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Leselupe.de > Tagebuch - Diary
Autozulassung in Kolumbien
Eingestellt am 03. 06. 2009 13:32


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Retep
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Autozulassung in Kolumbien



1970 begann ich in Kolumbien als Lehrer zu arbeiten. Meine Aufgabe hier war, eine Deutsche Schule aufzubauen. Ich durfte einen PKW einfĂŒhren, musste ihn aber nach Beendigung meiner Dienstzeit wieder ausfĂŒhren. Die Deutsche Botschaft in BogotĂĄ ĂŒbersandte mir eine BĂŒrgschaftserklĂ€rung, in der sie garantierte, dass das Fahrzeug zu gegebener Zeit wieder ausgefĂŒhrt wĂŒrde. Ich sollte damit auf das Zollamt in MedellĂ­n gehen und wĂŒrde dort halbdiplomatische Nummernschilder erhalten.

Auf dem Weg zum Zollamt machte ich mir Gedanken, wie ich mit meinem kĂŒmmerlichen Spanisch den Beamten mein Anliegen erklĂ€ren könnte.

11.00 Uhr war es, die Sonne schien, als ich ins Zollamt eintrat, ins Zimmer 13 mĂŒsse ich gehen, wie mir der Portier erklĂ€rte. Ich war stolz, dass ich seine Anweisung verstanden hatte.
Ich klopfte an die ZimmertĂŒr, worauf zunĂ€chst einmal nichts geschah, wiederholte mein Klopfen etwas stĂ€rker, niemand bat mich herein. Vielleicht machten die Beamten gerade Mittag.
Ich öffnete schließlich die TĂŒr und trat ein und sah drei MĂ€nner. Nahe der TĂŒr stand ein Schreibtisch, an dem ein Namensschild „Jaime Ramirez“ angebracht war. Der Tisch war mit irgendwelchen Akten und Papieren ĂŒberhĂ€uft, eine Zigarette lag in einem fast vollen Aschenbecher und qualmte. Herr Ramirez lag zurĂŒckgelehnt auf einem Stuhl und schlief.
Die beiden anderen Beamten befanden sich in einer Ă€hnlichen Lage. Der, der ganz hinten im BĂŒro arbeiten sollte, lag auf dem Schreibtisch, Papiere und Akten lagen auf dem Fußboden.
Alle schliefen.
Vielleicht hatte ich einen ungĂŒnstigen Zeitpunkt fĂŒr mein Anliegen gewĂ€hlt, sollte vielleicht ein anderes Mal wieder kommen. Die Beamten könnten sonst eventuell unwirsch reagieren, wenn sie plötzlich aufgeweckt wĂŒrden.
Ich machte mich also auf den RĂŒckweg, wollte gerade das BĂŒro verlassen, als das Telefon auf dem Schreibtisch von Herrn Ramirez ohrenbetĂ€ubend zu schrillen anfing. Die LautstĂ€rke war wohl auf die ArbeitsumstĂ€nde eingestellt worden.
Herr Ramirez schreckte auf, hob den Telefonhörer ab, nahm stramme Haltung an. Über was gesprochen wurde, konnte ich nicht verstehen, aus seiner Haltung schloss ich, dass ihn ein Vorgesetzter angerufen hatte.
Nachdem Herr Ramirez sein GesprÀch beendet hatte, legte er den Hörer wieder auf und blickte mich nachdenklich an. Ich hatte mich wieder seinem Schreibtisch genÀhert.
Ich versuchte ihm meine Papiere zu ĂŒberreichen. Er reagierte zunĂ€chst nicht, schaute auf seine Armbanduhr und murmelte etwas vor sich hin.
Dann streckte er doch die Hand aus, nahm meine Papiere in die Hand und las das Schreiben der Botschaft lÀngere Zeit. Ich dachte schon, er sei wieder eingeschlafen, als er plötzlich aufsprang, fluchte und mit meinen Papieren herumschlug und das Feuer zu löschen versuchte, dass durch die liegen gelassene Zigarette auf dem Schreibtisch ausgebrochen war.
Das gelang ihm denn auch, meine Papiere waren nur ganz wenig angesengt.
Er setzte sich wieder auf seinen Stuhl, betrachtete meine Papiere, als wenn er sie zum ersten Mal in seinem Leben gesehen hÀtte, schaute mich dann an, blickte nach oben, als ob er auf eine göttliche Erleuchtung warte.
SelbstverstĂ€ndlich wĂŒrde man hier AuslĂ€ndern gerne behilflich sein. Alles wĂŒrde aber seine Zeit dauern bei der ArbeitsĂŒberlastung, die in diesem Lande bei schlechter Bezahlung herrsche. Er zeigte auf seinen ĂŒberquellenden Schreibtisch, der jetzt allerdings durch den Brand etwas leerer geworden war, zeigte auf seine Mitarbeiter, die ebenfalls aufopferungsvoll arbeiteten, wie er sagte. Sie schliefen immer noch.
Ich möge bitte in 2, nein, besser in 6 Wochen wieder kommen, dann habe man alles zu meiner vollsten Zufriedenheit geregelt.


