwärmte, dann schlief er und nach einem starken Kaffee suchte er erneut die Kneipe auf. Wortlos stellte der Wirt ihm wieder ein Herrengedeck hin, wie immer behielt Automatenauge anschließend die Automaten im Blick und bevor die ersten Essensgäste auftauchten, verließ er die Kneipe wieder, um den Abend zu Hause vor dem Fernseher zu verbringen.
Eines Tages blieb sein Platz in der Kneipe leer. Er kam nicht, nicht an diesem Tag, nicht am n√§chsten und √ľbern√§chsten. Irgendwann brach der Wirt sein Schweigen und fragte die anderen Stammg√§ste, ob sie etwas √ľber das Schicksal von Automatenauge w√ľssten. Sie zuckten die Achseln. Nein, w√ľssten sie nicht. Der habe ja nie richtig gesprochen, nur immer seine Automaten im Auge gehabt. Sie kannten noch nicht einmal seinen Namen.
Der Wirt wandte sich wieder seinem Zapfhahn zu. Ein Gast weniger. Was soll's. Das Leben ging weiter.

Version vom 20. 07. 2013 18:36
Version vom 11. 01. 2014 16:46

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Val Sidal
???
Registriert: Jan 2013

Werke: 41
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DocSchneider,

bin sprachlos. Der eigentliche Protagonist der Geschichte ist der Erz√§hler: eine Video√ľberwachung mit drei Kameras, mit festen Verankerungen und ohne Zoom: Automatenaugen.

Wenn wir die Aufnahme abspulen, sehen wir schwarz/weiß, was dort jeder sehen kann:

Kamera 1:

quote:
Automatenauge ging jeden Tag in die Kneipe. (...) und gegen 10 Uhr machte er sich auf den Weg in die Kneipe.
Kamera 2:
quote:
Wenn er dort ankam, stellte ihm der Wirt, der einfach nur Wirt genannt wurde und √ľber keinen richtigen Namen zu verf√ľgen schien, wortlos ein Herrengedeck hin. (...)
Kamera 3:
quote:
Nein, er trank sein Bier, rauchte seine Zigaretten und begann, als die anderen Stammgäste eintrudelten, mit dem Spiel am Automaten.
Kamera 2:
quote:
Kurz vor 12 Uhr machte sich Automatenauge auf den Heimweg, ...
Kamera 1:
quote:
Zu Hause erwartete ihn sein karges Mahl, das er sich aufwärmte, ...
Kamera 2:
quote:
Wortlos stellte der Wirt ihm wieder ein Herrengedeck hin(...).
Kamera 3:
quote:
Eines Tages blieb sein Platz in der Kneipe leer. Er kam nicht, nicht an diesem Tag, nicht am n√§chsten und √ľbern√§chsten.


Der Konflikt:
quote:
Das war seine bevorzugte Leidenschaft. Deshalb hie√ü er ja auch Automatenauge, weil er immer ein Auge auf den Automaten hatte. Sehr selten gewann er etwas von seinem Einsatz zur√ľck. Aber das war nicht wichtig. Wichtig war, dass er sein Spiel und das Bier hatte

... einfacher formuliert: Automatenauge verraucht, verspielt und vers√§uft seine ‚Äěschmale Rente‚Äú ‚Äď das ist nicht gut!

Der Schluss √ľberrascht :
quote:
Irgendwann brach der Wirt sein Schweigen ...
mit der subtilen Sozialkritik:
quote:
Sie zuckten die Achseln. Nein, w√ľssten sie nicht. Der habe ja nie richtig gesprochen, nur immer seine Automaten im Auge gehabt. Sie kannten noch nicht einmal seinen Namen.
und l√§sst offen, ob die Wirtschaft den fehlenden Umsatz verkraftet ‚Äď l√§sst aber den Wirt hoffen:
quote:
Der Wirt wandte sich wieder seinem Zapfhahn zu. Ein Gast weniger. Was soll's. Das Leben ging weiter.

Eine erstaunliche Geschichte ‚Äď mit Automatenaugen beobachtet und von der Festplatte eines automatischen Video√ľberwachungssystems abgeschrieben.

__________________
valS
____________________________________
© Meine Werke und Kommentare sind mein Eigentum. Diebe werden verflucht.

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Ironbiber
Foren-Redakteur
Fast-Bestseller-Autor

Registriert: Jul 2011

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Hat was ...

Diese Geschichte hat mich seltsam angesprochen und gleichzeitig bedr√ľckt. Die letzten Jahre eines Menschen m√ľnden in stereotypen Zwangshandlungen, die mit Alkohol und sinnloser Hoffnung auf ein wenig Gl√ľck am Spielautomaten in einer trostlosen Umgebung ertr√§glich gemacht werden.

Du hast die Szenen in einem kurzen Plot einfach gut eingefangen, scharf beobachtet und mitleidlos niedergeschrieben.

Mein Kompliment … Ironbiber

__________________

"Der liebe Gott h√§tte l√§ngst wieder eine Sintflut geschickt, wenn die erste was gen√ľtzt h√§tte." (Willy Reichert)

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USch
Guest
Registriert: Not Yet

Hallo Doc,
super mit minimalistischen Sätzen auf den Punkt gebracht, diese deprimierende Situation des Prot. In Las Vegas findet man sehr viele alte Frauen, die so ihre ganzen Tage vor einarmigen Banditen verbringen.

Hallo Val,
deine Kamerabetrachtungsweise finde ich ausgesprochen interessant und passend zum Text, auch wenn Doc das vielleicht nicht so gesehen hat.
LG USch

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Arno Abendschön
Häufig gelesener Autor
Registriert: Aug 2010

Werke: 289
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Lebenswahr

Exakt so viel kann von au√üen beobachtet oder leicht erschlossen werden. Die genauen Umst√§nde des Verschwindens geh√∂ren aus der Kneipenperspektive nicht dazu. Gerade diesen Verzicht auf einen abschlie√üenden katastrophalen H√∂hepunkt finde ich hier √ľberzeugend. Wenn ich mir ausmale, auf welche Effekte, so grell wie unwahrscheinlich, manch anderer Kurzgeschichtenschreiber hier verfallen w√§re ... Es ist dieses zwanghafte Aufpeppen, das mich sonst oft st√∂rt.

Arno Abendschön

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sonah
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Registriert: Mar 2013

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Kommentare: 104
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Allein schon den Typ "Automatenauge" zu nennen gibt der Geschichte schon ganz viel. Es hat so etwas distanziert beschreibendes und haucht der Figur gleichzeitig Leben ein. Man kann sich gut die Atmosph√§re in der Kneipe vorstellen, schmunzelt m√∂glicherweise etwas √ľber die Absurdit√§t, dass er sich kein Essen in der Kneipe leisten kann, aber dort sein Geld verdaddelt. Ohne den moralischen Zeigefinger zu erheben oder die Gesellschaft anzuklagen, einfach eine gut gelungene Momentaufnahme. Auf seine trockene Art macht das Ende betroffen ohne dass es ins R√ľhrselige abgleitet. Ein Text, der mir sehr gefallen hat.

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