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Leselupe.de > Horror und Psycho
Axt in der Brust
Eingestellt am 22. 08. 2005 16:33


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JuDschey
Festzeitungsschreiber
Registriert: Jun 2005

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Axt in der Brust


Ein kleiner Sonnenstrahl fiel durch ein kieselsteingro├čes Loch in der Jalousie direkt auf Manfreds Nasenspitze. Wie immer seit seinem Rausschmiss bei Langschmidt & S├Âhne schlief er auch an diesem Tag bis in die Puppen wie er zu sagen pflegte.
Vor dem Schlafzimmerfenster im Parterre des Mietshauses in der Droste-H├╝lshoff-Stra├če packten, eine Stunde nach Mittag, drei flei├čige M├Ąnner die Resultate hemmungsloser Baum- und Strauchbeschneidungen in ihren gro├čen M├╝llwagen. Man sah ihnen an, dass sie keine Lust hatten, die meist sperrigen und v├Âllig ├╝berf├╝llten Eimer und Bottiche zu entleeren. Sie lie├čen die Beh├Ąltnisse laut krachend vor den Z├Ąunen und Fenstern der Leute, die ihnen diese unerfreuliche Arbeit aufgehalst hatten, auf den B├╝rgersteig krachen.
"Verflucht noch mal! Was ist denn das f├╝r ein gottverfluchter Krach da drau├čen?", zeterte Manfred und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Drau├čen brummte der schwere Dieselmotor wie ein Dinosaurier vor dem Angriff. "Verfluchte Abf├Ąlle! Verfluchte M├╝llm├Ąnner! Verfluchte Menschen! Verfluchte Welt!", schrie er in sein einsames Schlafzimmer und hopste mit einem Bauch voller Wut aus seinem zerw├╝hlten Bett.
Das an ihn gerichtete "Halts Maul du Arschloch!", das ged├Ąmpft aus der Wohnung ├╝ber ihm kam, bedachte er wie immer mit einem teuflischen Grinsen, das ihm aber ziemlich flott wieder verging. Petra hatte ihm erst vergangenen Sonntag erkl├Ąrt, dass sie lieber mit einem anderen Mann zusammen sein wollte. Und eine Arbeit hatte er auch nicht mehr und wenn f├╝nf Millionen Menschen keine Arbeit hatten, dann sah die Chance f├╝r Manfred verdammt schlecht aus, in der n├Ąchsten Zeit wieder Arbeit zu bekommen.
Michael a├č nichts. Ihm war der Appetit vergangen. Er sch├╝ttete nur den Dreck, der sich ├╝ber Nacht in seinem K├Ârper gebildet hatte, ins Klo und stahl sich aus der erdr├╝ckenden Einsamkeit seiner Wohnung, nachdem er sich einfach die leicht m├╝ffelnden und etwas unsauberen Klamotten von gestern angezogen hatte.
Der Himmel war blau. Die Temperatur m├Ą├čig warm. Er zog sein marineblaues Sweatshirt wieder aus und warf es einfach in den Vorgarten. Er wusste, dass es niemand fortnehmen w├╝rde. Man w├╝rde sein fleckiges Shirt mit den zwei kleinen schwarzen Branntl├Âchern von herabgefallener Zigarettenglut f├╝r Abfall halten. Und Abfall l├Ą├čt man liegen. Das ist das Ressort f├╝r niemanden. Vielleicht f├╝r Hausmeister oder Stra├čenreiniger. Aber eben nicht f├╝r normale Leute. Da war sich Manfred sicher, dass sich niemand drum k├╝mmern w├╝rde. Er w├╝rde es sp├Ąter wieder dort vorfinden und mit rein nehmen. Seine Mutter hatte immer gesagt, seit die ganzen Ausl├Ąnder hier in Deutschland w├Ąren, w├╝rde es von Tag zu Tag