Nach 6 Wochen betrat ich wieder das BĂŒro Nummer 13, gegen 9.oo Uhr, wollte ich doch nicht auf völlig ĂŒberarbeitete Beamte treffen.
Inzwischen war ich in Kolumbien mit deutschen Zollnummern herumgefahren, was niemanden gestört hatte.
Es war fast alles wie beim letzten Mal, auf mein Klopfen reagierte niemand. Alle schliefen wieder, der einzige Unterschied war, dass der Mann im Hintergrund jetzt unter dem Tisch lag. Auf dem Schreibtisch von Ramirez qualmte auch keine Zigarette.
Ich hĂŒstelte zunĂ€chst leise vor mich hin, dann wurde mein Husten immer lauter, es hörte sich zuletzt wie ein Erstickungsanfall an.
Ramirez und auch die anderen rĂŒhrten sich nicht, hatten wohl vergangene Nacht durchgearbeitet.
Schließlich wusste ich mir nicht mehr anders zu helfen, ich trat gegen den Schreibtisch von Ramirez.
Er fuhr hoch, schaute mich sprachlos an, fragte mich dann nicht sehr freundlich, was ich hier eigentlich wolle, wie ich dazu kÀme, seine kostbare Arbeitszeit zu unterbrechen.
Mein Spanisch war immer noch nicht viel besser geworden, ich versuchte ihm zu erklĂ€ren, dass ich ihm vor 6 Wochen alle notwendigen Papiere fĂŒr die Zulassung meines Autos ĂŒbergeben hĂ€tte, dass er mir versprochen habe, diese Angelegenheit zu regeln.
Nachdenklich strich er sich durch sein zerzaustes Haar, blickte auch wieder nach oben wie beim letzten Mal, schĂŒttelte den Kopf und sagte, er habe mich noch nie in seinem Leben gesehen.Ich mĂŒsse mich irren, vielleicht sei ich in einem anderen BĂŒro gewesen.
Ob ich irgendetwas Schriftliches von ihm vorweisen könne, was ich natĂŒrlich nicht konnte.
Es sei hier ĂŒblich, dass man eine EmpfangsbestĂ€tigung erhalte, sagte er.
Dann stand er mĂŒhsam auf, weckte seine beiden Mitarbeiter mit leichten Schwierigkeiten. Auch diese bestĂ€tigten, mich noch nie gesehen zu haben, was der Wahrheit entsprach, hatten sie doch beim letzten Mal geschlafen.
Ich solle mich an die deutsche Botschaft in BogotĂĄ wenden, wĂŒrde von ihnen eine BĂŒrgschaftserklĂ€rung erhalten, solle dann wieder kommen. Alles könne dann geregelt werden.