dreckiger in unserem einst so sauberen Land. Und niemand w├╝rde sich drum scheren. Ausl├Ąnder schon gar nicht und Deutsche schon lange nicht mehr. Er glaubte ihr, denn er sah ja jeden Tag diesen Dreck, ├╝berall. Selbst Deutsche, Leute wie er selbst, kannten keine Hemmungen mehr, ihren Mist einfach irgendwohin zu werfen. Ein voller Aschenbecher wird einfach aus dem Auto genommen und auf dem B├╝rgersteig entleert. Das erlebte er beinahe t├Ąglich, direkt vor seinem Fenster. Und keiner machte es weg. Niemand hob eine leere Plastikflasche auf dem B├╝rgersteig auf. Niemand b├╝ckte sich nach herumfliegendem Papier. Alle ignorierten die Abf├Ąlle auf den Stra├čen und f├╝gten selber noch etwas dazu, bis irgendwann die Kehrmaschine das Gr├Âbste beseitigte und wieder alles von vorn begann.
Schon bald hatte Manfred seine Stra├če verlassen. Es schauderte ihn, als er an dem Kahlschlag in den G├Ąrten der Eigenheimbesitzer entlang gegangen war. Er dachte: "Die Natur zu beschneiden, das sagt eigentlich schon alles. Da kann man nur jeden Abend flei├čig beten, dass ein Meteorit auf die Erde kracht und diesen Irrsinn Mensch beseitigt. Vielleicht sollte ich mich aber besser einer Terroristengruppe anschlie├čen, damit┬┤s schneller ein Ende nimmt. Ein Meteor ist ja noch gar nicht in Sicht."
Er blickte einem ├╝ber die Stra├če fliegendem Werbeplakat nach, dessen kreiselndes Dahinschweben von einem Maschendrahtzaun auf der anderen Stra├čenseite beendet wurde. Dort fanden ebenfalls Zeitungen, Bonbonpapier, Zigarettenschachteln, Dosen und Plastikfalschen ihr vorl├Ąufiges Ende. Manfred dachte an das letzte Gespr├Ąch mit seiner Mutter. Es war vor zwei Wochen, da hatte sie Geburtstag und er war ihr einziger Gast. "Einen Hitler will niemand. Aber einen kleinen, das w├Ąre nicht schlecht. Ein kleiner Hitler, der w├╝rde aus diesem verdreckten Drecksland wieder was Ordentliches machen", hatte sie gesagt und er hatte genickt.
W├Ąhrend er mechanisch weiterging ├╝berlegte er, dass auch ein gro├čer Hitler sicher kein Fehler w├Ąre. In der Demokratie g├Ąbe es viele Meinungen und einen Haufen B├╝rokratie und keiner h├Ątte Macht und niemand sei f├╝r irgendwas zust├Ąndig und schon gar nicht verantwortlich. Man s├Ąhe ├╝berall, dass die Demokratie an ihrem Ende angelangt w├Ąre.
Die Gesetze und vor allem die Ahndung von Gesetzesbrechern w├Ąren viel zu lasch. Ein Raser sollte ohne viel Federlesen erschossen werden und wer die Schei├če von seinem K├Âter nicht auf der Stelle beseitigt, ebenfalls.
Manfreds Weg f├╝hrte hinaus aus der Stadt. Fort von zivilisierten Menschen, hinaus in die Natur. Sein Unbewusstes hatte ihn diesen Weg gehen lassen und als er am letzten Haus vorbeikam, stellte er fest, dass er instinktiv den richtigen Weg gefunden hatte, obwohl er keine Ahnung davon hatte, was er drau├čen auf dem Land und dem nahegelegenen Wald tun sollte.
Zu seiner Linken graste eine Herde Schafe und spontan erinnerte er sich an den Spruch seiner Mutter: "Schafe zur Linken, dann wird Freude dir winken."