Ich erhielt dann auch von der Botschaft eine neue BĂŒrgschaftserklĂ€rung und ein Anschreiben an das Zollamt, wurde daraufhingewiesen, dass ich mir auf jeden Fall eine EmpfangsbestĂ€tigung ausstellen lassen mĂŒsse.
Dieses Mal ging ich erst gegen 17.00 Uhr auf das Zollamt, Kolumbianer hatten mir erklĂ€rt, dass dies ein gĂŒnstiger Zeitpunkt sei, da die Beamten dann wohl etwas erholt seien, sich ausgeschlafen hĂ€tten.
Niemand schlief, Herr Ramirez gab mir eine EmpfangsbestĂ€tigung, in 6 Wochen solle ich wieder kommen, man wĂŒrde mir dann sogar die Nummernschilder anschrauben.

Als ich dann nach 6 Wochen wieder kam, schlief niemand, es wurde wirklich gearbeitet, auch auf mein Anklopfen war nach mehreren Versuchen reagiert worden, nur Herr Ramirez war nicht mehr da.
Ich zeigte einem anderen Beamten meine EmpfangsbestÀtigung mit der Unterschrift von Herrn Ramirez. Unruhe entstand, auch der Mann aus dem Hintergrund kam herbei.
Beide Beamten schĂŒttelten ihre Köpfe, redeten leise miteinander, schauten mich an, als wenn sie einen Wahnsinnigen vor sich hĂ€tten.
Ein Ramirez habe hier noch nie gearbeitet, sie wÀren immer nur zu Zweit hier gewesen, ein Irrtum sei ausgeschlossen, wÀren sie doch schon mehrere Jahre hier.
Ich zeigte auf den Schreibtisch, an dem noch das Namensschild „Ramirez“ war, auch Brandspuren waren noch auf der Tischplatte.
Beide Beamten brachen in ein RiesengelĂ€chter aus, schlugen sich gegenseitig auf die Schultern und meinten, dass dies ein alter Schreibtisch sei, den sie von irgendwoher erhalten hĂ€tten, ein dritter Beamter solle demnĂ€chst wegen ihrer ArbeitsĂŒberlastung eingestellt werden, das wĂŒrde aber sicherlich noch dauern.
Man wĂŒrde mir aber meinen Irrtum nicht ĂŒbel nehmen, sei ich doch AuslĂ€nder, sprĂ€che wenig die christliche Landessprache, ich mĂŒsse irgendwo anders gewesen sein. Auch die Unterschrift auf der vorgezeigten EmpfangsbestĂ€tigung könne man kaum entziffern.
Ich mĂŒsse eine BĂŒrgschaftserklĂ€rung so schnell wie möglich beibringen.

Nach einigen Wochen erhielt ich dann auch von der Botschaft neue Unterlagen, ein Anschreiben vom Generalzollamt in BogotĂĄ war beigefĂŒgt mit der Anweisung an den Zoll in MedellĂ­n, nun endlich die Zulassung auszufĂŒhren.
Ich gab alle Papiere ab, Herr Ramirez war immer noch nicht da, ein anderer Mann saß an seinem Schreibtisch, nahm die Papiere in Empfang und bestĂ€tigte ihn.

6 Wochen spÀter erhielt ich dann meine neuen amtlichen Nummern. Anschrauben musste ich sie mir selber.
Fast ein Jahr war vergangen.

__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

Version vom 03. 06. 2009 13:32

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hallo @retep

also deine Geschichte finde ich Klasse geschrieben. Ich frag mich grad, ob dir das wirklich mal passiert ist. Das die Behörden in manchen LÀndern eine etwas seltsame Berufsauffassung zu Tage legen, ist uns wohl allen bekannt.

Hm. Da es unter Tagebuch eingestellt ist, kann man sagen, so ist es einfach passiert und nicht anders. Denn es ist mir schon etwas unklar, was mit diesen Rodrigez geschehen ist. Ich bin zu der Annahme gekommen, dass man ihn wegen seiner schlampigen Berufsauffassung (vielleicht durch Beschwerden der Botschaft) gefeuert hatte, und dass es den beiden anderen Beamten einfach nur peinlich war, und sie daher die Existenz und alles andere abstritten. Oder irre ich mich und hab da irgendwo etwas ĂŒberlesen oder die ZusammenhĂ€nge nicht richtig gedeutet?