Manfred grinste. "Was f├╝r ein Unsinn", dachte er, "Aberglaube. Ein Bl├Âdsinn wie jeder Glaube ein Schwachsinn ist. Glaube hei├čt nicht wissen. Und was man nicht wei├č, dar├╝ber kann man nichts sagen und auch keine Schl├╝sse draus ziehen und schon gar keine Prophezeiungen davon ableiten. Wie kann man heute noch einem idiotischen Glauben anh├Ąngen. Die Christen, alle die noch religi├Âs sind, die sind doch echt geisteskrank. Ab in die Gaskammer w├╝rde ich sagen. Damit wenigstens dieser Schwachsinn ein Ende hat."
Als er an einem Elektrozaun halt machte, schob sich eine Wolke vor die Sonne. "Na, du Kuh", sagte er und kam sich sofort bescheuert vor, mit einem Rindvieh zu reden, das ihn wiederk├Ąuend und recht dumm anglotzte. "Ist das nicht ├Âde, den ganzen Tag hier auf der Wiese rumstehen, Gras fressen und bl├Âd rumschauen und abends in den Stall gebracht werden, um gemolken zu werden?"
Manfred schaute noch eine Weile zu und als er feststellte, dass die Kuh und ihre Artgenossen offensichtlich keinen Kummer ├╝ber ihr Gef├Ąngnis und die schamlose Ausnutzerei hatten, ging er nachdenklich weiter. H├Ątte er wirklich den Zaun eingerissen, wenn die Kuh traurig gewesen w├Ąre, wenn er in ihren gro├čen schwarzen Augen eine Sehnsucht nach Freiheit entdeckt h├Ątte?
Nach einer Weile kam er in den Wald und er sagte sich, dass er ein verdammtes Gl├╝ck gehabt hatte, weil es nun leicht zu regnen begann. Die Luft war frisch und feucht. Der Boden weich und federnd. "Was f├╝r ein Kontrast zu diesen d├Ąmlichen Stra├čen", dachte er und hatte im selben Augenblick das Gef├╝hl, als w├╝rde ganz entfernt jemand rufen. Er blieb stehen und lauschte. "Hilfe! Hilfe!", kam es leise aus der Richtung in die er gehen wollte. Er war zu neugierig, als sich noch ├╝ber die Abf├Ąlle in Mutter Natur zu ├Ąrgern, die auf dem Weg und im Geb├╝sch schmutzige Bilder des modernen, umweltzerst├Ârenden Lifestyls lieferten.
Manfred ├╝berlegte, ob er nicht lieber umkehren sollte. Schwierigkeiten h├Ątte er wohl genug, da k├Ânnte er jetzt gut drauf verzichten. Aber hier im Wald w├╝rde er kaum nass und das w├Ąre sowieso seine Richtung, meinte er und ging etwas langsamer weiter, den leisen Hilferufen entgegen.
Schon bald wurden sie lauter und eindringlicher. Manfred meinte, es h├Ârte sich an, als w├Ąre dort jemand am verrecken. Eine Frau, daran gab es keinen Zweifel. Vielleicht gesch├Ąndet und schwer verletzt liegen gelassen. Aber was ginge ihn das an?
Es w├Ąre zu sch├Ân, wenn es Petra erwischt h├Ątte, dachte er und stellte sich vor, wie sie da mit zerrissenen und blutbesudelten Klamotten im Dreck liegt. Vergewaltigt und brutal mit dem Messer verletzt. Er war neugierig. Es w├Ąre wirklich zu sch├Ân, wenn es so sein sollte, sinnierte er und ging forsch voran.
Und tats├Ąchlich, es war eine Frau, die dort ├╝ber und ├╝ber voller Blut unter einem Baum im Dreck lag. "Hilfe! Helfen sie mir!", flehte sie. Manfred kam n├Ąher und sah die Axt in ihrer Brust.