Eines hat mich stutzig gemacht. Das Feuer auf dem Tisch hat Rodrigez erst nach lĂ€ngerer Zeit (da er ja in dem Schreiben vertieft war) bemerkt und gelöscht, aber du warst ihm ja unmittelbar gegenĂŒber und hĂ€ttest es ja sofot erkannt, dass es zu brennen anfing, und natĂŒrlicherweise hĂ€ttest du ihn darauf aufmerksam machen mĂŒssen, denn das konnte dir nicht entgehen und bei Feuer wird immer schnell reagiert, oder ein Schrei abgelassen.---solltest du vielleicht ein bisschen Ă€ndern.

zwei Vertipper hab ich gesehn:

quote:
Schreibtisch, an dem ein Namensschild „Jaime Jamirez“ angebracht war. Der Tisch war mit irgendwelchen Akten und Papieren ĂŒberhĂ€uft, eine Zigarette lag in einem fast vollen Aschenbecher und qualmte. Herr Ramirez lag zurĂŒckgelehnt auf einem Stuhl und schlief.
quote:
Vielleicht hatte ich einen ungĂŒnstigen Zeitpunkt fĂŒr mein Anliegen gewĂ€hlte

und ein Wort finde ich nicht gerade passend:
quote:
Ich öffnete schließlich die TĂŒr und trat ein und bemerkte drei MĂ€nner.

liebe grĂŒĂŸe gernot


__________________
der Sibirier

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Gernot Jennerwein
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oje, nochmals ich
konnte nicht mehr editieren. der Name hat mich draußgebracht, und hab rodrigez geschrieben. meinte ramirez.
entschuldigung
gruß gernot
__________________
der Sibirier

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Retep
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Ja, lieber Gernot, die Geschichte ist wirklich passiert.
Unglaubliche Geschichten habe ich in den fĂŒnf Jahren erlebt, die ich in diesem wunderschönen Land gelebt habe.

Die Fehler habe ich berichtigt.
Das Feuer hat nicht lÀngere Zeit gebrannt, bevor es gelöscht wurde, der Typ hat lÀngere Zeit in meine Papiere geschaut.(vorher)

Danke fĂŒr deinen Kommentar.

Gruß

Retep
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>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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Retep
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Hallo suzah,

es war nicht "nachtschlafende Zeit", es war 9.00 Uhr morgens.

Du fragst, wie ich bei meinen kĂŒmmerlichen Kenntnissen der spanischen Sprache zu der Aufgabe kam, eine Schule aufzubauen.
Auch das war seltsam. Ich dachte natĂŒrlich, man hĂ€tte mich fĂŒr diese Aufgabe aus gewĂ€hlt wegen meiner ĂŒberragenden FĂ€higkeiten!!!
Nach zwei Jahren kam dann ein Mensch vom AuswÀrtigen Amt und fragte mich, wann wir denn den Versuch, eine Schule aufzubauen, abrechen könnten.
Da wurde mir klar, dass man mich geschickt hatte, damit das Projekt möglichst bald scheiterte.
(Ein Minister hatte einer sehr einflussreichen Frau zugesagt, dass man versuchen werde, eine Deutsche Schule aufzubauen. Das erfuhr ich spÀter)
Die Schule funktioniert noch heute, die Arbeit da war fĂŒr mich sehr interessant, ich habe viel dabei gelernt.

Wo Ramirez geblieben ist, habe ich nie erfahren, hat mich, ehrlich gesagt, auch nicht interessiert. Ich vermute, dass er nicht entlassen wurde. Mit den zwei "verlorenen" BĂŒrgschaftserklĂ€rungen hat er sicherlich ein gutes GeschĂ€ft gemacht!
Gruß

Peter


__________________
>Die Kritiker nehmen eine Kartoffel, schneiden sie zurecht, bis sie die Form einer Birne haben, dann beißen sie hinein und sagen: „Schmeckt gar nicht wie Birne.“< (Max Frisch)

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