"Pech gehabt, was?", fragte er grinsend. Doch die Frau war nicht mehr in der Lage, sich ├╝ber seine dumme Frage zu mokieren. "Krankenwagen. Sie haben doch ein Handy, nicht wahr?", fragte die verst├╝mmelte Frau. Manfred spuckte auf den Boden, als er gerade den abgeschlagenen Arm und das bewegungslose Bein neben der Blutverschmierten sah.
"Da kann man nichts mehr machen", sagte Manfred, "sie sind doch eh gleich verblutet. Was soll ich da noch jemand bem├╝hen. Und au├čerdem: Nachher bin ich noch verd├Ąchtig. Ne, ne. Probleme hab ich schon genug. Au├čerdem w├╝rde ich sowieso niemandem helfen. Menschen sind n├Ąmlich Dreckschweine. Die machen die Welt kaputt, die verdrecken alles, sogar dieses Fleckchen Natur hier und da soll ich helfen, wenn┬┤s einen von diesen Drecks├Ącken erwischt hat? Ne, ne. Das kann niemand von mir erwarten und schon gar nicht verlangen. Da sag ich nur: Tsch├╝ss. Und ein fr├Âhliches Abtreten. Haha."
Er drehte sich um und machte ein paar Schritte in die Richtung aus der er gekommen war. "Du Schwein! Du kannst mich doch hier nicht verbluten lassen! Du Sauhund! Du musst mir helfen! Sonst machst du dich auch strafbar!"
"Ach ja? Wenn du immer so ausfallend, erpresserisch und fordernd bist, kann ich gut verstehen, dass einer ┬┤ne Axt genommen hat. So┬┤n d├Ąmliches Weib wie du hat ja auch nix anderes verdient. Und jetzt leck mich!"
Manfred machte sich davon. Aber er war nachdenklich geworden. Nach drei├čig Metern kehrte er um und nahm sein Handy in die Hand. "Ja. Ja. So ist gut", r├Âchelte die Frau. "Hilf mir! Ruf Hilfe!"
Manfred machte ein erstauntes Gesicht und dann war ihm klar, dass die Frau nicht verstand, was er vorhatte. "Du bl├Âde Kuh! Ich ruf die Bullen an, wenn du abgekratzt bist. Kapierst du┬┤s jetzt endlich. Ich kann doch hier nicht weg ohne die Bullen zu verst├Ąndigen. Nachher sieht mich einer aus dem Wald spazieren und dann bin ich es gewesen, was? Ne, ne. Ich bin doch nicht bl├Âd. Und jetzt stirb endlich, damit ich den Bullen einen Leichenfund melden kann!"
"Du Drecksack", r├Âchelte sie, "du Schwein! Ruf endlich den Notarzt! Ich geb dir einen Haufen Geld, wenn ich durchkomme."
"Menschen, die glauben sie k├Ânnten sich von ihrem Tod freikaufen, finde ich zum Kotzen. Und jetzt mach ┬┤nen Abgang. Bei den Verletzungen kann das Sterben doch nicht so lange dauern. Begreif doch endlich: du bist hier auf der Erde unerw├╝nscht und da werde ich den Teufel tun und deinem Schl├Ąchter einen Strich durch seine Rechnung machen. Niemand haut ohne Grund mit ┬┤ner Axt auf jemanden. Da hab ich doch kein Recht zu, dein Ende zu verhindern. Kapiert?"
Die Frau ├Âffnete noch einmal ihren Mund, um etwas zu sagen, aber es kam nur noch ein leises R├Âcheln heraus. Dann erschlaffte sie, ihre Augen brachen und Manfred z├Ąhlte im Geist bis Hundert, dann z├╝ndete er sich eine Zigarette an und w├Ąhlte den Notruf.

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coxew
???
Registriert: Jun 2005

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axt

hallo,

harter tobak. der beisst sich mit der bewertung "dieses werk ist fl├╝ssig und mit freude zu lesen". der text ist aber tats├Ąchlich sehr gut.

karin

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